Urlaub in der DDR Camping mit Hindernissen

Spontanurlaub Fehlanzeige: Als Klaus Roensch in den Siebzigern das erste Mal an der Ostsee zelten wollte, fehlte ihm die erforderliche Genehmigung. Eine Tagesreise zum zuständigen Amt in Rostock erbrachte das unentbehrliche Dokument. Dann aber wurden seine Frau und er auch noch einer Republikflucht verdächtigt.

Klaus-D. Roensch

Ohne Vater Staat ging in der DDR gar nichts. Nichtmal ein bescheidener Urlaub an der Ostsee war ohne sein gnädiges Abnicken möglich. Als meine Frau und ich in den siebziger Jahren beschlossen, mit unserem Wartburg an der Ostsee auf Rügen zwei Wochen Urlaub zu machen, ahnten wir nicht, dass uns die Überwindung kräftezehrender bürokratischer Hürden bevorstand.

Bei unserer Ankunft an der Waterkant rochen wir die verheißungsvolle salzige Seeluft und staunten über die schier unendliche Weite. Wir empfanden sogar so etwas wie ein Gefühl der Freiheit. Immerhin waren wir zum ersten Mal an der Ostsee. Grau und glatt lag die raue baltische Schönheit vor uns. Wasser und Himmel so weit das Auge reichte.

Unser Ziel war zunächst der Alt Reddewitzer Campingplatz. Am Bodden gelegen, breitete sich das kleine Urlauberparadies über einen sanften Hügel aus. Hart im Nehmen musste man nicht nur wegen des Windes sein, der ständig auflandig blies, sondern auch wegen des Anmeldemarathons, den man durchhalten musste, nachdem man es endlich geschafft hatte, den bedrohlich wirkenden Schlagbaum zu passieren.

Zelterlaubnis?

Als wir endlich an der Reihe waren, wollte man unsere Zelterlaubnis sehen. Zelterlaubnis? Bisher waren wir davon ausgegangen, niemanden fragen zu müssen, um privat auf einem Campingplatz zelten zu dürfen. Man klärte uns darüber auf, dass an der Ostsee jeder Campingplatz nur mit einer behördlichen Zelterlaubnis genutzt werden durfte, vorausgesetzt, dass überhaupt noch Plätze zu haben waren. Die Zeltgenehmigung musste in einer eigens dafür eingerichteten Behörde in Rostock beantragt werden. Wir trugen es mit Fassung. Es hätte ebenso gut Berlin sein können. Also machten wir uns auf den Weg. Unser Sommerferienglück an der Ostsee hing an einem seidenen, real-sozialistischen Faden.

In Rostock angekommen stellten wir bald fest, dass nicht nur wir die Absicht hatten zu campen. Die Schlange, der wir uns anschließen mussten, war so lang, dass wir glaubten, nicht bis zum Kopf des Monstrums durchzuhalten. Nach ein paar Stunden hielten wir dann doch noch die alles entscheidende Genehmigung in Händen. Unser Glück war perfekt. Allerdings nur für die bescheidene Dauer unserer Rückfahrt.

In Alt Reddewitz erfuhren wir, dass es keine freien Standplätze mehr gab. Unsere Nerven lagen blank. Ein Urlauber, der unsere Verzweiflung mitbekommen hatte, bot uns in seiner Parzelle ein Plätzchen für unser kleines Zelt an, solange bis wir in den darauf folgenden Tagen einen eigenen Platz ergattern würden. Wir nahmen sein überaus freundliches Angebot dankbar an und bauten uns ein kuscheliges Nest hart am Wind. Endlich Urlaub an der Ostsee!

"Machen Sie sofort auf!"

Einen Tag vor unserer Heimreise zog es uns noch nach Zingst. Ein weiterer Zeltplatz war wegen unseres bereits arg strapazierten Urlaubsbudgets nicht mehr drin, aber ein einsamer Parkplatz auf der Strecke erschien uns recht einladend und noch dazu weniger umständlich. Eine Parkgenehmigung jedenfalls brauchte man nicht. Wir hatten die Scheiben des Wartburgs mit Gardinen versehen und stellten die Rückenlehnen in Liegeposition, um uns zu erholen für die letzte Etappe unseres Ostseeurlaubs.

Kaum waren wir eingeschlafen, wurden wir auch schon wieder geweckt. Irgendjemand, irgendetwas schlich um unser Auto herum. Dann wurde an das Autoblech und die Scheiben geklopft. "Machen Sie sofort auf!", hörten wir eine Männerstimme sagen. Eine leise Ahnung, um wen es sich handeln könnte, hatte ich sofort. Als ich die Scheibe herunterließ und durch den Spalt nach draußen lugte, bestätigte sich mein Verdacht. Ich blickte geradewegs in das Gesicht eines Volkspolizisten. Er forderte mich auf, mich auszuweisen und ihm die Zeltgenehmigung zu präsentieren.

Der Hüter der Friedhofsruhe in der Heimat der Menschenrechte klärte uns darüber auf, dass wir uns im Grenzgebiet befanden. Der ganze Küstenstrich, schärfte er uns ein, sei Grenzgebiet. Hier endete also gewissermaßen die DDR, jedenfalls für Normalbürger wie uns. Man kontrollierte uns sogar auf schwimmtaugliche Fluchtutensilien: Schlauchboote, Luftmatratzen oder andere zur Republikflucht zu Wasser geeignete Hilfsmittel. Nach einer Leiter dagegen fragte man uns nicht. Obwohl wir die gut hätten brauchen, falls wir auf unserem Rückweg in Berlin auf die naheliegende Idee gekommen wären, über die Mauer zu klettern. Unseren Wartburg verdächtigte man glücklicherweise nicht, ein getarntes hochseetüchtiges Vehikel zu sein, so dass der Volkspolizist es für diese eine Nacht gut sein ließ.

Am nächsten Tag wollten wir uns im Ort Zingst für die aufreibenden Ereignisse mit einem Fischessen belohnen. Die nächste ernüchternde Überraschung folgte auf dem Fuße: Im "Gastmahl des Meeres" herrschte gähnende Leere. Die lukullischen Genüsse, auf die wir uns gefreut hatten, waren nicht zu haben. Die Kühlschränke waren so verwaist wie der Gastraum. Zum Glück mussten wir nicht mit knurrenden Mägen aufbrechen. Die Bedienung hatte Erbarmen mit uns und ließ uns Pellkartoffeln zaubern. Auch nicht schlecht. Und typisch norddeutsch.



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