Unternehmen Barbarossa "Vater wollte nie darüber sprechen"

Unternehmen Barbarossa: "Vater wollte nie darüber sprechen" Fotos
Klaus Taubert

Leichen, Kadaver, ausgebrannte Panzer: 1500 Kilometer kämpfte sich die 6. Armee brutal durch Russland, bis sie 1943 in Stalingrad unterging. Der Vater von Klaus Taubert war bis zum Winter 1942 dabei und fotografierte, was um ihn herum geschah. Von Klaus Taubert

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Beim Durchforsten des Nachlasses meines Vaters fiel mir in den neunziger Jahren ein unscheinbares Kuvert in die Hände. Als ich es öffnete, wurde mir schlagartig klar, dass mein Vater darin eine ganz besondere Erinnerung aufbewahrte. Es sind 50 leicht vergilbte, sechs mal neun Zentimeter große Fotos aus den Jahren 1941/42, die mein Vater während des Zweiten Weltkrieges gemacht hatte. Es war seine ganz persönliche Dokumentation des deutschen Feldzugs gegen die Sowjetunion, der vor 70 Jahren stattfand und im Februar 1943 eine opferreiche Wendung in Stalingrad nahm.

Zu den Bildern, die ich lediglich als Junge einmal gesehen hatte und dann nicht wieder, fand ich keine Texte, keine Namen und keine Landschaftsbeschreibungen. Mein Vater hatte auch keine Erinnerungen hinterlassen. Also nahm ich seinen Wehrpass zur Hand. Er gehörte dem 1. Artillerie-Regiment 29 der legendären 6. Armee an, die - so sahen es die Pläne des "Führers" im Rahmen des "Unternehmens Barbarossa" vor - das russische Rüstungszentrum Stalingrad einnehmen und dem Erdboden gleichmachen sollte. Die Soldaten zogen befehlsgemäß wenig rücksichtsvoll über Kiew und Charkow durch das fremde Land, bis sie im Herbst 1942 Stalingrad erreichten.


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Die Fotos vermitteln einen Eindruck von der Brutalität, mit der der Russland-Feldzug geführt wurde. Anfangs zeigen sie noch eine motivierte Truppe, die aufgeräumt und selbstbewusst posiert. Je näher sie aber Stalingrad kam, desto martialischer werden die Bilder: zerbombte Häuser, Leichen, die achtlos am Wegesrand liegen, ausgebrannte Fahrzeuge, Pferdekadaver - und schließlich Soldaten, die erbittert gegen Frost und Schnee ankämpfen. Bilder eines grausamen Schlachtfelds. Die Hölle von Stalingrad, dieses militärische Desaster der Wintermonate 1942/43, das insgesamt mehr als 700.000 Menschenleben kostete und der deutschen Wehrmacht die erste vernichtende Niederlage im Zweiten Weltkrieg bescherte, erlebte mein Vater nicht mit. Bevor die Rote Armee die Stadt endgültig einkesselte, wurde er nach Deutschland ausgeflogen. Eine Zuckerfabrik brauchte von Ende Oktober bis Januar den Fachmann für die Rübenverarbeitung.

Schulkinder mit Maschinenpistolen

Obwohl ihm im Vergleich zu vielen seiner Kameraden das Schlimmste erspart geblieben war, hatte Stalingrad meinen Vater zutiefst traumatisiert. Klar wurde mir das erst 1977, als ich ein Freundschaftstreffen von Jugendlichen aus der UdSSR und der DDR in Wolgograd besuchte, wie Stalingrad inzwischen hieß. Ich nahm meinen Fotoapparat mit, um Erinnerungen festzuhalten und meinem Vater neue Bilder der einst heiß umkämpften Stadt zu zeigen. Ich ging davon aus, dass er sich dafür interessieren würde - nicht ahnend, wie sehr ihn die Erlebnisse von damals belasteten.


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Als ein junger Kollege, der einen Bummel zum Wolga-Ufer unternommen hatte, mir aufgeregt erzählte, dass er von älteren Einheimischen, denen er sich als DDR-Bürger offenbart hatte, als "Faschist" beschimpft worden war, wurde mir klar, dass natürlich auch die Russen traumatische Erinnerungen an den Winter 1942/43 zu verarbeiten hatten. Kurz darauf schenkte mir ein Junge in Pionierkleidung zur Erinnerung eine Weizengarbe. Es handelte sich dabei um das erste Korn, das auf dem am meisten umkämpften Hügel, dem Mamajew-Kurgan, nördlich des Stadtzentrums viele Jahre nach dem Krieg wieder gewachsen war.

Am Denkmal auf dem "Platz der gefallenen Kämpfer" erlebte ich schließlich ein Zeremoniell, das mir anfangs sehr bedenklich erschien. Jungen in Schuluniformen hielten hier eine Ehrenwache mit echten Maschinenpistolen. Doch ich erfuhr, dass es historische Waffen der Stalingrader Schlacht waren. Sie wurden an die besten Kollektive der jungen Generation weitergereicht. Uniformierte Mädchen traten von Zeit zu Zeit an die Jungen heran und tupften ihnen mit Tüchern den Schweiß von der Stirn - eine Symbolik für den Opfermut sowjetischer Frauen, von denen Zehntausende in Stalingrad an der Seite ihrer Männer, Väter und Söhne ihr Leben verloren hatten.

"Wortlos verließ Vater den Raum"

Mit ernsten Gesichtern verfolgten ältere Bewohner auf schattigen Parkbänken das Zeremoniell. Die große Schlacht lag erst 35 Jahre zurück. Mancher hatte noch miterlebt, wie die Wehrmacht anfangs in Stalingrad wütete. Sie waren dabei, als im August 1942 bei Luftangriffen viele tausend russische Kinder, Frauen und Männer ums Leben kamen. Die meisten Stalingrader verließen danach die Stadt. Doch 75.000 Bürger blieben und verschanzten sich während des Kampfs um Stalingrad in Höhlen und Erdlöchern. Viele wurden getötet, verhungerten oder erfroren. Vor diesem Hintergrund erschien mir das Zeremoniell plötzlich in ganz anderem Licht. Für die Russen war Stalingrad das schmerzvolle Opfer, das sie für die Befreiung ihres ganzen Landes brachten.

Nach meiner Rückkehr aus Wolgograd zeigte ich meinem Vater die Weizengarbe vom Mamajew-Hügel und wollte ihm einige Fotos aus der Gegenwart der Stadt präsentieren - darunter das Mahnmal "Mutter Heimat", eine der weltgrößten freistehenden Statuen, die an die Schlacht und ihre Opfer erinnert. Ohne ein Wort zu sagen, verließ mein Vater den Raum. Er war auf dieses Thema nicht wieder anzusprechen. Über die Fotos haben wir nie wieder geredet - weder über seine noch über meine.

Das Ende der 6. Armee wurde durch die Festnahme ihres Befehlshabers Generalfeldmarschall Friedrich Paulus am 31. Januar 1943 in seinem Hauptquartier, dem Keller des Kaufhauses Univermag, besiegelte. Wenige Tage später ließ Berlin verkünden, alle Soldaten der 6. Armee hätten bis zum letzten Atemzug kämpfend den Tod in Stalingrad gefunden. Eine Lüge, die schnell aufgedeckt wurde. Denn 110.000 Soldaten der 6. Armee gingen in die russische Gefangenschaft, von denen allerdings nur 5000 Mann die Strapazen überlebten. Mein Vater kannte viele von denen, die nicht wiederkamen.

Zum Weiterlesen:

Klaus Taubert: "Generation Fußnote. Bekenntnisse eines Opportunisten". Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008, 296 Seiten.

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1.
Franziska Münnich 28.06.2011
Ich kann nachvollziehen, warum der Vater mit einem so unverständigen Sohn nicht reden wollte: - Bildunterschrift "Schlächter" unter dem Bild eines deutschen Soldaten, allzu aufdringlich doppeldeutig, weil dieser zuvor ein Schwein schlachtete. - Bildunterschrift, "bei geringstem Widerstand" sei "alles Hinderliche aus dem Weg geschossen oder gebombt" worden. Soll Unverhältnismäßigkeit suggerieren. Wahrscheinlicher ist, dass bei geringstem Widerstand auch nur genau dieser Widerstand gebrochen wurde. - Bildunterschrift "Verordnete Freundschaft mit den 'Faschisten'" könnte ebenso "Verordnete Freundschaft mit den Stalinisten" lauten. - Zum Text: Die 6. Armee kämpfte sich "brutal" durch Russland, "wütete", ja soll sie einen rücksichtsvollen Spaziergang vollführen? Taten das die Amerikaner in Vietnam, Irak, Afghanistan? Ein Artikel eines moralisierenen Sohnes ohne Ahnung. Man fragt besser die Erlebnisgeneration.
2.
Juergen Meyer 27.06.2011
Es gehoert schon eine erhebliche Portion von Naivitat dazu nach Wolgograd sprich Stalingrad als Deutscher zu fahren und sich nicht ueber die Sesibilitaet der Russen im Klaren zu sein. Das mag heute etwas anders sein aber sicherlich nicht 1977!! Ich war in 1968 als Mitglied eines der ersten Westdeutschen Jugendgruuppen die dort hin durften in dieser Stadt und weder ich noch jemand anderes aus unserer Gruppe ist so angesprochen worden. Wir wurden im Gegenteil - vielleicht weil wire die ersten Westdeutschen dort waren, extrem freundlich aufgenommen, Teile der aelteren Generation - also die am eigenem Leibe den Krieg erlebt hatten - waren aufgrund der Propaganda skepitscher und fragten, warum wir deutschen erneut einen Krieg anfangen wollten.Als Faschisten sind wir weder dort noch in anderen Staedten der Sowjetunion angesprochen oder beschinpft worden, ein grosses Misstrauen war schon da aber das war ja leicht nachzuvollziehen in diesen Janhes des Kalten Krieges.
3.
Klaus Taubert 27.06.2011
Verehrter Herr Meyer, die unterstellte Naivität war doch hausgemacht. Wer die Intensität der von Schule über Ausbildung bis ins Berufsleben oktroyierten ?unverbrüchlichen? deutsch-sowjetischen Freundschaft nicht erlebt hat, kann sich wundern, dass man den Vorwurf ?Faschist? nicht erwartet hatte. Ich war vordem x-mal in Moskau, habe manchen eisgekühlten Wodka auf die innige Freundschaft genossen, wurde aber als DDR-Bürger nie damit konfrontiert, den Zweiten Weltkrieg mitverschuldet zu haben. Und dann plötzlich diese Erlebnisse in Wolgograd. Aber diese Anfeindungen gab es nicht bei irgendwelchen Treffen, sondern nur bei ganz privaten Gesprächen und Begegnungen. Immerhin lag Stalingrad kaum eine Generation zurück, aber es war eben nicht unsere Generation, daher vielleicht auch des Erschrecken über den Vorwurf, obwohl mir die Geschichte Stalingrads (nicht nur aus den einschlägigen ?Filmkunstwerken? der Mosfilm-Studios) damals schon gut bekannt war. Westdeutsche wurden übrigens in der UdSSR, in den Ländern rum um das Schwarze Meer, in Polen oder auch in der damaligen CSSR mächtig hofiert, allein ihrer harten Währung wegen. Dagegen sahen wir ziemlich alt aus, obwohl die DDR ?Waffenbruder? der UdSSR im kalten Krieg war. Geschichte ist eben nicht schwarz-weiß.
4.
Sterin McCollis 27.06.2011
Die Bildunterschriften zu den Fotos sind eine Zumutung. Wolkig-menschelnd wurden Allgemeinplätze aus den Fingern gesogen, die keine Recherche als Basis haben. Eine Vielzahl von Bildunterschriften fassen nur allgemein in Worte, was ohnehin zu sehen ist. Keine weiteren Angaben. Woanders wird wie im "Goldenen Blatt" wird über die Gefühlslage und Befindlichkeiten von Fotografierten gemutmaßt: "Offenbar waren nicht alle Überfallenen hasserfüllt auf die deutschen Okkupanten - oder man machte gute Miene zum bösen Spiel." Woher will das der Autor wissen? Die Fortsetzung des Satzes beim nächsten Bild hat zudem nichts mit dem Abgebildeten zu tun: "...und hegte in Wirklichkeit ganz andere Gefühle." Manchmal kommen dann auch Widersprüche - an einer Stelle heisst es: "Die Soldaten gewöhnten sich an den Anblick der Toten." Paar Bilder weiter: "Die Leichen, die den Weg säumten, traumatisierte viele Soldaten. " Nichtssagend im melodramatischen Stil: "Bei geringstem Widerstand wurde alles Hinderliche aus dem Weg geschossen oder gebombt. " Was fehlt sind hard facts - Wer und was ist wo und wann zu sehen? Wenigstens rudimentäre Informationen zu beschaffen gebietet die journalistische Sorgfaltspflicht und wäre Aufgabe der Redaktion, welche hier Inhalte - werbefinanziert - auf die Seite stellt.
5.
Dirk Lohse 28.06.2011
Die Kritik von Sterin McCollis kann ich durchaus nachvollziehen, allerdings ist es auch schwierig, informative Bildunterschriften zu Fotos zu verfassen, die vor fast 70 Jahren entstanden sind und zu denen der Fotograf selbst nichts hinterlassen hat. Wirklich hilfreiche Bildunterschriften hätte hier wahrscheinlich nur der Fotograf selbst beisteuern können, ohne diese war es für den Journalisten fast unmöglich, den genauen Ort, die Personen oder andere Details nur aus den Aufnahmen heraus zu identifizieren. Also wäre die Alternative gewesen, auf Bildunterschriften ganz zu verzichten und die Bilder allein für sich sprechen zu lassen. Davon abgesehen finde ich die Bilder äußerst interessant und beeindruckend.
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