Mussolini-Rettung "Unternehmen Eiche" "Duce, der Führer schickt mich. Sie sind frei!"

Mussolini-Rettung "Unternehmen Eiche": "Duce, der Führer schickt mich. Sie sind frei!" Fotos
Das Bundesarchiv/Toni Schneiders

Mit Lastenseglern landeten deutsche Fallschirmjäger im September 1943 auf einem Berg in den Abbruzzen. Ihre Mission: den gestürzten und inhaftierten Mussolini zu befreien. Die Aktion gelang - doch so spektakulär, wie die Nazis sie in ihrer Propaganda darstellten, war sie gar nicht. Von Johanna Lutteroth

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.4 (19 Bewertungen)

Keine 15 Meter neben dem Hotel Campo Imperatore landete der Lastensegler mit SS-Offizier Otto Skorzeny an Bord. Seit einigen Tagen wurde hier, in den luftigen Höhen des Gran Sasso etwa 80 Kilometer nordöstlich von Rom, der frisch gestürzte Diktator Benito Mussolini festgehalten und streng bewacht. Skorzeny sprang hinaus, entdeckte in einem der Fenster den Kopf des Duce und schrie: "Weg vom Fenster." Daraufhin stürmte er ins Hotel. "Die Italiener waren sichtlich überrascht, aber bevor sie reagieren konnten, eröffneten meine Männer das Maschinengewehrfeuer", erzählte Skorzeny später.

Wenige Minuten später stand er vor Mussolini und sagte: "Duce, der Führer schickt mich! Sie sind frei." Den Weg zurück bahnte sich Skorzeny mit Gewehrkolbenhieben, wie er berichtete. Gemeinsam verließen die beiden Männer das Hotel. Der eine mit stolzgeschwellter Brust, der andere in einen schwarzen Mantel gehüllt, auf dem Kopf ein tief ins Gesicht gezogener Fedora. Kurz darauf flogen sie mit einem Fieseler Storch davon. Nach nur 15 Minuten war der Spuk vorbei, wie Skorzeny betonte.

Als Geniestreich feierte Goebbels' Propaganda-Apparat das "Unternehmen Eiche" und kündete eine neue faschistische Ära unter Mussolinis Führung in Italien an. Skorzeny wurde übers Radio als heldenhafter Mussolini-Befreier gefeiert. Auch die Presse jubelte: "Heil Duce! Ein befreiendes, sieghaftes Lachen geht durch die Welt der Achsenmächte", titelte etwa die "Deutsche Allgemeine Zeitung" am 14. September 1943. Dass die Geschichte über das Husarenstück mit Skorzeny in der Hauptrolle in weiten Strecken frei erfunden war, wurde verschwiegen. Goebbels hatte mal wieder ganze Arbeit geleistet. Die Ereignisse des 12. September 1943 machten für einen Moment vergessen, dass der "totale Krieg" in einer totalen Niederlage zu enden drohte.

Ein Befehl, zwei Empfänger

Im Affekt hatte Hitler das "Unternehmen Eiche" aus der Taufe gehoben. Am 25. Juli 1943 war Mussolini von seinen eigenen Gefolgsleuten gestürzt worden. Selbst der Mussolini-treue König Victor Emanuel III. hatte sich auf die Seite der "Verschwörer" geschlagen und ihm am 25. Juli 1943 mitgeteilt: "Mein lieber Duce, es macht keinen Sinn weiterzumachen. Italien liegt am Boden, die Armee ist komplett geschlagen." Unmittelbar danach ließ er Mussolini festnehmen und an einen unbekannten Ort bringen.

Hitler tobte, als er die Nachricht bekam. Vielleicht fürchtete er, dass ihm ein ähnliches Schicksal blühen könnte. Für den 26. Juli 1943 zitierte er etliche Offiziere in die Wolfsschanze. Einer davon war Kurt Student, der ranghöchste General der elitären Fallschirmtruppe, dem er befahl: "Gehen Sie so schnell wie möglich mit allen verfügbaren Fallschirmtruppen nach Rom. Eine Ihrer besonderen Aufgaben ist die Auffindung und Befreiung meines Freundes Mussolini. Er soll nämlich an die Amerikaner ausgeliefert werden." Ein anderer war der SS-Offizier Otto Skorzeny, der denselben Auftrag erhielt: "Ich kann und will den größten Sohn Italiens nicht im Stich lassen. Er muss bald gerettet werden. Ich erteile ihnen den Auftrag, diese Aktion durchzuführen."

Was Mussolinis Schicksal anging, sollte Hitler recht behalten. Die neue italienische Regierung unter Pietro Badoglio hatte nur ein Ziel: das leidige Bündnis mit Nazi-Deutschland aufzukündigen und Frieden mit den Alliierten zu schließen. Der Duce sollte als Faustpfand in den Friedensverhandlungen dienen. Die Amerikaner wollten ihn nämlich vor das Gericht des Völkerbunds stellen und dort öffentlichkeitswirksam aburteilen. Hitler musste das um jeden Preis verhindern. Er brauchte Mussolini, er brauchte die Achse, und er brauchte ein faschistisches Italien.

Hektische Suche nach dem Duce

Student und Skorzeny zogen los, um den Duce zu finden und zu retten. Doch ohne Kontakte zu Einheimischen war das Unterfangen schier hoffnungslos. Wochenlang tappten sie im Dunkeln. Dies war schließlich die Stunde der deutschen Polizei und des SD. Ihre Chefs Herbert Kappler und Wilhelm Höttl bestachen hochrangige Carabinieri-Offiziere mit Falschgeld aus dem "Unternehmen Bernhard". Am Ende waren sie sich sicher: Der Duce wird im Hotel Campo Imperatore im Gebirgszug Gran Sasso gefangen gehalten. Das Hotel war nur über eine Seilbahn zu erreichen und damit gut zu verteidigen.

Die Zeit drängte. Am 3. September hatten die Italiener einen Waffenstillstand mit den Alliierten unterzeichnet. Die ersten alliierten Truppen waren in Kalabrien und zuvor auf Sizilien gelandet. Innerhalb weniger Stunden arbeitete Kurt Student gemeinsam mit Major Harald Mors den militärischen Plan für das "Unternehmen Eiche" aus. Zehn Lastenflieger mit Fallschirmjägern an Bord sollten auf dem Plateau vor dem Hotel landen und die Wachen überrumpeln. Eine andere Fraktion würde auf dem Landweg über die Seilbahn auf das Plateau kommen.

Das Husarenstück, das keines war

Der SS-Offizier Skorzeny war nicht eingeplant, ließ sich aber nicht so leicht abwimmeln. Nachdrücklich forderte er seine Teilnahme ein, schließlich sei er persönlich vom Führer beauftragt worden. Student lenkte ein und versicherte Mors: "Er nimmt als Beobachter teil, man könnte sagen als politischer Berater." Kurzerhand disponierten die Militärs um. Ein Dutzend Fallschirmjäger machten für Skorzeny und ein paar seiner SS-Männer in den Lastenseglern Platz. Alles lief an diesem Vormittag des 12. September 1943 reibungslos - bis Skorzeny aus dem Plan ausscherte.

Er überredete den Piloten seines Lastenseglers, aus der Formation auszuscheren, weil er als erstes bei Mussolini sein wollte. Deshalb landete Skorzeny, wie er selbst berichtete, als einziger nur wenige Meter vor dem Hotel. Mehr stimmt an seiner Schilderung der Ereignisse aber nicht. Es fiel kein einziger Schuss. Die Italiener machten nicht einmal Anstalten zu kämpfen, wie alle Fallschirmjäger einstimmig berichteten. Die meisten aßen gerade oder schliefen zu Mittag. Einige prosteten den deutschen Soldaten sogar mit Rotwein zu.

"Als Mussolini herauskam, war er von italienischen und deutschen Offizieren umringt. Skorzeny ging hinter ihm", erinnerte sich Feldwebel und Fallschirmjäger Bernd Bosshammer. Die italienischen Offiziere trugen sogar noch ihre Pistolen. Offensichtlich herrschte eher Harmonie als Kampfstimmung. Die Italiener halfen sogar, die Landebahn für den Fieseler Storch zu präparieren, mit dem Mussolini ausgeflogen wurde. So verwegen, wie Skorzeny glauben machen wollte, war das Husarenstück nicht.

"Auftrag erfüllt, Duce abgeflogen"

Warum die Italiener Mussolini kampflos freigaben, ist bis heute nicht geklärt. Fest steht aber, dass der Chef der Carabinieri, Guiseppe Gueli, und der Chef der Polizei, Antonio Faiola, gewarnt worden waren - und zwar vom Polizei-Präfekten des nahe gelegenen L‘Aquila. Die Nachricht brachte weder Gueli noch Faiola aus der Ruhe. Wie sich Faiola im Januar 1945 erinnerte, hatten die beiden beim Mittagessen beschlossen, "dass sie nachgeben und sich nicht wehren würden".

Der Pilot von General Student sollte Mussolini mit seinem Fieseler Storch ausfliegen, der aber nur Platz für einen zusätzlichen Passagier bot. Wieder bestand Skorzeny darauf, mitzukommen. Er wollte Mussolini persönlich nach Deutschland bringen. Also zwängte sich der 100-Kilo-Mann in die winzige Maschine. "Der Atem stockt mir, als ich den Storch dem Abgrund zurollen sehe, ohne dass er sich vom Boden hebt. Im nächsten Moment verschwindet das Flugzeug mit torkelnden Bewegungen hinter dem Steilhang", erinnerte sich Mors. Im letzten Moment gelang es dem Piloten, die Maschine abzufangen. Mors meldete daraufhin über Funk an Student: "Auftrag erfüllt, Duce abgeflogen."

Als die Fallschirmjägertruppe von Student die Berichterstattung der nächsten Tage hörte, schäumte sie vor Wut - allen voran Mors. Die SS heimste die Meriten für die Aktion ein, die die Fallschirmjäger geplant und durchgeführt hatten. Mors forderte bei Student ein, die Darstellung müsse öffentlich korrigiert werden. Doch der winkte ab, nachdem sich der "Reichsführer-SS" ostentativ vor seinen Offizier Skorzeny stellte, und schrieb an seinen Major: "Mein lieber Mors: Ich will keine Probleme mit Himmler bekommen."

"Seine Tage sind gezählt"

Etliche Fallschirmjäger berichteten später, wie sehr der Anblick des Duce sie erschreckt habe. Sie hatten keinen charismatischen Führer befreit, sondern einen unrasierten alten Mann mit eingefallenem Gesicht. Die Ereignisse des Sommers 1943 hatten Mussolini gebrochen. Obwohl Hitler ahnte, dass sein politischer Weggefährte nicht mehr zu alter Form auflaufen würde, setzte er ihn als Regierungschef in Norditalien ein, das noch unter deutscher Kontrolle stand. Von hier aus sollte der Duce die Gegenrevolution starten.

Wenig später schlug Mussolini seinen Regierungssitz in Saló am Gardasee auf, der dem neuen Staat seinen Namen einhandelte: "Republik von Salò". Doch aus dem furiosen Neuanfang wurde nichts. Die Gegenrevolution blieb in den Anfängen stecken. Mussolini verwaltete letztlich nur noch den Niedergang. Hand in Hand mit dem "Dritten Reich" ging die Republik Saló unter.

Die US-Presse gab sich angesichts der Ereignisse sichtlich gelassen, als ahnte sie, dass mit Mussolini kein Staat mehr zu machen war. Am 14. September schrieb beispielsweise die "New York Times": "Unter Hitlers Anleitung kann er ja versuchen, die Nation, die er über Jahre irregeführt, korrumpiert und betrogen hat, zurückzugewinnen. Wir brauchen uns keine Sorgen um das Ergebnis zu machen. Seine Tage sind gezählt."

Artikel bewerten
3.4 (19 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gudrun Gaus 13.09.2013
>>Die meisten aßen gerade oder schliefen zu Mittag. Einige prosteten den deutschen Soldaten sogar mit Rotwein zu. Ein sehr schönes Statement. So muss Krieg sein. Bravo!
2.
Jürgen Schiffmann 13.09.2013
"Der Pilot von General Student sollte Mussolini mit seinem Fieseler Storch ausfliegen, der aber nur Platz für einen zusätzlichen Passagier bot. Wieder bestand Skorzeny darauf, mitzukommen." - Der Storch war ein Dreisitzer! Nicht nur Nazis dramatisieren gerne...
3.
Michael Möller 13.09.2013
>Der Storch war ein Dreisitzer! Nicht nur Nazis dramatisieren gerne... Normalerweise war der Storch schon ein Dreisitzer, aber trotzdem war er in dieser Situation extrem überladen .... dünne Luft, sehr kurze Startstrecke .... Es war also nicht der Platz das entscheidende Kriterium, sondern das Gewicht.
4.
Lothar Meckel 16.09.2013
Von meinem Vater Jakob Meckel, den ich nie kenngelernt habe - er ist bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen - wird erzählt, dass er bei der Befreiungsaktion Mussolinis beteiligt war. Gibt es einen noch lebenden Zeugen dafür? Würde mich sehr freuen
5.
Stefan Hartmann 16.09.2013
Dass der Storch ein Dreisitzer war, wird im Artikel völlig korrekt dargestellt: »? der aber nur Platz für einen zusätzlichen Passagier bot«. Neben dem Piloten (1) und Mussolini (2) ist also noch Platz für einen zusätzlichen Passagier (3).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH