Urzeit-Filme Wo das Mammut röhrt

Der Neandertaler war schon ausgestorben und Urmensch Ötzi noch nicht geboren im Jahr "10.000 BC", in das uns Starregisseur Roland Emmerich filmisch entführt. Ralf Bülow erinnert an die Klassiker des Steinzeit-Kinos und an die Zeiten, als sich Jungfrauen in Bärenfell-Bikinis bewegten und die Dinosaurier von Eidechsen gemimt wurden.

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Von Ralf Bülow


Wenn der wuschelköpfige Held todesmutig den Saurier erlegt, wenn das Höhlenmädchen im Bärenfell-Bikini nach dem Höhlenjungen schmachtet, wenn in der kargen Steppe wilde Mammuts um brünftige Weibchen kämpfen, wenn am Ende der unvermeidliche Vulkan ausbricht und Freund und Feind vor der heißen Lava fliehen - dann hat der Filmfan eine DVD mit einem Werk aus einem der skurrilsten Genres der Kinogeschichte in seinen Player gelegt: einen Urzeit-Film.

Mit Roland Emmerichs "10.000 BC" feiert diese lange scheintote Filmgattung jetzt fröhliche Auferstehung. Dabei war es das Genie von niemand geringerem als Charlie Chaplin, der im Dezember 1914 das Genre Urzeit-Film aus der Taufe hob. In dem nur zehn Minuten langen Streifen "His Prehistoric Past" tritt der Tramp stilgerecht mit Tierfell, Bowler und Stöckchen auf und streitet sich mit dem örtlichen Stammesführer um den tausendköpfigen Harem. Als der zunächst entthronte Chef mit einem dicken Stein zurückschlägt, erwacht Charlie ziemlich plötzlich im modernen New York - es war halt alles nur geträumt.

Länger und auch professioneller erschien neun Jahre später Buster Keaton in "The Three Ages", eine Parodie des Kolossalfilms "Intolerance" von D. W. Griffith. Der Komiker muss sich in der Stein-, der Römer- und der Jetztzeit bewähren und jedes Mal gegen einen übermächtig scheinenden Rivalen das Herz einer Frau gewinnen. Im Steinzeitkapitel sehen wir den ersten Ur-Elefanten "Made in Hollywood", ein von Busters Kollegen Wallace Beery kommandiertes Prachtstück, dessen Stoßzähne durch lange Aufsätze in die archaische Spiralform verbogen wurden.

Saurier brechen durch's Gebüsch

1925 erlebte ein Dino-Klassiker seine Premiere, "The Lost World" nach dem Roman von Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle. Er erzählt die Geschichte vom widerborstigen Professors Challenger, der ins innerste Südamerika reist und eine Region entdeckt, die von Zeit und Evolution vergessen wurde. Dort brechen die Saurier durch's Gebüsch wie weiland im Erdmittelalter, und gelegentlich tauchen auch Vormenschen auf. Eine der Großechsen verlässt ihr Biotop und durchschwimmt den Atlantik, um im Finale die nichtsahnenden Londoner zu erschrecken.

Der Streifen von Harry Hoyt brachte die Moderne mit der Vorzeit zusammen, eine Idee, die dann x-mal kopiert wurde und noch Steven Spielbergs "Jurassic Park"-Serie inspirierte. Maßstäbe setzte die von Willis O'Brien entwickelte Tricktechnik nach dem Stop-Motion-Prinzip. Dabei wird in mühseliger Kleinarbeit ein Menschen- oder Tiermodell millimeterweise bewegt und Schritt für Schritt abgefilmt. Die Bilder lassen sich mit Rückprojektion und anderen Techniken kombinieren und liefern auf der Leinwand spektakuläre Action-Sequenzen.

Ein eher puristischer Paläo-Film kam 1940 in die amerikanischen Kinos, "One Million B.C." von Regisseur und Produzent Hal Roach. In der Bundesrepublik lief er 1951 als "Tumak, der Herr des Urwalds". Der von Victor Mature gespielte Titelheld schlägt sich wechselweise mit Mammuts und Sauriern herum, die von kleineren Echsen in Großaufnahme gedoubelt wurden. Dramatischer Hintergrund ist die Konfrontation zweier Stämme auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen.

Raquel Welch im Fellbikini

In den fünfziger Jahren entstanden die "Prehistoric Women" von Gregg Tallas und die zauberhafte "Reise in die Urwelt" des Tschechen Karel Zeman - in der DDR sagte man "Reise in die Urzeit". Während sich der US-Streifen von 1950, als "Amazonen des Urwalds" auch in deutschen Kinos zu sehen, der vorgeschichtlichen Frauenemanzipation widmete, führte die CSSR-Produktion 1955 vier Jungen durch Eiszeit, Erdmittelalter und Erdaltertum. Raffinierte Tricks und behutsame Didaktik machten "Reise in die Urzeit" zu einem Meilenstein des Bildungskinos.

Das "Annus mirabilis" des Genres war jedoch 1966, als die englischen Hammer-Studios "One Million Years B.C." herausbrachten. Die hinreißende Raquel Welch und die perfekten Stop-Motion-Dinos von Trickexperten Ray Harryhausen ließen das Remake des Hal-Roach-Films zum Kassenschlager werden. Wer die blonde Raquel im Fellbikini erblickte, vergaß die Schwächen des Drehbuchs ebenso schnell wie die Tatsache, dass es damals weder Menschen noch menschenfressende Saurier gab.

"Eine Million Jahre vor unserer Zeit" führte zu mindestens drei Fortsetzungen, die britischen Produktionen "Prehistoric Women" (1967) - nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Film - und "Als Dinosaurier die Erde beherrschten" von 1970 sowie aus Italien "Als die Frauen noch Schwänze hatten" (1970) mit Senta Berger und Giuliano Gemma. Auch der satirische "Caveman - Der aus der Höhle kam" (1981) verdankte dem alten Hammer-Hit noch mehr als seinem Hauptdarsteller, dem Ex-Beatle Ringo Starr.

Homo sapiens auf der Suche nach Liebe

Ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Höhepunkt erreicht die Gattung in Frankreich. 1981 verfilmte Jean-Jacques Annaud den Roman "La Guerre du Feu" vom Science-Fiction-Autor J.-H. Rosny dem Älteren. "Am Anfang war das Feuer" - so der deutsche Titel - hielt sich endlich an die Fakten der Paläoanthropologie und schilderte die Abenteuer von Urmenschen, die nach einem Neandertaler-Überfall die Technik des Feueranzündens suchen, dabei auf eine etwas intelligentere Homo-sapiens-Truppe stoßen und nebenbei die romantische Liebe entdecken.

Prominente Beratung kam vom Schrifsteller Anthony Burgess und vom Zoologen und Verhaltsforscher Desmond Morris. "La Guerre du Feu" gewann 1983 einen Oscar für das beste Make-up; zuvor hatte er bereits den César - das französische Gegenstück zum Academy Award - für die beste Regie und den besten Film erhalten. Einen seriösen und dinosaurierfreien Zugang strebte 1986 auch der amerikanische Film "The Clan of the Cave Bear" ("Ayla und der Clan des Bären") mit Daryl Hannah an, der jedoch an der Kinokasse floppte.

Bis heute warten die Paläo-Freunde auf das große und gewaltige Filmwerk, auf das steinzeitliche Äquivalent zu "2001: Odyssee im Weltraum". Bis dieses vulkangleich über uns hereinbricht, bleibt nur der Gang in die Naturkundesammlung - oder ins Berliner Filmmuseum, das die Originalsaurier aus "One Million Years B.C." zeigt. Dort stehen sie klein und friedlich in der Vitrine und träumen von Raquel Welch. Allerdings nur noch einige Monate, denn die Stop-Motion-Abteilung wird im Sommer 2008 geschlossen. Urzeit-Fans, beeilt Euch!



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