Universalgenie Buckminster Fuller Ein Leben fürs Dymaxion

Visionär, Weltverbesserer, Wahnsinniger: Buckminster Fuller gehört zu den sprühendsten Geistern des 20. Jahrhunderts. Er erfand nicht nur ein Ufo-Haus, ein Auto mit aufblasbaren Flügeln und eine neue Weltkarte, sondern machte sein ganzes Leben zum Experiment - das er alle 15 Minuten protokollierte.

AP

Von


Erst als er ganz am Boden war, beschloss er, die Welt zu retten: Bis zu seinem 32. Lebensjahr war Buckminster Fullers Biografie ein einziges Desaster. Von der Elite-Uni Harvard geflogen, weil er zu viel gefeiert hatte. Fließbandjobs in den Textil- und Verpackungsfabriken Chicagos. Dann gar nichts mehr. Absturz in die Arbeitslosigkeit. Und 1922, mit gerade mal 27 Jahren, hatte ihm das Leben den härtesten Schlag versetzt: Seine vierjährige Tochter Alexandra war plötzlich an Kinderlähmung erkrankt und gestorben. Jetzt, fünf Jahre später, lag sein Leben in Trümmern: Er war bankrott und ein Säufer. Mit nur 32 Jahren schien sein Leben gescheitert. Er dachte an Selbstmord. Welchen Sinn hatte es zu leben, wenn man seinem Schicksal so hilflos ausgesetzt war?

Ausgerechnet ein Schiffsbauteil sollte sein Leben retten: Eines Tages, so erzählte Fuller Jahrzehnte später im Interview, sei ihm beim Anblick eines Ozeanriesen aufgegangen, welch gewaltigen Effekt die kleinsten Dinge haben können: "Hinten am Schiff hängt das Ruder. Und ganz am Ende des Ruders hängt eine winzige Klappe, die sogenannte Trimmungsklappe." Diese Klappe zu bewegen, kostet fast keine Kraft - aber sie reißt das ganze Ruder herum und steuert so das Schiff. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: "Der kleine Einzelne kann das Trimmruder sein. Die Gesellschaft denkt, sie zieht einfach an einem vorbei - aber wenn man auf die richtige Weise seinen Fuß rausstreckt, kann man die Richtung ändern, in die sich der ganze Staat bewegt." So hatte er beschlossen, sein komplettes Leben zu einem Experiment darüber zu machen, wie stark ein Individuum die Welt verändern kann. Als Fuller dem "Playboy" im Februar 1972 dieses Interview gab, hatte er das längst geschafft.


einestages gefällt Ihnen? Verpassen Sie keinen Artikel mehr - werden Sie Fan bei Facebook .


In den 55 Jahren zwischen seinem Entschluss, die Welt zu ändern, und dem Interview war Fuller zu einer Art Universalgenie geworden: Als Designer hatte er ein futuristisches Wunderauto erfunden, als Architekt ein Haus der Zukunft in Form eines Getreidesilos und als Sozialkritiker eine neue Weltkarte, die die gültige Weltordnung in Frage stellte. Aber für Fuller waren all diese Schöpfungen nur kleine Puzzleteile in seinem großen Kunstwerk - dem "Dymaxion".

Zukunftsauto mit aufblasbaren Flügeln

Dieses Kunstwort, das Fuller für den Rest seines Lebens begleiten sollte, war 1929 entstanden: Sein Projekt zur Weltrettung hatte er mit der Planung eines neuen Hauses begonnen, das energiesparend, umweltfreundlich und für jedermann erschwinglich sein sollte. Herausgekommen war eine Ufo-artige Konstruktion aus Stahl mit einem riesigen Aluminiummast in der Mitte. Das ganze Gebäude, zu dessen Form Fuller von Getreidesilos inspiriert worden war, hing an Stahlseilen an der Spitze des Mastes. Da die gesamte Konstruktion aus Stahl bestand (Fuller hielt Betonhäuser für einen Irrweg der Architektur) war das Haus so leicht, dass es auf einem LKW transportiert werden konnte. Zog man um, nahm man sein Heim einfach mit. So lautete jedenfalls Fullers Plan, denn noch existierte nur ein kleines Modell.

In einer Filiale der Kaufhauskette "Marshall Fields" in Chicago wollte Fuller es nun ausstellen - doch dafür brauchte er einen einprägsamen Namen. Und so stellte er einen Texter ein und versuchte, ihm seine Ideen zu erklären: Zwei ganze Tage lang redete Fuller voller Begeisterung auf den Mann ein - bis der am Ende nur noch Fetzen von typischen Fuller-Wörtern, die in dem endlosen Vortrag immer wieder auf ihn einprasselten, festhielt - und daraus ein Kunstwort erschuf: "Dymaxion", eine Zusammensetzung aus "dynamisch", "maximal" und "tension" (Spannung). Sein Auftraggeber war hellauf begeistert.

So begeistert, dass er beschloss, auch seine zukünftigen Erfindungen Dymaxion zu nennen - als Teil seines großen Gesamtprojektes. Etwa das energiesparende, aber blitzschnelle Dymaxion-Auto, das Fuller 1932 zusammen mit seinem Freund, dem Bildhauer Isamu Noguchi, plante: Es sollte geformt sein wie ein langer Wassertropfen, Platz für elf Reisende bieten und zwei Räder vorne sowie ein drittes hinten zum Lenken haben. Wenn das Zukunftsauto Fahrt aufnahm, sollten sich Flügel an den Seiten des Autos aufblasen, und erst das Hinterrad, dann das ganze Auto zum Abheben bringen.

Fotostrecke

23  Bilder
Dymaxion und Biosphère: Die Visionen von Buckminster Fuller

Auch, wenn die drei Prototypen des Modells, die ein Jahr später gebaut wurden, keine Flügel hatten - Teile des Autos hoben doch ab, wie sich Designhistoriker Russel Flinchum am 15. Juni 2008 in der "New York Times" erinnerte: "Scheinbar war es so, dass das Hinterrad den Bodenkontakt verlor, wenn das Auto 145 Stundenkilometer erreichte. Unglücklicherweise fing es dann an, unkontrolliert zu schlingern." Dennoch - für ein paar Monate war das futuristische Gefährt in aller Munde: Der Schriftsteller H.G. Wells posierte damit für Fotos, Star-Dirigent Leopold Stokowski kaufte einen der Prototypen und der Maler Diego Rivera soll ebenfalls Interesse gezeigt haben. Doch bei einer Schaufahrt mit zwei interessierten Investoren im Juli 1933 überschlug sich einer der Prototypen. Der Fahrer starb. Binnen kurzer Zeit verschwand die gewagte Autovision wieder von der Bildfläche.

Zwei Stunden Schlaf pro Tag

Aber der hartnäckige Erfinder ließ sich nicht abbringen von seinem Plan, die Welt zu verändern - und so erfand er sie einfach neu: Am 1. März 1943 stellte er im "Life"-Magazin seine Dymaxion-Weltkarte vor, die nichts ähnelte, was man zuvor in Atlanten gesehen hatte: Um die Verzerrung herkömmlicher Weltkarten zu vermeiden, malte er die Kontinente auf eine Art Bastelbogen, den man zu Polyedern, vielflächigen geometrischen Körpern, zusammenfalten konnte, um sich der Kugelform der Erde anzunähern. Das Ganze sah aus wie ein wirres Puzzlespiel, war aber nicht weniger als eine Sozialkritik an der herrschenden Weltordnung: Fuller argumentierte, im Universum existiere gar kein Oben oder Unten. Die verbreitete Darstellung, der Norden liege "oben" und der Süden "unten", entspringe ausschließlich dem kulturellen Vorurteil, der Norden sei über- und der Süden unterlegen. Bei der Dymaxion-Karte hingegen gab es kein oben und unten mehr.

Solche Überlegungen waren nicht bloßes Beiwerk, sondern der eigentliche Kern der Arbeit Fullers - über den die "New York Times" schrieb, er sei "weder ein Architekt noch ein Ingenieur gewesen, sondern ein Philosoph und Prediger". Tatsächlich verbreitete der Dymaxion-Schöpfer seine Ideen mit missionarischem Eifer - in stundenlangen Monologen, die er spontan Kneipengästen hielt, mit Vorträgen in Schulen und Universitäten und in mehr als 30 Büchern, die er schrieb.

Buckminster Fuller war unermüdlich darin, seine Ideen zur Verbesserung der Welt unter die Menschen zu bringen - im wahrsten Sinne des Wortes: Im Oktober 1943 stellte das "Time"-Magazin das streng rationierte Dymaxion-Schlafsystem vor, dem Fuller damals angeblich seit zwei Jahren "mit exzellenten Ergebnissen" folgte. Der Erfinder erklärte, lediglich zwei Stunden Schlaf täglich würden ihm ausreichen - gleichmäßig verteilt auf vier 30-Minuten-Nickerchen. Allerdings, so der Artikel, habe Fuller das System nach zwei Jahren dann doch wieder aufgeben müssen - weil sein Tagesrhythmus einfach nicht zu dem seiner Geschäftspartner gepasst habe. Tatsächlich, so der Fuller-Experte J. Baldwin 1996 in seinem Buch "Buckyworks", waren es wohl eher Einwände seiner Frau Anne, die den Erfinder zu normaleren Schlafzeiten zurückkehren ließen.

Alle 15 Minuten Lebensprotokoll

Es muss Fuller zutiefst zuwider gewesen sein, Lebenszeit mit Schlaf zu vergeuden. Schließlich verstand er sein Leben als ein historisches Experiment, das er mit größtmöglicher Akribie protokollierte: Alle 15 Minuten trug er den Fortgang seines Daseins in das Dymaxion Chronofile ein. So nannte er eine Art Tagebuch, in dem er den Status Quo seines Lebens, der Gesellschaft und der Technik dokumentierte. Er sammelte darin Kopien aller Korrespondenzen mit anderen Menschen, Notizen, Skizzen, Zeitungsausschnitte und selbst die nebensächlichsten Dokumente. Sogar Rechnungen der chemischen Reinigung heftete er ein. Er nannte es das "Labornotizbuch meines Lebens" - und hielt es über 60 Jahre hinweg durch, bis zum Ende des Experiments.

Es war am 1. Juli 1983. Fullers Frau Anne war schwer an Krebs erkrankt. Auch in der Klinik in Los Angeles hatte sich ihr Zustand weiter verschlechtert. An diesem Tag saß Buckminster Fuller an der Seite seiner sterbenden Frau, die inzwischen im Koma lag, und hielt ihre Hand. Plötzlich spürte er etwas: "Sie drückt meine Hand!", rief er aufgeregt, sprang auf - und erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. Seine Frau schied nur 36 Stunden später dahin. Beide wurden auf dem Mount Auburn Friedhof in Cambridge, Massachusetts, beerdigt.

Auf dem Grab steht ein kleiner, schmuckloser Stein mit einer schlichten Inschrift: "Nennt mich Steuerklappe".



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Wolf-Dieter Rase, 21.02.2012
1.
Zwei wichtige Punkte zu Buckminster Fullers Leben fehlen im Beitrag: der Fuller-Dom, eine selbsttragende Halbkugel aus Dreiecken, die heute noch für Radar-Antennen als Schutzhülle gebräuchlich ist. Der zweite ist das Buckminsterfullerene, eine weitere Form von Kohlenstoff (neben Diamant und Graphit) aus 60 Kohlenstoffatomen, die zu Ehren von Buckminster Fuller benannt wurde.
andreas ostwald, 22.02.2012
2.
Sir Norman Foster hat das Dymaxion Car gerade nachbauen lassen ... Buckminster Fuller nachgezeichnetes Leben wird mir etwas zu redundant und zwanghaft beschrieben > die inhaltlichen und philosophischen Aspekte dürften gerne Inhalt eines solchen Artikels sein ... statt ein fehlendes Unten und Oben zu erwähnen darf man auch auf die Gebrauchsanweisung für das Raumschiff Erde verweisen ...
Hugo Waldem, 22.02.2012
3.
Buckminster Fullers Auto hätte ein Erfolg sein können, hätte der Konstrukteur nicht zwei entscheidende (Anfänger)Fehler gemacht. 1. Das Fahrzeug hatte Hecksteuerung. Das gibt zwar Agilität, aber auch Instabilität 2. Der Schwerpunkt lag zu hoch. Hecksteuerung allein geht (mit viel Bauchweh) Schwerpunkt hoch geht (das Gleiche wie oben) Beides zusammen tödlich.......... außer im Stand. Das ein Fahrzeug, das zu dicht hinter dem Dymaxion Car fuhr den Unfall verursacht haben soll, lässt mich zumindest eine Augenbraue lüften
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.