Untergegangener Frauenfußballclub Als Siegen alles verlor

Untergegangener Frauenfußballclub: Als Siegen alles verlor Fotos
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Er kaufte der Konkurrenz die besten Spielerinnen weg, die heutige Bundestrainerin fuhr für ihn die Blumen aus: Ein umtriebiger Großhändler machte den Provinzverein TSV Siegen in den Achtzigern zum "FC Bayern des Frauenfußballs". einestages über zehn Jahre Titel und Tore - und warum der Club plötzlich verschwand. Von

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Als der TSV Siegen noch mit Bayern München verglichen wurde, war Silvia Neid seine beste Spielerin. Der Club holte sechs deutsche Meisterschaften und fünf Pokalsiege, Neid schoss die Tore oder bereitete sie vor. Es gab in Deutschland zwischen 1986 und 1996 keinen besseren Verein als Siegen und keine bessere Spielerin als Neid.

Heute ist Silvia Neid Bundestrainerin. Sie ist 2007 Weltmeisterin geworden und 2009 Europameisterin, und bei der WM in Deutschland ist ihre Mannschaft der Top-Favorit. Es gibt keine erfolgreichere Trainerin in diesem Land als Neid. Der TSV Siegen aber ist verschwunden. "Die Zeit kann man nicht zurückdrehen und die Geschichte nicht mehr ändern", sagt Neid.

Neid, 47, klingt wehmütig, wenn sie heute an ihren ehemaligen Club denkt, der einst eine Ära prägte. Der Club, der vor zwei Jahren feierlich sein 100-jähriges Bestehen beging, hat im Jahr 2011 neben den 1. und 2. Herren in der Kreisliga A und B sowie einem Alt-Herren-Team noch sieben männliche Jugendteams von der A- bis zur G-Jugend zum Spielbetrieb angemeldet. Frauenfußball? Fehlanzeige.

"Wir waren froh, wieder legal spielen zu dürfen"

Dabei war Siegen mal ein Synonym für Frauenfußball und Silvia Neid so berühmt wie der bis dato größte Sohn der Stadt, der Barockmaler Peter Paul Rubens. Siegen hieß gewinnen, und der Ruhm der 100.000-Einwohner-Stadt verbreitete sich in ganz Europa. Geblieben ist von dieser Glanzzeit nichts - außer Gudrun Winkler.

Die 57-Jährige ist eine der wenigen Konstanten in der Geschichte des Siegener Frauenfußballs. Sie hat als langjährige Spielerin und Betreuerin alle Stationen miterlebt. Von den Anfängen des bei den DFB-Funktionären verpönten Sports, über die Glanzzeiten unter einem investitionsfreudigen Blumengroßhändler, bis zum turbulenten Ende.

"Wir waren ja froh, überhaupt wieder legal spielen zu dürfen", erinnert sich Winkler im Gespräch mit einestages an die schwierigen Anfänge nach der Aufhebung des Frauenfußballverbots durch den DFB im Jahre 1970. Für die skeptisch beäugten Sportlerinnen sind es Wanderjahre: Erst vom BC Eintracht Siegen 1972 zum Siegener SC, dann, wieder zwei Jahre später, mit der ganzen Abteilung zum TSV im Ortsteil Trupbach.

Der Coup des Blumenhändlers

1978 steigt der ortsansässige Blumengroßhändler Gerd Neuser bei den Fußball-Damen des TSV ein. Eigentlich ist er in der Siegerländer Tennisszene aktiv, beginnt sich aber wegen seiner Frau Rosi, einer talentierten Torhüterin, auch für den Fußball zu engagieren. Neuser wechselt 1983 zum Rekordmeister SSG Bergisch Gladbach und wird prompt Deutsche Meisterin, Pokalsiegerin und Nationalspielerin. Ihr Ehemann ist immer dabei - und registriert bald, dass etliche Gladbacher Spielerinnen mit ihrer Trainerin Anne Trabant-Haarbach über Kreuz liegen.

Der umtriebige Neuser nutzt die Gunst der Stunde und lotst im Juli 1985, kurz vor Saisonstart, mit Silvia Neid, Petra Bartelmann, Andrea Haberlass und natürlich seiner Ehefrau gleich vier SSG-Nationalspielerinnen zum TSV Siegen. Dazu holt er mit Sissy Raith einen weiteren Star vom FSV Frankfurt. Es ist ein Coup, der den deutschen Frauenfußball auf einen Schlag verändert.

Neuser und Siegens Vereinsvorsitzende Günther Schmidt und Klaus-Dieter Wern versuchen fortan, halbprofessionelle Strukturen zu etablieren und mit kleineren finanziellen Vergütungen, der Vermittlung von Arbeits- und Lehrstellen und der Hilfe bei der Wohnungssuche ambitionierte Spielerinnen in die südwestfälische Provinz zu locken. Neuser ist gleichzeitig Trainer, Manager, Talentscout, Pressesprecher, Schatzmeister, Wohnungsmakler und Arbeitsvermittler in einem. Manche Spielerin, wie Silvia Neid, beschäftigt er gleich selbst. Die damals 21-jährige Stürmerin, gelernte Fleischerei-Fachverkäuferin, fängt in seinem Blumengroßhandel an, fährt mit Neusers LKW zum Großmarkt nach Amsterdam und kutschiert Tulpen, Rosen und Orchideen durchs Siegerland.

Herren als Vorspiel

Auch das Spielniveau des TSV blüht auf. Immer mehr Nationalspielerinnen kommen, große Namen wie Martina Voss, Jutta Nardenbach, Rike Koekkoek oder die Torhüterinnen Marion Isbert und Silke Rottenberg. Auch Doris Fitschen, heutige Managerin der DFB-Nationalmannschaft, spielt von 1992 bis 1996 für den TSV - und studiert nebenbei BWL. Zeitweise stehen bis zu elf Nationalspielerinnen im Kader des TSV Siegen. Die Konkurrenz ätzt und lästert über die "zusammenkaufte Truppe".

Es ist die Zeit, als der Slogan "Siegen heißt gewinnen" kreiert wird und die Kickerinnen den Beinamen "FC Bayern des Frauenfußballs" erhalten. Die 1. Herren der Sportfreunde Siegen, immerhin Verbandsligist, freuen sich, die Vorspiele der Bundesliga-Frauen den TSV bestreiten zu dürfen.

Die "einheimischen" Spielerinnen hingegen rücken zwangsläufig in die zweite Reihe – mit durchaus gemischten Gefühlen, wie sich Gudrun Winkler erinnert: "Für uns bedeuteten die zahlreichen Neuverpflichtungen natürlich in der Regel den Verlust des Stammplatzes, trotzdem war es toll und hat uns persönlich enorm weitergebracht, mit so starken Spielerinnen trainieren zu dürfen." Man bewegt sich auf absolutem Leistungssportniveau. Zu Bundesliga-Hochzeiten wird drei- bis viermal die Woche trainiert. Dazu absolvieren die Frauen privat zusätzliche Lauf- und Krafteinheiten.

Am Ende kommen nur noch 100 Zuschauer

Erfolge und Trophäen stellen sich so fast logisch ein: Zwischen 1986 und 1996 holt der TSV insgesamt sechs Meistertitel und fünf Pokalsiege. Neunmal weht die blau-orangene Siegener Stadtfahne über dem Berliner Olympiastadion, wo die Pokalfinals ausgetragen werden. Die Spielerinnen genießen die phantastische Bühne: Das Fernsehen ist live dabei, die Tribünen gut gefüllt. 1989 etwa notiert der "Kicker" beim Siegener 5:1-Sieg über Frankfurt 76.500 Zuschauer.

Im Sommer 1994 kommt es zum Bruch. Multi-Funktionär Neuser und Vereinsboss Wern zerstreiten sich unversöhnlich. Es geht ums Geld. Als das Finanzamt bei einer Steuerprüfung detaillierte Belege einfordert, kann Neuser nicht alles lückenlos dokumentieren. Daraufhin wird er von Wern gefeuert. Viele Spielerinnen wollen Neuser folgen, doch der Verein lässt sie nicht ziehen. Der Club schaltet sogar das Arbeitsgericht ein. Neuser zieht sich komplett vom Fußball zurück.

Im Juli 1996 beendet auch Silvia Neid nach elf Siegener Jahren ihre aktive Laufbahn. Noch einmal holt der TSV den deutschen Meistertitel. Doch um die Finanzen ist es nicht gut bestellt. Um sich zu retten, wechselt die komplette Frauenmannschaft auf Vermittlung von Emmi Winkler zum Ortsnachbarn Sportfreunde Siegen. Vier Jahre spielt man so noch erstklassig, drei davon in der 1997 eingeführten eingleisigen Bundesliga. Am Ende kommen allerdings gerade mal 100 Zuschauer zu den Spielen.

2000 gelingt zum zehnten Mal der Sprung ins Pokalendspiel nach Berlin, das 1:2 gegen den 1. FFC Frankfurt ist der allerletzte Auftritt auf der ganz großen Fußballbühne. Als sich danach der Hauptsponsor zurückzieht, gehen auch die letzten Lichter aus. Für die Serie 2001 erhalten die "Sportfreundinnen" keine Bundesliga-Lizenz mehr. Zeitweilig in die vierte Liga abgerutscht, spielen sie inzwischen in der drittklassigen Regionalliga West.

Gudrun Winkler ist als Abteilungsleiterin noch immer aktiv dabei. Sie muss lachen, wenn sie erzählt, was aus all den schönen Pokalen geworden ist, die sie und ihre Mitspielerinnen in der großen Zeit erspielt haben: "Die gucke ich mir mitunter noch mal gerne an. Sie stehen als stumme Zeugen unserer tollen Zeit blankgeputzt und säuberlich aufgereiht im Vereinsheim des TSV." Einem Club wohlgemerkt, der keine einzige Mädchen- oder Frauenmannschaft mehr gemeldet hat.

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1.
Martin Bitdinger 14.06.2011
Frauen"fußball" Man sollte das nicht Fussball nennen. Höchstens "fussballähnliches Gehopse".
2.
Sarah Schmidt 21.06.2011
Männer"gehirn" Man sollte das nicht Gehirn nennen. Höchstens "gehirnähnliches Gebilde".
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