Ungarn 1989 Treffpunkt McDonalds

Eigentlich wollte André Lichte mit seinen neuen Bekannten vom Plattensee nur kurz nach Budapest. Auf der Rückfahrt vom Tagestrip sind sie plötzlich nur noch zu zweit. Die anderen beiden Mitfahrer haben sich in die deutsche Botschaft abgesetzt.

dpa

Nach dem Abitur in Niedersachsen erfüllte ich meiner Mutter einen Wunsch: den Besuch ihrer alten Heimat Ungarn. Mein Großvater gehörte zu den sogenannten "Donauschwaben", die nach dem Potsdamer Abkommen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Während ich tagsüber mit meiner Mutter ihr Heimatland erkundete und ihr Geburtshaus aufsuchte, bewegte ich mich abends in jugendlicher Unbekümmertheit an der Uferpromenade des Plattensees. Dort traf ich auf eine Reisegruppe aus Ostberlin. Schnell wurde Kontakt über Alkohol und Musik hergestellt: Ich hatte im Auto reihenweise Kassetten mit den damals üblichen Werten: Supertramp live in Paris und Bootlegs von The Police. Ein tragbarer Kassettenrecorder aus Ostproduktion konnte auch diese abspielen und der nahe liegende Kiosk verfügte über geraume Mengen günstigsten Alkohols in allen Formen. Günstig für mich als Wessi, dessen Etat weit über den damals üblichen Umtauschgrenzen für Ostreisegruppen lag. Ich finanzierte also die abendliche Runde und schaffte es in meiner dümmlich-naiven Art, nicht als Protz-Wessi abgewiesen zu werden.

Auch war eine Frau im Spiel, deren Aufmerksamkeit ich auf mich ziehen wollte. Kurzum: Tagsüber bewegte ich mich im Geburtsland meiner Mutter, Jahrgang '31, und fieberte den Abenden entgegen. Die ganze Geschichte zu erzählen wäre verwegen, auch weil die Erinnerung mich langsam verlässt. Meine Versuche, die Dame aus der Gruppe loszueisen, scheiterten scheinbar nicht nur an meinen Unzulänglichkeiten sondern auch an dem - für mich damals sehr skurril wirkenden - Sozialverhalten der Gruppe. Immer, wenn ich es geschafft hatte, die sehr interessanten Gespräche mit den Gleichaltrigen aus dem nur 30 Kilometer von Lüneburg entfernten "Bruderland" zu intensivieren, verschlossen sich urplötzlich wieder die "Redsamen" vor mir und ein zwei andere "Redsame" schoben sich ins Bild, um mich ihrerseits in interessante Diskussionen zu verwickeln.

Der Fluchthelfer vom Plattensee

Erst Jahre später begriff ich, in was für einem seltsamen System ich dort meine Abende verbrachte. Wer nun was war und wer mit und wem auch immer aus welchen Gründen sprach - oder nicht -, werde ich wohl nicht mehr erfahren. Ich war jedenfalls mittendrin in der Geschichte, wie ich später realisieren sollte. Denn irgendwann entschloss ich mich, tagsüber nach Budapest zu fahren. Meine Mutter wollte sich dieser Strapaze nicht aussetzen, so dass ich schließlich im damals üblichen Leichtsinn plante, die etwa 150 Kilometer selbst in Angriff zu nehmen. Das erwähnte ich natürlich am Abend vor meiner Angebeteten, die ich bis dahin nur einmal aus der Gruppe rauseisen konnte. Aber irgendwie war ich wohl nicht ihr Typ. Am nächsten Tag fuhr ich mit drei Mitfahrern nach Budapest - Opel Ascona mit viel zu viel PS fürs ungarische Tempolimit, Fenster auf und lautem "A Doo Doo Da" von The Police.

Irgendwie fanden wir McDonalds - das waren nicht die Hamburger, die ich aus Niedersachsen kannte. Die Sonne schien, die Stadt war toll, die U-Bahn sauber wie eine Zahnarztpraxis. Nach Stunden des Herumstöberns ging ich wieder zum vereinbarten Treffpunkt: 17 Uhr bei McDonalds. Doch nur einer kam - und wir warteten. Irgendwann wurde ich ungeduldig und fragte meinen Mitwartenden: "Wann kommen die denn endlich? Wir können die doch nicht hier lassen?" "Hm." "Ja was soll denn das?" "Hm, ich glaube, wir können fahren." "Dann sitzen die hier fest, das geht doch nicht!" "Hm, ich glaube, die kommen nicht mehr" "Wie? Was?" "Wir können fahren, glaub' mir, die sind in die Botschaft..." Der Rest ist Geschichte, die mich, wieder zu Hause im ehemaligen Zonenrandgebiet, dann vor dem Fernsehen einholte.

Danach schrieb ich mir noch ein Jahr lang Briefe mit der Dame. Nach dem Studium zog ich 1996 in den Prenzlauer Berg, wo ich dann ihren Namen im Telefonbuch fand - aber das ist schon eine andere Geschichte.



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