Unterirdischer Kulturbunker Lesespaß nach dem Atomschlag

Goethe unter Granit: Ein atombombensicherer Stollen bei Freiburg beherbergt seit 1975 die Schatzkammer der Kulturnation Deutschland. Das gigantische unterirdische Archiv bewahrt Dokumente aus mehr als tausend Jahren Geschichte - für den Fall, dass das Land noch einmal zerbombt wird.

Friedel Ammann

Vor 500 Jahren soll der reale Doktor Faust im nahen Staufen herumgespukt sein, in dieser schönen, spektakulär sanftmütigen Landschaft am Rand des Rheintals, wo sich die ersten Gipfel des Schwarzwalds erheben, deren berühmtester Schauinsland heißt. Heute schnurrt eine Seilbahn über Wiesen und Hügel und reichlich Laub- und Nadelwald von Freiburg hinauf bis auf 1220 Höhenmeter. Ausflügler in Bussen und Motorradfahrer verstopfen die Serpentinenstraße auf den Schauinsland, junge japanische Touristen stemmen bis spät im Herbst Bierkrüge auf der Terrasse des Seilbahn-Restaurants.

Drunten im Berg aber, nur wenige hundert Meter unter der friedlichen Idylle, besorgen deutsche Beamte seit mehr als 30 Jahren ein Geschäft, das die deutsche Kultur hinwegretten soll über die übelsten Katastrophen und Kriegsszenarien der Zukunft.

"Unser Konzept beruht auf der Vorstellung, dass der Rest von Deutschland zerbombt ist", sagt Martin Luchterhandt, Landesarchivar in Berlin und einer der Hauptverantwortlichen für das, was im Innern des Schauinsland geschieht, "zynisch ausgedrückt, sorgen wir dafür, dass die Leute nach einem Atomkrieg noch Lesestoff haben. Wenigstens hier drin im Stollen."

"Es kann sein, dass die Menschen einer fernen Zukunft unsere Dokumente so staunend betrachten werden wie wir die Höhlenzeichnungen der Steinzeitmenschen", sagt Lothar Porwich, der sich im Auftrag des Bonner Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe um den Ort kümmert, genauer: um den "Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik". Im Barbarastollen im Schauinsland schichtet man seit 1975 Edelstahlfässer auf, in denen Mikrofilme lagern. Sie dokumentieren "geschütztes Kulturgut". Darunter Handschriften Schillers und Goethes, Notenblätter von Bach und eine riesige Menge deutscher Akten, aus kaiserlichen Kanzleien, Grundbuchämtern und Gerichten. Zweimal im Jahr werden zu den derzeit 1466 Fässern neue Fuhren angeliefert, mit jeweils 10 bis 40 Stück. "Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen", heißt es in Goethes "Faust".

Wissen möchte man, warum sich im Jahr 2009, in dem der Kalte Krieg erledigt und die Gefahr eines Atomkriegs zum Glück nicht allzu drängend erscheint, die deutschen Behörden weiter eifrig für den nuklearen Ernstfall rüsten. Warum wird in einem Berg im Badischen ein Film-Schatz gebunkert, den auch schlaue künftige Erdbewohner nur mit viel Glück aufspüren werden? Vielleicht, weil der Barbarastollen nun mal einfach da und ausgebaut ist.

Der ganze Schauinsland ist durchlöchert, 800 Jahre lang hat man hier Bergbau betrieben, bis in die fünfziger Jahre hinein schürften Männer staubverschmiert nach Silber, Blei und Zink und gruben Stollen, auf 22 Ebenen und 100 Kilometer Länge.

Manche der Stollen sind für Touristen zugänglich. Der Barbarastollen nicht. Es handelt sich um einen am Osthang des Schauinsland waagerecht in den Berg gebohrten Erkundungstunnel. "Nur einmal im Jahr lassen wir bei einem Tag der offenen Tür Gruppen von 20 Leuten hinein. Die werden geführt und beaufsichtigt", sagt Porwich, der Mann vom Bundesamt.

Der Stollen endet nach 680 Metern in Granit und Gneis. Der einzige Eingang liegt gut versteckt. Hinter dem Dorf Oberried geht es erst auf einer schmalen Teerstraße steil bergwärts, dann biegt man in einer Rechtskurve auf einen Feldweg ab. Hinter dem nächsten Felsvorsprung erkennt man, eingefasst von einer drei Meter hohen moosüberwachsenen Stützmauer, ein Metallgittertor unter einem merkwürdig mickrigen Regendach.

Gemächlich wuchtet der Wachmann einer privaten Sicherheitsfirma, die täglich einmal nach dem Rechten sieht, das Gittertor auf. An den Stäben ist eine Stahlplatte angeschraubt. Auf ihr klebt dreifach ein blau-weißes Rautenmusterwappen. Es ist das Zeichen der Haager Konvention zum "Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten", ausgehandelt 1954. Über hundert Nationen sind ihr bisher beigetreten, Deutschland im August 1967. Seither werden überall die blau-weißen Rautenwappen verteilt. Man sieht sie auf den Fassaden deutscher Burgen, Schlösser und Museen.

Aber drei Wappen? Die markieren besonders erhaltenswerte Orte, die laut Haager Konvention "Sonderschutz" genießen. Drei Wappen haben in Europa nur der Vatikan und das Rijksmuseum in Amsterdam. Und eben der Barbarastollen in Oberried. Flugzeuge dürfen den Schauinsland nicht überfliegen, Militärfahrzeuge und Uniformierte müssen dem Stollen in einem Bannkreis von drei Kilometern fernbleiben.

Natürlich kann niemand verhindern, dass zerstörungswütige Eindringlinge im Kriegsfall alle Schutzverdikte missachten. So wie die Taliban in Afghanistan 2001 die durch die Konvention geschützten Buddhastatuen in Bamian gesprengt haben; so wie Serbenführer Radovan Karadzic 1992 die Nationalbibliothek in Sarajevo mit Granaten beschießen ließ; so wie die Deutschen in zwei Weltkriegen in halb Europa Kulturschätze abfackelten, darunter 1914 die Universitätsbibliothek im belgischen Löwen, trotz der damals gültigen Vorläuferregeln zur Haager Konvention.

Im Barbarastollen jedenfalls geht es hinter dem Eingang unter Leuchtstoffröhren schnurgerade durch einen geräumigen Tunnel, die Temperatur sinkt schon nach den ersten Schritten auf nahezu konstante 10 Grad. Nach 250 Metern ist auf der linken Seite eine rote Stahltür in die Stollenwand eingelassen, dahinter folgt ein kurzer Seitentunnel, von dem zweigen nach wenigen Metern die beiden Lagerräume des "Zentralen Bergungsorts" ab.

"Weil die Lagerstollen parallel zum Hauptstollen verlaufen, könnte eine Druckwelle von draußen nichts ausrichten", sagt Porwich, ein großer, schwerer Mann mit rheinischem Temperament. Selbst der Vision eines atomaren Vernichtungsschlags gewinnt er eine irritierende Heiterkeit ab.

Die Schatzkammer der Kulturnation sieht aus wie ein gut aufgeräumter Heizungskeller. Die 1466 Fässer stehen eng aneinander, je zur Hälfte auf dem Boden und auf einstöckigen Regalen, darüber wölbt sich die Stollendecke. Jeder Behälter wiegt 122 Kilogramm und enthält 16 Filmrollen à 1520 Meter, das entspricht pro Rolle rund 50.000 Einzelaufnahmen, pro Fass 800.000.

Was genau zeigen die Filme, die im Stollen lagern? Es sind Kopien der wichtigsten und ältesten Dokumente, die in ganz Deutschland in staatlichen und städtischen Archiven aufgehoben werden. Der Vertragstext des Westfälischen Friedens, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, gehört dazu. Die Urkunde von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler durch Hindenburg. Die Baupläne des Kölner Doms. Und als ältestes Schaustück eine Urkunde Karls des Großen zugunsten des Klosters St. Emmeram in Regensburg, die auf den 22. Februar 794 datiert ist.

Hermann Hesses Nachlass ist schon im Stollen, Friedrich Nietzsches wird gerade verfilmt, auch Schriften der Weimarer Herzogin Anna Amalia und das Wertvollste aus der nach ihr benannten Bibliothek. Dazu aber kommen: jede Menge Akten, Akten, Akten. "In erster Linie dokumentieren wir staatliches Handeln", sagt Luchterhandt. "In Berlin verfilmen wir derzeit zum Beispiel Unterlagen über die Enteignung jüdischer Vermögen durch NS-Gerichte."

Luchterhandt ist "Vorsitzender des Fototechnischen Ausschusses der Archivreferentenkonferenz des Bundes und der Länder", Deutschlands oberster Kulturgutverfilmer. Grundsätzlich gilt: verfilmt wird, was "unikal", also nur einmal vorhanden ist. Das trifft für Handschriftliches meist zu, Gedrucktes scheidet in der Regel aus. Verfilmt werden nur geordnete, im Fachjargon "erschlossene" Bestände. "Wir wollen nichts auf Film haben, von dem wir nicht wissen, was es ist. Der Großteil unserer Mühe besteht darin, genau zu beschriften und aufzulisten, was wir verfilmen."

Auch im Zeitalter der Digitalisierung des Wissens sei Mikrofilm "das mit Abstand haltbarste Medium", sagt der Archivar. "Würden Sie die Dokumente, die im Barbarastollen aufbewahrt werden, digital speichern, müssten Sie ständig nachrüsten." Nicht etwa, weil die Datenträger wie CDs nicht lange haltbar sind, "das auch", so Luchterhandt. "Aber noch schneller altern die Abspielgeräte. Mit welchem modernen Computer können Sie heute noch eine Diskette lesen?" Zum Lesen eines Mikrofilms braucht man kein Abspielgerät, nur eine Lupe, notfalls eine Glasscherbe.

Einmal im Jahr treffen sich 16 deutsche Archivhüter aus den 16 Bundesländern unter Luchterhandts Vorsitz. Dann sprechen sie ab, was in den Fässern des Barbarastollens landen soll. Alles, was älter als 200 Jahre ist, hat Vorfahrt und Dringlichkeitsstufe eins. Dass man in Berlin schon viel aus dem 20. Jahrhundert verfilmt, hat mit den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zu tun. "Wir haben im Haus kein Mittelalter mehr", sagt Luchterhandt.

Das Landesarchiv der Hauptstadt residiert, das kann man als lustige historische Symbolik sehen, in einer prachtvoll restaurierten ehemaligen Waffen- und Munitionsfabrik im Stadtteil Wittenau. Dort sind zwei Frauen und ein Mann täglich acht Stunden mit der "Sicherungsverfilmung" von Akten beschäftigt. In ihrem Arbeitsraum bleiben die grauen Plastikjalousien stets zu, wegen der störenden Lichteffekte.

Insgesamt gibt es in Deutschland 15 Verfilmungsstellen. Zum Klimatisieren schicken sie ihre Filme an eine Münchner Spezialfirma, dort werden die Rollen nach einem patentierten Verfahren in den Fässern versenkt. Nur für das Knipsen der Aufnahmen, für die Verpackung und für die Lagerung im Stollen kommt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz auf. Rund drei Millionen Euro beträgt dafür der jährliche Etat.

"Ich glaube, keinem ist bewusst, welche ungeheure Menge an Dokumenten Deutschland besitzt", sagt Luchterhandt. Vielleicht liegt es an diesem Bewusstseinsmangel, dass sich mitunter Menschen in Deutschland fragen, ob sich das alles wirklich lohne. "Es kam in den letzten Jahren vor, dass Politiker laut darüber nachdachten, ob man sich den Aufwand nicht sparen könne", so Luchterhandt.

Dann kam der 3. März 2009. Der Tag, an dem in Köln das Stadtarchiv einstürzte. Zwei Menschen starben, fast alle Bestände des Hauses, Dichternachlässe und historische Urkunden, Folianten und Gerichtsakten rutschten in die 20 Meter tiefe Schlammgrube einer U-Bahn-Baustelle.

Lothar Porwich sagt: "Für die Fachwelt war Köln ein Super-GAU." Und doch war die Katastrophe auch eine Art Glücksfall, eine Lektion für alle Zweifler am Aktentresor im Barbarastollen. "Seit Köln hat sich keiner mehr laut gegen die Verfilmung geäußert", sagt Luchterhandt.

Mit Hilfe der sogenannten Findbücher, von denen je eines auch in jedem gelagerten Fass deponiert ist, peilte man im Schauinsland-Bunker sofort die Orte, wo die 6369 Filme mit rund zehn Millionen Aufnahmen aus dem Kölner Archiv aufgerollt waren. Unter anderem in Fass 1799.

Am Ende musste man dort trotzdem kein Fass aufmachen. Denn bei jeder Mikrofilmaufnahme für den Bund wird inzwischen eine Kopie sowie eine computernutzbare Digitalversion für das Bundesland erstellt (und akribisch abgerechnet). Die Kölner Kopie hatte den Archiveinsturz heil überstanden. "Wir brauchten nicht tätig zu werden", sagt Porwich. Es klingt leicht bedauernd. "Trotzdem hat durch Köln fast jeder den Nebennutzen der Sicherungsverfilmung begriffen", sagt Luchterhandt.

Den Hauptnutzen der Fässer kann man möglicherweise als den einer heiteren Flaschenpostladung beschreiben. Der Kulturwissenschaftler Bazon Brock sagt über den Barbarastollen, er stelle für ihn eine "Endlagerung unserer Ewigkeitsansprüche in Gestalt von Zeitkapseln" dar und den Appell an die Menschen, sich als "Archäologen der Menschheitszukunft" zu gebärden. Brock findet das gut so.

1977 hat die Nasa die beiden Voyager-Sonden mit einer Kapsel voller Bilder, Texte und Töne ins Weltall geschickt, samt Bastelanleitung für das Abspielgerät. Präsentiert werden da Abbildungen von Erde, Sonne und Mars, Menschen, Häuser, Pflanzen und Tiere. Man hört Mozart und Chuck Berry, es gibt Grüße in 55 Sprachen und eine Liste von US-Kongressmitgliedern.

Im deutschen Stollen setzt man nur auf Bilder und Schriftgut. Und auf Masse. Die Filme im Barbarastollen würden "endgültig eingelagert", heißt es in der Kulturgutschutz-Broschüre des Bonner Bundesamts, das Material sei "für mindestens 500 Jahre ohne Informationsverlust" haltbar.

Der Archivar Luchterhandt sagt: "Unser Kulturbegriff ist keiner mit Goldrand, der nur Kunstwerke berücksichtigt, sondern ein soziologischer und historischer. Er meint die Gesamtheit der Äußerungen einer Gesellschaft." Er gebe zu, "es gibt Teile der Kultur, die ich nicht retten kann. Wie die DDR roch, wie eine Currywurst schmeckt, wie man als Zuschauer eine Aufführung in der Staatsoper erlebt - das lässt sich auf einem Film nicht festhalten."

Schon seit 1961 werden in deutschen Behörden systematisch wichtige Kulturzeugnisse und Akten auf Mikrofilm gebannt. Damals war der Kalte Krieg besonders frostig, in Berlin baute man die Mauer, Exilkubaner landeten mit CIA-Unterstützung in der Schweinebucht. Als man in den frühen Siebzigern den Stollen im Schauinsland ausguckte, hatte die Entspannungspolitik Willy Brandts begonnen.

Fast zeitgleich, lange ebenso streng geheim gehalten wie im Westen, machte man sich in der DDR, in Ferch südwestlich Berlins, an ein ähnliches Projekt. Nach dem Mauerfall hat man die Aufnahmen aus Ferch komplett auf den im Westen benutzten Polyesterfilm umkopiert, "technisch war das erstklassige Arbeit", sagt Luchterhandt.

Die Deutschen sind schon dank ihres regressiven Nationalcharakters Weltmeister im Horten. Die Zerstörungen zweier Weltkriege schmerzen sie bis heute. Vermutlich wurden sie deshalb Pioniere der Kulturgut-Konservierung. Auch in Nationalarchiven der USA und Großbritanniens kopiert man Dokumente auf Mikrofilm, steckt sie aber nicht in speziell gesicherte Depots. Nur in der Schweiz gibt man sich ähnlich Mühe wie in Deutschland, dort dient eine Felskaverne als Lagerstätte. In Österreich wollte man lange im Bergwerk von Altaussee ein Mikrofilmdepot einrichten, gab den Plan dann aber 1996 auf.

In Deutschland ließen die Herren des Barbarastollens vor ein paar Jahren, im Sommer 2004, eine Art Kunsthappening ausrichten, vielleicht um ihren Tunnel mal mit der Frischluft lebendiger Kultur durchzupusten. Anlass war der 50. Jahrestag der Haager Konvention. Als Kurator bat der Aktionskünstler Adalbert Hoesle 50 Kolleginnen und Kollegen, eines ihrer Werke herauszurücken, damit man es in speziellen Metalldosen in den Stollen sperren konnte.

Zu den Künstlern, die mitmachten, gehörten Karin Sander, Jonathan Meese, Jörg Immendorff, Andreas Gursky und Christoph Schlingensief. Mit der Einlagerung am 21. Juli 2004 erklärte man die gespendeten Kunstwerke zum "deutschen Kulturgut". Clou der Hoesle-Aktion aber ist, dass man erst in anderthalb Jahrtausenden Bescherung spielen will.

Erst im Jahr 3504 dürfen die Kunst-Dosen geöffnet werden. Bis dahin weiß angeblich niemand außer den Künstlern selbst, was in den Konserven ist. "Das Verhindern der Betrachtung der Werke ist integraler Bestandteil des Projekts", so Initiator Hoesle.

Doch die Geheimniskrämerei der Künstler hat die Neugier der Außenwelt auf das Depot im Barbarastollen nicht angefacht. "In den 34 Jahren, seit wir den Stollen betreiben", sagt Lothar Porwich, "hat es nicht einen einzigen Versuch gegeben, hier illegal einzudringen."



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