Das Geheimnis meines Vaters Retter in Gestapo-Kluft

Das Geheimnis meines Vaters: Retter in Gestapo-Kluft Fotos
Tamas Szabo

Er war neun Jahre alt, als sein Vater 1953 für Monate in den Folterkellern der ungarischen Staatssicherheit verschwand: Doch Tamás Szabó erfuhr nie, warum. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fand er in jahrelanger Recherche heraus, dass sein Vater ein Held war - und Opfer einer perfiden Intrige. Von

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Die allererste Kindheitserinnerung, die ich an meinen Vater Károly Szabó habe, stammt aus dem Jahr 1947. Ich war gerade drei Jahre alt. Mein Vater lief in unserer Wohnung in Budapest hin und her und packte seinen Koffer, weil er verreisen musste. Wir balgten ein wenig herum. Plötzlich kam er auf die Idee, mich in den Koffer zu stecken und darin herum zu tragen. Ich fand das wahnsinnig lustig, obwohl es im Koffer sehr dunkel war. Es war einer jener glücklichen, heiteren Momente, der sich tief in mein Gedächtnis eingrub.

Sechs Jahre später, am 7. April 1953, verschwand mein Vater plötzlich. Er wurde auf dem Weg zur Arbeit auf offener Straße verhaftet. Ein halbes Jahr wussten wir nicht, wo er war und wie es ihm erging. Angst und Sorge bestimmten unseren Alltag. Im November 1953 stand er dann plötzlich wieder vor der Tür - als gebrochener Mann. Sein Anzug und seine Schuhe waren in Fetzen. Er hatte frische, rote Narben am Kopf. Sein Zustand ließ nur einen Schluss zu: Dort, wo er gewesen war, war er grausam gefoltert worden.

Vater sprach kaum über das, was ihm widerfahren war. Bis zu seinem Tod im Jahr 1964 verschanzte er sich hinter der Mauer des Schweigens - und mit ihm meine Mutter. Die Angst vor denjenigen, die ihn über sechs Monate gequält und ihn schriftlich zum Schweigen verpflichtet hatten, überschattete unser Dasein. Selbst als Kind spürte ich diese Angst, die mich 1969 schließlich dazu brachte, Ungarn zu verlassen und in den Westen zu gehen.

Dennoch oder gerade deswegen ließ mich dieses dunkle Kapitel seines Lebens nie los. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begann ich, Nachforschungen anzustellen. Die ungarische Journalistin Maria Ember unterstützte mich. Je mehr Quellen wir über die Jahre zutage förderten, desto klarer zeichnete sich ab, dass mein Vater Opfer eine Intrige geworden war, deren Drahtzieher an höchster Stelle im kommunistischen Machtapparat Ungarns und der Sowjetunion zu suchen waren.

Ein gewagter Plan

Ich wusste, dass mein Vater 1944 und 1945 in der schwedischen Botschaft in Budapest als Schreibmaschinenmechaniker gearbeitet hatte und dort ein enges Verhältnis zu einem der Diplomaten pflegte: Raoul Wallenberg. Im Frühjahr 1944 hatten die Deutschen Ungarn besetzt und begannen sofort mit der Deportation der Juden. Der Schwede Wallenberg engagierte sich für deren Rettung. Er versorgte Tausende Juden mit schwedischen Schutzpässen und brachte sie in sogenannten schwedischen Schutzhäusern unter, die er für sie angemietet hatte. Je mehr ich über die beiden letzten Kriegsjahre zutage förderte, desto klarer wurde mir, dass das Schicksal meines Vaters mit Wallenberg zu tun haben musste, der im Januar 1945 spurlos verschwand.

Bis Oktober 1944 reichten die guten diplomatischen Kontakte Wallenbergs aus, um die ungarischen Juden vor der deutschen Vernichtungsmaschinerie in Sicherheit zu bringen. Doch dann übernahm die nationalsozialistische Pfeilkreuzler-Partei unter der Führung von Ferenc Szálasi in Budapest die Macht und errichtete ein Terrorregime nach nationalsozialistischem Vorbild. Wahllos wurden Juden verhaftet, niedergeschossen oder verschleppt. Wallenbergs Kontakte zum alten Horthy-Regime konnten nichts mehr bewirken. Er musste sich etwas Neues einfallen lassen.

In dieser Situation kam mein Vater ins Spiel. Denn sein Jugendfreund Pál Szalai war nicht nur ein hochrangiger Pfeilkreuzler sondern auch ein hoher Beamter bei der ungarischen Polizei. Angesichts dieses Kontakts schmiedeten Wallenberg und seine Helfer einen gewagten Plan: Erfuhren sie von einer Verhaftungsaktion, sollte mein Vater als Gestapo-Beamter verkleidet bei den Pfeilkreuzlern auftauchen und im Namen der deutschen Besatzer ganz "offiziell" die Herausgabe der gefangenen Juden verlangen. Szalai sollte ihm dafür die nötigen Ausweise und Vollmachten beschaffen, was er bereitwillig tat.

"Der Mann im Ledermantel"

Mehrere Zeitzeugen berichten übereinstimmend, wie mein Vater gehüllt in einen schwarzen Ledermantel mehrmals bei den Pfeilkreuzlern erschien, sie herrisch anbrüllte und die Herausgabe der Menschen befahl. Dazu wedelte er mit den Papieren, die Szalai ihm besorgt hatte. Seine selbstbewussten Auftritte zeigten stets ihre Wirkung. Eingeschüchtert von dem sportlichen, schmalen, blonden Mann mit seinen blauen Augen taten die Pfeilkreuzler, was er verlangte. In der jüdischen Gemeinde trug er bald den Spitznamen "Der Mann im Ledermantel".

Der größte Coup gelang ihm am 8. Januar 1945. An diesem Tag stürmten die Pfeilkreuzler ein Haus, das unter dem Schutz der schwedischen Botschaft stand, und verschleppten 154 Juden. Sie wurden in Gruppen aufgeteilt und mussten, wie so viele Juden vor ihnen, zum Donauufer herunter marschieren. Dort sollten sie exekutiert werden. "Kurz nach unserer Ankunft hielten plötzlich Polizeilastwagen beladen mit Polizisten an", erinnerte sich Eva Löw, die zu den Verschleppten gehörte. Angeführt wurde der Trupp von Szalai und meinem Vater. Sie stoppten die Aktion und brachten die Pfeilkreuzler dazu, die 154 Menschen wieder zurück in das schwedische Schutzhaus zu bringen.

Unter den Geretteten befanden sich auch der Unternehmer Lajos Stöckler und seine achtköpfige Familie. Stöckler spielte eine führende Rolle im Budapester Judenrat und setzte sich seit 1944 massiv für die Lebensmittelversorgung im Budapester Ghetto ein. Auch er sollte neun Jahre später ein Opfer des Intrigenspiels des kommunistischen Machtapparats werden, das meinen Vater zugrunde gerichtet hatte.

Vier Tage später, am 12. Januar 1945, trafen sich mein Vater, Wallenberg, Szalai und der jüdische Arzt Otto Fleischmann, der Wallenberg bei den Rettungsaktionen massiv unterstützte, zum Abendessen in der schwedischen Botschaft. Was sie bei dieser Gelegenheit besprachen, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Am 13. Januar meldete sich Wallenberg bei den Russen, die vor Budapest standen, weil er sie für die Verpflegung der Juden nach der Befreiung gewinnen wollte. Seitdem blieb er spurlos verschwunden. Die drei waren die letzten, die Wallenberg lebend gesehen hatten.

Moskau unter Druck

Die internationale Öffentlichkeit nahm das Verschwinden des Vorzeigediplomaten Wallenberg, der aus einer der einflussreichsten Unternehmerfamilien Schwedens stammte, nicht einfach so hin. Der Verdacht kursierte, dass er in den russischen Folterkellern für immer verschwunden war. Der internationale Druck auf Moskau wuchs, zumal die Sowjets dem Verdacht nicht viel entgegensetzen konnte: Wallenberg war 1947 tatsächlich im Moskauer Gefängnis Lubjanka ums Leben gekommen. Doch statt dies zuzugeben, beschloss die Sowjetführung 1952, die eigene Weste rein zu waschen und jemand anderem den Mord in die Schuhe zu schieben.

Im Mai 2011, über 50 Jahre nach seiner Verhaftung, konnte ich endlich die Akten der ungarischen Staatssicherheit (AVH) einsehen und stellte fest: Mein Vater war das Bauernopfer in diesem Intrigenspiel! In einem Schauprozess sollten er und Pál Szalai öffentlichkeitswirksam abgeurteilt werden, um das Thema Wallenberg endgültig zu begraben.

Unter Stalin hatte die Sowjetführung des Öfteren auf dieses Instrument zurückgegriffen, um ihre Interessen durchzusetzen oder politische Feinde auszuschalten. Der bekannteste Fall ist wohl die sogenannte Ärzteverschwörung. Angeblich wollten damals einige der renommiertesten, jüdischen Mediziner der UdSSR die gesamte militärische und politische Führung vergiften. Obwohl die Vorwürfe haltlos waren, wurden reihenweise jüdische Ärzte verhaftet, gefoltert und dann öffentlich abgeurteilt. Mehrere wurden hingerichtet.

Ursprünglich hatte die Sowjetführung den Mord an Wallenberg ebenfalls als jüdische Verschwörung darstellen wollen. Die vermeintlichen Täter waren Stöckler und Miksa Domonkos - einer der führenden Köpfe der jüdischen Gemeinde in Budapest. Angeblich hatten sie Wallenberg ermordet, "weil er nicht genug für die Rettung der Juden getan hatte". Die beiden wurden allerdings so schwer gefoltert, dass sie einen Prozess weder physisch noch psychisch überstanden hätten. Domonkos starb kurz nach seiner Freilassung 1953. Stöckler blieb bis zu seinem Lebensende ein Pflegefall.

Vom Augenzeugen zum Täter

Die Folterknechte änderten daher ihre Taktik. Szalai und mein Vater, die Wallenberg als Letzte gesehen hatten, waren nun die Hauptverdächtigten und wurden verhaftet. Die Anklage stützte sich auf ein im März 1953 von Stöckler unter schwerster Folter erzwungenen Geständnis: "Im Januar 1945 half Károly Szabó Pál Szalai dabei, Raoul Wallenberg umzubringen." Als die ungarische politische Führung im August 1953 wenige Monate nach Stalins Tod auf Weisung Moskaus ausgetauscht und mehrere ungarische Haftlager aufgelöst wurden, widerrief Stöckler sein Geständnis.

Mitte September beschloss die ungarische Staatssicherheit, meinen Vater freizulassen. Nicht nur wegen Stöckler sondern auch, weil das Terror-Instrument "Schauprozess" nach Stalins Tod zum Auslaufmodell geworden war. Die Hetzjagden wurde im Rahmen der allgemeinen Entstalinisierung eingestellt und im Zuge dessen auch der Wallenberg-Prozess abgeblasen. Mein Vater war noch einmal davon gekommen. Anderhalb Monate vergingen, bis er endlich im November 1953 auf freien Fuß kam. Mit gutem Grund: Auch er war von seinen Folterknechten so übel zugerichtet worden, dass es Wochen dauerte, bis die Spuren wenigstens halbwegs verheilt waren.

Über das Internet konnte ich mittlerweile zehn Menschen ausfindig machen, denen mein Vater zwischen 1944 und 1945 das Leben gerettet hatte. Sie notierten ihre Erinnerungen und schickten sie nach Jad Vaschem, das Internationale Zentrum für Holocaust-Forschung. Dort sollte sein Lebenswerk gewürdigt werden. 2012, nach über 20 Jahren Recherche, war es dann endlich so weit: Am 12. November wurde ihm in Jerusalem posthum der Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" verliehen. Zum ersten Mal wurde er damit für seine außerordentliche Leistung öffentlich ausgezeichnet.

Aufgezeichnet von Johanna Lutteroth.

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1.
Tamas Szabo 28.04.2013
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2.
andreas marin 05.05.2013
"Bis Oktober 1944 reichten die guten diplomatischen Kontakte Wallenbergs aus, um die ungarischen Juden vor der deutschen Vernichtungsmaschinerie in Sicherheit zu bringen." Dieser Satz ist historisch falsch. Zwischen April und Oktober 44 sind über 400.00 Juden und Jüdinnen nach birkenau deportiert worden! Unglaublich und völlig unverständlich, wie dies in diesem Artikel behauptet werden kann.
3.
Maxim Eberl 05.05.2013
Wallenberg war übrigens nicht der einzige. Tibor Radacsovszky hat im Ghetto Pässe eingesammelt, hinausgebracht und im Konsulat des Vatikan Stempel dort eintragen lassen. Mit diesen Stempeln konnten mehrere Dutzend Personen das Ghetto verlassen. Radacsovszky war ungarischer Sozialdemokrat aus Kassa/Kosice, aber zur Tarnung Mitglied der Pfeilkreuzer mit Uniform - so konnte er das Ghetto betreten. Er ist auch Wallenberg einmal persönlich begegnet - ohne allerdings zu begreifen, wer das war. Das hat er erst viel später erfahren. Könnte Radacsovsky heute sehen, was in seinem geliebten Ungarn abgeht - er würde sich im Grabe herumdrehen!
4.
frank tröger 05.05.2013
Sehr interessant - liebe Redakteure - finden Sie nicht auch? --- Meinen Sie nicht auch - dass es eine riesige Fundgrube ist - menschliches Verhalten in grausamer Zeit zu finden.? - Wollen Sie nicht auch mal in anderen Funden stöbern? z.B. in Böhmen, Polen etc.? - Glauben Sie nicht, dass es noch lebende Tschechen, Slovaken, Ungarn, Romänen, Polen oder Russen gibt, die gerade - nach der Kapitulation - Volksdeutschen, Juden oder auch anderen "VERSPRENGTEN" geholfen haben?- Sollen die in der Geschichte - UNGENANNT - bleiben? - Sollen wir Ihren Beitrag "Retter in Gestapo-Kluft - als Eintagsfliege betrachten? - Oder gehen Sie - langsam aber sicher auf eine vernünftige, wahrheitsgetreue Aufarbeitung der Geschichte zu? - Sollte Ihnen das gelingen - warum sollte man Sie dann nicht beglückwünschen? Gruß Fenderlein
5.
Michael Jäckel 05.05.2013
Danke für diesen exzellenten und sehr berührenden Beitrag, der mich ob der beschriebenen Willkür und Gewalt sprachlos macht. Danke für die Größe dieser Menschen!
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