Urvater der Hacker-Szene Genie und Hörsinn

Urvater der Hacker-Szene: Genie und Hörsinn Fotos
Corbis

Er war blind - und ein Genie: Schon mit sieben Jahren manipulierte Joe Engressia durch Pfeiftöne das amerikanische Telefonnetz und avancierte so zum Urvater der Hacker-Bewegung. Als Erwachsener beschloss er, für den Rest seiner Zeit fünf Jahre alt zu sein. Rückblick auf ein seltsames Leben. Von Danny Kringiel

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite
    4.8 (84 Bewertungen)

"Wenn du spielst und dabei nur du selbst bist", sagte ein Mann mit dem seltsamen Namen "Joybubbles" einmal der "New York Times", "passieren gewaltige Dinge." Er musste es wissen. In seinem Leben waren mehr gewaltige Dinge geschehen als in den meisten. Seit damals, 1953, als er mit vier Jahren zum ersten Mal mit einem Telefon herumgespielt hatte. Damals, als er noch Vor- und Nachnamen hatte: Josef Carl Engressia.

Der blinde Junge war fasziniert - wenn er den Hörer abhob, öffnete sich ein Universum von Klängen: die Signale für eine freie Leitung, eine besetzte Nummer oder einen unbelegten Anschluss und die verschiedenen Töne der Zahlen, die er wählte. Bald war das Telefon sein Freund und Tröster: Wenn er einem Freizeichen am anderen Ende der Welt lauschte, dem Klackern der Verbindungsschaltungen, den kleinen Störgeräuschen, hörte er nicht mehr den Lärm, wenn der Vater wieder die Mutter krankenhausreif prügelte.

Der kleine Joe verbrachte die nächsten Jahre ständig am Telefon und lernte es in- und auswendig kennen: Zum Beispiel bemerkte er, dass er durch rhythmisches Klicken mit der Telefongabel Nummern wählen konnte. Hilfreich war dabei, dass Joes Sinne ungewöhnlich scharf waren: Er hatte das absolute Gehör und konnte Tonhöhen mit einer Genauigkeit von 1 Prozent ihrer Schwingungen pro Sekunde bestimmen. Auch die Höhe des Tones, der sein Leben für immer verändern sollte.

Telefone hörten auf sein Pfeifen

An einem Tag im Jahr 1956, als er auf eine Fernverbindung wartete und einen 2600-Hertz-Ton hörte, pfiff Joe auf exakt derselben Frequenz mit. Plötzlich brach die Leitung weg. Er wählte noch einmal, pfiff - und wieder war die Leitung stumm. Joe rief eine Servicenummer an, um eine Telefonstörung zu melden. Doch der Mitarbeiter erklärte ihm, das sei keine Störung: Der 2600-Hertz-Ton werde benutzt, um dem Telefonnetz Befehle zu geben. Immer wieder probierte Joe den Trick - und stellte fest: Wählte er nach Unterbrechung der Leitung eine Nummer, konnte er telefonieren - kostenlos. Mit etwas Übung lernte er sogar, nur mit rhythmischem Pfeifen Nummern anzuwählen.

Das Erlebnis des kleinen Joe sollte ihn zum Urvater einer Subkultur machen: der "Phone Phreaks", die jahrzehntelang Telefongesellschaften an der Nase herumführten, bis die gezwungen waren, die Technik ihrer gesamten Netze zu ändern. Etliche Phreaks eiferten in den sechziger und siebziger Jahren seinem Beispiel nach und lernten, mit Pfiffen, mit Musikinstrumenten oder Spielzeugtröten das Telefonnetz auszutricksen. Aus ihrer Bewegung entstand schließlich die Hacker-Szene, die bis heute Schwachstellen von Kommunikationssystemen erforscht. Und obwohl Engressia zeitlebens eher abseits dieser eng vernetzten Szene blieb, hätte es sie in dieser Form wohl nie gegeben ohne seinen Pfiff ins Telefon.

Dieses 2600-Hertz-Pfeifen sollte zum Anpfiff eines lebenslangen Spiels werden, das Engressia in einer Verkettung seltsamer Ereignisse erst zu einer Berühmtheit machen würde, dann zu einem Verbrecher und zu einem Priester - und am Ende wieder zu einem Kind.

Hackertools aus der Cornflakes-Packung

1968 schrieb sich Engressia, mittlerweile 19 Jahre alt, an der University of Southern Florida ein. Lernen fiel ihm leicht. Schon als Kind hatte er als hochbegabt gegolten: Mit vier Jahren war er eingeschult worden und hatte in nur eineinhalb Monaten gelernt, Blindenschrift zu lesen. Als Erwachsener wurde ihm ein IQ von 172 attestiert. Seine Schwierigkeiten an der Universität sollten von seiner anderen, besonderen Begabung herrühren. Josef benutzte sein Talent, Telefone mit Pfiffen zu steuern, dafür, Ferngespräche für einen Dollar an Kommilitonen zu verkaufen. Bald war er auf dem Campus nicht mehr als "Joe Engressia", sondern als "The Whistler" bekannt. Zu bekannt. Die Universität bekam Wind davon und verdonnerte ihn zu einer Geldstrafe.

Mittlerweile war er nicht mehr der einzige Phone Phreak. Auch andere hatten gelernt, Telefone mit Pfiffen zu manipulieren - oder mit Orgeln oder E-Gitarren. Ein Mann namens Mark Bernay ging mit einem Tonbandgerät auf "Phone Trips", um die Geräusche von Telefonen in allen Bundesstaaten zu archivieren. John Draper, ein Vietnam-Veteran mit wildem Rauschebart, lernte, mit Hilfe einer Spielzeugtröte aus der Packung der "Cap'n Crunch"-Frühstücksflocken den gleichen 2600-Hertz-Ton wie Engressia zu pfeifen.

Ein eingeschworener Kreis von Telefon-Manipulatoren war vor allem in der südlichen Metropolregion von San Francisco, dem zukünftigen "Silicon Valley", entstanden. Und obwohl Engressia damals mit nur wenigen aus der Szene tatsächlich in Kontakt stand, war er so etwas wie ihr sagenumwobenes Vorbild. Den meisten der Phone Phreaks ging es bei ihren Tricksereien gar nicht darum, Geld zu sparen. Sie wollten das Telefonnetz, den ersten wirklichen Supercomputer der Welt, erforschen, seine Schwachstellen offenlegen. Ihre Bewegung wuchs schnell. Zu schnell, um noch lange unter dem Radar der Gesetzeshüter zu bleiben.

1971 kam das FBI den Phreaks auf die Schliche - auch Engressia. Er hatte sich mittlerweile von seiner Familie losgerissen und eine eigene Wohnung bezogen. Doch er lebte von Sozialhilfe und suchte verzweifelt einen Job. 1998 erinnerte er sich im Interview: "Eines Tages merkte ich an einem Geräusch, dass jemand die Leitung abhörte." Engressia hatte eine Idee, wie er das für sich nutzen konnte: Er pfiff die US-Botschaft in Moskau an. "Ich verwickelte die zwei Stunden lang in ein Gespräch, in dem ich so tat, als sei ich ein Talkshow-Moderator." Geduldig hörte der stumme Gast mit. Engressia wählte weitere Nummern kostenlos an - und nannte ausdrücklich seine Nummer. Damit lieferte er dem FBI den Beweis für seinen Gebührenbetrug. Wenig später wurde er verhaftet. Und sollte genau dadurch seinen Job bekommen.

Schaukeln lernen

Engressias Freiheitsstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Doch jetzt berichteten die Zeitungen über das unglaubliche Talent des blinden Telefongenies. Er hatte nun keine Probleme mehr, an Jobs zu kommen: In den kommenden Jahren wurde er von Telefongesellschaften dafür bezahlt, den ganzen Tag zu telefonieren und dabei Schwachstellen und Fehler in ihrem Netz zu finden. Engressia brillierte: Weil ihm kleinste Störgeräusche, winzige Verzögerungen im Verbindungsaufbau auffielen, stieß er auf Schwachstellen, die sonst niemand bemerkte - etwa 30 unentdeckte Leitungen, auf denen man kostenlos nach New York telefonieren konnte. Endlich stand Engressia auf eigenen Füßen, hatte sein Elternhaus hinter sich gelassen und verdiente gutes Geld. Und trotzdem war er unglücklich.

1988 interviewte der Fernsehreporter Steve Hartman Joe Engressia. Er fragte ihn, was sein größter Wunsch sei. Engressia antwortete: "Schaukeln lernen." Tatsächlich hatte er, das von seiner ehrgeizigen Mutter angetriebene hochbegabte Kind, nie gelernt zu spielen. Schon seinen Kindergärtnern hatte er gesagt: "Spielen stinkt!", und sie angewiesen, ihm lieber das Buchstabieren beizubringen. Hartman und seine Crew versuchten, ihm das Schaukeln in Worten zu beschreiben, aber das funktionierte nicht. Also gingen sie mit ihm auf einen Spielplatz und zeigten es ihm. Er schrie vor Freude.

Engressia begriff, dass er seine Kindheit verpasst hatte: Wegen des zerrütteten Elternhauses. Wegen seiner Hochbegabung. Vor allem aber, weil eine Nonne, die ihn als Kind auf einer Blindenschule unterrichtet hatte, ihn damals immer wieder sexuell misshandelt hatte. "Wenn du deinen Eltern sagst, wie böse du warst, werden sie dich weggeben", hatte sie gedroht. Oder: "Nur Gottes Gnade bewahrt dich davor, in der Toilette runtergespült zu werden. Wenn Gott dich satt hat, wirst du dort enden." Engressia erinnert sich: "Jedes Mal, wenn ich die Toilette spülte, sprang ich zurück."

Zeit zum Spielen

Nach dem Interview beschloss Engressia , seine Kindheit nachzuholen: Er entschied, für den Rest seines Lebens fünf Jahre alt zu bleiben. Und ließ 1991 auch seinen Namen amtlich ändern - in "Joybubbles". Kein Vorname, kein Nachname, einfach "Joybubbles". Der Klang des Wortes, erklärte er, mache ihn glücklich - und bringe die anderen Menschen zum Lachen. Er gründete eine eigene Kirche, die "Church of Eternal Childhood". Ihr Motto: "Sich heute eine neue Vergangenheit vorzustellen, ist die Grundlage unserer Zukunft." Auf seiner eigenen Telefonhotline USA-PLAY beriet Joybubbles andere Menschen darin, wie sie ihre verlorene Kindheit als Erwachsene nachholen können. Und er spielte - so viel er nur konnte.

Joybubbles spielte mit Erwachsenen, Kindern und unsichtbaren Freunden, kaufte sich Kuscheltiere und hüpfte auf Trampolinen. Und hörte jede Folge der Kinderfernsehserie "Mr. Rogers' Neighborhood", die er finden konnte. 1998 erfuhr er, dass die Bibliothek von Pittsburgh alle Folgen der Serie hatte - und ging auf Pilgerfahrt. Er mietete ein Zimmer in der Nähe und vergrub sich täglich elf Stunden in der Bücherei. Dort saß er jauchzend und singend in einer entlegenen Ecke unter einer Decke mit einem Fernseher und einem Plüsch-Globus und hörte die Folgen, die er noch nicht kannte. Alle 870. Er habe es ja versucht mit dem Erwachsensein, erklärte er einmal im Interview - "aber es war einfach nicht so befriedigend wie Kindsein".

Während andere Phreaks wie John Draper oder Steve Wozniak berühmt wurden, wurde es um Joybubbles still. Mit Jobs besserte er seine Behindertenrente auf: Für Agrarwissenschaftler in Minneapolis schnupperte er mit seiner hochsensiblen Nase an Schweinemist. Und er betrieb Telefonlinien wie die "Zzzzyzzerriffic Funline" oder "Stories and Stuff" unter der Nummer 206-FEELING, auf denen er Geschichten erzählte. Über seine Eltern, Hausziegen und "Kinder und Kinderoide". Über 20 Jahre lange Shoppingtouren, den "wunderbaren Gestank" von Chlor im Schwimmbad und Engel, die Autos klauen. Und jede Geschichte beendete er mit dem gleichen Satz: "Bleibt stark, passt aufeinander auf - und nehmt euch Zeit zum Spielen."

Am 8. August 2007 wurde Joybubbles tot in dem kleinen, unbeleuchteten Apartment voller Telefonapparate und Spielzeug aufgefunden, das er in Minneapolis bewohnt hatte. Nach 58 Lebensjahren gestorben an Herzversagen. Der wundersamste aller Phreaks sollte niemals alt werden. Genau wie er es gewollt hätte.

Artikel bewerten
4.8 (84 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Manfred Broghammer 23.10.2011
Hallo Herr Kringiel, Ihr Artikel erinnert mich an meine interessantesten Erlebnisse in San Francisco (wo ich damals studierte und nebenbei Geld verdienen mußte). Wir haben mit Hilfe des Blueboxing nichts ausgelassen, um den Telefongesellschaften den Stinkefinger zu zeigen. Es war schon ein tolles Gefühl, meine Eltern, Freunde und Bekannte kostenlos anzurufen (das kostete damals ein Vermögen). Das Blueboxing war natürlich nicht Alles, denn wir haben damals auch Strom aus der Telefondose genutzt, um alle energiekonsumierenden Geräte in unseren Appartements damit zu versorgen. Danke für den Link zu diesen Erinnerungen. MaBro
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH