Historische Antarktisfotos Bilder aus der Eishölle

Zwei Schiffe gingen verloren, zehn seiner Helfer kämpften zwei Jahre lang ums Überleben: 1914 geriet eine Antarktis-Expedition des Polarforschers Ernest Shackleton völlig außer Kontrolle. Ein Jahrhundert später wurden Fotos der Horrormission im ewigen Eis entdeckt.

Antarctic Heritage Trust/nzaht.org

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"Ich wünschte, Du könntest mich jetzt sehen", schrieb Arnold Spencer-Smith Ende 1914 an seine Mutter. "Dann würdest Du Dir auch keine Sorgen machen: Ich bin außergewöhnlich gesund & glücklich."

Es war sein letzter Brief. Kurz danach machte sich der Priester an Bord des Expeditionsschiffes "Aurora" auf den Weg in die Antarktis. Er sollte eine gewagte Mission des weltberühmten Polarforschers Ernest Shackleton unterstützen, der als erster Mensch die Antarktis durchqueren wollte. Eine Expedition, die in einer Katastrophe endete.

Von dieser dramatisch gescheiterten Mission zeugen Fotos, die hundert Jahre später neuseeländische Konservatoren des "Antarctic Heritage Trust" (AHT) entdecken: In der Dunkelkammer von Scott's Hut, jener ehemaligen Operationsbasis des Polarforschers Robert Falcon Scott, finden sie einen alten Karteikasten mit 22 unbekannten Negativen. Historische Dokumente, ein Jahrhundert alt, vereist zu einem Klumpen.

Historische Dokumente, zu einem Klumpen vereist

"Ein phantastischer Fund", sagt Nigel Watson, Direktor des AHT, SPIEGEL ONLINE. Die Negative hätten nur überleben können, "weil sie in der kältesten Dunkelkammer der Welt lagerten". Ein neuseeländischer Fotospezialist erwärmte Ende 2013 den wertvollen Klumpen, trennte die Negative voneinander und glättete und säuberte sie vorsichtig. Das Ergebnis war eine Überraschung.

"Wir hatten erwartet, Glasplatten-Negative von Herbert Ponting, dem Fotografen der Scott-Expedition von 1910-1913 zu finden", sagt Watson. Jetzt hielt er Negative aus Zelluloid in der Hand - und sah Fotos von einer ganz anderen Expedition. Da ist etwa der Wissenschaftler Alexander Stevens an Bord der "Aurora", mit Fünftagebart blickt er grimmig in die Kamera, die Hände resolut in die Hüften gestemmt, im Hintergrund ein massiver Eisberg. Auf einem anderen Bild posiert er ebenso entschlossen vor großen Boxen mit der Aufschrift "Sir Ernest Shackleton's Antarctic Expedition Shell Benzine".

Es sind seltene Aufnahmen eines vergessenen Teils der Shackleton-Mission, der später jahrzehntelang von der Forschung vernachlässigt werden sollte. Sie dokumentieren den ersten, wohl noch hoffnungsvollen Blick der Mannschaft auf eine Gegend, in der sie zwei Jahre lang gefangen sein sollten, bald ohne jede Hoffnung auf Rettung. Gemacht hat die Bilder womöglich jener Arnold Spencer-Smith, der zum ersten Opfer der Mission werden sollte - zumindest gehörte das Fotografieren zu seinen offiziellen Aufgaben.

Von Beginn an hatte Shackletons Expedition nur ein Ziel: Rekorde aufstellen, seinen Ruhm mehren. Dem ordnete der Ire in einer aberwitzigen Planung alles unter; wissenschaftliche Experimente dienten eher als Feigenblatt, um den 2900 Kilometer langen Gewaltmarsch zu rechtfertigen. Shackleton splittete seine Mannschaft dafür in zwei Gruppen auf: Er selbst fuhr mit der "Endurance" über Südamerika in das Weddell-Meer am Rande der Antarktis. Von dort aus wollte er mit fünf Männern seine Durchquerung beginnen. Gleichzeitig fuhr eine zweite Gruppe mit der "Aurora" von Australien zum Rossmeer auf der anderen Seite der Antarktis. Von hier aus sollte die Gruppe an vereinbarten Stellen Verpflegungsdepots für Shackletons Gruppe anlegen.

Nichts davon klappte. Die "Endurance" wurde schon im Frühjahr 1915 vom Packeis eingeschlossen und Monate später von den Eismassen zerdrückt. An eine Durchquerung war nicht mehr zu denken. Shackleton schlug sich mit einem Teil der Mannschaft auf abenteuerliche Weise in einem winzigen Rettungsboot bis zur 1200 Kilometer entfernten Inselgruppe Südgeorgien durch und organisierte von dort aus erfolgreich die Rettung aller Zurückgebliebenen. Doch er ahnte nicht, dass sich auf der anderen Seite der Antarktis gleichzeitig ein noch schlimmeres Drama abspielte.

Es begann am 6. Mai 1915, als die "Aurora", die inzwischen vor Kap Evans in der Nähe von Scott's Hut ankerte, in einen heftigen Sturm geriet. Am nächsten Morgen glaubte der Physiker Richard Walter Richards, der mit einer Gruppe an Land ein Lager aufgeschlagen hatte, seinen Augen nicht zu trauen. "Keine Spur von dem Schiff", notierte er fassungslos, "das Einzige, was ich sehen konnte, war offenes Wasser." Der Sturm hatte den Anker losgerissen, ein Ruder zerschmettert und das Schiff im Eis eingekeilt. Zehn Männer saßen nun in der Antarktis fest, während 18 an Bord der "Aurora" mit dem Großteil der Verpflegung manövrierunfähig abtrieben.

Pflichtbewusst in den Tod

Trotz des Mangels an Vorräten machten sich die zehn Verlassenen pflichtbewusst an ihre Aufgabe: Verpflegungsdepots für Shackletons Gruppe anlegen. Sie konnten nicht wissen, wie sinnlos das war, weil Shackleton derweil selber um sein Überleben kämpfte und seinen Marsch niemals antreten würde.

Bald litten die Männer unter Skorbut. Als Erster brach Arnold Spencer-Smith zusammen. Wochenlang zogen ihn seine Kameraden per Schlitten zurück Richtung Basislager, Hunderte Kilometer. Immer wieder fiel er ins Delirium.

Am 8. März 1916 fragte er seinen Freund Richards: "Sag mal Rich, was würdest du tun, wenn dein Herz sich auf einmal komisch verhält? Dich hinlegen oder dich hinsetzen?" Keine Ahnung, antwortete Richards, aber vermutlich sei es am besten, sich hinzulegen. Wenige Stunden später wurde Spencer-Smith leblos in seinem Schlafsack gefunden, den Mund weit aufgerissen.

"Wir führten das Leben von Höhlenmenschen"

Der Tod des beliebten Priesters drückte die Stimmung der ausgemergelten Männer noch weiter. Richards notierte zwei Tage später, er verspüre das "unbändige Verlangen, einem dieser Tiere [Robben, Anm. der Red.] die Kehle durchzuschneiden und das Blut auszutrinken". Aus Wut. Aus Verzweiflung.

Zwar erreichte die Gruppe bis auf die Knochen abgemagert noch die Verpflegungsstation Hut Point, doch auch dort wurde die Nahrung schnell knapp und ungünstiges Wetter ließ den Marsch zur Basisstation in Kap Evans nicht zu. Sie gingen auf Robbenjagd und steckten ihre Hände in die dampfenden Innereien der Tiere, um ihre erfrorenen Finger wiederzubeleben. "Wir führten das Leben von Höhlenmenschen", schrieb Richards und fragte sich: Wann würde die "Aurora" zurückkehren? War sie doch gesunken? Und wo blieb Shackleton?

Nach ein paar Wochen verlor selbst der Kommandant der Gruppe, der erfahrene Aeneas Mackintosh, die Nerven. Er wollte unbedingt zurück zur Basisstation, wo mehr Verpflegung lagerte, doch das Eis, das sie dafür überqueren mussten, war lange Zeit zu dünn gewesen. Am 7. Mai 1916 glaubte Mackintosh, der richtige Zeitpunkt sei gekommen, trotz eines aufziehenden Schneesturms. Bis auf seinen Freund Viktor Hayward weigerten sich alle, mitzukommen. Trotzig zogen Hayward und Mackintosh alleine los, ohne Schlitten und Zelt, um schneller voranzukommen. Sie verloren den Wettlauf gegen den Sturm. Ihre Leichen wurden nie gefunden.

Rückkehr der Traumatisierten

Sie hätten einen Monat warten müssen. Der Rest der Mannschaft erreichte die Basisstation im Juni ohne Probleme, und ein halbes Jahr später kehrte tatsächlich die reparierte "Aurora" zurück, die es mit Glück nach Neuseeland geschafft hatte. "Es war der wildeste Haufen Männer, den ich in meinem Leben gesehen habe", erinnerte sich der Kapitän der "Aurora" später: "Trübe Augen blickten aus grauen, ausgemergelten Gesichtern. Ihre Haare waren verfilzt und ungeschnitten, ihre Bärte voller Fett und Ruß. Sie redeten abgehackt, halb hysterisch und manchmal kaum verständlich."

Vollmundig hatte Shackleton 1914 versprochen, all seine Männer von der gewagten Expedition zurückzubringen. Jetzt kehrte er mit sieben Traumatisierten zurück, die bald in Vergessenheit gerieten. Die kürzlich gefundenen Fotos mögen mitunter nur Eisberge zeigen. Doch sie erinnern auch an jene unbekannten, zwei Jahre lang in der Antarktis verschollenen Männer, die für Shackletons Ruhmsucht ihr Leben riskierten.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
stefan mehl, 21.02.2014
1.
Mag sein dass diese Männer für Shackletons Ruhmsucht ihr Leben riskierten, allerdings wussten die Expeditionsmitglieder auch worauf Sie sich einlassen. Nämlich sich an den unwirtlichsten Ort der Erde zu begeben. Getan haben Sie das nicht wegen des angebotenen Geldes, welches welches lächerlich niedrig war und auch erst nach Abschluss der Expedition ausgezahlt werden sollte, sondern ganz einfach aus Abenteuerlust. Mag für viele unverständlich sein, aber es gibt Menschen die sich auch gerne mal bewusst dem Ungewissen stellen. Große Taten gehen mit großen Risiken einher...
Siegfried Wittenburg, 21.02.2014
2.
Genau. Es gibt sogar schon Anmeldungen für eine bemannte Expedition zum Mars.
Erik Müller, 23.02.2014
3.
Ruhmsucht? Wo haben Sie das denn her? Shackelton war ein herrausragender Kommandant und Expeditionsleiter, dem seine Männer Ihr Leben anvertraut haben, und er hat sie alle gerettet. Alle waren hervorragend bezahlt und freiwillig an Bord. Lesen Sie mal nach, wieviele Bewerbungen es für die Endurance-Reise gab. Und dann könnten Sie auch bitte dies noch ändern: Brite! Shacks war natürlich Ire.
Reinhard Kupke, 23.02.2014
4.
Die letzten vier Sätze des Artikels sind vollkommen überflüssige Meinungsmache.
ralf pantenburg, 24.02.2014
5.
vor 2 Wochen noch vor Ort gewesen, von/bis und auf der Ushuaia, ein argentinisches kleines Schiff. Sturm, hohe Wellen, eisige Temperaturen, EIS, EIS, EIS aber toll (und relativ bequem und sicher - gut vorstellen koennen, was jene Maenner ausgehalten haben. CHAPEAU !!) Ralf Pantenburg, Sydney
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