Unveröffentlichte Rede Wie Ulbricht die DDR reformieren wollte

Mehr Management-Initiative, mehr Effizienz: Was klingt wie ein Rezept der freien Marktwirtschaft, forderte Walter Ulbricht 1970 in einer visionären Rede für die DDR. Doch veröffentlicht wurde sie nie. Klaus Taubert zitiert erstmals daraus und beschreibt, wie 13 Verschwörer den Staatschef danach abservierten.


Nichts deutet im Juli 1970 auf das Ende einer Ära hin. SED-Chef Walter Ulbricht besucht die "Ostseewoche" in Rostock, bei der der Norden Europas in der DDR zu Gast ist. Es ist ein Treffen von Kommunalpolitikern, Gewerkschaftern, Frauen und Jugendlichen aus den Ostsee-Anrainerstaaten sowie Norwegen und Island - aber ist es der Versuch eines isolierten Landes, seinen Handel mit dem Rest der nördlichen Welt anzukurbeln.

Ulbricht trifft sich bei der "Ostseewoche" auch mit führenden Leuten der DDR-Wirtschaft im Auditorium Maximum der Rostocker Universität, um über eine effektivere Volkswirtschaft zu reden. Als einziger Journalist werde ich unvermittelt zu dieser Beratung beordert, um für die Nachrichtenagentur ADN zu berichten. Ich würde ein paar Zeilen über das Treffen schreiben, Ulbricht gebührend erwähnen und bald wieder erlöst sein, denke ich. Doch weit gefehlt.

Walter Ulbricht, 77 Jahre alt, spricht an diesem Sommertag zwei Stunden ohne Manuskript über sein neues Wirtschaftssystem. Und sehr schnell begreife ich, dass diese Rede besonders ist. Ulbricht will dem Management in Kombinaten und Betrieben mehr Eigenverantwortung und größere Entscheidungsbefugnisse übertragen. Er nennt die Mängel und Schwächen der zentralistisch gesteuerten Planwirtschaft beim Namen.

Brisante Äußerungen, die noch nie veröffentlicht wurden

Doch niemand wird je von dieser Rede erfahren, weil niemand davon erfahren soll. Kein Fernsehsender ist vor Ort, auch im Rundfunk findet Ulbrichts Rede nicht statt - der alte Mann der SED hat die Medien schon nicht mehr im Griff. Sie werden längst von seinem Rivalen Erich Honecker gesteuert. Und so bleiben die brisanten Äußerungen mehr als 40 Jahre unveröffentlicht in meinem Block, denn am Ende darf nur eine kleine Notiz über die Begegnung gedruckt werden.

"Quelle der Entwicklung neuer weltmarktfähiger Produkte ist die wissenschaftliche Arbeitsorganisation. Wir haben aus dem Nichts einen Schiffbau entwickelt. Das ist eine große Leistung. Doch jetzt gilt es, aus der Prognose der Weltspitze des Schiffbaus von 1990 oder 1980 zurückzurechnen und daraus konkrete Aufgaben für die Gegenwart abzuleiten. Dabei erleben wir noch sehr oft, dass Material, Menschen, Qualifizierung und Zusammenarbeit über Betriebsgrenzen hinaus nicht harmonieren, nicht zusammenpassen."

Für Ulbricht ist der Schiffsbau zu einem Musterbeispiel sozialistischer Betriebswirtschaft geworden. Und doch enthält schon dieser Teil der Rede auch geharnischte Kritik. Es fehle an Effizienz, realistischen Zielen und Kommunikation.

Ulbricht ahnt, wohin die Probleme die DDR führen können

"Wir müssen Systeme, Erzeugnisse und Verfahren entwickeln, die noch nicht gedacht sind. Das ist eine Aufgabe der Großforschung in den Kombinaten. Unser Bildungssystem muss diesen Zielen immer besser entsprechen. Dazu brauchen wir dringend eine Hochschulreform. Beispielsweise muss die Mathematik ein höheres Niveau erreichen. Das werden wir noch in diesem Jahr in Angriff nehmen."

Bildungsreform, technische Innovationen: Es sind zeitlose aber so wichtige Forderungen, die der angeblich so starre Ulbricht da formuliert. Und er weiß nicht nur genau, wie die Zukunft aussehen muss, sondern auch, wie es in der Realität um die DDR-Volkswirtschaft bestellt ist. Er verweist auf erhebliche Steuerungsdefizite und ahnt, wohin diese Probleme das Land führen könnten - ins finanzielle Desaster.

"Wir müssen unseren Wissenschaftlerkollektiven klare Ziele und Parameter vorgeben und auch die Zeit, bis wann sie was zu erreichen haben. Das gilt für alle Forschungszentren in Kombinaten und VVB. Das bedarf hoher materieller Stimuli. Wir dürfen nicht am falschen Ende sparen. [...] Wir werden diese Aufgaben schließlich nur mit einer hoch gebildeten Arbeiterklasse lösen. [...] Alte Methoden des Administrierens von oben sind abzubauen, neue, wissenschaftliche Methoden der Planung auszuarbeiten."

"Das muss man auch mit aller Deutlichkeit sagen"

Was für Worte! Materielle Stimuli. Nicht am falschen Ende sparen. Flache Hierarchien. Neue Wege. Leistung und Leitung. Spätestens hier wird klar, welche Tragweite die Rede des SED-Chefs haben könnte, wäre sie im Fernsehen gesendet oder im Radio übertragen worden. Und schließlich äußert ausgerechnet Walter Ulbricht auch noch mehr als deutlich seine Unzufriedenheit über die Parteikader in der Volkswirtschaft.

"Ein Parteisekretär, der nur eine politische Ausbildung an der Kreis- oder Bezirksparteischule hat, schafft seine Arbeit heute nicht mehr. Er muss ein bis zwei Jahre neu ausgebildet werden. Das muss man auch mit aller Deutlichkeit sagen. Angesichts der neuen großen Anforderungen kommen wir nur weiter, wenn das System der Ausbildung gesichert ist. Und die modernen und neuen Methoden der Ausbildung erfolgen heute mit Hilfe von Computern. Die Praxis verändert sich immer schneller. Die Ausbildung von Professoren, Lektoren und Dozenten muss sich diesem Tempo anpassen, muss beschleunigt werden. Zum Beispiel ist die Zahl der Mathematiker, die gebraucht werden, heute schon doppelt so hoch wie die der vorhandenen."

Doch Ulbricht hat ein Problem. Seine Gegner um Erich Honecker sehen keine Notwendigkeit, ihre Macht mit einer Wirtschaftselite zu teilen, wie sie Ulbricht vorschwebt. Honecker nutzt im September 1970 Ulbrichts Kuraufenthalt auf der Krim und lässt das Politbüro einen Beschluss fassen: Ulbrichts Wirtschaftsreformen werden gestoppt. Doch mit dem Abbruch durch Honecker wird nicht nur Ulbrichts Machtverlust offenbar. Sie machen im Rückblick auch die letzte Chance für die DDR zunichte, mit ihren effektiv arbeitenden Kombinaten international zu bestehen und die Sozialpolitik mit entsprechenden ökonomischen Leistungen abzufedern.

Ulbricht wird in Moskau denunziert

Ende Januar 1971 übergibt der Honecker-Vertraute Werner Lamberz in geheimer Mission an Kreml-Chef Leonid Breschnew einen Brief, den 13 Angehörige des SED-Politbüros unterschrieben haben. Honecker hat zur eigenen Sicherheit inzwischen die Mehrzahl der Politbüromitglieder auf seine Seite gebracht. In dem Brief wird Ulbricht als unbelehrbar, eigenmächtig und arrogant denunziert. "Wir sehen die Ursachen für die zunehmenden Schwierigkeiten, die für unsere Partei durch die Handlungsweise des Genossen Walter Ulbricht entstehen, auch im Zusammenhang mit seinem hohen Alter. Hier geht es sicherlich um ein menschliches und biologisches Problem."

Aus "Altersgründen" erklärt Ulbricht am 3. Mai 1971 seinen Rücktritt als Erster Sekretär des ZK der SED. Er darf weiter im abgewerteten Amt des Staatsratsvorsitzenden bleiben und außerdem eine Ehrenfunktion übernehmen, die es laut Statut der SED gar nicht gibt. Er wird "SED-Vorsitzender" - ein Posten ohne Rechte und Pflichten.

Viele späte Erkenntnisse Ulbrichts werden von Honecker ignoriert, ob finanzielle Anreize für schnellen Fortschritt in Wissenschaft und Forschung, die Einschränkung des Zentralismus oder das Festhalten an privater Unternehmerinitiative. Stattdessen lebt die DDR zunehmend über ihre Verhältnisse und versinkt in Schulden. Der "demokratische Zentralismus", die zentrale staatliche Planung, die praxisferne Gängelei von oben feiert fragwürdige Triumphe.

Ulbricht war mitverantwortlich für die Zwangsvereinigung von KPD und SPD. Er ließ den Aufstand am 17. Juni 1953 blutig niederschlagen und 1961 die Mauer bauen. Der "Spitzbart" genannte Politiker war in der DDR auch nie beliebt und seine Reden langatmig und langweilig. Seine beste aber wurde nie übertragen.

Zum Weiterlesen:

Klaus Taubert: "Generation Fußnote. Bekenntnisse eines Opportunisten". Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008, 296 Seiten.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Reinhart Espig, 31.01.2011
1.
ulbricht hatte wie honecker das problem... er hätte sich mit der IHK unterhalten sollen, die auch nur die lösung im ausländerimport sieht, wo doch eh alles billigst aus china kommt
Siegfried Wittenburg, 31.01.2011
2.
"Ein Parteisekretär, der nur eine politische Ausbildung an der Kreis- oder Bezirksparteischule hat, schafft seine Arbeit heute nicht mehr. Er muss eins bis zwei Jahre neu ausgebildet werden..." Diese Stelle zeigt, dass niemals eine "Kursänderung" auf dem Weg über den Sozialismus zum Kommunismus zum Erfolg geführt hätte. Welcher Lehrer sollte denn die Parteisekretäre ausbilden? Und vor allem: warum "nur" politisch? Und woher sollten die Lehrer in ihrer abgeschotteten Diktatur den Lernstoff erhalten?
Klaus Taubert, 31.01.2011
3.
Lieber Herr Wittenburg, um es zu ergänzen, es ging nicht um die politische Weiterbildung der Parteisekretäre, es ging Ulbricht um Fachwissen wie es an Hoch- und Fachschulen gelehrt wurde, Computertechnik, Kybernetik usw. Einige Parteisekretäre wurden an so genannten Industrieinstituten ausgebildet. Aber natürlich nicht in der heute weltoffenen Weise, obwohl die Lehrstühle schon über internationales know how verfügten. Aber letztlich hätte das die DDR nicht gerettet. Wichtig erscheint mir nur deutlich machen zu können, dass es bestimmte Erkenntnisse über Fehlentwicklungen gab. Andererseits stand Ulbricht unter Kritik aus Moskau wegen seiner "Eigenmächtigkeiten". In der selben Rede sagte er auch: "Ich bin gegen den Export unseres ökonomischen Systems. Sie können abgucken, was sie wollen, aber es muss durch ihren eigenen Kopf. Wir übernehmen nicht die Verantwortung, wenn bei ihnen Krisen entstehen." Das war doch ein gutes Stück nationalen Selbstbewusstseins. Wer weiß, wo das hingeführt hätte...?! Viele Grüße!
Hubert Rudnick, 31.01.2011
4.
Dieser Artikel wird nur dazu benutzt, um Halbwahrheiten zu verbreiten. Wenn hier steht,dass Walter Ulbricht gesagt haben soll, dass für ein Parteisekretär eine Ausbildung an der Kreispartei, oder Bezirksparteischule nicht mehr ausreicht, so mag es für seine Zeit gegolten haben. Aber später hatten fast alle Parteisekretäre eine berufliche Fachschule,oder Hochschule besucht und abgeschlossen, es waren nicht die reinen Parteiidioten, so wie sie Ulbricht noch unter seine Fittiche hatte. Es waren in der DDR nie die Parteisekretäre die eine wichtige Entscheidung in Fragen der ökonomischen Entwicklung mitzutragen und verantworten hatten, sie waren, so wie viele andere Politiker von heute auch nur die kleinen Handlanger anderer,die entsprechende Politik wurde von oben herab bestimmt und nach unten durchgesetzt, die Parteisekretäre konnten und durften auch nur das mit durchsetzen was andere über ihnen angeordnet hatten. Wir waren wie in einer Monachie, wo alles nur aus einer Hand kam und nie und nimmer andere, wie zB. Parteisekretäre, oder auch die Leute aus den Kreisleitungen was mitzuentscheiden durften. Man sollte nicht immer wieder solche alten Hüte hervorziehen und damit versuchen die Welt zuerklären, wer die nur Schlagzeilen einer Art der BIldzeitung produzieren will, der wird dann auch nicht mehr glaubhaft. Aber eines stimmt, dass mit der Machtergreifung von Erich Honnecker die wirtschaftliche Entwicklung langfristig Berg ab ging, dieser Mann und seine Gefährten aus dem Politbüro waren die Beschleuniger des Zusammenbruchs, sie sahen ihre Welt nur noch ideologisch, die Realität wurde ausgeblendet und wer es wagte es anders zu sehen, der wurde wie in einer Monachie abgestraft.
Siegfried Wittenburg, 31.01.2011
5.
Lieber Herr Taubert, ich verstehe, was Sie zum Ausdruck bringen wollten. In diesem Zeitraum, als das geschah, steckte noch der Prager Frühling in den Knochen, sowohl als Hoffnungsschimmer als auch als gewaltige Enttäuschung. Viele Menschen dachten freier, hielten aber den Mund aus Furcht vor Waffengewalt. Mag sein, dass Ulbricht einen Gedankenschwall nicht länger für sich behalten konnte und einfach drauflossächselte. Ihm drohte ja keine Gefahr. Aber was auch immer er in die Wege geleitet hätte, das Sagen hatten auch die anderen Greise zwischen Politbüro und Kremlmauer. Und diese Leute mit allesamt ihren Speichelleckern waren keine "junge Garde des Proletariats", sondern saßen frei nach Renft mit ihrem Arsch gemütlich auf dem Thron. Ich habe vor einiger Zeit das ND zwischen den sechzigern und den Achtziger Jahren nach Schlagzeilen und Inhalten durchforscht. Die Sprache unter Ulbricht war einfach primitiv, die unter Honecker wesentlich subtiler, aber auch bedrohlich. Das war die feine böse Art. Es gab immer Menschen, die klug und engagiert waren und trotz aller Beschränkungen Überdurchschnittliches geleistet haben. Darunter waren auch Genossen. Sie liebten ihren Beruf und engagierten sich. Da fuhr der eine oder andere schon mal zum Kongress und zum Praktikum in die USA, um Anschluss an das "Weltniveau" zu finden. Als er das Gelernte dann zu Hause umsetzten wollte, scheiterte er an den primitivsten Voraussetzungen. Und bis er das eine Problem gelöst hatte, war der Westen schon wieder um drei Nasenlängen voraus. Diese Nasenlängen summierte sich dann, bis viele Menschen zum Schluss zu der Erkenntnis gelangten, dass man in einem Knast keine Flugzeuge bauen kann. Alle Flügel, die wuchsen, bestanden aus Träumen. Und so fanden sich viele 1989 gemeinsam auf den Straßen wieder. Trotzdem: Vielen Dank für den interessanten Diskussionsstoff und viele Grüße.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.