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US-Kanonenboote vor Japan "Brennende Schiffe am Horizont"

Das Ende japanischer Isolation: Als die schwarzen Schiffe kamen Fotos
Corbis

Mit Kanonenbooten erzwangen die USA 1853 Japans wirtschaftliche Öffnung. Im Eiltempo rutschte das Land vom Kastensystem in die Moderne. einestages zeigt beeindruckende Bilder des Umbruchs. Von

Im Westen erhebt sich majestätisch der Fuji, etwas weiter östlich liegt Edo, die Hauptstadt des Kaiserreichs. Sonnenschein flutet die Bucht vor Uraga, der Hafenstadt im Südosten Japans. Die Meerenge ist der Eingang zum Herzen Japans.

Der 14. Juli 1853 ist ein warmer Sommertag. Aber das Idyll trüben diese Schiffe, die wie Raubtiere in der Bucht lauern. Krächzend speien die vier schwarzen Ungeheuer schwarzen Rauch in die Luft. Die Kanonen und Gewehre an Bord, die rot-weiß gestreiften Flaggen mit Sternen auf blauem Grund - es sind Vorboten eines neuen Zeitalters.

Sechs Tage zuvor hatte der US-Schiffsverbund erstmals vor der japanischen Küste geankert, mit zwei Schaufelraddampfern und zwei Segelschiffen. Der Kommandant dieser waffenstrotzenden Expedition: Commodore Matthew Calbraith Perry, der schon 1846 während der US-Invasion gegen Mexiko geholfen hatte, den Einfluss seiner Heimat auszudehnen.

"Diese Schiffe kamen näher und näher..."

Nun hatten sich Perrys Schiffe an Japans Hauptstadt Edo herangetastet. Ein anonymer japanischer Augenzeuge schilderte ihre Ankunft als düsteres Omen: "Eine Gruppe von Menschen stand dort, ganz aufgewühlt, und mutmaßte über die brennenden Schiffe am Horizont. Dann kamen diese Schiffe näher und näher, bis ihre Form uns zeigte, dass es keine japanischen Schiffe waren, sondern fremde…"

Kapitän Perry Zur Großansicht
Mathew B. Brady/Library of Congress

Kapitän Perry

Alles hatten die Japaner getan, um das zu verhindern. Sie hatten höflich insistiert, gedroht, um Respekt vor den eigenen Gebräuchen und Regeln gebeten. Doch der Waffenübermacht der Amerikaner waren sie nicht gewachsen. Als Perry an diesem 14. Juli in ein Beiboot stieg, war Japans Schicksal besiegelt.

Mit 300 Soldaten landete er in der Bucht von Uraga. Dort erwarteten sie zwar Tausende japanischer Soldaten und hohe Würdenträger. Doch von den vier schwarzen Schiffen zielten Mörser und Kanonen auf die bunte Versammlung.

So konnte Perry ungehindert einen Brief abgeben, eingeschlagen in Samt und Gold, in einer prunkvollen Truhe aus Rosenholz. Der Brief war mächtiger als alle Kanonen zusammen: ein höflich formuliertes Ultimatum, sich endlich dem Handel mit den USA zu öffnen.

Verschlossenes Inselreich

Martialisch erklärte Kapitän Perry später in seinen Erinnerungen: "Der kraftstrotzende Druck der Hand von Amerika, in freundlichem Geist angeboten, aber mit einer Energie ausgestreckt, die sowohl zuschlagen als auch umarmen konnte, erschütterte die Isolation der Japaner und machte sie sensibel für die Beziehung mit dem Rest der Welt."

Mehr als 200 Jahre hatte Japan zuvor in fast vollständiger Isolation von der übrigen Welt gelebt. Erlaubt waren einzig sporadische Handelsbeziehungen zu China, Korea und den Niederlanden.

"Schwarze Schiffe": Dämonisch, aus Sicht eines japanischen Künstlers Zur Großansicht
Denver Post/Getty Images

"Schwarze Schiffe": Dämonisch, aus Sicht eines japanischen Künstlers

"Sakoku" nannten die Japaner diese Politik, "geschlossenes Land". Neben dem Kaiser hatten die Shogune, Anführer aus der Kriegerkaste der Samurai, die militärische Herrschaft an sich gerissen. Unter dem Shogunat der Tokugawa-Dynastie war die Isolation Japans beschlossen worden - und der Kaiser zur Marionette verkümmert.

Nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten 1776 hatten amerikanische Abgesandte mehrfach versucht, Beziehungen zu Japan aufzubauen. Auf der Handelsroute nach China bot sich das Inselreich als idealer Zwischenstopp an. Außerdem war da noch die US-Doktrin vom "Manifest Destiny", der "offensichtlichen Bestimmung", die eigene und vermeintlich überlegene Lebensart anderen Völkern zum Geschenk zu machen.

Kanonenboot und Peitsche

"Mein großer und lieber Freund", so adressierte US-Präsident Millard Filmore denn auch das Schreiben an den japanischen Kaiser - jenen Brief, den Perry am 14. Juli 1853 in einer Kiste an Land hieven ließ. Darin schlug der Präsident einen regen Austausch von Waren, Rohstoffen und der Dampftechnik vor, als Segen der Industrialisierung. Die Kanonen von Perrys Schiffen unterstrichen dieses scheinbar freundliche Angebot.

Beim erzwungenen Treffen wurde Kapitän Perry in einem eigenen Schreiben deutlicher: Die Politik der Abschottung habe vielleicht einmal ihre Berechtigung gehabt, sei jedoch in der modernen Zeit "unklug und nicht mehr durchführbar", schrieb Perry. Die unverhohlene Drohung ergänzte er mit der Bemerkung, deutlich größere Schiffe, mehr Kanonen und Soldaten seien schon auf dem Weg. In einem Jahr werde er zurückkehren - um die hoffentlich positive Antwort der Japaner zu empfangen.

Ein dritter Brief in der Schatulle umfasste nur wenige Zeilen: Eine Weigerung zur Zusammenarbeit stünde im Widerspruch zu göttlichen Prinzipien und würde zwangsläufig zu Kampfhandlungen führen. Völlig klar sei, "dass der Sieg natürlich unser sein wird und Sie uns unter keinen Umständen überwältigen könnten". Für diesen Fall hatte Perry eine weiße Flagge beigelegt, mit der die Japaner ihren eigenen Untergang bewinken könnten.

Gewaltsame Zeitenwende

Die Überlegenheit demonstrierte der Kapitän nochmals, indem er seine Flotte weiter in Richtung Kaiserstadt fahren und Erkundungsboote ausschwärmen ließ. Das versetzte die ohnehin verunsicherten Japaner in heillosen Aufruhr. Es war der Höhepunkt der amerikanischen Kriegsboot-Diplomatie.

Bereits im Februar 1854 war Perry zurück. Früher als angekündigt ankerte er erneut in der Bucht, diesmal mit zehn Schiffen und mehr als 1500 Soldaten. Am 8. März landete er mit 500 Männern in Yokohama. Marschkapellen spielten "The Star-Spangled Banner". Zum Lohn für ihre Kapitulation bekamen die Japaner eine Modelleisenbahn, Whiskey und Gewehre.

Es war das Ende des "Sakoku" - und das Ende des Tokugawa-Shogunats. Auch die Tage der Samurai waren gezählt. Unter der Herrschaft des Kaisers Meiji begann ab 1867 eine grundlegende wirtschaftliche und politische Modernisierung Japans, das von einem ländlichen Feudalstaat zur Industriemacht aufstieg.

Mit der Öffnung Japans kamen auch immer mehr Ausländer in das Inselreich. Schon bald entstanden die ersten Fotografien einer Gesellschaft im Umbruch - so wie die folgenden atemberaubenden Aufnahmen.

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Das Ende japanischer Isolation: Als die schwarzen Schiffe kamen
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  • Christian Neeb (Jahrgang 1983) schrieb für das Fachmagazin "GEE" über Videospielkultur und verfilmte sie bei "Reload" für den SWR. Auf einestages erinnert er an Wichtiges oder Erstaunliches von gestern.

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1. Farbenrevolution statt Kanonenboot
Alex Zatelli, 30.03.2016
Heute zettelt man Farbenrevolutionen an, um die "Öffnung" jeweils zu erzwingen und profitable libertär-kapitalistische Syteme zu etablieren. Die Absichten bleiben die gleichen: den andern den eigenen Willen aufzuzwingen.
2. Woher kamen die japanischen Überesetzer?
Thomas Berger, 30.03.2016
Wenn Japan 200 Jahre lang vollkommen abgeschottet war, dann gab es dort vermutlich auch niemanden mit Fremdsprachenkenntnissen. Wie konnten die Japaner also den Inhalt der Briefe zur Kenntnis nehmen?
3. Geniale Bilder
Franz Pestenhofer, 30.03.2016
die Bilder sind wirklich genial, wie eine Zeitreise, und doch so nah. Wirklich lebendig. Wurden diese elektronisch nachbearbeitet oder bereits damals nach Aufnahme koloriert?
4. @2 Englischkenntnisse
Yuji Tamada, 30.03.2016
Man darf das alles nicht so genau nehmen. Ein paar Japaner durften natürlich aus "Sakoku" ausreisen und sich im Ausland bilden. Außerdem war der Niederländische Handelsposten vor Nagasaki bei weitem nicht so unbedeutend wie der Artikel es vermuten lassen könnte - denn auch damals schon hatten die Mächtigen und Reichen (Shogun-Kaste etc.) in Japan Interesse an Statussymbolen aus Übersee, und um diese zu erwerben, musste ja jemand da sein, der mit den Ausländern kommunizieren kann. Etwas seltsam mutet auch die im Artikel aufrechterhaltene Verklärung der "Geisha" an - die Übersetzung des Namens ist ein schönes Beispiel für die Japanische Sucht nach Euphemismen, die die schnöde (und oft brutale) Wahrheit etwas angenehmer darstellen sollen. Denn natürlich waren Geishas in erster Linie Prostituierte, und die Unterhaltung durch Gesang, Tanz, und andere Showeinlagen nur Beiwerk vor dem eigentlichen "Geschäft". Auch heute noch behaupten viele Japaner, in Japan gäbe es keine Prostitution, wohl sich um vor den Augen des Westens als "moralischer" zu stilisieren. Dabei ist der Besuch einer Prostituierten für die Mehrzahl Japanischer Männer eine tägliche Selbstverständlichkeit (nach der Arbeit), die auch dazu beiträgt, dass Japanische Ehepaare sich schnell auseinanderleben.
5.
Matthias Petersbach, 30.03.2016
Offensichtlich gab es nur einen kurzen Augenblick in der Geschichte, in der Kriegsführung, andere Länder unterdrücken und kolonialisieren schlecht (und kostenpflichtig) war. Jahrhunderte vorher und auch wieder heute ist das wohl kein Thema mehr.
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