US-Agentenserie "Alias" Foltern für die Freiheit?

US-Agentenserie "Alias": Foltern für die Freiheit? Fotos
Claus Christian Malzahn

Wenn im Kampf gegen Terroristen der Zweck die Mittel heiligt, wird Folter salonfähig. Alexander Kohlmann hat sich die Agentenserie "Alias" angesehen und dabei den Werteverfall im Zeitraffer nacherlebt. In der Serie mutiert eine moralisch überlegene CIA zu einer über Recht und Gesetz stehenden Geheimorganisation. Von

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Hollywood und seine Film- und Fernsehproduktion waren schon immer Empfänger und Sender des amerikanischen Selbstverständnisses. Im Kino und im Fernsehen wurde das Selbstbild der amerikanischen Nation verhandelt und weiterentwickelt. Wie sehr in den Jahren des "Krieges gegen den Terror" die amerikanischen Werte korrumpiert wurden und wie sehr sich in Bushs Regierungszeit die amerikanischen Werte veränderten, lässt sich besonders an den TV-Serien, den langlebigsten Produkten der Unterhaltungsindustrie beobachten. In der TV-Serie "Alias" (2001-2006) mutiert eine moralisch überlegene CIA zu einer über Recht und Gesetz stehenden Geheimorganisation.

Die Agentenserie "Alias" (2001-06) begann noch in der Ära vor dem 11. September 2001 und entwickelte sich während der Jahre des "Krieges gegen den Terror" so kontinuierlich weiter wie die Regierung Bush sich von ehemals als unantastbar betrachteten Grundwerten entfernte. So kann die mediale Wirklichkeit in einer enorm erfolgreichen Serie wie "Alias" als ein Spiegel eines veränderten Bewusstseins ihrer Konsumenten betrachtet werden. Und seit mit dem Durchbruch der Serienvermarktung auf DVD mehrere Jahre TV-Ausstrahlung in nur wenigen Wochen konsumiert werden können, ist es möglich, dieses veränderte Bewusstsein einer medialen Öffentlichkeit praktisch im Zeitraffer nachzuerleben. Der militärischen Mobilmachung der Regierung Bush stand, so das schockierende Ergebnis einer retrospektiven Betrachtung, noch eine weitere, nämlich eine "Mediale Mobilmachung" gegenüber.

Gut und Böse sauber getrennt

In der ersten Staffel der Serie, die 2001 noch vor den Anschlägen des 11. September im amerikanischen Fernsehen lief, war die Grenze zwischen den Guten und den Bösen noch eindeutig gezogen. Der Pilotfilm führt als Hauptfigur die Studentin Sydney Bristow ein, die glaubt, als Undercover-Agentin für die geheime CIA-Einheit SDX zu arbeiten. Als sie jedoch ihrem Verlobten von ihrem Doppelleben erzählt, wird dieser auf Weisung ihrer Vorgesetzten ermordet. Ist man im Jahre 2009 nach den Enthüllungen von Guantanamo und Abu Ghuraib durchaus geneigt zu glauben, dass die CIA sich derart rigoroser Methoden jenseits von Verfassung und Gesetz bedient, entkräftigte die Serie in der ersten Staffel diesen Verdacht noch eindeutig.

Sidney Bristow arbeitet tatsächlich, so stellt sich bereits im Pilotfilm heraus, bei einer illegalen Abspaltung der CIA, der Geheimorganisation SDX, die auf eigene Rechnung unter Missachtung von Menschenrechten und Gesetzen operiert. Folter gehört, wie die Agentin Sydney mit Entsetzen feststellt, in dieser Geheimorganisation zur Tagesordnung. Der dämonische Leiter Arvin Sloane räumt offen ein: "Wir sind hier nicht bei der CIA. Sie genießen hier keinerlei Bürgerrechte". Die CIA lehnt in der ersten Staffel der Serie solche Methoden strikt ab. Der Unterschied zwischen beiden Organisationen wird auch visuell deutlich in Szene gesetzt. Bei der moralisch überlegenen CIA dominieren warme Farben die hell ausgeleuchteten Behördenflure. Gearbeitet wird unter der amerikanischen Flagge, deren Werte hier verteidigt werden. Das Verbrechersyndikat SDX dagegen operiert aus einem unterirdischen Bunker, der mit kaltem, blauen Licht ausgeleuchtet und mit High-Tech-Instrumenten vollgestopft ist.

Folter bei der CIA

Fünf Jahre später hat sich die Situation völlig verändert. Die Geheimorganisation SDX ist bereits in der zweiten Staffel von der "guten" CIA zerschlagen worden. Ihr Leiter aber, der kriminelle Arvin Sloane, wurde nicht etwa seiner gerechten Strafe zugeführt, sondern von der (medialen) CIA angeworben. Er arbeitet jetzt für die CIA, die eine Geheimorganisation gegründet hat, die es ihr ermöglicht, Verdächtige solange festzuhalten "wie nötig", sie zu foltern und nicht selten zu töten - alles mit dem Ziel, Schaden von Amerika abzuwenden.

Es ist im Rückblick geradezu unheimlich, zwischen den Bildern der ersten und der letzten "Alias"-Staffel hin und her zu schalten, weil sie deutlich offenbaren, wie sehr sich die moralischen Grundwerte der TV-Produktion, also von Produzenten, Drehbuchschreibern und nicht zuletzt auch den Schauspielern verändert haben. Was wir hier tun, tun wir, um unsere Kinder zu schützen, wird immer wieder von der Serienheldin Sydney Bristow als Motivation für ihr Handeln angegeben. In der letzten Staffel ist sie es, die in einer CIA-Folterkammer einen Verdächtigen foltert, um Informationen aus ihm herauszupressen.

Der Zweck heiligt die Mittel - das war die politische Grundbotschaft gegen Ende der Regierung Bush und gegen Ende der Serie "Alias". Dass dabei die Grenzen zwischen Gut und Böse bis zur Unkenntlichkeit verschwommen sind, wurde von den Produzenten der Serie bewusst oder unbewusst in Kauf genommen: Vielleicht war eine CIA, die auf den Grundlagen der Verfassung operiert, im Jahre 2006 schlichtweg unrealistisch geworden. "Alias" wurde 2006 eingestellt, andere Serien wie "24" oder "Lost", die ähnliche moralische Diskurse herausfordern, laufen bis heute weiter. Es bleibt abzuwarten, ob die geistig-moralische Wende von Präsident Barack Obama sich auch in den Medien widerspiegeln wird.

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