US-Bürgerrechtler Malcolm ohne Maske

US-Bürgerrechtler: Malcolm ohne Maske Fotos
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Seit seiner Ermordung 1965 gilt Malcolm X als Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung. Eine neue Biografie offenbart nun einen doppelten Skandal: Der militante Schwarzenführer soll ein von Selbstzweifeln zerfressener, sexuell verwirrter Selbstdarsteller gewesen sein - und die Attentatspläne dem FBI im Vorfeld bekannt. Von

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Mehrere Hundert Menschen drängten sich im Audubon, dem berühmten Ballsaal im New Yorker Stadtviertel Harlem. Sie waren gekommen, um Malcolm X zu hören, den legendären Schwarzenführer, der ein Jahr zuvor im bitteren Streit von der radikalen Separatistengruppe Nation of Islam (NOI) verstoßen worden war.

Brother Malcolm, wie ihn viele nannten, hatte sich um eine halbe Stunde verspätet. Hinter der Bühne wirkte er nervös und fahrig, als habe er eine Vorahnung. Seit seinem Bruch mit der NOI hatte er vielfach Morddrohungen erhalten. Trotzdem wies der Bürgerrechtler seine Bodyguards diesmal an, keine Waffen zu tragen. Auch von den Polizisten, die Malcolm X' Auftritte sonst im Dutzend begleiteten, keine Spur.

Malcolm X trat ans Pult. In der ersten Reihe saßen seine Frau Betty Shabbaz und seine vier Töchter. "As-salaam alaikum", grüßte er. "Walaikum salaam", antwortete das Publikum.

Dann ging alles ganz schnell: Jemand brüllte. Eine Rauchbombe explodierte. Die Bodyguards stürzten sich auf die Störenfriede - und ließen Malcolm X ungeschützt auf der Bühne zurück. Ein bulliger Mann trat vor, zog eine abgesägte Schrotflinte aus dem Mantel und schoss Malcolm X direkt ins Herz. Zwei weitere Attentäter feuerten mit Pistolen auf ihn. Der Gerichtsmediziner stellte später 21 Schusswunden fest.

Eine kriminalistische Sensation

Der 21. Februar 1965 ist für viele Schwarze in den USA bis heute ein traumatisches Datum. Ein ebenso bedeutsamer Tag wie der 4. April 1968, die Ermordung Martin Luther Kings, und der 22. November 1963, die Ermordung John F. Kennedys. Das Attentat machte Malcolm X machte zur Legende. Im Tod wurde er verklärt und überhöht - zum Engel und Teufel der Schwarzenbewegung zugleich.

Jetzt aber, mehr als viereinhalb Jahrzehnte später, wird diese Legende in einem neu erschienenen Buch hinterfragt - und demontiert. Mit womöglich dramatischen Folgen: Der Mordfall Malcolm X könnte neu aufgerollt werden.

Auf 594 Seiten hat der US-Historiker Manning Marable den Mythos entzaubert. Seine Biografie "Malcolm X: A Life of Reinvention" ("Malcolm X: Ein Leben der Neuerfindung"), die diese Woche in den USA erschienen ist, enthüllt den Menschen hinter der Legende - und birgt eine kriminalistische Sensation: Marable behauptet, die meisten Beteiligten des bis heute nicht völlig geklärten Mordkomplotts seien weiterhin auf freiem Fuß. Mehr noch: Das FBI und die Polizei hätten vorab von dem Attentat erfahren, es aber bewusst geduldet.

Von Selbstzweifeln zerfressen und sexuell verwirrt

"Malcolm X" ist Marables Lebenswerk. Mehr als zehn Jahre lang sichtete der Autor Abertausende FBI-Akten und führte Hunderte von Interviews. Allein neun Stunden sprach er mit dem alten Malcolm-X-Rivalen und jetzigen NOI-Chef Louis Farrakhan, dem Marable vorwirft, von dem Attentat persönlich profitiert zu haben. "Der Hauptbegünstigte der Ermordung von Malcolm X war Louis Farrakhan", schreibt Marable. Farrakhan stieg 1978 an die Spitze der NOI auf - ein Amt, das eigentlich Malcolm X versprochen worden war.

Anders als Martin Luther King lebte Malcolm X von der Kontroverse. Als Symbol der "Black Power"-Bewegung predigte er Separatismus, Militanz und Widerstand gegen Weiße. Posthum aber erfuhr er, wie Marable schreibt, eine "Metamorphose" zur "multikulturellen amerikanischen Ikone" - eine Hagiografie, die vertieft wurde durch das Standardwerk "The Autobiography of Malcolm X" von Alex Haley ("Roots") sowie durch Spike Lees Kinofilm "Malcolm X" von 1992, der ihn als Märtyrer der Schwarzen verherrlichte.

Marable stellt das alles auf den Kopf: Viele der bekannten Geschichten über Malcolm X seien "teilweise Fiktion", auch wenn "sie für die meisten Schwarzen wahr klangen". Malcolm X sei ein "toller Schauspieler" gewesen, der sich selbst inszeniert habe. Nach seinem Tod hätten Freunde wie Gegner sein Leben zusätzlich "verzerrt" und "zur Legende umgestaltet".

Fest steht: Malcolm X hatte Charisma, er konnte brilliant, charmant und mitreißend sein. Hinter dieser Maske steckte aber nach Marables Recherchen eine gequälte Person: Politisch agierte er nicht immer klug, privat sei er schwierig gewesen - von Selbstzweifeln über seine öffentlich so vehement vertretene militante Linie zerfressen, frauenfeindlich und sexuell zeitweise verwirrt.

Dieb, Drogenhändler, Zuhälter

Einige dieser Probleme haben ihre Wurzeln in Malcolm X' Kindheit und Jugend. 1925 wurde er als Malcolm Little geboren. Marable enthüllt, dass Littles Mutter 24 Jahre lang in einer Irrenanstalt war. Das habe sein Frauenbild auf Dauer geprägt: Er hielt das weibliche Geschlecht für "schwach und unzuverlässig". Little zog zu seiner Halbschwester nach Boston, wo "seine erste große Neuerfindung beginnen würde", so Marable.

In Boston und später in Harlem verdingte sich Little als Hilfsarbeiter, Dieb, Drogenhändler und Zuhälter. Er wurde als Detroit Red bekannt, wegen seiner rötlichen Haarfarbe. Seine Straftaten habe er im Nachhinein aber "sehr übertrieben" dargestellt, um sich so den Anstrich des coolen Gangsters zu geben, schreibt Marable. "Er hat seinen kriminellen Hintergrund absichtlich aufgebauscht."

Andere Details seiner Vergangenheit hingegen verschwieg Malcolm X gänzlich: Little habe eine homosexuelle Beziehung mit einem reichen, weißen Geschäftsmann gehabt, der ihn für Gefälligkeiten bezahlt habe, so Marable. Diese "vorübergehende" Affäre erschüttert das bisherige Macho-Image von Malcolm X schwer.

"Man sollte vorsichtig mit ihm umgehen"

1946 kam Little wegen bewaffneten Raubüberfalls für sechs Jahre ins Gefängnis. Die harte Haftzeit prägte den jungen Kriminellen tief. Hinter Gittern konvertierte er zum Islam, schloss sich der NOI an und nannte sich fortan Malcolm X.

Nach seiner Entlassung stieg Malcolm X innerhalb der NOI schnell auf. Er wurde zum Hauptredner der Gruppe und zum Vertrauten des NOI-Anführers Elijah Muhammad. Die NOI war unpolitisch. Sie verstand sich als Gemeinschaft, die aus religiösen Gründen die Abspaltung der Schwarzen von den Weißen. Das FBI spionierte Malcolm X nach Angaben Marables schon damals aus, hörte Telefone ab, schleuste Informanten in die NOI ein und protokollierte die "internen Konflikte" der Gruppe. "Er ist furchtlos und lässt sich nicht einschüchtern", meldete ein FBI-Mann 1958. "Man sollte vorsichtig mit ihm umgehen."

Auch Malcolm X' Ehe zu Betty Shabbaz war Marable zufolge unglücklich: Er habe Betty aus Karrieregründen geheiratet und ihr "selten Zuneigung gezeigt". Shabazz wiederum habe Malcolm X sexuell erniedrigt. "Sie warf mir vor, impotent zu sein", zitiert der Autor aus einem Brief von Malcolm X. "Sie sagte mir, dass wir sexuell inkompatibel seien, da ich sie nie richtig habe befriedigen können."

Auf der Suche nach einer Politisierung der NOI machte sich Malcolm X nach den Recherchen Marables dramatischer Fehleinschätzungen schuldig. So habe er Kontakte zum Ku-Klux-Klan und zur Nazi-Partei Amerikas gepflegt, da diese ebenso wie die NOI eine Trennung der Rassen forderten. "Sowohl der Klan als auch die NOI sahen Vorteile darin, ein Geheimbündnis zu schaffen", schreibt Marable, verurteilt diesen Schritt aber: "Sich mit weißen Rassisten an einen Tisch zu setzen, war verabscheuungswürdig."

Malcolm X' Bruch mit der NOI war politisch wie persönlich. 1963 äußerte er sich salopp über die Ermordung Kennedys, woraufhin sich die NOI von ihm distanzierte. Marable enthüllt aber auch, dass Elijah Muhammad - der sonst Treue predigte - ein Verhältnis mit einer Ex-Geliebten von Malcolm X gehabt habe, worüber dieser zutiefst erschüttert gewesen sei.

Attentat im Auftrag der NOI

Malcolm X gründete eine Konkurrenzgruppe, publizierte die Verfehlungen des NOI-Chefs Muhammad, arbeitete mit der friedlichen US-Bürgerrechtsbewegung und selbst mit Weißen zusammen. So handelte er sich den Hass der NOI ein. 1964 verbrachte er fünf Monate in Afrika und pilgerte nach Mekka. Nach seiner Heimkehr erhielt er immer wieder Todesdrohungen. Am 14. Februar 1965 brannten Unbekannte sein Haus mit Molotow-Cocktails nieder.

Seine Ermordung, so Marable, war erst Gegenstand einer Verschwörung und später einer Vertuschung: Zwei der drei Verurteilten "waren völlig unschuldig", während die tatsächlichen Täter auf freiem Fuß geblieben seien. "Die Staatsanwaltschaft hat sich wohl mehr darum gesorgt, die Identität ihrer Undercover-Beamten und Informanten zu schützen, als die wahren Killer zu verhaften."

Das Attentat, ergaben die Recherchen des Autoren, sei von fünf Mitgliedern der NOI-Moschee in Newark verübt worden - mit dem Segen der NOI-Führung. "Das Zusammenspiel der Interessen von Vollzugsbehörden, Geheimdiensten und der Nation of Islam sorgte zweifellos dafür, dass der Mord an Malcolm leichter ausführbar war", behauptet Marable. FBI und Polizei "wussten Bescheid", hätten aber weggeschaut.

Aber auch Malcolm X habe Mitschuld getragen. Er habe seine Bodyguards entwaffnet und sie angewiesen, das Audubon-Publikum nicht zu durchsuchen. Marables Resümee: "Malcolm fällte eine bewusste Entscheidung, dem Tod nicht auszuweichen."

Zum Weiterlesen:

Manning Marable: "Malcolm X: A Life of Reinvention". Viking Verlag, New York 2011, 594 Seiten.

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1.
Sam Arita 09.04.2011
Leider eine stark fehlinterpretierte Darstellung des wirklich großartigen Buchs und Lebenswerks von Mr Marables! Anscheinend hat der Autor des Artikels sich nicht wirklich mit der Materie auseinandergesetzt, sonst wüsste er z.b. dass die Überwachung von Malcolm X durch polizeiliche und staatliche Organe der USA nicht zu den neuen Erkenntnissen des Werks von Marables zu zählen sind. Dass die Mutter von Malcolm X in der "Irrenanstalt" saß, wurde so schon in der Haley Autobiographie erwähnt und im Film von Spike Lee angedeutet - dies zählt also ebenfalls nicht zu den neuen Erkenntnissen. Neu hingegen sind die bisher unter Verschluss gehaltenen Kapitel des Haley MAnuskripts, welche bei einem Anwalt in Detroit im Safe lagern und die Rückschlüsse Marables aus der Sichtung jener ziehen konnte! Dieses allerdings erwähnt der Autor überhaupt gar nicht - Ich empfehle dem Autor und allen Interessierten den Beitrag, der vor kurzem bei "Democracy Now" gesendet wurde: http://www.democracynow.org/2011/4/4/african_american_historian_manning_marable_dies
2.
Peter Buhk 08.04.2011
Einige Dinge werden in diesem Artikel leider falsch dargestellt und ich frage mich ob der Autor das auch von ihm genannte Standardwerk "The Autobiography of Malcolm X" überhaupt gelesen hat. "Marable enthüllt, dass Littles Mutter 24 Jahre lang in einer Irrenanstalt war." Dies war schon lange bekannt und kommt im oben genannten Buch auch vor, wurde somit nicht von Marable enthüllt. "Hinter dieser Maske steckte aber nach Marables Recherchen eine gequälte Person: Politisch agierte er nicht immer klug, privat sei er schwierig gewesen - von Selbstzweifeln über seine öffentlich so vehement vertretene militante Linie zerfressen, [_]frauenfeindlich[_] und sexuell zeitweise verwirrt. " Seine Haltung gegenüber Frauen war ebenfalls schon lange bekannt und kommt sehr gut in oben genanntem Buch zur Geltung. Ebenso kommt seine eher positive Haltung gegenüber weißen Rassisten zum Ausdruck, da er diese für konsequenter und weniger heuchlerisch hielt um nun nur einige Punkte zu nennen. Das alles ist nicht so neu wie es dargestellt wird und Malcolm X war schon immer kontrovers diskutiert. Natürlicht schmälert dies nicht die Wichtigkeit der Veröffentlichung dieses Buches, da es allgemein an unabhängigen Recherchen über Malcolm X zu mangeln scheint. Nur der Artikel ist in meinen Augen nicht sonderlich gelungen, auch wenn er mir doch manch neue Erkenntnis brachte.
3.
Max Gertler 08.04.2011
Welcher schmierige "Junge Freiheit"- oder "BILD"-Redakteur hat diesen Artikel geschrieben? MalcolmX wird zum "sexuell verwirrten", nur weil er scheinbar bisexuell ist? Homophobie im SPIEGEL!!! sehr traurig wie man sich hier nach und nach vom Qualitätsjournalismus verabschiedet.
4.
paul osten 08.04.2011
Man sollte immer vorsichtig sein, mit der Glorifizierung irgendwelcher Leute. (Über "Fehlleistungen" von z.B. Gandhi hat A. Koestler schon ca. 1964 geschrieben) Wir sind alle Menschen und haben und machen Fehler. Deswegen ist es sicher klüger sich für eine SACHE einzusetzen und selbst zu denken, unabhänging von Führern, Vorbildern usw.
5.
michael helderlein 08.04.2011
"Sexuell verwirrt"? Kann mir einer erklären, was das bedeutet? Weil einer mit einem Mann Sex hat, ist er verwirrt? Ich nehme mal an, der Autor wollte seinen Beitrag damit ein wenig aufhübschen, denn tatsächlich findet sich in seinem Text keinerlei Hinweis für "sexuelle Verwirrtheit", worunter ich Zweifel über die eigene sexuelle Identität verstehen würde, unter denen der Betroffene leidet. Das ist dem Artikel nach nicht der Fall. Also soll, deshalb auch die Positionierung im Teaser, der Artikel nur aufgegeilt werden. Das ist wirklich, Pardon, erbärmlich.
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