Unsinns-Synchronisationen Hör mal, was der spricht!

Unsinns-Synchronisationen: Hör mal, was der spricht! Fotos

Recycling statt Regiestuhl: Vor 30 Jahren startete Woody Allens Erstling "What's Up, Tiger Lily?" in Deutschland. Selbst gedreht hatte er ihn nicht, sondern einen japanischen Agentenfilm völlig irre synchronisiert. Das Werk floppte. Dann machten "Star Trek"-Fans die Masche zum Internetkult. Von Danny Kringiel

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"Guten Tag! Ich bin der große, erhabene Hochmacha von Raspur - einem nicht existenten, aber echt klingenden Land", begrüßt der prachtvoll gekleidete alte Mann den Geheimagenten Phil Moskowitz. Noch seien sie auf der Länderwarteliste, führt er weiter aus, aber sobald ein Platz auf dem Globus frei werde, könne er die in Kisten verstaute Bevölkerung endlich auspacken. Moskowitz sieht den Alten irritiert an, doch der lässt sich nicht beirren: Er habe ihn gerufen, da Gangster sein Geheimrezept für Eiersalat geklaut hätten, um damit die Welt zu unterjochen. Denn, so der Herrscher: "es steht geschrieben: Er, der den besten Eiersalat macht, soll herrschen im Himmel wie auf Erden."

Nichts, was der alte Mann sagt, ergibt Sinn. Moskowitz, der Protagonist des Films "What's Up, Tiger Lily?" von 1966, nimmt sich des Auftrags dennoch an - und den Zuschauer mit auf eine 80-minütige Tour de Force voller Nonsens-Dialoge. Er begegnet Roulette-Spielern mit gefräßigen Schnurrbärten, Kobras, die zu Rockmusik tanzen und Gangstern, die am Telefon Bauchredner für sich sprechen lassen. Je weiter der Film voranschreitet, umso mehr hat man den Eindruck, dass eigentlich alle seine Figuren nur die Puppen von Bauchrednern sind: Irgendwie bewegen sich ihre Lippen nie ganz richtig zu den vollkommen absurden Sätzen, die sie sagen.

Tatsächlich können die Schauspieler beim Dreh zum Film nichts geahnt haben von den Worten, die später in den US-Kinos aus ihren Mündern kommen würden. Die wurden ihnen nämlich erst nachträglich in den Mund gelegt von einem noch unbekannten, jungen New Yorker Komödianten namens Woody Allen. "What's Up, Tiger Lily?" war sein Regiedebüt - dabei war der Film eigentlich gar nicht von ihm gedreht worden: Allen hatte einfach einen vollkommen ernst gemeinten japanischen Agentenstreifen namens "Kagi No Kagi" neu synchronisiert. Ein Kassenerfolg wurde der Film nicht. Doch Allens ungewöhnliche Idee rief etliche Nachahmer auf den Plan - und sollte fast vier Jahrzehnte später zur Blaupause eines Do-It-Yourself-Filmkults werden.

Nackte Haut statt rotem Faden

Schuld an dem sonderbaren Filmprojekt war eigentlich James Bond. Seit Sean Connery 1962 erstmals in "James Bond jagt Dr. No" auf der Leinwand erschienen war, brachen Agentenfilme alle Kassenrekorde. Jeder Filmproduzent in Hollywood wollte ein Stück vom Kuchen abhaben - auch Henry Saperstein. Allerdings war dessen Produktionsfirma American International Pictures (AIP) weniger für Agentenfilme bekannt als für japanische B-Movies wie "Frankenstein - der Schrecken mit dem Affengesicht" von 1965. AIP kaufte die Rechte daran für wenig Geld auf und brachte sie synchronisiert auf den US-Markt.

Saperstein versuchte, mit der gleichen Masche einen billigen Agentenfilm zu produzieren: Er kaufte die Rechte an dem unbekannten japanischen Film "Kagi No Kagi" (Schlüssel der Schlüssel), übersetzte ihn und stellte den vermeintlichen Action-Reißer einem Testpublikum vor. Das lachte den unfreiwillig komischen Streifen prompt aus. Saperstein änderte seine Strategie: Wenn er die Synchronisation noch lächerlicher machen ließe, ginge der Film vielleicht als Persiflage durch. Für 75.000 Dollar warb er Woody Allen an, der sich einen Namen als Stand-up-Comedian und Gagschreiber für die "Tonight Show" gemacht hatte und das Drehbuch zu der Erfolgskomödie "What's New, Pussycat?" von 1965 geschrieben hatte.

Woody Allen und seine Lebensgefährtin Louise Lasser verbrachten Tage in einer Suite des New Yorker Stanhope Hotels damit, gemeinsam mit Freunden immer wieder den Film anzusehen und dazu anarchische Witze zu improvisieren. Anschließend begab sich Allen in den Schneideraum, reihte die Szenen des Films völlig neu aneinander und spielte damit herum: So ließ er "Kagi No Kagi", nachdem Gangster an Bord eines Schiffes gesprungen waren, plötzlich rückwärts laufen. Die Gangster hüpften so unverrichteter Dinge wieder an Land und kreischten: "Da ist eine Maus an Bord!". An einer anderen Stelle schieben sich plötzlich die nachträglich von Allen hineinmontierten Umrisse von Händen vor das Filmbild und versuchen, eine Haarsträhne der Hauptdarstellerin vom Boden aufzuheben.

Am Ende hatte Allen eine ziemlich wirre Ansammlung von Gags, aber kein richtiges Ende für den Film. Also entschied er, eine Schlussszene nachzudrehen. Die hatte allerdings nichts mit dem Rest von "What's Up, Tiger Lily?" zu tun: In ihr liegt Allen einen Apfel essend auf einem Sofa, während vor ihm das Playmate China Lee einen Striptease tanzt und auf der rechten Bildseite die Abspanntitel laufen. Erst ganz zum Schluss wendet sich der Regisseur doch noch mit einer Erklärung an den Zuschauer, die allerdings reichlich dürftig ausfällt: "Ich hatte ihr versprochen, sie irgendwo im Film unterzubringen."

Zombies ohne Knabberkram

Das Publikum reagierte entsprechend verwirrt: Ein roter Faden war in dem Chaos aus Schießereien, Wortspielen und Stripeinlagen kaum noch zu erkennen. Allens Tätigkeit als Gagschreiber und seine mangelnde Erfahrung als Regisseur machten sich bemerkbar, und der Film wirkte fast wie eine Aneinanderreihung von Witzen in einer Stand-up-Comedy-Nummer. Auch die ersten Reaktionen der Kritiker waren eher verhalten. So schrieb etwa Joseph Morgenstern am 10. Oktober 1966 in der "Newsweek", die Komödie sei "wahrscheinlich nicht mehr als Schülerhumor. Aber Schüler können ja ziemlich lustig sein."

Der große Publikumserfolg blieb aus. Erst 15 Jahre später, am 16. Oktober 1981, sollte der Film in Deutschland anlaufen. Dennoch avancierte der exzentrische Film zum Geheimtipp. Und als Allen mit weiteren Komödien wie "Bananas" oder "Der Stadtneurotiker" zum Star-Regisseur geworden war, begannen auch andere Film- und Fernsehschaffende, "What's Up, Tiger Lily?" wiederzuentdecken und ihm nachzueifern: Carl Reiner montierte 1982 den Komiker Steve Martin für die Film-Noir-Satire "Tote tragen keine Karos" in Ausschnitte aus 18 Detektivfilmen hinein und sponn daraus eine neue Handlung. "Mad Movies with the L.A. Connection" machte 1985 den Neuvertonungs-Klamauk bekannter Filme zum Prinzip einer Fernsehserie: Zorro musste sich da plötzlich mit einem Schurken herumplagen der darauf beharrt, ein Roboter zu sein, Shirley Temple wurde in einem Tanzfilm exorziert und der Zombie-Klassiker "Night of the Living Dead" mutierte zum Film über eine Party ohne Knabberzeug.

Die Motivationen der diversen Nachahmer waren dabei grundverschieden: Manche, wie das Kult-Billigfilmstudio Troma Entertainment, waren offenbar schlicht darauf aus, möglichst kostengünstig zu produzieren. Selbst wenn ihnen das, wie im Fall des neusynchronisierten indonesischen Kampfsportfilms "Ferocious Female Freedom Fighters" von 1982 Morddrohungen des ursprünglichen Filmteams einbrachte.

Andere verfolgten satirische Zwecke - wie "A Man Called… Rainbo" von 1990, der aus unbenutztem Material des Sylvester-Stallone-Films "No Place To Hide" eine Rambo-Parodie machte. Der französische Kunstfilm "La dialectique peut-elle casser des briques?" ("Kann Dialektik Ziegel zerschmettern?") schließlich verwandelte 1973 sogar einen Kung-Fu-Film in ein marxistisches Manifest. So verschieden diese Ansätze waren - eines hatten sie gemeinsam: Wirklich erfolgreich wurde keiner.

"Miami Vice" mit Pingpong-Robotern

Seinen großen Durchbruch erlebte Woody Allens Prinzip der Nonsens-Synchronisation erst 1994, weit entfernt von New York und Hollywood - in Siegen, Nordrhein-Westfalen. Eine Gruppe junger "Star Trek"-Fans beschloss, über einen Videorecorder mit Mikrofoneingang Folgen ihrer Lieblingsserie neu zu vertonen - im Siegerländer Dialekt. Die Charaktere der Science-Fiction-Saga wurden dabei komplett verdreht. So wurde der kämpferische Klingone Worf zu einem quengelnden Kindskopf, der ständig nach Gummibärchen verlangt, und der im Original stets diplomatische Captain Picard verwandelte sich in einen fluchenden, gewaltbereiten Saufbold.

Zunächst verbreitete sich die umgemodelte Serie unter dem Titel "Sinnlos im Weltraum" vor allem regional in Nordrhein-Westfalen auf selbstkopierten VHS-Kassetten. Doch als um die Jahrtausendwende die Internetverbindungen schneller und die Internet-Tauschbörsen belebter wurden, wurde die Eigenproduktion zum deutschlandweiten Kult.

Schnell tauchten ähnliche "Fandubs" oder "Fansynchros" von Nachahmern im Netz auf, die mit PC und Videobearbeitungssoftware Persiflagen ihrer Lieblingsfilme erstellt hatten: In "Lord of the Weed" etwa wurde aus Tolkiens Fantasy-Epos eine Kiffer-Saga, und "Miami Vice - Vielleicht mit Kümmel" ließ die Drogenfahnder Crockett und Tubbs gegen Pingpong spielende FBI-Androiden antreten. Falsch synchronisierte Filme und Serien waren ein Publikumsrenner - ganz anders als "What's Up, Tiger Lily?" zu seinem Kinostart 1966.

Woody Allen war damals übrigens selbst alles andere als überzeugt gewesen von seinem Film, der einmal das Fandub-Phänomen begründen sollte: Noch vor dem Kinostart hatte er gegen die Produktionsfirma geklagt, um eine Veröffentlichung zu verhindern. Der Grund: Da der fertige Film dem Produzenten Saperstein mir nur etwa 75 Minuten Länge zu kurz erschien, hatte er zwei Live-Auftritte der Band "The Lovin' Spoonful" eingefügt, die mit dem Rest der Handlung rein gar nichts zu tun hatten. Allen zog die Klage zurück - doch achtete er bei seinen weiteren Filmen strikt darauf, sich stets das Recht am "Final Cut" vorzubehalten. Ein Vorrecht, das sich Senkichi Taniguchi, der Regisseur von "Kagi No Kagi" vermutlich auch gewünscht hätte.

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1.
Andrea Binek 19.12.2011
Schöner Youtuber: Hitlerrantsparodies. Die Bunkerszene aus "Der Untergang" mit immer wieder neuen, witzigen Untertiteln (vorsicht, englische Sprache!). Sowas kann nur aus Großbritannien kommen. http://www.youtube.com/user/hitlerrantsparodies?blend=1&ob=4
2.
Berend Dressen 19.12.2011
Also ich fand diese Neusynchronisierungen immer unlustig und vor allem schrecklich infantil. Wie schrieb der Kritiker zu Woody Allen? Schülerhumor. Manchmal können Schüler wohl sehr witzig sein. Meistens sind sie es aber leider nicht. Trauriger Höhepunkt war "Lord of the Weeds". Den Machern glaube ich sofort, dass sie auch in der Realität gerne mal was rauchen....nee, danke, ist nicht meine Welt.
3.
Sebastian Gotzler 19.12.2011
Was "Lord of the Weed" angeht muss ich leider zustimmen, dass es sich dabei um unlustigen Mist handelt. Schade um die Lebenszeit die es gekostet hat das Video anzusehen.... Sinnlos im Weltraum hingegen mag ebenfalls recht infantil sein, aber ich schmeiß mich jedes Mal weg wenn ich es sehe. "Wir saufen bis wir umfalln!"
4.
Bianca Giessler 19.12.2011
Wie kann man Fansynchros erwähnen und neben Lord of the Weed nicht auch Harry Potter und ein Stein von Coldmirror erwähnen.
5.
Barbara Fischer-Bossert 19.12.2011
Nicht zu vergessen die schwäbische Barck-Obama-Synchro: http://www.youtube.com/watch?v=eF3qxtO70Zw
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