Urlaub in Bulgarien Schattenmann am Goldstrand

Urlaub in Bulgarien: Schattenmann am Goldstrand Fotos
Georg Keim

Unheimliches Urlaubsabenteuer: Bei einem Ferienaufenthalt an Bulgariens Schwarzmeerküste machte Karl Wilhelm Meier 1982 Bekanntschaft mit einem mysteriösen Mann. Kommunistischer Geheimdienstagent oder kontaktfreudiger Bulgare? Alles war möglich. Von

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Bei meinem ersten Urlaub 1982 in Bulgarien machte ich mir keine Illusionen: Es handelte sich um eine waschechte Diktatur. Unvergessen war das sogenannte Regenschirmattentat von 1978, bei dem der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow in London, mutmaßlich im Auftrag des langjährigen Staatschefs Todor Schwikow, durch eine perfide Vergiftungsaktion getötet wurde. Es kursierten Gerüchte, dass auch die Staatssicherheit der DDR ihr Unwesen in den Urlaubsgebieten an der Schwarzmeerküste trieb, um die Feriengäste aus der DDR zu überwachen und geheimdienstliche Mitarbeiter anzuwerben. Wer deutsch sprach, war in meinen Augen verdächtig.

Als meine Frau und ich über den Goldstrand spazierten, fiel uns ein Mann auf, der sich hinter einem Dünengebüsch zu verstecken schien. In akzentfreiem Deutsch ließ er uns wissen: "Ich habe eine Tante in Graz." Diese wie aus dem Nichts kommende Information, so unverfänglich sie auch zu sein schien, machte uns skeptisch. Meine westliche Überheblichkeit allerdings ließ mich schnell zu dem Schluss kommen, dass der arme Mann nicht reisen konnte, Kontakt mit Urlauber aus dem Westen aufnehmen wollte und sich möglicherweise wünschte, dass wir seiner weit entfernten Verwandten, auf welchem Wege auch immer, etwas zukommen ließen. Der Mann wurde redseliger.

Er stellte sich als Kyrill vor und erzählte uns, dass er technischer Übersetzer sei. Wie zum Beweis parlierte er eine Weile auf Englisch, Französisch, Polnisch und in einer Reihe anderer Sprachen. Möglicherweise handelte es sich bei dem Mann doch bloß um einen harmlosen Übersetzer, der unter den Restriktionen seines Heimatlandes zu leiden hatte und im Umgang mit Urlaubern freie Welt schnuppern wollte. Er fragte uns, ob wir Interesse an bulgarischen Spezialitäten jedweder Art hätten und ließ uns wissen, dass er uns alles besorgen könne. Was uns seine Dienste, wenn wir sie denn in Anspruch nehmen wollten, kosten würden, sagte er uns seltsamerweise nicht. Aber ging es im Rahmen dieser Art von Völkerverständigung nicht zuletzt genau darum?

Mitgehangen, mitgefangen

Kyrill wollte mit uns essen gehen und lud uns ins Casino ein. Leichtfertig sagte ich zu. Meine Frau zeigte sich nicht begeistert, als der mysteriöse Fremde das Weite gesucht hatte, und schließlich kamen auch mir Bedenken. Als wir dennoch, wie verabredet, auf Kyrill in unserem Hotel warteten, tauchten vor dem Eingang zwei Männer auf, denen ich nur äußerst ungern im Dunkeln begegnet wäre. Sie schienen das Hotel zu beobachten. Nun war ich mir sicher, einen Fehler begangen zu haben. Auch wenn es keinerlei Beweis dafür gab, dass die Hünen vor dem Hotel irgendetwas mit unserem neuen Bekannten zu tun hatten.

Mein wenig geistreicher und etwas verzweifelter Vorschlag, uns den Fängen von Kyrill und seinen Handlangern zu entziehen, bestand darin, das Hotel über die Hintertreppe zu verlassen. "Vergiss es", warnte mich meine Frau, "wenn da wirklich was dran ist, dann stehen die doch auch da." Aber eine Alternative fiel ihr auch nicht ein. Also wagten wir doch die konspirative Flucht durch den Hinterausgang. Kyrill, den wir uns zwischenzeitlich als Mitarbeiter entweder des bulgarischen Geheimdienstes oder der Stasi zur Anwerbung von westlichen Agenten ausgemalt hatten, war auf dem Hinterhof mit einem anderen Urlauberehepaar tief in ein Gespräch versunken. Prompt verabschiedete er sich von seinen Gesprächspartnern, wandte sich uns zu und lotste uns den halben Goldstrand entlang in das örtliche Casino. Mitgehangen, mitgefangen.

Im Casino angekommen eröffnete uns Kyrill, dass er noch seine Freundin vom Busbahnhof abholen müsse. Wir hatten nicht eigentlich etwas dagegen, mit einem freundlichen Pärchen zu Abend zu essen, aber einer gewissen Rätselhaftigkeit entbehrte das Ganze noch immer nicht. Womöglich holte er sich zur Unterstützung der geplanten Anwerbung eine weibliche Spezialistin dazu? Immerhin erweckten Frauen in den Augen vieler Menschen weniger Argwohn. Unsere Fantasie spielte Katz und Maus mit uns.

Abenteuerliche Ostblockfantasien?

Nachdem Kyrill das Casino verlassen und uns gebeten hatte, auf ihn und seine Freundin zu warten, konnten wir nicht schnell genug verschwinden. Wir entschieden uns, am anderen Ende des Ortes zu Abend zu essen. Kyrill und die Umstände, unter denen wir ihn kennengelernt und ihm wieder begegnet waren, waren uns nun doch zu suspekt geworden. Bei unserer Rückkehr auf unser Hotelzimmer sahen wir uns sehr genau um. Aber niemand schien dort in unserer Abwesenheit sein Unwesen getrieben zu haben.

Der Zufall wollte es, dass wir unserem geheimnisvollen Verfolger am Strand noch einmal begegneten. Von unserem geplatzten, trauten Pärchendinner war keine Rede mehr. Stattdessen hatte Kyrill Gefallen an unserem Strandtennis-Set gefunden und wollte es uns abkaufen. Das kam uns auf beruhigende Art normal vor. Denn alles, was aus dem Westen kam, zog das Interesse der Einheimischen auf sich.

Vielleicht waren es schlicht unsere abenteuerlichen Ostblockfantasien gewesen, die aus einem etwas ungeschickten Einheimischen einen Geheimdienstagenten gemacht hatten? Genau werden wir es wohl nie wissen. Für den Rest unseres Urlaubs jedenfalls ließ uns Kyrill in Ruhe, und unser Hotelzimmer war auch bei unserer nächsten Rückkehr in exakt demselben Zustand, in dem wir es verlassen hatten.

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