Unterricht bei einem Beatle "Yeah! Yeah! Yeah!"

Ein Blick, ein Handschlag, ein Traum! In der Phantasie hatte er seinen größten Helden schon tausendmal getroffen. Dann saß Dominik Schirmer Paul McCartney tatsächlich gegenüber. Der Ex-Beatle gab dem Musikstudenten eine Gitarrenstunde - und sein persönliches Erfolgsrezept mit auf den Weg.

Dominik Schirmer

"Mensch Britta, die sind doch nur berühmt, weil sie die Köpfe so schütteln und dabei 'yeah yeah yeah' schreien konnten!", rufe ich ins Wohnzimmer. Es ist 1988, ein Diamant kratzt an einer schwarzen Scheibe. Ich bin angehender Musik(-kritik)er und zwölf Jahre alt. Meine Schwester hat das rote Beatles-Album auf dem Plattenteller eingefädelt und dreht sich wie dieser verzückt zum Merseybeat. Verlockend leckt er aus den alten Holzlautsprechern an meinen Ohren. Kein Zweifel, die Beatlemania hat unsere Wohnung fest im Griff. Widerstand zwecklos. Nur anderthalb Songs verzaubern mich in den größten Beatles-Fan meiner Straße, ach was, ganz Hagens. Und eine Albumlänge dauert es, mein Lebensziel abzufassen: Irgendwo hing doch diese alte Gitarre.

Bis Mitte der Neunziger bringe ich mir alle Instrumente bei, die auch die Beatles spielen. Paul sehe und höre ich zum ersten Mal live in Frankfurt und bin überzeugt, ihm niemals näherkommen zu können als auf seinen Konzerten. Und das ist für einen 16-jährigen Beatles-Fan schon ziemlich nahe. Doch ich sollte mich irren.

An einem Maimorgen im Jahr 2001 lese ich in meiner Post einen englischen Absender: LIPA, das Liverpool Institute for Performing Arts. Ich werde nervös. Vier Buchstaben, die Hoffnung, Spannung, Respekt und Freude in mir auslösen. Die Aufnahmeprüfung in Hamburg ist locker verlaufen, Theorietest, Vorspiel nach vier Jahren Hochschul-Jazzpianostudium kein Problem. Die 8000 internationalen Bewerber dagegen schon. Ich stehe in meinem Schlafanzug und mit kleinen Augen da - Musiker sind eben Spätaufsteher. Ich nehme das fein gemaserte Papier aus dem weißen Umschlag und beginne zu lesen: "Unconditional offer! Begin of study: September 2001. Congratulations. The Liverpool Institute for Performing Arts." Ich bin Student an Paul McCartneys Institut.

Ein Traum wird wahr

Wenige Monate später: Ein Schreiten, kein Schreien, dafür typische Kopfbewegungen, denke ich. Ein Nicken, irgendetwas zwischen Applausentgegennahme und Begrüßung. Etwas automatisiert, aber dennoch so authentisch. Mein Herz pumpt. Englische Weihnachtsdeko in der Bar des Instituts. So this is Christmas. Paul McCartney kommt auf mich zu, rote Alben drehen sich in meinem Kopf, er bleibt vor dem Tresen stehen. Plattentellerschwindelig wird mir. Neben ihm eine Blondine. Ich muss was sagen. Was? Ein Jahrzehnt nur Phantasietreffen: Who was the walrus? Paul? Sir Paul? Wie spreche ich ihn nur an? "Mister McCartney", verlässt es schließlich meinen Mund. Ein Blick, ein knorriger Handschlag, ein greller Blitz, Tunnelblick. Später sehe ich auf dem Foto, wie auch Heather Mills mich anlächelt.

Das Institut, Liverpool, die Kommilitonen - ein wahr gewordener Traum für einen jungen Musiker. Meine Dozenten von Rang und Namen. Tracy Chapman, Mike Walker, die Bangles, Mel C, Simple Minds. Und alle unterrichten mich, erzählen mir von ihrer "long and winding road". Nur einer fehlt noch im Kreise meiner Lehrer. Der Eine.

In der Zwischenzeit erfasse ich mein Musikerleben neu. Liverpool bietet alles dafür. Ich trete im Cavernclub auf, backstage erzählt mir Frank Zappas Drummer Jimmy Carl Black seine Story. "The world in one city." Der Slogan der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt offenbart alles. Song um Song fließt aus meiner Feder. Liverpooler Input gleich kreativer Output. Nirgendwo ist das besser zu spüren, nirgendwo sind Grenzen fließender und wird so gern diskutiert wie hier; wird das Sichauswachsen so gefördert und das Übersichhinauswachen so einfach.

Der große Tag

Und über allem schwebt der Geist der Beatles. Wobei der Geist der Beatles der Geist Liverpools ist. Und der spukt auch mir im Kopf herum, lässt Ideen, Kompositionen, Shows, Philosophien, ganze Reiche an Schöpfungen ausarrangieren oder ausrangieren. Above me only sky.

Die Monate verfliegen, der große Tag ist da. Es ist Viertel vor zwei, vierter Stock, vor Raum 4.21, Frühling 2004. Es riecht stark nach Lack, eine alte farbtröpfelnde Holzleiter steht neben meinem Stuhl. Es gibt eben immer etwas am ehrwürdigen Gebäude des früheren Liverpool Institute Highschool for Boys zu werkeln. Hier hatte Paul in den Fünfzigern George Harrison getroffen. Nebenan studierte John Lennon Kunst. McCartney bewahrte den Bau 1996 vor dem Abriss und ließ ihn zum Liverpool Institute for Performing Arts umbauen. Hier studieren 500 international Auserwählte in drei Jahrgängen symbiotisch die Disziplinen der Performing-Art-Welt. Musik, Schauspiel, Tanz, Design, Ton-/Bühnentechnik und Management. Die Ausstattung des Instituts ist atemberaubend.

Plötzlich öffnet sich die Tür. Ich bin der Nächste. Reflexartig erhebe ich mich. Ein Mann verlässt Raum 4.21. Diesmal ist es kein schreitend Nickender, es ist ein normaler Mensch, denn auch er "muss mal". Ich zeige einem Beatle den Weg zum stillen Örtchen.

Um die LIPA herum stehen zur gleichen Zeit seine Fans und warten seit Stunden mit Beatles-Platten, die sie durch die Zaunstäbe stecken. Ein vertrautes Bild für mich - bisher allerdings nur in Schwarzweiß.

Als er zurückkommt, gebe ich ihm die Hand. Es ist der knorrig bekannte Händedruck vom ersten Treffen. Seine Gitarre liegt auf dem Schoß. Ihr Steg zur Rechten. Er ist Linkshänder. Er ist älter geworden. Aber er ist es. Sir Paul McCartney sitzt direkt vor mir. Unsere vier Dackelaugen sehen sich paarweise an. Diesmal kein Plattentellerschwindel. Das Einzige, was sich hier dreht, ist meine CD. Wir hören gemeinsam meine Songs. Und dann passiert es. Im zweiten Refrain spielt er auf seiner Gitarre und summt "Top of the tree" mit. So viele Male sang ich seine, nun spielt Paul meine Songs. Und während der letzte Akkord verklingt, kommentiert er: "Excellent songwriting, Dominik." Der Ritterschlag und sicher der Höhepunkt meines Studiums.

Ich treffe Paul noch einige Male, und er erzählt mir vom Beatles-Köpfeschütteln und dem Glück, seinen Songwriting-Partner John getroffen zu haben. Am Ende sagt er zu mir: "Geh' jetzt da raus, Dominik, und habe Glück! Du bist fast am Ziel."

Und so gehe ich.

Wenn ich meine Schwester besuche, hören wir manchmal das rote Album.

Yeah! Yeah! Yeah!



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.