Adolf Hitlers Freundin Das Rätsel der Unity Mitford

Spötter nannten sie "Mitfahrt": Unity Mitford, englische Adelstochter und Judenhasserin, folgte Hitler auf Schritt und Tritt - bis sich 1939 eine Kugel in ihren hübschen Kopf bohrte. Suizid- oder Mordversuch?

picture alliance/ Mary Evans Picture Library

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München, 9. Februar 1935: Die Upperclass-Schönheit ist am Ziel ihrer Träume angelangt. Monatelang hat sie den Auserwählten gestalkt, ein Bewegungsprofil erstellt, sich permanent in sein Blickfeld gedrängt - jetzt hat er endlich angebissen. Das heiß ersehnte erste Date beschreibt die Engländerin in einem Brief an ihre Schwester Diana:

"Gegen drei Uhr, ich war schon mit dem Essen fertig, kam der Führer in seinem süßen Trenchcoat herein und setzte sich mit zwei anderen Männern an seinen Stammtisch. Ich blätterte gerade in der Vogue. (...) Zehn Minuten nach seiner Ankunft ließ er den Gastwirt kommen, der dann herüberkam und sagte: 'Der Führer möchte mit Ihnen sprechen'."

Die 20-Jährige ist völlig aus dem Häuschen: "Ich bin so glücklich, dass ich am liebsten sterben möchte. Ich glaube, ich bin das glücklichste Mädchen der Welt", notiert sie. Der Name der glühenden Hitler-Verehrerin: Unity Valkyrie Mitford, von Spöttern "Unity Mitfahrt" getauft. Weil sie immer genau weiß, wo der "Führer" gerade steckt - und ihm auf Schritt und Tritt folgt.

Kaum eine andere Frau sei dem "GröFaZ" so nah gekommen, schreibt die Politikwissenschaftlerin Michaela Karl, Autorin der ersten deutschsprachigen Unity-Mitford-Biografie. 140 Mal trafen sich ihren Recherchen zufolge die englische Adelstochter und der verhinderte Maler aus Braunau zwischen 1935 und 1939 - im Schnitt alle zehn Tage.

Obwohl die Churchill-Verwandte Zugang zu den höchsten Nazi-Kreisen erhielt, ist sie hierzulande den wenigsten bekannt und gilt als skurrile Fußnote der Geschichte, eine adoleszente Schwärmerin, der man allenfalls beiläufig Beachtung schenken muss. Dabei war die junge Frau weit mehr als nur Hitlers sexy Groupie, belegt Publizistin Michaela Karl mit ihrer sehr lesenswerten Biografie ("Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an"). Vielmehr entwickelte sich Mitford im Lauf der Zeit zur eiskalt argumentierenden Nationalsozialistin und gefährlichen Judenhasserin, die Hitler weniger als Mann verehrte denn als politischen Heilsbringer.

Dabei legte sie eine erschreckende Radikalität an den Tag. "Das Mitford Girl, wie man sie in Berlin und München nennt, ist mehr Nazi als die Nazis selbst", notierte ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes am 23. März 1937. Infiziert hatte sich die englische Aristokratin mit dem "Führer"-Fimmel vier Jahre zuvor: auf dem "Reichsparteitag des Sieges" der NSDAP in Nürnberg.

Obwohl sie damals kein Wort Deutsch verstand, entflammte Unity für die nationalsozialistische Idee, nachdem sie einer Rede Hitlers im Sommer 1933 gelauscht hatte. Der Parteitag, schrieb sie ihrer Mutter, sei "die faszinierendste Sache (…...), die ich in meinem ganzen bisherigen Leben erfahren habe". Die Mutter war ebenso entsetzt wie Unitys Vater, David Bertram Ogilvy Freeman-Mitford, der 2. Baron Redesdale.

Dennoch gaben die Eltern nach, als Unity beschloss, nach München zu ziehen und Deutsch zu lernen. Sie waren die Extravaganzen ihrer sechs ebenso schönen wie durchgeknallten Girls längst gewohnt. "Ich bin normal. Meine Frau ist normal. Aber meine Töchter sind allesamt vollkommen verrückt", soll der englische Lord einmal gestöhnt haben.

Ratte Ratular, Ringelnatter Enid als Partyschocker

Einzig Deborah, die Jüngste, fiel nicht durch Skandale auf. Dagegen provozierte die Erstgeborene Nancy als Schriftstellerin; Pamela ließ einen Millionär sitzen, um mit einer Springreiterin aus der Schweiz zusammenzuziehen. Diana begeisterte sich für den Faschismus, Jessica für den Kommunismus.

Und Unity, ausgerechnet in der kanadischen Gemeinde Swastika ("Hakenkreuz") gezeugt, verschrieb sich mit Haut und Haar dem Nationalsozialismus.

1914 in London geboren, flog die fantasievolle Rebellin nur deshalb nicht von der Schule, weil die Eltern sie vorher runternahmen. Unity vergraulte die Gouvernanten, schockte Partygäste mit ihrer Ratte Ratular oder Enid, ihrer geliebten Ringelnatter. Und führte ab 1934 - dank Papis monatlichem Scheck - ein sorgenfreies Leben in München.

Während um sie herum die ersten Konzentrationslager errichtet, Juden und Andersdenkende verfolgt wurden, sonnte sich Unity nackt im Englischen Garten, ging ins Kino, kutschierte mit ihrem schwarzen MG-Cabrio und einer dänischen Dogge auf dem Beifahrersitz zum Segeln an den Chiemsee. Vor allem aber pirschte sie sich so erfolgreich an Hitler ran, dass bald Hochzeitsgerüchte aufkeimten.

"Ich könnte nur ein deutsches Mädchen lieben"

Ob er daran denke, die Engländerin zu heiraten, fragte Leni Riefenstahl den "Führer". Seine Antwort:

"Dieses Mädchen ist sehr attraktiv, aber ich könnte nie mit einer Ausländerin, auch wenn sie noch so schön wäre, ein Verhältnis haben. (...…) Meine Gefühle sind so national, dass ich nur ein deutsches Mädchen lieben könnte."

Hitler nahm die 1,80 Meter große Blondine mit zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth und zu den Reichsparteitagen. Am 10. April 1935 begleitete Mitford ihn zur Hochzeit von Hermann Göring, ein Jahr später war sie Hitlers Ehrengast bei den Olympischen Sommerspielen.

Die Nazi-Granden waren geblendet von ihrer Attraktivität - am Boden zerstört notierte Eva Braun am 10. Mai 1935 in ihr Tagebuch, dass Hitler nun "einen Ersatz" für sie habe: "Sie heißt Walküre und sieht so aus, die Beine mit eingeschlossen." 18 Tage später soll sie aus Eifersucht auf die Konkurrentin einen Selbstmordversuch verübt haben.

Traum von der deutsch-britischen Allianz

Doch Mitford war laut Biografin Karl gar nicht interessiert an der Geliebten-Rolle: Eher sah sie sich als politische Weggefährtin Hitlers, als Vermittlerin, die dazu beitragen könne, eine deutsch-britische Allianz auf den Weg zu bringen. Strotzend vor Mitford'schem Selbstbewusstsein, traute sich die Engländerin, Hitler unverblümt ihre Meinung zu geigen.

Etwa, dass sie den italienischen Diktator Benito Mussolini verabscheute und nichts von Joachim von Ribbentrop hielt, dem deutschen Botschafter in London und späteren Außenminister - in England wegen seiner Art "Brickendrop" genannt ("brick a drop": sich danebenbenehmen).

"Sie war sehr direkt und sagte auch Dinge, die Hitler nicht passten. Die hatte Mumm. (...…) Sie hat sich nie gelangweilt, und mit ihr war es auch nie langweilig", erinnerte sich Hitlers Architekt Albert Speer 1976 in einem Interview mit dem britischen Mitford-Biografen David Pryce-Jones.

"Heil Miss! Heil England"

Obwohl nicht wenige Mitglieder der britischen Upperclass ihre Faszination für Hitler teilten, sorgte vor allem Mitfords strammer Antisemitismus in ihrer Heimat für Empörung. Im Juni 1935 schrieb sie in einem Leserbrief an den "Stürmer", das Hetzblatt des berüchtigten NS-Gauleiters Julius Streicher - von Mitford als "kolossaler Witzbold" und "der liebste aller Nazis" gepriesen:

"Wenn wir nur in England solche Zeitungen hätten! Das allgemeine englische Volk hat keine Ahnung vor der Judengefahr. (...…) Wir freuen uns auf den Tag, an dem wir mit Gewalt und Autorität sagen können: 'England für Engländer! Die Juden hinaus!'"

Dreimal trat Mitford auf Einladung Streichers beim "Frankentag" auf, einer alljährlich auf dem fränkischen Hesselberg veranstalteten NS-Propagandakundgebung. Berauscht skandierte die Menge: "Heil Miss! Heil England".

Nach dem Krieg berichtete eine Zeitzeugin, dass Mitford sich aufrichtig gefreut habe, wenn sie sah, wie Juden auf der Straße misshandelt wurden. Zudem habe Unity einmal lachend erzählt, dass Streicher nach dem Abendessen Juden aus dem Keller hole - und sie zur Unterhaltung der Gäste Gras fressen lasse.

Einflüsterin und Nervensäge

Am 3. September 1939 zerplatzte Mitfords Wunschtraum vom deutsch-britischen Bündnis endgültig: Um elf Uhr erklärte England Hitler-Deutschland den Krieg. Wenige Stunden später bohrte sich eine Kugel in die rechte Schläfe der blaublütigen Hitler-Freundin.

Wollte die inzwischen 25-Jährige ihrem Leben ein Ende setzen, wie bislang zumeist angenommen - oder wurde sie Opfer eines Mordversuchs?

Auch Biografin Michaela Karl gelingt es nicht, das Mysterium aufzulösen: Der vielfach zitierte Abschiedsbrief Mitfords ist unauffindbar, die Münchner Gestapo-Unterlagen zum Fall gelten als kriegsbedingt verloren. Zeugenaussagen sind widersprüchlich, die britischen Geheimdienstakten wurden laut Karl gesäubert. Doch hält es die Autorin für wahrscheinlicher, dass jemand Mitford nach dem Leben trachtete.

"Sie galt als lästige Einflüsterin, als Nervensäge. Feinde innerhalb der NS-Elite hatte sie genug", sagt Karl im Gespräch mit einestages. Ribbentrop etwa, den zu Kriegsbeginn engsten Vertrauten Hitlers. "Joachim von Ribbentrop und Unity hassten einander von ganzem Herzen", schrieb der amerikanische Reuters-Korrespondent Ernest R. Pope 1941.

Doch auch andere NS-Granden konnten das englische Hitler-Girl nicht leiden. Manche hielten sie für eine Spionin; Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß soll laut Pope bei einem Bankett entnervt gesagt haben, er wünschte, irgendjemand würde diese angemalte Person entfernen. NS-Auslandspressechef Ernst "Putzi" Hanfstaengl bezeichnete Mitford als "schöne, blonde Kuh mit einem Quantum Bösartigkeit".

Mär vom Unity-Hitler-Baby

Auch ein Tagebucheintrag von Propagandaminister Josef Goebbels weist in Richtung Mordversuch: Der "Führer" müsse sich "gegen jede Spionagemöglichkeit sichern. Und das hat er in diesem Fall getan", notierte Goebbels am 3. Oktober 1939.

Unity Mitford überlebte den Schuss, litt nach der Verletzung jedoch unter Lähmungserscheinungen, Gedächtnisverlust und Inkontinenz. Anfang 1940 wurde sie zurück nach England gebracht, wie in einer zeitgenössischen Filmsequenz zu sehen:

Weil auf den Aufnahmen keine Schusswunde zu erkennen war, brodelte die Gerüchteküche: War der Anschlag nur erfunden, um Mitford unbeschadet nach England zu bringen und nicht internieren zu müssen? Um Hitlers Girl rankte sich ein dichtes Netz an Verschwörungstheorien - die in der Legende vom Mitford-Hitler-Baby gipfelten.

2002 erhielt der britische "Observer"-Journalist Martin Bright den Anruf einer Dame, die behauptete, Mitford habe 1940 in der Klinik ihrer Tante entbunden und das Kind zur Adoption freigegeben. Landesweit fahndete der Boulevard nach dem ominösen Nazi-Sprössling. Einmal mehr stand die Sex-Unity im Fokus - die politische Mitford interessierte längst nicht mehr.

Ein Fehler, so Biografin Karl, stehe Mitford doch stellvertretend für einen besonders gefährlichen, da modern und schick anmutenden Faschismus: "Alte Nazis und junge Skinheads sind heute weniger das Problem als die vielen weiblichen und männlichen Unity Mitfords, die uns tagtäglich freundlich lächelnd begegnen."

Hitlers britische Freundin starb am Abend des 28. Mai 1948 an einer Meningitis. Auf ihrem Grabstein steht die Gedichtzeile: "Say not the struggle naught availeth" - "Sagt nicht, der Kampf habe sich nicht gelohnt."



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Wolfgang Jedliczka, 05.03.2017
1.
Litersturhinweis: Auf Schwedisch ist 2002 bei Bonniers Pocket das illustrierte Buch Cecilia Hagens "De osannolika systrarna Mitford" erschienen, z.D. Die unglaublichen Schwestern Mitford. Der Tragödie erster Teil in den Augen von blauäugigen Blaubluetigen und solchen die dachten, Hitler und die Nazis seien nur halb so wild, da sie doch bei Bedarf Anzuege trugen und mit Messer und Gabel speisten.
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