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Massaker am Wounded Knee Blut färbte die Prärie

Vertrieben, erschossen, verscharrt: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses Fotos
Library of Congress

Ohne Gnade schossen sie auf Frauen, Kinder, Flüchtende. Vor 125 Jahren metzelten Soldaten Hunderte Sioux nieder. Die Tragödie am Fluss Wounded Knee zählt zu den Schandflecken in der Geschichte der USA. Von , New York

Das Lager war eingekesselt, mitten in der verschneiten Prärie von South Dakota und nahe dem Fluss Wounded Knee. 500 bestens ausgerüstete Soldaten hatten Ureinwohner vom Stamme der Lakota-Sioux umzingelt. Etwa 350 ausgezehrte Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Ihr Häuptling Spotted Elk lag todkrank in seinem Tipi.

Nach einer ruhelosen Nacht befahl am 29. Dezember 1890 eine Abordnung Offiziere der 7. US-Kavallerie den Sioux, ihre Gewehre auszuhändigen. Sie weigerten sich.

Dann fiel ein einzelner Schuss.

Sekunden später begannen die Kavalleristen mit Repetiergewehren und leichter Artillerie zu feuern. Am Ende waren mindestens 150 Sioux tot, nach anderen Schätzungen bis zu 290. Spotted Elk, der 64-jährige Anführer, wurde als einer der Ersten aus nächster Nähe erschossen. Die Armee ließ die Leichen liegen, die ein dreitägiger Blizzard tiefgefror.

Das Gemetzel sollte in die Geschichte eingehen: als grausigste Konfrontation in den "Indian Wars" des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie besiegelten die Kolonialisierung, Unterdrückung und Beinahe-Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner.

Custers letzte Schlacht

Auch 125 Jahre danach ist dieser Massenmord noch ein wunder Punkt in der US-Geschichte. Lange war schon der Name umstritten: die Schlacht am Wounded Knee, so die Armee - oder das Massaker am Wounded Knee, wie es die "Native Americans" bezeichnen.

Der Tragödie in South Dakota war eine andere Bluttat vorausgegangen. Am 15. Dezember war der legendäre Sitting Bull getötet worden, Halbbruder von Spotted Elk.

Um das Jahr 1831 als Sohn eines Sioux-Häuptlings geboren, bewies Sitting Bull bereits als Kind außergewöhnlichen Mut. Als Zehnjähriger jagte er Büffel, vier Jahre später kämpfte er mit seinem Stamm gegen die verfeindeten Crow. Im Krieg gegen die Weißen sollte Sitting Bull, auch wenn er an den meisten Kämpfen gar nicht teilnahm, weiteren Ruhm erwerben - als spiritueller Anführer.

Die Scharmützel zwischen den Sioux und den Weißen verliefen oft entlang der neuen Eisenbahntrassen, die Siedler in den Westen brachten. Umkämpft waren besonders die den Sioux heiligen Black Hills, die ihnen die US-Regierung zugesprochen hatte. Goldgräber waren dort fündig geworden.

Die Spannungen mündeten in die Schlacht am Little Bighorn, einem Fluss im benachbarten Montana. Dort trafen am 25. Juni 1876 Tausende Krieger der Sioux, Arapaho und Cheyenne auf knapp 700 US-Soldaten. Ihr zweifellos begabter, aber auch maßlos eitler Befehlshaber George Armstrong Custer, der statt seiner Uniform oft einen wildledernen Anzug trug, hatte seine Truppe geteilt, um die Ureinwohner aus verschiedenen Richtungen angreifen zu können.

Als Schamane hatte Sitting Bull den Kriegern kurz zuvor mit dem Sonnentanz Mut und Zuversicht eingeflößt. Custers Kavalleristen hatten keine Ahnung, wie unterlegen sie waren - und gerieten in eine tödliche Falle. Am Ende lagen mehr als 500 Soldaten tot am Boden, auch Custer.

Der Tod von Sitting Bull

Indes: Die Regierungstruppen kehrten mit größerer Schlagkraft zurück. Sitting Bull flüchtete nach Kanada, bis ihn Hunger und Armut zur Rückkehr zwangen. 1881 ergab er sich den amerikanischen Behörden. Und zeigte noch einmal seinen Widerstandswillen: "Ich will in Erinnerung bleiben als der letzte Mann meines Stammes, der sein Gewehr niederlegte."

Fast zwei Jahre saß er in Kriegsgefangenschaft und ging später als eine Art gedemütigte Zirkusattraktion mit dem berühmten Bisonjäger Buffalo Bill auf Wild-West-Tournee - oft angefeindet vom weißen Publikum, das ihm die Niederlage vom Little Bighorn nicht verzieh.


Eine seltene Aufnahme von 1894 zeigt Sioux beim Geistertanz


Doch die Regierung misstraute Sitting Bull weiter, auch weil er die Geistertanz-Bewegung förderte: Zu Tausenden tanzten die in Reservate gepferchten Ureinwohner diesen Ritus. Er sollte gefallene Krieger auferstehen, Büffelherden wieder über die Prärie ziehen lassen und die Weißen hinwegfegen. Deshalb sollten indianische Reservatspolizisten Sitting Bull am 15. Dezember 1890 im Auftrag der Bundesbehörden verhaften. Doch es kam zu einer Schießerei, der Häuptling starb.

Kurz darauf flohen Hunderte Sioux unter der Führung von Spotted Elk, der selbst mit einer Lungenentzündung im Sterben lag, aus dem Reservat. Doch die 7. Kavallerie holte sie ein und zwang sie zur Umkehr. Eskortiert von Soldaten, schlugen die Sioux ihre Zelte über Nacht am Fluss Wounded Knee auf.

"Vom Angesicht der Erde wischen"

Am 29. Dezember 1890 kam es dann zur Katastrophe. Warum genau, ist bis heute unklar. Möglicherweise weigerte sich der immer noch ungebrochene Spotted Elk, die Waffen abzugeben. Andere Quellen sagen, ein taubstummer Sioux habe den Befehl nicht gehört und einen Schuss abgefeuert.

Die Soldaten reagierten mit unsäglicher Brutalität. Wahllos schossen sie Männer, Frauen, Kinder nieder. Sie jagten die zu Fuß Fliehenden, richteten Verwundete hin, gnadenlos und kaltblütig. Die eisige Prärie färbte sich rot.

Auch 25 US-Soldaten starben - das "schreckliche Blutvergießen" unter ihnen beklagte der Journalist Lyman Frank Baum, der später als Autor von "Der Zauberer von Oz" weltberühmt werden sollte. Im "Aberdeen Saturday Pioneer" forderte er die "totale Auslöschung" der "Rothäute": "Nachdem wir ihnen jahrhundertelang Unrecht getan haben, sollten wir diesem noch ein weiteres Unrecht folgen lassen und diese ungezähmten und unzähmbaren Kreaturen vom Angesicht der Erde wischen."

Für ihr Mordwerk an Wehrlosen erhielten 20 Kavalleristen die Medal of Honor, höchste militärische Auszeichnung der USA. Bis heute wurden diese Ehrung nicht widerrufen. Auch eine Entschädigung für die amerikanischen Ureinwohner hat es niemals gegeben.

Ihre einstige Lebensweise war nach den zahllosen Kriegen zerstört, gegen den Landhunger der Weißen waren sie machtlos - Sitting Bull sprach vom "Todeswind für mein Volk". Heute dominieren in der Pine Ridge Reservation, wo es einst zum Massaker von Wounded Knee kam, Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität, Drogensucht und Selbstmorde.

Die Traditionen der Sioux leben hingegen noch. Nicht zuletzt durch die mündliche Überlieferung - auch von schmerzhaften Episoden wie dem Massaker am Wounded Knee, das ihren Widerstand brach, ihren Geist aber nicht zerstören konnte.

Zum Autor
Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Emanuel Gold, 29.12.2015
Wounded Knee war nur eines in einer ganzen Reihe von brutalen Massakern an der amerikanischen einheimischen Bevölkerung durch die europäischen Zuwanderer. Man sollte sich durchaus auch an die Massaker von Wachita oder von Sand Creek erinnern, bei dem friedliche Frauen und Kinder niedergemetzelt wurden, während die Mehrzahl der Männer auf der Jagd oder der Suche nach einem anderen Lager war. Es gab viele Custers und Chivingtons in der amerikanischen Geschichte, aber kaum jemals eine Entschuldigung, oder gar Entschädigung.
2. Und das in Gods Own Country
werner koehler, 29.12.2015
Da muss aber echte saure Gurkenzeit herrschen, dass SPON so ein unappetitliches Thema so hoch hängt. Es ist umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass es um das Land geht, das uns nach dem WKII beigebracht hat wie man seine schmutzige Vergangenheit aufzuarbeiten hat. So macht man sich keine Freunde, drüben über dem Teich.
3. kurze anmerkung
Sebastian Freund, 29.12.2015
man sollte erwähnen, dass die gefallenen US-soldaten fast ausschließlich durch "friendly fire" starben, bedingt durch die kreisförmige formation der soldaten.
4. Indianerkriege
KD Meier, 29.12.2015
Alle Indianer Nordamerikas hatten u. a. unter dem Ruf der extremen Grausamkeit zu leiden der ihren Verwandten auf den suedlichen Ebenen durchaus zu Recht anhing: Den Apache, Kiowa u. Commanche. Auch militaerisch waren diese Indianer das groesste Problem fuer die US-Armee. Nicht umsonst wurden US-Kampfhubschrauber nach diesen Voelkern benannt. Das Umgang mit Indianern auch weitgehend o. Kriege u. Massaker geht, haben die Franzosen vorgemacht.
5. Spionage + Geheimnisverrat
Thomas Berger, 29.12.2015
Würde der Autor dieses Artikels diesen kurz nach dem Massaker veröffentlicht haben, dann wären nach heutiger Rechtslage er und seine Informanten wegen Geheiminisverrats zu jahrzehntelanger Haft verurteilt worden. Die USA sind kein demokratischer Rechtsstaat mehr. Freiheit für Chelsea Manning.
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