Unvollendete Filme Blockbuster? Desaster!

Unvollendete Filme: Blockbuster? Desaster! Fotos
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Sie hätten Kinogeschichte schreiben können - wären sie nur ins Kino gekommen: Viele Herzensprojekte von Regiestars scheiterten am Budget, toten Darstellern oder Bandscheibenvorfällen. einestages verrät, wer Don Quijote auf den Mond schicken wollte und welcher Film selbst Hitchcock zu gruselig wurde. Von Benjamin Maack

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Don Quijote kämpft. Er fuchtelt mit seinem Schwert, stellt sich den Riesen mutig entgegen, fordert sie zum Gefecht heraus - und wirkt dabei in seinem Wahn einsamer als je zuvor. Denn diesmal sind die Giganten keine Windmühlen in den abgeschiedenen Ebenen von La Mancha, sondern die riesenhaft abgebildeten Schauspieler auf einer Kinoleinwand. Und hinter ihm steht nicht nur ein verdatterter Sancho Panza, sondern ein aufgebrachtes Publikum, das den Ritter von der traurigen Gestalt brüllend und pöbelnd auffordert, den Blick auf den Film freizugeben.

Es ist eine einzelne Filmszene in schwarzweiß und ohne Ton, ein Schnipsel Zelluloid, dem man sein Alter ansieht. Das Bild ist zerschrammt und verwaschen. Aber es sind auch einige wenige Minuten großes Kino von einem der größten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Denn die Bilder sind das Vermächtnis von Orson Welles' nie vollendetem Traumprojekt "Don Quixote".

Einen Film zu drehen, ist stets ein großes Abenteuer voller unvorhersehbarer Hürden. Da werden Budgets gesprengt, Filmsets von Stürmen vernichtet oder Regisseure gefeuert. Jahr für Jahr werden so Projekte in allen möglichen Stadien ihrer Entstehung begraben, Drehbücher verstauben in Schubladen, Filmrollen verschwinden für immer in Archiven der Produktionsfirmen, ohne dass je einer von ihnen hört.

Und dann wieder gibt es diese Werke, deren Nichtexistenz eine Lücke in der Filmgeschichte zu hinterlassen scheint. Welles ist nicht allein damit. Auch Regisseure wie Alfred Hitchcock, Sergej Eisenstein oder Stanley Kubrick hatten Herzensprojekte, die sie niemals fertig stellen konnten - und die ihrer Karriere vielleicht eine entscheidende Wendung hätten geben können. Es sind unfertige Werke, die unter Cineasten zum Mythos werden, weil sie mehr über die Beteiligten, die Filmkunst oder auch das System Hollywood erzählen als die meisten abgeschlossenen Filme. "Don Quixote" ist so einer.

Es war in den späten fünfziger Jahren, als Orson Welles begann, seine Neuinterpretation des Romanklassikers zu drehen. In seiner Version der Geschichte sollten der spitzbärtige Ritter und sein träger Gefährte Sancho Panza durch die Gegenwart irren. Er wollte damit zeigen, dass Cervantes' Ritterfigur niemals zeitgemäß sein kann. Dass der Träumer, der sich selbst zum Ritter ernennt, schon als das Buch 1605 erschien aus der Zeit gefallen war. "Diesen Anachronismus habe ich einfach übersetzt. Mein Film zeigt, dass Don Quijote und Sancho Panza ewig sind", so Welles.

Der Beginn der Dreharbeiten schien aber auch eine Botschaft an Hollywood zu sein. Denn gerade war das gealterte Wunderkind von seiner Produktionsfirma Universal praktisch aus dem Schneideraum seines Films "Im Zeichen des Bösen" geworfen worden. Weil die Geschichte ihnen in Welles' Version zu unverständlich erschien, schnippelten die Produzenten nun nach Belieben an seinem Werk herum, drehten sogar neue Szenen. Als der Regisseur die geglättete Version sah, verfasste er schockiert ein 58-seitiges Memo mit Dingen, die seiner Meinung nach geändert werden müssten, um seinen Film zu retten.

Es war sein letztes Aufbäumen in seinem Kampf gegen das Hollywood-System. "Im Zeichen des Bösen" wurde Welles' letztes Projekt in der Traumfabrik. Er reiste umgehend nach Mexiko und ließ, statt selbst in den Kampf um seinen Film zu ziehen, Don Quijote gegen Windmühlen kämpfen. Um dieses Mal Eingriffen von Außen zu entgehen, beschloss der Regisseur, das Budget niedrig zu halten und das Projekt weitgehend selbst zu finanzieren.

Welles beschließt, alle Charaktere selbst zu sprechen

Im Juni 1957 begannen die Dreharbeiten. Welles arbeitete ohne fertiges Drehbuch, ließ viele der Szenen einfach von den Schauspielern improvisieren und drehte alles mit 16-Millimeter-Stummfilm-Equipment. Die Szenen, so Welles' Idee, könne er ja immer noch später von den Schauspielern nachsynchronisieren lassen.

Doch bereits im Oktober 1957 ging Welles das Kapital aus. Der Beginn einer unendlichen Geschichte. Um Geld für "Don Quixote" zu verdienen, spielte er etliche Filmrollen und führte bei zwei Theaterstücken Regie. Als er wieder liquide war, hatte er ein neues Problem: Eine der Hauptrollen im Film spielte ein kleines Mädchen, das bereits zu alt für seine Rolle war, als er die Arbeiten wieder aufnahm.

Welles blieb standhaft. Kurzerhand strich er die zentrale Rolle und änderte das Drehbuch. Stunden von Material wurden mit einem Schlag unbrauchbar. In den sechziger Jahren drehte Welles immer wieder Szenen für den Film. Mal in Italien, mal in Spanien, ja sogar während eines Urlaubs auf Malaga. 1969 dann starb Francisco Reiguera, Welles' Don Quijote. Glücklicherweise war es Welles gelungen, kurz zuvor alle Szenen mit dem Don-Quijote-Darsteller fertig zu drehen. Doch Welles hatte die meisten Szenen ohne Ton gedreht. Wieder ließ sich der Tausendsassa mit dem außergewöhnlichen Ego nicht beirren: Welles beschloss einfach, alle Charaktere im Film selbst zu sprechen.

"...und ich musste 100 Minuten Material vernichten"

In den siebziger Jahren wies er immer wieder bei anderen Projekten Kameraleute an, nebenbei ein paar Szenen für "Don Quixote" zu drehen. Das Projekt wurde zum Mythos - den Welles eifrig selbst befeuerte. So sagte er einmal, dass beim Finale des Films der Ritter und sein Gefährte eine Atombombenexplosion überleben sollten. Ein anderes Mal behauptete er, er habe eine fertige Version gehabt, in der Don Quijote und Sancho Panza am Ende den Mond betraten. "Aber dann", so Welles, "landeten [die USA] auf dem Mond und ich musste 100 Minuten Material vernichten."

Anfang der achtziger Jahre dann beschloss Welles, aus dem Material eine Art Filmessay zu machen, in dem es um den politischen Wandel in Spanien von der Zeit Cervantes' bis zur Post-Franco-Ära gehen sollte.

Am Ende hatte er mehr als 1000 Drehbuchseiten geschrieben, ließ aber nicht von dem Projekt ab. Einmal sagt Welles, dass er den Film nach der Frage benennen werde, die ihm am häufigsten gestellt werde: "Wann machst du 'Don Quixote' fertig?" Tatsächlich gab es etliche Werke, die der Regisseur niemals fertig stellte. Denn, seit ihm Universal "Im Zeichen des Bösen" ruiniert hatte, versuchte er die Filme so weit wie möglich selbst zu finanzieren und zu produzieren. Doch der Traum von einem fertigen "Don Quixote"-Film sollte ihn sein Leben lang begleiten. Noch bis zu seinem Tod am 10. Oktober 1985 sprach er immer wieder öffentlich davon, das Werk zu beenden.

Vielleicht war das ständige Reden über "Don Quixote" aber auch ein grandioser Trick des famosen Regisseurs. Denn mit seinen Visionen von immer neuen Varianten der Geschichte schuf er in den Köpfen seiner Fans ein Werk von einer Komplexität und Schönheit, die bald kein echter Film übertreffen könnte. Nicht mal einer von Orson Welles.

Zum Weiterlesen:

"Stanley Kubrick's Napoleon: The Greatest Movie Never Made". Taschen Verlag, Köln 2011. 1112 Seiten.

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1.
Christian Dülpers 24.10.2012
Der nach Napoleon zweitgrößte Film, oder vielleicht sogar der größte, der nie vollendet wurde, dürfte Jodorowskys "Dune" sein. Wer da alles beteiligt sein sollte: Moebius, HR Giger, Salvador Dali, Orson Welles, Karlheinz Stockhausen, Pink Floyd, Chris Foss etc.- viel mehr geht mal wirklich nicht.
2.
Ronald Stephan 24.10.2012
Hm. Der Mythos des Welles'schen "Don Quixote" hatte auch in meinem Kopfkino ein 'Werk von einer Komplexität und Schönheit, die bald kein echter Film übertreffen könnte' erzeugt. Oder so ähnlich. Aber nachdem ich den verlinkten Clip, nach dem ich nie gesucht hätte, gesehen habe - nun ja. Meine Version gefällt mir doch etwas besser. Wirklich gern sehen würde ich den Film über den Dreh von "Divine Rapture". Debra Winger, 'Filmstar und doch Gutmensch', die gegen Ende völlig zerknüllt ihren Landei-Babysittern ein paar Scheine in die Hände drücken will, dabei eventuell ihren Dispo überzogen hat, und - Melpomene sei Dank - von den pragmatisch-geerdeten 'Normalos' kühl abgefrühstückt wird: Das hat was Gültiges, wie die FAZ wohlmöglich schreiben würde. Auch putzig. Terry Gilliam, dessen "Brazil" vielleicht doch mehr Zufällen zu verdanken sein mag, als dem Meister lieb sein wird, ist nicht in der Lage oder Laune, einen wesentlichen Drehort vor Drehbeginn auf - sagen wir mal - regelmäßige Überflüge durch Militärjets abzuklopfen. Ein Job, der in unseren Produktionen durch jeden Produktions-Praktikanten gern und zuverlässig erledigt würde. Aber wir machen ja auch keine - potentielle - Kinogeschichte ;)
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