Unterwegs mit Wu-Tang Rap-Giganten an der Raststätte

Unterwegs mit Wu-Tang: Rap-Giganten an der Raststätte Fotos
Corbis

Wu! Tang! Clan! Drei Silben wie Donnerhall bestimmten die Rap-Szene der Neunziger. Andrew Uhlemann betreute die exzentrische US-Combo 1994 auf ihrer Deutschland-Tour. Auf einestages erinnert er sich an Sex-Hotline-Rechnungen, Marihuana-Knappheit - und einen Rap-Urknall im Schnellimbiss. Von

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Als im Herbst 1994 bekannt wurde, dass die New Yorker HipHop-Combo Wu Tang Clan nach Europa kommen wollte, war die Fangemeinde elektrisiert. Der Clan war damals schwer angesagt, das gerade veröffentlichtete Album "Enter the 36 Chambers" galt als Monument des Rap. Dem mittlerweile verstorbenen Vortänzer Ol' Dirty Bastard eilte der Ruf des unkontrollierbaren Chaos- und Randaletypen, aber auch des verrückt-genialen Rap-Monsters voraus. Entsprechend groß war mein Interesse, als ich den Job des Tourmanagers für die sieben Deutschland-Shows angeboten bekam.

Ich hatte zuvor zwar eher mit Punk- und Rock'n'Roll-Bands getourt, konnte aber auch schon auf Touren mit DAS EFX, Hit Squad, Young Black Teenagers, Brand Nubian und Redman zurückblicken, was mir HipHopper und ihre typischen Vorlieben bereits nähergebracht hatte. Voller Vorfreude machte ich mich auf nach Hamburg, um die Band kennenzulernen. Vorgestellt wurde mir Eva R., die den Clan in New York unter ihren Fittichen hatte. Sie hatte bereits mit Größen wie Guns'n'Roses und Sonic Youth gearbeitet, was mir gefiel, denn obwohl sie von eher zierlicher Natur war, konnte sie sicherlich auch auf den Tisch hauen. Dachte ich jedenfalls!

Der Clan war leider ohne Ol' Dirty Bastard angereist. Fliegen, und dann noch so weit, wäre wohl zu viel gewesen für den Exzentriker. Die anderen Jungs waren wohl auch noch nie über die Grenzen New Yorks hinausgekommen. Sie waren laut Eva jedenfalls sehr verwundert, dass man keine "ganz kleinen Pistolen" und noch nicht mal "ganz wenig Grass" mit in den Flieger nehmen durfte. Beides landete noch gerade rechtzeitig auf dem Highway-Randstreifen vor dem New Yorker Airport.

Feixende Rapper und Löcher in der Wand

In Hamburg angekommen, saßen die Clan-Mitglieder um einen großen Tisch in einem Konferenzraum der Plattenfirma, die Kapuzen tief in die Stirn gezogen und mönchsähnlich auf den jeweiligen Tisch vor sich starrend. "Coole Show", dachte ich. "Scheiß Tourmanager-Typ", dachten die wohl, denn meine persönliche Vorstellung lief extrem unterkühlt ab: Die Kapuzen wurden nicht gelüftet, und ich konnte bei fast allen meine Hand wieder einpacken und musste mit einem "Hi" oder "Hi man!" als Begrüßung auskommen.

Doch plötzlich kam Bewegung in die stumpfe Runde. Einer der Mitarbeiter der Plattenfirma hatte Löcher in der nagelneuen Grastapete des Konferenzraums entdeckt. Genau vier Löcher, exakt im Quadrat, die offensichtlich von einem umherfliegenden Stuhl stammten. Es folgte eine kurze und sehr aufgebrachte Unterredung, dann versuchte Eva R., den Schuldigen aus der mittlerweile grinsenden und feixenden Rap-Gruppe herauszufischen.

Einer nach dem anderen beteuerte breit grinsend seine Unschuld. Als Eva - mittlerweile stinksauer - bei Method Man angekommen war, drehte der sich um, lüftete die Kapuze und ließ einen beeindruckenden und langanhaltenden Schwall frauenfeindlicher Beschimpfungen auf die kleine Eva niederprasseln, der mit diversen, auch sehr persönlichen Drohungen endete.

"Wir sind der Wu Tang Clan!"

Die Show am Abend in der Markthalle in Hamburg war für mich zumindest musikalisch verwirrend. Sieben oder acht Typen, die gleichzeitig zu dem Klang eines Dat-Bandes abwechselnd in vier bis fünf Mikros brüllen, wirkten einfach grotesk. Brechend voll war es auch nicht, was beim Tour-Start natürlich immer ein Dämpfer für alle Beteiligten ist. "Mir egal", dachte ich und war froh, später in einem halbwegs komfortablen Hotelbett seelenruhig einschlafen zu können.

Der nächste Morgen begann allerdings wieder turbulent. Die harten Jungs hatten sich bereits kollektiv bei Eva R. beschwert, weil sich vor dem Hotel Prostituierte und Dealer die Beine in den Bauch standen und auf Arbeit warteten. Mit völliger Entrüstung und Inbrunst wurde protestiert: "Wir sind der Wu Tang Clan! So was könnt Ihr mit uns nicht machen!" Ich fand das ziemlich schräg: Diese Typen kamen aus New York, und dort, wo sie üblicherweise verkehrten, war es garantiert schmutziger als hier.

Doch es kam noch besser, als der Hotelportier zusätzlich zur Hotelrechnung auch eine Telefonrechnung für die letzte Nacht in meine Richtung rüberschmeichelte: 2600 Mark! Abzüglich meiner 1,50 Mark für ein Telefonat mit meiner Süßen vor dem Schlafengehen blieb da immer noch ein Haufen übrig. Etwas geschockt rief ich bei der Konzertagentur an. Dort waren sie natürlich wenig begeistert und sagten mir in etwa Folgendes: "Zahl die Rechnung, scheiß die Jungs zusammen und zieh denen die Kohle von den Abendgagen ab!" Punkt eins und drei konnte ich vertreten. Punkt zwei übertrug ich an Eva, allerdings nicht, ohne vorher zu fragen, wie man denn so eine Summe erreiche. Dauergespräche in die USA und andere extrem kostenpflichtige Hotlines, you kow what I'm talkin' about!

Wu Tang nach Hause telefonieren

Sie beteuerten, nicht im Traum daran gedacht zu haben, dass das so teuer werden könnte. Als ich ihnen sagte, dass Unwissenheit in Deutschland nicht vor Schaden schütze, waren die Jungs ziemlich empört. Scheiß Tour! Dann erfuhr ich, dass einige Tage zuvor die gleiche Nummer in einem Hotel in London abgelaufen war. Nur flüchtete die Band da durch den Hinterausgang und bezahlte die Telefonrechnung einfach gar nicht. Kurz zuvor war außerdem wohl auch der Merchandiser und gleichzeitig der persönliche Vertragspartner für diese Tour mit den gesamten Merchandising-Einnahmen der Tour geflüchtet. Jetzt war der Clan klamm und sauer.

Es folgten Shows in der Kölner "Kantine" und dem "Roxy" in Ulm, wo einem Clan-Mitglied angeblich fast eine Jacke geklaut wurde - in der Folge setzte es Faustschläge und die Polizei rückte an. Die Laune der Jungs war im Keller - es braute sich was zusammen. Für den 8. September 1994 steht zwar noch heute das "Nachtwerk" in München auf meinem Tour-Pass von damals, aber die Show war in einen kleineren Laden verlegt worden, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Dieser Abend war der Anfang vom Ende.

Zunächst war die Laune noch ganz gut, denn eine ordentliche Anzahl weiblicher Fans gierte schwer auf die Jungs. Zudem waren einige Interviews zu absolvieren, was dem Ego der Band in der Regel ganz gut tat. Doch dann kam wieder das verflixte Telefon dazwischen, genau genommen die Telefone im kleinen Produktionsbüro des Clubs, wo sich fast alle Clan-Mitglieder auf Stühlen lümmelten und fleißig nach Hause telefonierten. Der Clubbesitzer wollte aber keine Privatgespräche zulassen. Der Streit darum endete damit, dass ein Telefon quer durch den Raum geworfen an einer Seitenwand des Büros zerschellte und der Clubbesitzer die Band hinauswarf, woraufhin die Jungs die Show und die gesamte Tour abbrechen wollten.

Gras in Amsterdam

Ich nahm es mit dem Gleichmut hin, der sich inzwischen eingestellt hatte. Tja, das waren ja gerade mal drei Shows gewesen, dachte ich. Die Agentur war dagegen entsetzt. Eva R. hatte bereits vorher - ausgebrannt und dem Nervenzusammenbruch nahe - das Handtuch geworfen und mir die weitere Leitung der Tour übergeben. Also versuchte ich, die Band noch vom Weitermachen zu überzeugen, aber die Rapper weigerten sich.

Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, um alles Weitere zu besprechen, aber ich konnte bereits die Tendenz in der Band heraushören: Bis zum Rückflug - die Tour hätte bis zum 11. September 1994 gehen sollen - wollten sie lieber bei viel Gras in Amsterdam abhängen. Am nächsten Morgen gab es dann die Lagebesprechung im Sitzkarree des Nightliner-Tourbusses. Zugegen waren ich und zwei der Clan-Mitglieder. Von Besprechung konnte allerdings erst mal keine Rede sein. Denn sobald alle saßen, ging das Gebrüll schon los. Einer der Jungs schrie in einem zehnminütigen Monolog auf mich ein und ich konnte nur mit Mühe die wesentlichen Kritikpunkte der vorangegangenen Tage heraushören.

Obwohl ich eine Mordsangst hatte, gab ich mich äußerlich ganz unbeeindruckt und fragte den Brüller, nachdem er atemlos seine Rede beendet hatte, ob das alles gewesen sei. Ein trockenes "Yepp" setzte dann meine Antwort wie folgt in Gang: "Erstens: Ihr habt einen Vertrag mit meiner Agentur und der wurde von euch unterzeichnet. Ich bin derjenige, der unseren Part des Vertrags hier realisieren soll und euren Part ermöglichen und abwickeln muss. Das ist gerade mein Job, also nichts Persönliches, bitte." Die Gegenfrage lautete in etwa so, wenn auch wild durcheinender gequasselt: "Ah so, das wussten wir nicht und welcher Vertrag überhaupt, und warum kriegen wir kein Geld, und warum dürfen wir nicht umsonst telefonieren?"

Ein Rap bei McDonald's

Tja, das war ja einfach zu erklären: "Der Typ, der den Vertrag mit seiner Unterschrift versehen hatte, ist in London mit eurer Merchandise-Kasse durchgebrannt. Jetzt könnt ihr ihn nicht mehr fragen. Nur noch mich. Ich kann euch gerne ein paar Exemplare des 20-Seiten-Vertrages an der Rezeption kopieren, dann könnt ihr alle anderen Antworten dort selbst und zwar verbindlich nachlesen." Das wurde zwar für cool befunden, aber offensichtlich hatte keiner Lust zu lesen. Mir wurde der schwarze Peter wieder freundschaftlich entzogen und es blieb nur noch die Frage nach der Rückfahrt gen Amsterdam offen. Allerdings nicht lange. Dass der Nightliner die ganze Bande nach Amsterdam in ein Hotel schippern sollte, wurde kurz darauf mit der Agentur abgesprochen und so ging es gegen Nachmittag los. Richtung Autobahn 3.

Erster Stopp: McDonald's. Fast alle Jungs raus aus dem Bus und rein in die Burgerbude. Eine bizarre Szenerie: Der Wu Tang Clan, wie die Daltons hintereinander in einer Schlange bei McDonald's. Einige Kids im Laden hatten schon gemerkt, dass das da wohl eine Band sein müsse, und tuschelten aufgeregt. Und dann zückte Ghost Face Killa, der ansonsten recht ruhig gewesen war, den kleinen Block, auf dem er den ganzen Morgen schon herumgekritzelt hatte und fing an zu rappen. Das war echt beeindruckend, dem Urknall eines Wu Tang Raps bei McDonald's beiwohnen zu dürfen.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir im Dunkeln die Raststätte Medenbach-Ost bei Wiesbaden. Der Fahrer fuhr an der eigentlichen Tankstelle vorbei, um vor der Raststätte zu halten, wo es Toiletten und auch Essen gab, aber eben nichts für den schnellen Hunger. Als ich wieder am Bus ankam, war die halbe Band verschwunden. Wir fingen an, uns Sorgen zu machen und gleichermaßen sauer zu werden, denn auf weitere Extratouren der Band hatten weder der Fahrer noch ich große Lust. Wir dachten dann zunächst, die Jungs wären zurück zur Tankstelle gelaufen, um dort einzukaufen.

Dann aber hörten wir großes Gejohle und Gelächter hinter dem Bus und es stellte sich schnell heraus, wo die Jungs wirklich gewesen waren: "Hahahaha, goddamnit, we crossed the fuckin' German Autobahn!", schrien sie und wir konnten es nicht fassen. Vier oder fünf dunkel gekleidete und dunkelhäutige Jungs aus New York waren nachts um zehn quer über die sechsspurige A3 gelaufen, um an der Tankstelle gegenüber ihre Chips, Coca Cola und Chocolate Bars zu kaufen - nur um ein paar Meter Wegstrecke zurück zur Tanke auf unserer Seite zu sparen!

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Peter Schmidt 30.05.2011
Ich halte den Artikel ja für sehr fragwürdig. Er strotzt vor ziemlich vielen Logikfehlern. Die Recherche nach dem Autor ergibt zwar, dass dieser musikalisch interessiert ist, jedoch verschweigt er in seiner Vita dass er 1994 o.ä. Tourmanager gewesen sei. Normalerweise würde man die Referenz "Tourmanager" wohl stolz in seine Vita mit aufnehmen... Gibt der "Story" in Verbindung mit den Logikfehlern einen faden Beigeschmack. Nur meine Meinung ;-)
2.
Frank Frank 31.05.2011
Liest sich komisch der Artikel. So ein bißchen wie Seite 122 bis 124 der Autobiographie des Autors. Irgendwie scheinen die Wutangs damals doch ganz artige brave kleine Jungs gewesen zu sein - kein Fall für die junge Union - aber gekifft haben wir doch alle schon einmal oder?
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