Unterwegs in Afrika Schokoladenbier unterm Wurstbaum

Unterwegs in Afrika: Schokoladenbier unterm Wurstbaum Fotos
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Im Jahr 1965 trampte Björn Pätzoldt durch Südrhodesien, das heutige Simbabwe. Vom Volk der Shona wurde er gastfreundlich aufgenommen - allerdings erst, nachdem er tapfer die angebotenen Köstlichkeiten probiert und gelobt hatte. Von

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Auf meinen Reisen über Land haben mich die einheimischen Shona einladend aufgenommen und mir in den Hütten ihrer Krals Nahrung und Unterschlupf gewährt. Ich redete mit ihnen Englisch und sie mit mir in ihren eigenen Worten. Wir verstanden einander kein Wort und konnten uns doch auch ohne Übersetzung verstehen. Wir verständigten uns durch sprachbegleitende Gesten. Ich ging auf sie zu mit geöffneten Händen, die Arme hielt ich in Brusthöhe gebeugt. So gab ich den Shona zu erkennen, dass ich in Frieden komme.

Meine Ehrerbietung bekundete ich, wie sich die Inder begrüßen. Deren Namaste angelehnt, hielt ich die Handflächen vor dem Gesicht aneinandergelegt, dann verbeugte ich mich. So wollte ich ihnen meine Freundschaft darbieten. Langsam waren meine Bewegungsabläufe und milde der Blick. Ich wollte die Fremden zu erschrecken vermeiden. Sie wussten meine Gesten zu deuten und hießen mich nach aufwendigen Begrüßungsritualen mit offenen Armen willkommen. Sie führten ihre Hand zum geöffneten Mund, boten Essen und Trinken an. Ein Holzfeuer, darüber ein Topf mit "Sadza" darin, Maisbrei und Antilopenfleischstücke. Die pampige Masse zu Bällchen geformt, mit Blattgemüse und Erdnussbutter verspeist.

Ich täuschte den Shona Wohlbekommen vor und würgte den klumpigen Brei genussvoll hinunter. Dafür wurde ich wie überall und immer wieder belohnt. Hatten sie anfangs mit skeptischen Blicken geprüft, ob ich der Gastfreundschaft dankbar und folglich auch würdig war, so nahmen sie mich, nachdem ich das Essen verspeiste, mit herzhaft befreitem Lachen und anerkennendem Schulterklopfen in ihren Reihen wohlwollend auf. Unter der breiten schattenspendenden Krone eines bis in den Himmel ragenden Holzgewächses, das sie "Wurstbaum" nannten, hockte ich auf dem rostbraunen Sandboden mit den Männern im Kreis. Halbmeterlange leberwurstförmige Früchte und weitglockige dunkle Blüten hingen von den Zweigen herab. Es stank im schwülen Schatten unter dem Blätterschirm. Ich verzog keine Miene. "Chibuku" in einem Eimer wurde durch die Runde gereicht, ein schokoladenfarbiges schleimiges Bier. Ich nippte daran und nahm nach händeringendem Zuspruch einen kräftigen Schluck davon und keinen weiteren mehr.

Mir wurde bedeutet, den kleineren Kindern sei das Verweilen unter dem heiligen Baum mit den wurstförmigen Früchten verboten. Nicht wegen der unangenehmen Gerüche, die von den Blüten ausströmten. Die Kleinen könnten erschlagen werden von den herabfallenden harten Früchten, denen wundersame Heilkräfte gegen allerlei Krankheiten nachgesagt werden. Vor allem bei den vorpubertären Knaben seien diese Samenhüllen begehrt. Unter Anleitung des Medizinmannes, den sie "N'Anga" nennen, gehen sie auf die Suche nach der größten Frucht, deren Fleisch sie in Erwartung anwachsenden Erfolges in die aufgeritzte Haut ihres Penis reiben. Sie sind, wie Knaben in aller Welt, besonders stolz auf die Größe ihrer Mannespracht. Auch die Mädchen wissen das Fruchtfleisch zu nutzen: Sie reiben sich damit die Brüste ein, damit sie fest und schön werden. Dieser Wunderbaum heißt, wie ich später erfahren werde, "Kigelia africana" in der Sprache der Botaniker.

Nach dem fröhlichen Umtrunk luden die Männer mich ein, für einige Zeit bei ihnen zu verweilen. Ich nahm die Einladung dankbar an. Als spätabends die Sonne hinter dem Horizont der Savanne versank und ein Sternenmeer am Himmel die Nacht dunkelblau umhüllte, wiesen sie mir mit seitlich geneigtem Kopf und einer Hand an der Wange als Schlafstatt eine schilfgeflochtene Matte in einer ihrer Hütten zu. Rundbauten - mit Baumrinden verbundene Pfähle, deren Wände mit Schlamm und Kuhdung verputzt worden sind. Das Dach kegelförmig, mit Stroh bedeckt. Da legte ich mich nieder und lauschte den Geräuschen der Finsternis.

Als ich frühmorgens schlaftrunken aus meiner Hütte stolperte, war ich umhüllt von purpurnem Licht. Die Landschaft, der Himmel, die Luft, hinter der sich Hütten, Tiere und krüppeliges Gewächs schemenhaft konturierten, waren in einen rötlichen Schleier getaucht. Ich ging hinaus ins Freie und wandelte in der Morgenstille durch rotgefilterte Bilder, als würde ich durch Wolken schreiten. Nachdem die Dorfbewohner erwachten und aus ihren Hütten kamen, führten sie mich in ihr Alltagsleben ein: Tagsüber gingen die Männer, in Tierfelle gekleidet und bewaffnet mit Wurfspießen, zur Jagd. Ich teilte mit ihnen einige Tage, sie nahmen mich auf ihrem Beutezug mit. Die Frauen, von den Mädchen begleitet, bauten Kürbis an und Mais und sammelten Pflanzen und Früchte. Ziegen und kleine braune Rinder wurden im Gehege gehalten. Paviane hüpften laut glucksend über das nahe Feld. Ich fühlte mich eingebunden in den Tagesablauf und hatte empfunden, als gehöre ich seit meiner Kindheit dazu.

Die Shona nahmen mich wahr, als wäre ich einer von ihnen. Sie gaben mir nicht zu verstehen, wie lange ich bleiben könnte. Fragten mich nicht, ob und wann ich sie wieder verlassen würde. Sagten mit keiner Geste, dass meine Zeit unter ihnen auch einmal ein Ende habe. Das musste ich mir selbst, wider eigenen Willen, befehlen. Der Tag war gekommen zu gehen und weiter zu reisen. Die Trennung fiel schwer.

Beim Abschied wiesen mich die Shona auf lauernde Gefahren hin und gaben den Rat, den Stamm der Tonga zu meiden. Die würden Schweife tragen, und zweizehig seien sie auch und betrieben böse Magie. Sie ließen mich auch warnend wissen, es fänden in diesen Tagen Aufstände unter den englischen Siedlern statt. Die wollten die britische Kolonie unter eigene Herrschaft stellen. Ich, dem sie gestikulierend zu verstehen gaben, dass ich nicht als Feind sondern als Freund betrachtet werde, sei, Hand auf dem Herzen, immer willkommen. Aber ich möge die Nähe der weißen Farmen meiden. Da würden mich die anderen Stämme nicht von den Weißen unterscheiden und glauben, ich sei einer von denen.

Mit dieser Ration von Ratschlägen im Gepäck war ich weitergezogen gen Norden, auf die Grenze von Sambia zu, das erst kürzlich seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft erlangt hatte. Hier im karstigen Grenzgebiet leben die Tonga, vor denen die Shona im Süden mich warnten. Ich musste durch deren Gebiet, wollte ich nach Sambia gelangen, und ich wollte auch die geheimnisumwitterten Tonga besuchen. Wollte sehen, ob es Menschen gäbe, die am Fuß nur zwei Zehen und einen Schweif am Leib hätten. Das hatten sie nicht, sie hatten Füße und Körper wie ich. Und doch unterschieden sie sich von anderen Volksstämmen. Sie hatten kein Oberhaupt.

Leicht geänderter Textauszug aus:

Björn Pätzoldt: Nandinda, "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009

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