Umweltsongs der Achtzigerjahre "Wir waren empört!"

Zornig protestierten Bands in den Achtzigerjahren gegen die Umweltverschmutzung, Lieder wie "Karl der Käfer" wurden zu Hits. Ein Gespräch mit "Karl"-Mitkomponist Dieter Roesberg - und eine Sammlung der schönsten Öko-Songs.

dpa

Ein Interview von und Sonja Kättner-Neumann (Video)


Zur Person
  • Dieter Roesberg, Jahrgang 1954, ist Musiker und Journalist. Der einstige Gänsehaut-Gitarrist und Mitkomponist von "Karl der Käfer" hat Musikwissenschaft und Mathematik studiert. Heute arbeitet Roesberg als Chefredakteur und Herausgeber des Fachmagazins "Gitarre & Bass".

Was haben Schlagersänger Udo Jürgens, Neue-Deutsche-Welle-Star Peter Schilling und Aktionskünstler Joseph Beuys gemeinsam? Nichts! Außer: einer gleichzeitig ausgelebten, massiven Betroffenheit. Mit bebender Stimme empörten sich seit Ende der Siebzigerjahre Künstler und Musiker verschiedenster Provenienz über all das Böse in der Welt.

Sie prangerten Umweltverschmutzung, Tierquälerei und Ausbeutung von Ressourcen ebenso an wie Atomenergie, Wettrüsten und Startbahn West. "Die Grundstimmung war Angst", erinnerte sich BAP-Sänger Wolfgang Niedecken 2011 bei Sandra Maischberger. Und die brachte mitunter gewöhnungsbedürftige, heute kaum noch bekannte Songs hervor. Das herzzerreißende "Robbenmütter haben keine Tränen mehr" des Popsängers Nick etwa. Oder das von der umherhopsenden Kunstkoryphäe Joseph Beuys arg atonal vorgetragene "Sonne statt Reagan".

Doch die allgemeine Empörung kreierte auch manch veritablen Hit. "Karl der Käfer" der Band Gänsehaut zum Beispiel ist bis heute unvergessen: Das traurige Schicksal des Krabbeltierchens, das von heranrollenden Baggern aus seinem Wald verjagt wird, rührte Fans zu Tränen, bis heute ist "Karl" auf rund zwei Millionen Tonträgern vertreten. Sein Mitschöpfer ist der Musiker und Journalist Dieter Roesberg, der den Song gemeinsam mit dem Verfasser des Liedtextes, Gerald Dellmann komponierte. Im einestages-Interview erzählt das einstige Gänsehaut-Bandmitglied von Lachattacken bei Dieter Thomas Heck, Entsetzen bei Grzimeks "Ein Platz für Tiere" - und dem in letzter Minute vereitelten Tod von "Karl".

einestages: Herr Roesberg, wann haben Sie "Karl" das letzte Mal im Radio gehört?

Roesberg: Gerade neulich, beim SWR1. Es ging um Stuttgart 21, da spielt der Juchtenkäfer ja eine wichtige Rolle. Da wird natürlich auch unser Song wieder hochgespült - und verschwindet dann auch ganz schnell wieder in der Versenkung, ebenso wie das ganze Umweltthema. Heute ist alles so schnell, so kurzlebig.

einestages: Und damals? Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet "Karl" zu besingen? Oder "Johanna das Huhn", Opfer der grausamen Käfighaltung? Auf der Gänsehaut-LP "Schmetterlinge gibt's nicht mehr" tummelt sich ja ein halber Zoo an drangsalierten Tierchen: Käfer, Huhn, Robbe, Fisch, Möwe, Hund, Grille, Libelle, Nachtigall…

Roesberg: Das lag damals einfach in der Luft. Die Rodung der Wälder, Verpestung der Meere, Legebatterien: Wir haben das aufgegriffen, was gerade Thema war. Ich erinnere mich noch genau an Grzimeks Sendung "Ein Platz für Tiere", wo ein Film über das brutale Robbenschlachten gezeigt wurde. Wir waren empört: Wie furchtbar, das darf doch nicht wahr sein! Dieses Grundgefühl floss dann in die Songs mit ein.

einestages: Und warum nannten Sie sich Gänsehaut?

Roesberg: Gänsehaut war das, was man bekommen sollte, wenn man unsere Songs hörte. Ursprünglich sollte unsere Band "Die Kölner Stadtmusikanten" heißen, der Tiere wegen. Aber Gänsehaut bietet ja auch den Bezug zum Thema. Also war der Name perfekt.

einestages: 1980 gründeten sich die Grünen ebenso wie die deutsche Greenpeace-Sektion. Allerorten schossen Umweltinitiativen aus dem Boden, entrüstete Musiker griffen zum Mikrofon. Sind die Öko-Songs ein typisch deutsches Phänomen?

Roesberg: Auf jeden Fall. Anders als in der angloamerikanischen Musik waren Themen wie Freundschaft und Liebe hierzulande vom Schlager besetzt. Und der war uns jungen Musikern, die wir mit Blues, Rock und Pop aufgewachsen sind, einfach peinlich. Also suchte man nach anderen Themen. Da lag das aktuelle Zeitgeschehen, die Umweltproblematik nahe.

einestages: Am 30. Mai 1983 traten Sie in der "ZDF-Hitparade" bei Dieter Thomas Heck auf, neben Bands wie Trio, Geier Sturzflug und Markus.

Roesberg: Nino de Angelo nicht zu vergessen! Der schwebte über den Dingen, der war ganz woanders. Die Neue-Deutsche-Welle-Kollegen waren da eher geerdet.

einestages: Fühlten Sie sich damals als Teil der NDW?

Roesberg: Eigentlich nicht. Die wollten doch vor allem lustig sein. Wir von Gänsehaut wollten zwar auch Spaß haben - aber eben nicht nur für die Mülltonne arbeiten.

einestages: Ihre schönste Erinnerung an die "ZDF-Hitparade"?

Roesberg: Besonders gern denke ich an die die Probe vor dem Auftritt zurück. Die Tür ging auf, und die Frau von Dieter Thomas Heck segelte herein. "Ach, was machen Sie doch für schöne Texte über Tiere, das ist ja soo bewegend!", rief sie uns zu und stand da - in ihrem schicken Pelzmantel: So richtig hatte sie dann wohl doch nicht hingehört. Wir haben uns krankgelacht.

einestages: Warum schlug gerade "Karl der Käfer" so ein?

Roesberg: Wir waren selbst überrascht, eigentlich war unser Favorit immer "Schmetterlinge gibt's nicht mehr". Ich denke, die Leute hatten einfach Mitleid mit dem armen Insekt. Dabei hat "Karl" ja noch Glück gehabt.

einestages: Glück gehabt? Von wegen. "Man hatte ihn einfach fortgejagt"!

Roesberg: In unserer Ursprungsversion wäre es ihm richtig an den Kragen gegangen. Dort hieß es: "Karl der Käfer wollte in die Stadt, da kam ein Auto und machte ihn platt". Aber unser Produzent meinte: "Das ist zu hart, das könnt ihr nicht machen." Also wurde er nur aus dem Wald vertrieben.

einestages: War Ihnen der "Karl" eigentlich nie peinlich?

Roesberg: Nein, das ist er bis heute nicht. Ich bin stolz darauf, etwas geschaffen zu haben, was den ersten Erfolg überdauert hat.

einestages: Und was ist mit der heute leicht pastoral anmutenden Öko-Entrüstung, die bei "Karl" durchscheint? Kam da nie Häme auf?

Roesberg: Spätestens als sich der kommerzielle Erfolg einstellte, verstummten auch unsere letzten Kritiker. Natürlich wurden und werden schon mal Witze drüber gemacht: "Na, wurdest du auch nicht gefragt?" und dergleichen. Aber das kommt dann eher lustig als hämisch rüber. Der Song besitzt eine nachhaltige Wirkung: "Karl" war nicht nur eine Eintagsfliege.


In einer früheren Fassung hieß es, Dieter Roesberg sei der Schöpfer des Songs "Karl der Käfer" der Band Gänsehaut gewesen. Richtig ist: Roesberg hat das Stück zwar mitkomponiert. Ebenfalls Komponist, Verfasser des Liedtextes und Markeninhaber ist jedoch der damalige "Gänsehaut"-Keyboarder Gerald Dellmann.



insgesamt 24 Beiträge
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Till Neumann, 27.05.2015
1. Ein Herz für Tiere...
...ist eine Monatszeitschrift, die einst von Fakten-Fakten-Markwort gegründet wurde. Die erwähnte Grzimek-Fernsehsendung hieß "Ein Platz für Tiere".
Bernhard Claushues, 27.05.2015
2.
2 weitere Songs aus den frühen 80ern sind mir vor allem in Erinnerung geblieben: Die düstere Endzeitballade "Sodom und Gomorrha" von Acapulco Gold und natürlich auch "Wir wollen leben" von Grobschnitt.
Peter Quintern, 27.05.2015
3. Protest auch international
Protestsongs waren durchaus international und erfolgreich, auch in den End-Siebzigern und beginnenden Achtzigern. Ich erinnere an "Don't kill the whale" von Yes oder an das Album "The Wall" von Pink Floyd. Große Erfolge die das Abschlachten von Walen und Bildungs- bzw. Erziehungsmethoden anprangern. "Karl der Käfer" ist dazu ein niedlicher deutscher Beitrag der Grünen-Aufbruchstimmung der bis heute im Ohr ist.
Rainer Kiefer, 27.05.2015
4. Der Schlagersong der Generation
Karl der Käfer war als verkitschte musikalische Karikatur eines Protestsongs eher so eine Art Betroffenheits Schlager. BAP oder Wecker wären not amused mit so einer Musik in einen Topf geworfen zu werden.
Klaus P. Hommens, 27.05.2015
5. Karl-Song
Ihr hättet ja auch einen Hyperlink zum Song setzen können; so muss man sich in youtube bemühen..
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