US-Mission in Somalia 1992 "Wir tun Gottes Werk"

Per "Operation Neue Hoffnung" wollten US-Truppen vor 25 Jahren Bürgerkrieg und Hunger in Somalia beenden. Die Mission im "failed state" schlug dramatisch fehl - und ein Clanführer ließ sich feiern.

J. Scott Applewhite/ AP

An der Küste vor Mogadischu springen frühmorgens am 9. Dezember 1992 US-Marines mit geschwärzten Gesichtern und in Tarnuniformen aus Schlauchbooten und waten ans Ufer. Zugleich landen auf dem Flugplatz der vom Bürgerkrieg verwüsteten somalischen Hauptstadt Elitesoldaten der amerikanischen "15th Expeditionary Unit".

Über den Truppen kreisen Kampfhubschrauber, darin schwerbewaffnete Soldaten. Die Luftsicherung braucht nicht einzugreifen. Statt feindseliger Milizionäre erwarten somalische Zivilisten die Landetruppen - und über 100 Journalisten und Kameramänner aus aller Welt.

"Die Soldaten werden überall mit Jubel empfangen", berichtete damals der SPIEGEL, "sie müssen unablässig Hände schütteln, Kinder auf den Arm nehmen." Die Orgie der Gewalt, die bis dahin in Mogadischu geherrscht hatte, endete schlagartig. In den folgenden Tagen landeten Flugzeuge mit Hilfsgütern in dem von einer Hungerkatastrophe heimgesuchten Land am Horn von Afrika.

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US-Einsatz in Somalia: "Shoot to feed" - die gescheiterte Mission

Dass Güter die Stadt erreichten und Märkte eröffnet werden konnten, war den Invasionstruppen zu verdanken. Ihr Einsatzbefehl: "Shoot to feed" - notfalls mit Waffengewalt sollten die Soldaten die Lebensmittelverteilung erzwingen. Im Bürgerkrieg waren Hilfsmaßnahmen unmöglich geworden. Nun wurde nicht mehr geschossen: Angesichts der Invasionsübermacht hatten die verfeindeten Terrormilizen des Habir-Gedir-Clans unter Mohammed Farah Aidid und des Abgal-Clans unter Ali Mahdi einen Waffenstillstand geschlossen.

"Länder, die unfähig sind, für ihre Bürger zu sorgen, verlieren ihren Anspruch auf Souveränität", schrieb die "Washington Post" damals zur Landung der Amerikaner in Somalia. Legitimiert wurde die Mission durch einen Beschluss des Uno-Sicherheitsrats vom 3. Dezember 1992 und trug den Namen "Operation Neue Hoffnung" ("Operation Restore Hope"). Zuvor hatte sich eine Uno-Mission mit Blauhelmsoldaten aus Dritte-Welt-Ländern als völlig erfolglos erwiesen.

Afrikakenner warnten seit Jahren

"Wir tun Gottes Werk", rühmte George Bush den Einsatz der Amerikaner in Afrika. Es war die letzte Amtshandlung des US-Präsidenten, der im November die Wahlen gegen Bill Clinton verloren hatte und im Januar das Weiße Haus räumen musste.

Angesichts der katastrophalen Zustände in weiten Teilen Afrikas warnten schon in den Achtzigerjahren Experten vor dem wachsenden Chaos-Potenzial. Es entwickelten sich Brutstätten von Terrorismus, Drogenkriminalität und Seuchen.

"Wer die Bürgerkriege überlebt und nicht an Aids dahinsiecht", schrieb der Politologe Rainer Tetzlaff, "wird keine andere Wahl haben, als in prosperierende Zonen abzuwandern." Der Entwicklungssoziologe Ulrich Menzel regte an, "besonders bedrohte Krisenregionen bis auf weiteres der Treuhandschaft der Länder des Nordens zu unterstellen".

Die vielleicht schlimmste Krisenregion in Afrika war Ende 1992 die ehemalige teils italienische, teils britische Kolonie Somalia. In dem von einer Dürre heimgesuchten Land lieferten sich bewaffnete Banden einen blutigen Bürgerkrieg, seit Militärdiktator Siad Barre gestürzt worden war.

Das Gemetzel ausgerechnet in Somalia überraschte: Während in vielen afrikanischen Ländern, etwa in Nigeria, Dutzende Ethnien leben und Christen und Muslime miteinander auskommen müssen, verbindet die etwa 14 Millionen Somalier eine gemeinsame Kultur, sie sprechen die gleiche Sprache und beten zu Allah. Genau das nährte die Hoffnung auf einen Erfolg der Invasion mit dem Ziel, den Bürgerkrieg zu beenden und wieder eine Zentralregierung zu installieren.

Zunächst als Heilsbringer gefeiert

Es begann verheißungsvoll: Den Amerikanern folgten französische und kanadische Truppen, die deutsche Bundeswehr errichtete ein Wüstencamp in der Hungerregion von Belet Huen. Noch feierten die Somalier die Fremden als Heilsbringer. Er begrüße die Invasion, versicherte Mohammed Farah Aidid; der Clanführer galt den Amerikanern als potenzieller Helfer bei der Wiederherstellung der Ordnung.

Doch der General machte nicht mit. Seine Milizen und die seiner Rivalen behielten ihre Waffen und den Anspruch, bestimmte Gebiete zu kontrollieren. Als pakistanische Uno-Soldaten am 5. Juni 1993 einen von Aidid betriebenen Rundfunksender betreten wollten, erschossen seine Milizionäre 24 Blauhelme - Uno-Soldaten aus Asien galten als die schwächsten. Zu Attacken auf die stärksten, die Amerikaner, rief der Kriegsherr, nachdem er untergetaucht war und steckbrieflich gesucht wurde.

Aidid, auf den Kopfgeld von 25.000 Dollar ausgesetzt war, wechselte täglich seinen Unterschlupf. Suchkommandos gerieten in Gefechte, immer wieder starben Zivilisten. Hubschrauber beschossen Häuser, in denen sich angeblich Milizen-Führer trafen - mit schrecklichen "Kollateralschäden".

"Die Uno hat seit dem 5. Juni in meinem Land mehr als 10.000 Frauen, Kinder und alte Leute getötet oder verwundet", behauptete Aidid Ende Oktober 1993 beim SPIEGEL-Interview im Gassengewirr von Mogadischu . Er war von Leibwächtern umgeben und trug einen Trainingsanzug; im Hintergrund lief CNN in einem Fernseher, den ein rumpelnder Generator speiste.

Aidid präsentierte sich in Siegerlaune. Wenige Wochen zuvor hatte er aus dem Untergrund heraus eine Wende erzwungen: Ein amerikanisches Sonderkommando wurde bei einer Razzia von Aidid-Milizen zusammengeschossen. 17 US-Soldaten starben, 78 wurden verletzt, ein Hubschrauberpilot geriet in Gefangenschaft.

"Nur raus aus Somalia"

Damit war die Horrorvision eines Afrika-Kenners eingetroffen: "Die einzige Wirkung eines größeren amerikanischen Einsatzes in Somalia wird wahrscheinlich die sein, dass er die Nation eint", warnte Smith Hempstone, US-Botschafter in Kenia - "gegen uns, die Invasoren, die Außenseiter, die Ungläubigen, die wohl ihre Kinder gefüttert, aber auch ihre jungen Männer erschossen haben."

Als Führer dieser Einigung profilierte sich Aidid. Seine Leute ließen zu, dass ein johlender Mob die halbnackte Leiche eines gefallenen US-Soldaten durch die Straßen schleifte und Kameraleute die grausige Show filmten. Die Bilder in den TV-Kanälen befeuerten in den Vereinigten Staaten einen dramatischen Stimmungsumschwung: Statt "Hilfe für die Hungernden" hieß es nun "Nur raus aus Somalia".

Aidid nutzte den Schock für sich. Als Geste seines guten Willens ließ er den gefangenen Piloten Michael Durant frei und bot den Amerikanern einen Waffenstillstand an.

Tatsächlich zogen die USA bis Ende März 1994 ihre Truppen aus Somalia ab. Aidid konnte schon am 16. November 1993 aus dem Untergrund auftauchen, der Uno-Sicherheitsrat hatte die Fahndung aufgehoben. Der Clanführer erklärte sich 1995 zum Präsidenten, beherrschte aber das Land mitnichten ganz. International wurde seine Regierung nie anerkannt. Aidid starb am 2. August 1996, wahrscheinlich an den Folgen einer Schussverletzung, im Alter von 61 Jahren.

Eine Stadt lebt vom Krieg

Nach seinem Tod blieb Somalia das Schulbeispiel für einen "gescheiterten Staat". Rivalisierende Clans und Warlords kämpften um Macht und Territorien; Versuche zur Einsetzung einer nationalen Übergangsregierung scheiterten. Bis heute handeln Nachrichten aus Somalia fast nur von Schießereien und Piraterie, Entführungen und Hungersnöten.

Hinzu kommen seit einigen Jahren Meldungen von furchtbaren Selbstmordattentaten. So starben Mitte Oktober bei einem Anschlag auf den Markt von Mogadischu mehr als 500 Menschen. Die Attentäter sind Mitglieder der Terrormiliz Al-Shabab, die wie der Islamische Staat einen Gottesstaat errichten möchte.

Al-Shabab beherrscht bereits weite Gebiete im Hinterland und kämpft in Mogadischu gegen eine im Frühjahr eingesetzte, international anerkannte Regierung und ein von 14.000 Clanvertretern gewähltes Parlament. "Die Reichen essen Hummer, die Terroristen machen Geld, der Tod ist eine Autobombe entfernt. Das ist Mogadischu, eine Stadt, die vom Krieg lebt", schrieb der SPIEGEL im Oktober 2017.

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Bülent Alper, 07.12.2017
1. Der Bell AH (Attack Helicopter) Cobra
besitzt keine Türen, aus denen MG-Läufe herauslugen könnten, sondern Kabinenhauben. Meine Klugscheißerei dient der Kritik an der mutmaßlich willentlich beim Leser geweckten Assoziation zu Vietnam-Bildern. Muß das sein ?
Frank Friemel, 07.12.2017
2. Black Hawk Down
Ein eindrucksvoller Film - auch wenn die Thematik einseitig dargestellt wird. Wann gibt's mal wieder so einen fesselnden Film zu sehen?
Florian Stratil, 07.12.2017
3.
Zur falsch dargestellten Cobra kommt dann auch noch das Titelbild mit kanadischen Soldaten unter der Überschrift "US-Einsatz in Somalia".
Thomas Keferstein , 07.12.2017
4. war selber..
im Rahmen des UN Einsatzes von Oktober 93 bis Februar/märz 94 da unten in Belet uen..sinnlos Geld rausgepulvert... diesen ländern ist nicht ansatzweise zu helfen..nur kapieren wir Westler das nicht.. da unten ist keine hilfe erwünscht.. da wurden brunnen, strassen, schulen gebaut .. kurz nach abzug der truppe war alles hinüber.
Alexander Dobermann, 07.12.2017
5. Naja
@Thomas Keferstein: Ich war auch dort aber ganz so sinnlos sehe ich die Angelegenheit nicht. Wir hatten ja eigentlich auch einen anderen Auftrag vor Ort, der dann aber auf Grund des Erdbebens in Indien nicht stattgefunden hat, also waren die humanitären Ziele dann eher Behelf. Zudem war es damals der erste BW-Einsatz unter Waffen im Rahmen einer UN-Mission. Da haben sich auch bei der BW vor Ort einige nicht mit Ruhm bekleckert. Lehrreich war es allemal auch wenn viel schief gelaufen ist und die Situation der Flüchtlinge vor Ort hätte wohl auch ganz anders ausgesehen wenn keine Truppen vor Ort gewesen wären. Deutlich anders.
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