Unterwasserfotografie Die irren Fantasien von Bruce Mozert

Rasenmähen oder Hürdenlauf unter Wasser? Versucht kein vernünftiger Mensch. Tauchpionier Bruce Mozert schon. Mit seinen skurrilen Experimenten machte der US-Fotograf Werbung: für einen unsichtbaren Star.

Bruce Mozert/University Press of Florida

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Johnny Weissmüller war kein begnadeter Schauspieler. Wenn es etwas gab, warum man ihn als "Tarzan" unbedingt sehen musste, dann wie er schwamm. Unter Wasser, minutenlang. Bruce Mozert, 21, ließ dafür seinen Job in Florida sausen. Der Werbefotograf war 1938 auf dem Weg zu Modeaufnahmen nach Miami, als er von den Dreharbeiten in Silver Springs hörte. Es lag auf dem Weg. Er stoppte und blieb.

Mozert beobachtete die Filmcrew - und wollte auch ins Wasser. Mit der Kamera. Doch weder konnte er tauchen noch bot der Unterwassertank Platz für eine zweite Person neben dem Kameramann. Aus verzinktem Blech, Lötdraht und Plexiglas bastelte Mozert einen Kasten und setzte seine Rolleiflex hinein. Oben befestigte er einen engen Gummischlauch und schob seine Hand hindurch. So konnte er die Kamera untertauchen, auslösen und den Film weitertransportieren.

Bruce Mozert mit einem selbstgebauten Unterwassergehäuse
Bruce Mozert/University Press of Florida

Bruce Mozert mit einem selbstgebauten Unterwassergehäuse

Am Drehort lachten sie über ihn. "Wie eine Ente im Wasser" habe er damals fotografiert, erzählte Mozert später. Der Vergleich beschrieb seinen Eifer wie auch das Bild, das er dabei abgab: im Wasser stehend, mit dem Kopf nach unten. In dieser Haltung konnte er unmöglich den exakten Bildausschnitt wählen. Also lötete er noch Nägel an den Kasten und nutzte sie als Sucher.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die Filmcrew schickte Mozerts Fotos als Promo-Aufnahmen nach Hollywood. Dann verließ "Tarzan" Silver Springs.

Freizügige Motive unter Wasser

Bruce Mozert aber blieb, unterbrochen nur durch seine Militärzeit, für immer. Als offizieller Fotograf des Naturparks Silver Springs lichtete er mehr als vier Jahrzehnte Besucher ab. Und arrangierte nebenbei die verrücktesten Szenen unter Wasser: Champagnerschlürfen, Hochradfahren oder Rasenmähen, eine Bogenschützin oder Hürdenläuferin - mit schönen Frauen und den passenden Utensilien oft fast wie bei Pin-up-Bildern fotografiert, nur dezenter (siehe Fotostrecke).

Dieses Fotografenwerk geriet lange in Vergessenheit. Anfang der Nullerjahre besuchte Gary Monroe, Kunstprofessor aus Daytona Beach, den einstigen Ausflugsort Silver Springs. In einem alten Souvenirshop fiel sein Blick auf verblichene Fotos an der Wand. Monroe erkundigte sich nach dem Fotografen und hatte es nicht weit: Mozert, mittlerweile über 80, arbeitete noch immer jeden Tag in seinem Atelier am Wasserpark.

Fotostrecke

22  Bilder
Unterwasserfotografie: Skurrile Erotik und ein unsichtbarer Star

Monroes Interesse hielt er für einen Scherz: seine Fotos von kunsthistorischem Wert? Sie kamen ins Gespräch. So erfuhr Gary Monroe von den Anfängen der Unterwasserfotografie und entdeckte einen frühen Tauchpionier, dessen Bilder zwar über Jahrzehnte in Zeitschriften erschienen waren, über deren Entstehung man aber wenig wusste. Mozert habe die Unterwasserfotografie nicht erfunden, jedoch auf ein ganz neues Niveau gehoben - und "einfach besser gemacht", schrieb Monroe 2008 in seinem Buch über den Fotografen.

Unkonventionelle Ideen waren ein Markenzeichen von Silver Springs, einer der frühesten amerikanischen Touristenattraktionen: Auf Glasbodenbooten konnten Besucher bereits um 1870 die spektakuläre Unterwasserlandschaft im Quellgebiet des Silver Rivers erkunden. Die Fahrt führte über Schildkrötenwiesen und Fischschwärme hinein in eine endlose Höhle mit funkelnden Kalkstein- und Alabasterwänden. Das Wasser war so klar, dass es den Besuchern schien, als blickten sie aus der Luft auf Gärten und Wälder.

Experimente eines begeisterten Tüftlers

Mozerts Job war es, diese Attraktion noch bekannter zu machen. Er fotografierte vor allem Touristen vor dem Start der Boote und verkaufte ihnen die fertigen Abzüge in bunten Passepartouts als Andenken, sobald sie von der 45-Minuten-Tour zurückkehrten.

Das allein füllte den Fotografen nicht aus. Er empfahl Silver Springs auch als Ort für Profi-Werbeaufnahmen - und sprudelte selbst vor Ideen. Mozert experimentierte mit Beleuchtungssystemen, Farbfiltern, Stroboskopblitzen. Er tüftelte an der Konfiguration, baute an die 20 Unterwassergehäuse für Foto- und Filmkameras und versuchte es auch mit Tauchen.

Fertige Ausrüstungen dafür gab es Anfang der Vierzigerjahre noch nicht. Aber Mozert konnte, wie er Monroe erzählte, bis zu zweieinhalb Minuten den Atem anhalten. Als ihm das nicht mehr genügte, nutzte er einen Taucherhelm, zur Oberfläche verbunden mit einem Schlauch, in den von Hand Luft gepumpt wurde.

Jetzt bitte recht ungezwungen lächeln

Schließlich verband er den Schlauch mit einen Kompressor und schuf so eines der ersten Druckluftsysteme - allerdings noch in völliger Unkenntnis der Gefahren von Überdruck und zu schneller Druckentlastung. Mozert hatte großes Glück, dass er dabei nicht zu Schaden kam.

Ähnlich kreativ war der Fotograf bei seinen Motiven. Akribisch inszenierte er skurrile Szenen, in denen Models Dinge taten, die sonst niemand unter Wasser tat: rasenmähen, picknicken, Zeitung lesen, in einer Wanne baden.

Jede seiner surrealen Visionen warf neue praktische Probleme auf - und Mozert hatte Spaß daran, sie zu lösen: "Wir konnten es gar nicht erwarten, zur Arbeit zu kommen." Um etwa Blasen im Champagnerglas zu erzeugen, steckte er Trockeneis oder Alka-Seltzer hinein. Um vom Grill aufsteigenden Rauch zu simulieren, verwendete er Kondensmilch, die wegen ihres Fettgehalts langsam durch Löcher im Dosendeckel aufstieg.

Begeisterungsfähige wie aufopferungsvolle Modelle für seine verrückten Ideen fand der Fotograf in den Silver-Springs-Angestellten. Sie waren es gewohnt, in mehreren Jobs zu arbeiten, im Büro, am Empfang, als Gästeführer oder eben als Fotomodell. Es war anspruchsvoll: Sie sollten natürlich wirken und auf den Bildern ungezwungen lächeln - unter Wasser nicht ganz einfach. Erfolgreiche Shootings erforderten ein intensives Training von Atemtechniken.

Hübsch, aber nicht vulgär

Die attraktive Präsentation seiner Modelle hatte sich Mozert von seiner älteren Schwester Zoe abgeschaut, einer erfolgreichen Pin-up-Künstlerin. War ein Foto zu freizügig, wurde das Negativ zerstört. Hübsch sollten die jungen Frauen in Silver Springs sein, nicht vulgär. Das Wasser, fand Mozert, machte sie noch schöner, aus ihren Haaren einen Heiligenschein. Nichts anderes könne so mühelos die Klarheit des Wassers demonstrieren, nicht einmal Bilder von Fischen, Schildkröten oder Ottern.

Genau darum ging es: "Seine Bilder waren Werbung für Silver Springs - nicht mehr, nicht weniger", so Monroe. Der eigentliche Star aller Aufnahmen war das kristallklare Wasser.

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Gary Monroe:
Silver Springs

The Underwater Photography of Bruce Mozert

University Press of Florida; 136 Seiten; 26,95 Euro.

Mozerts Bilder trafen den Geschmack der Zeit. Die netten, humorvollen Szenen mit verführerischen Schönheiten passten gut ins Nachkriegsamerika. Viele ehemalige US-Soldaten kamen mit ihren jungen Familien nach Florida. Mozerts Motive wurden zu einer landesweiten Promotion-Kampagne für Silver Springs.

Noch bis in die Siebzigerjahre behauptete sich die Touristenattraktion gegen die Konkurrenz von Wasserski-Shows, Aquarien mit tanzenden Schweinswalen, hungrigen Alligatoren und Wildwasserfahrten. Dann kam Disney World - und der Staat Florida setzte Silver Springs auf die Liste schützenwerter historischer Orte. Es war wohl die Rettung, denn zunehmende Umweltverschmutzung drohten dem Quellgebiet zu nehmen, was seine Attraktivität ausmachte: das glasklare Wasser.

Dem unermüdlichen Fotografen Mozert, der 2015 starb, gingen bis zuletzt Ideen und Aufträge nicht aus: Noch mit über 90 Jahren brach er zu Luftaufnahmen auf und steuerte das Flugzeug selbst. Erfahrungen mit Luftfotografie hatte er in den Monaten gesammelt, die er nicht in Silver Springs verbrachte - während seiner Militärzeit bei der Air Force.

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Rüdiger Grothues, 20.06.2018
1. Kunstvolle Kompositionen
Bruce - nicht der Boss, sondern eindeutig der Mozart der Unterwasserfotografie...
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