Undercover beim Ku-Klux-Klan "Den Dreckskerlen in die Suppe spucken"

Weiße Kapuzen über deutschen Bierbäuchen: Ableger des Ku-Klux-Klans gibt es auch hierzulande. Gerhard Kromschröder schlich sich 1981 bei Clanbrüdern in der Eifel ein - und erlebte Haarsträubendes.

Gerhard Kromschröder

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Zur Person
  • Gerhard Kromschröder, Jahrgang 1941, erlebte als Kind die Bombennächte in seiner Heimatstadt Frankfurt. Aufsehen erregte er mit seinen Rollenreportagen, für die er sich unter anderem als Neonazi, Türke oder Rocker ausgab. Er war stellvertretender Chefredakteur und Art Director der Satire-Zeitschrift "Pardon". Beim "Stern" arbeitete er ab 1979 als Reporter, später als Nahost-Korrespondent. Seit 1992 ist er als freier Journalist und Medienberater tätig.

Wie lautet die erste Strophe des Horst-Wessel-Liedes? Wann wurde das Deutsche Reich gegründet? Wer hat das Buch "Die Auschwitz-Lüge" geschrieben? Dem Undercover-Reporter schwirrt der Kopf: Ein regelrechtes Verhör muss Gerhard Kromschröder über sich ergehen lassen, an jenem 30. Januar 1981 in der Wiesbadener Hippie-Kneipe "Bumerang".

Die beiden Clanbrüder haben Kromschröder zur Aufnahmeprüfung ausgerechnet in ein linkes Szenelokal bestellt. Um sie herum: Frauen in lila Latzhosen und bärtige Männer, es läuft Musik von Elton John und den Beatles. Die perfekte Tarnung. "Hier unter den Langhaarigen vermutet uns der Verfassungsschutz am wenigsten", sagt Thomas alias Berndt Schäfer. Der zweite, Hans Joachim (Percy genannt) bohrt weiter: Wann erzielte die NPD ihre größten Wahlerfolge? Wer ist der größte deutsche Politiker?

Kromschröders Antworten scheinen die beiden Neonazis zu überzeugen. Anerkennend klopft Percy ihm auf die Schulter und bestellt drei Biere. Kromschröder darf kommen, zur Party anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler am 20. April. Und: Er ist aufgenommen in die Reihen des sogenannten Ku-Klux-Klan West Germany - eines frühen deutschen Ablegers der rassistischen US-Terrororganisation.

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Klu-Klux-Klan in Deutschland: Rassistische Glaubenskrieger

KKK-Gruppierungen gibt es hierzulande schon seit knapp 100 Jahren, wie die Neuerscheinung "Kapuzenmänner. Der Ku-Klux-Klan in Deutschland" der SZ-Journalisten Frederik Obermaier und Tanjev Schultz nachweist. Bereits zur Zeit der Weimarer Republik existierte in Deutschland ein Clan-Geheimbund.

Teeren, federn, aufschlitzen

1923 stieß die Berliner Polizei auf die "Ritter zum Feurigen Kreuz", eine mehrere Hundert Mann starke antisemitische Organisation, die ihre Mitglieder aus rechten Verbänden wie "Frontbann" und "Stahlhelm" rekrutierte. Bei seiner Aufnahme in den Ritterklan habe sich die Bibel, ein Totenkopf, eine US-Flagge und ein rotes Kreuz auf dem Altar befunden, sagte ein festgenommenes Clanmitglied aus; die Vorstandsmitglieder hätten weiße Kittel mit Kapuzen getragen - die KKK-Kluft.

Finanzielle Unterstützung erhielten die "Ritter" offenbar aus den USA, wo der rassistische Ku-Klux-Klan seit 1865 Schwarze teerte und federte, aufschlitzte und verbrannte. Beim deutschen Ritterclan sei es darum gegangen, "das Deutschtum hochzuhalten und andererseits das Judentum zu bekämpfen", so ein Clanbruder damals. Ziel sei es gewesen, "Personen, die eventuell als Verräter bekannt geworden sind, zu bestrafen beziehungsweise zu beseitigen". 1930 lösten sich die "Ritter zum Feurigen Kreuz" auf.

Clan-Inserat im katholischen Bistumsblatt

Mit den amerikanischen GIs kam der KKK nach Ende des Zweiten Weltkriegs erneut nach Deutschland: Ausgerechnet die US-Besatzer, die Entnazifizierung und Demokratisierung vorantreiben sollten, warben in Deutschland um Anhänger, wie aus Verfassungsschutz-Akten hervorgeht.

Immer wieder loderten Holzkreuze auf oder nahe amerikanischen Stützpunkten, wurden schwarze Soldaten drangsaliert. Ein angeblicher Clanführer erzählte der Münchner "Abendzeitung" 1966, in Deutschland gebe es 2000 Ku-Klux-Klan-Mitglieder. Alles nur Angeberei? Untersuchungen deutscher Behörden verliefen im Sande - auch weil die Justiz nicht in den US-Kasernen ermitteln durfte.

1980 jedoch verdichteten sich die Hinweise: Der amerikanische Clanführer David Duke frohlockte in der KKK-Zeitschrift "Crusader", am 29. Februar 1980 sei "eine weitere Flamme zum internationalen Feuer des K.K.K." hinzugekommen: Der westdeutsche Ableger umfasse zwei Luftwaffenstützpunkte in Rheinland-Pfalz.

In mehreren Neonazi-Hetzschriften, aber auch im "Dom", der Kirchenzeitung für das Erzbistum Paderborn, warb der gerade einmal 18-jährige "Berndt Schäfer", Leiter des "Informationsbüros für den Ku-Klux-Klan in Deutschland", um neue KKK-Mitglieder. Der "Stern"-Reporter Kromschröder las das "Dom"-Inserat - und antwortete.

30 D-Mark Aufnahmegebühr

Immer wieder habe er nach "einem Loch im Zaun" gesucht, nach neuen Zugängen zur Neonazi-Szene, erzählt der heute 75-Jährige im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Als er die Clan-Anzeige sah, ergriff Kromschröder die Gelegenheit. Er steckte 30 D-Mark Aufnahmegebühr in einen Umschlag, versicherte wie gefordert, dass er eine "weiße Person nichtjüdischer Abstammung" sei und bat um ein Treffen. Seine Tarnidentität: Georg Schröder, Grafikdesigner, alleinstehend, wohnhaft in der Wetterau bei Frankfurt.

Thomas alias Berndt Schäfer antwortete innerhalb weniger Tage, man traf sich in der Wiesbadener Kneipe "Bumerang". Sowohl er als auch Percy schöpften keinerlei Verdacht - Kromschröder gewann ihre Sympathie mit einem simplen Trick: Der Reporter gab vor, sich von einem Kumpel gratis Limousinen ausleihen zu dürfen. "Ich karrte die Clanbrüder mit einem schicken 300er-Benz durch die Gegend. Dass der nur von Avis geliehen war, ahnte keiner", erzählt er und lacht.

Der "erhörte Zyklop"

Über mehrere Monate traf sich Kromschröder mit Clan-Angehörigen, im Frühjahr 1981 durfte er an einem KKK-Treffen in Bruch teilnehmen, einem 400-Seelen-Dorf in der Eifel und Wohnort von Murry M. Kachel: im nahegelegenen Spangdahlem stationierter Sergeant der US-Air-Force - und "European Organizer" des Ku-Klux-Klan. Sein Spitzname: der "erhörte Zyklop".

Kromschröder bezeichnet den damals 27-jährigen schmächtigen Mann mit der großen Brille als Typus des "introvertierten Versagers", wie so viele aus der ultrarechten Szene davon beseelt, einmal ganz groß rauszukommen. "Wir stehen vor einem neuen Rassenkrieg", begründete Kachel seine Clanbegeisterung, bereitwillig ließ er sich ablichten: Kachel in voller KKK-Montur vor seinem trostlos-unverputzten Haus. Kachel neben seinem Bett, auf dem sieben Gewehre liegen. Kachel mit seinem US-Clan-Ausweis.

Er schieße die Fotos zur Erinnerung, erzählte Kromschröder den Clanbrüdern - unter ihnen Hermann, ein NPD-Funktionär und Wilfried, ein 18-Jähriger mit dem SS-Totenkopf als Gürtelschnalle. Ihre haarsträubenden Aussagen notierte der Reporter heimlich auf kleinen Zetteln, die er sich in die Strümpfe stopfte.

Kromschröder durfte die US-Fahne tragen, als die Gruppe später - mit spitzen Kapuzen und langen, weißen Kutten bewehrt - durch die Dorfstraßen lief und vor der historischen Wasserburg von Bruch posierte. "Die Einheimischen hat's nicht gestört", erzählt er.

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Frederik Obermaier, Tanjev Schultz:
Kapuzenmänner

dtv Verlagsgesellschaft; 260 Seiten; 16,90 Euro.

Asylbewerber, Ladendieb, Rocker

Am 27. Mai 1981 erschien im "Stern" die Reportage über den Eifel-Clan, Kromschröder veröffentlichte sie unter seinem echten Namen. Angst hatte der vierfache Vater nie, weder bei der KKK-Story noch bei anderen verdeckten Recherchen. "Ich wusste, worauf ich mich einlasse", sagt Kromschröder, der noch vor Günther Wallraff undercover als Türke unterwegs war - aber auch als Asylbewerber, Ladendieb und Rocker verdeckt recherchierte. Und vor allem im Neonazi-Milieu auf diese Weise unerkannt Informationen sammelte.

Bei allem Abscheu habe er auch Spaß am Sichverstellen und Schauspielern gehabt; von Morddrohungen ließ sich Kromschröder, später als Kriegsreporter im Irak, nicht einschüchtern. "Schau selbst", sagt er grinsend und zieht eine ganze Kladde an wüsten Schmähbriefen aus einer Schublade.

Die Genugtuung, "den Dreckskerlen in die Suppe zu spucken", entschädigte den Journalisten dafür, dass er lange unter Polizeischutz stand, weder seine Adresse noch sein Autokennzeichen preisgeben durfte. Noch heute schaut er sich, "alte Gewohnheit", kurz um, wenn er mit seiner Terrierdame Lucy aus der Haustür geht.

Schwarze mit Strychnin vergiftet

Kromschröders Ku-Klux-Klan-Enthüllung sorgte bundesweit für Furore - die Kripo Trier jedoch wiegelte ab: "Wir kümmern uns ja auch nicht um die Versammlungen der Bäckerinnung", hieß es damals. Auch die deutschen Behörden reagierten gelassen. Es handele sich um versprengte Einzelgänger, Straftaten seien nicht nachzuweisen - obwohl 1981 zwei Schwarze in Kachels Garnison mit Strychnin-Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden.

Zwar gehörten in der Vergangenheit sogar Polizisten einer deutschen KKK-Gruppierung an. Auch auf den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) übte der Clan eine enorme Faszination aus. Doch sei insgesamt von "sehr geringen Mitgliederzahlen" auszugehen, hieß es im Herbst 2016 laut Bundesregierung: Innerhalb der rechten Szene sei der Clan nur ein "Randphänomen". Der Erklärung zufolge gibt es derzeit vier Clan-Ableger in Deutschland, seit 2001 seien bei den Behörden 68 Straftaten mit Bezug zum KKK aktenkundig.

Kromschröder warnt davor, die Kapuzenmänner hierzulande nicht ernst zu nehmen. "Gefährlichkeit und Effizienz" der Organisation seien in der Vergangenheit immer wieder unterschätzt worden: "So konnte der KKK über Jahrzehnte auch in Deutschland klandestin als ideologischer Durchlauferhitzer und logistische Schaltstelle zwischen einzelnen neonazistischen Splittergruppen fungieren."

Gerade der Mummenschanz, die Kombination aus "kindlichem Versteckspiel und todesverachtendem Terrorismus" sei für die Rechtsextremen hochattraktiv. "Wer es im wahren Leben nicht geschafft hat", resümiert Kromschröder, "streift sich eine Kapuze und eine weiße Kutte über. Dahinter verschwindet der Bierbauch, das Pickelface, der ganze Loser."



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Georg Dallmann, 13.03.2017
1. Hanebüchen
Was haben "Erkenntnisse" von 81 mit heute zu tun?
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