US-Fernsehserie "Holocaust" Völkermord zur Prime-Time

Die US-Fernsehserie "Holocaust" zeigte in den Siebzigern am Beispiel der fiktiven Familie Weiss das Schicksal der europäischen Juden in - für damalige Verhältnisse - drastischer Deutlichkeit. Proteste ließen nicht lange auf sich warten.

SS-Offizier Erik Dorf (gespielt von Michael Moriarty) auf dem Titel des SPIEGEL 5/1979

SS-Offizier Erik Dorf (gespielt von Michael Moriarty) auf dem Titel des SPIEGEL 5/1979


Wer dieser Tage auf der Suche nach History-Soaps durch die Kanäle hüpft, muss nicht lange zappen: Maria Furtwängler als Vertriebenen-Gräfin, Veronica Ferres als Berliner Mauer-Blümchen, Guido Knopp allenthalben. Selbst die düstersten Kapitel deutscher Geschichte sind mittlerweile fernseh- und massentauglich verarbeitet, laufen zur Primetime auf öffentlich-rechtlichen wie privaten Sendern. Geschichtsdramen verkaufen sich, Geschichte macht als Kassenschlager TV-Geschichte, "Drittes Reich" und DDR sind im DVD-Box-Set erhältlich.

Vor dreißig Jahren war das Geschichts-Zapping wesentlich schwieriger: Weniger Kanäle, noch weniger Geschichte. Die Siebzigerjahre gelten nicht gerade als eine Phase des Bewusstwerdens der Deutschen über ihre eigene Vergangenheit. Phänomene wie die sogenannte Hitlerwelle oder das Wiederaufkeimen von rechtsradikalen Tendenzen in der Bundesrepublik in dieser Zeit veranlassen eher dazu, das Gegenteil anzunehmen.

Der Historiker Ulrich Herbert stellte 1998 in seiner Überblicksanalyse der Geschichtsschreibung über den Holocaust fest: "Insgesamt kann man - jedenfalls was die öffentliche Perzeption angeht - die Siebziger- und frühen Achtzigerjahre durchaus als eine Phase der zweiten Verdrängung bezeichnen. Täter und Tatorte, Helfershelfer und Nutznießer, vor allem aber die Opfer selbst wurden anonymisiert. [...] der Holocaust wurde vor allem seit den Achtzigerjahren immer mehr zum Gegenstand öffentlicher Debatten, etwa über die deutsche Identität - aber doch nur als Metapher. Nicht die Kenntnisse über den Genozid nahmen zu, sondern nur die Zahl derer, die darüber redeten."

Und doch findet sich Ende der Siebzigerjahre ein Ereignis, das zumindest als Auslöser für eine breite Diskussion über dieses Thema dient, als Grund dafür, dass die Menschen darüber redeten: die Ausstrahlung der US-Fernsehserie "Holocaust" in der Bundesrepublik. Die Spielfilmserie (immerhin mit Stars wie James Woods oder Meryl Streep besetzt) thematisiert das Schicksal der Juden im Nationalsozialismus anhand des Beispiels einer jüdischen Familie und löste damals eine weltweite Diskussion aus.

Bis dahin waren im deutschen Fernsehen zwar schon einige Filme gezeigt worden, die den Themenkomplex Nationalsozialismus behandelten. Allerdings blieben die Zuschauerzahlen dabei klein, auch die Auswahl der Themen war eher speziell, um nicht zu sagen: feige. Das Hauptaugenmerk der Geschichtsforschung richtete sich damals vorwiegend auf andere, weniger unbequeme Aspekte des Nationalsozialismus. Man umschiffte die düsteren Seiten des "Dritten Reiches" auf einem Dampfer, der vor allem Widerständler und Aufrechte an Bord hatte.

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Das hatte auch eine falsche thematische Gewichtung in den Dokumentarfilmproduktionen des deutschen Fernsehens zur Folge. Der Filmwissenschaftler Michael E. Geisler schrieb über die Überrepräsentation des Themas deutscher Widerstand während des NS-Regimes: "Das Problem liegt indes darin, dass bis Mitte der Siebzigerjahre das Überwiegen der Fernsehsendungen, die gerade diese Perspektive für ihre Darstellung des Faschismusproblems wählten, derart auffallend war, dass ein zufälliger Beobachter sich fragen müsste, wie das Regime sich angesichts so vieler aktiver Widerstandskämpfer überhaupt an der Macht halten konnte."

Widerständler als Helden der bewegten Bilder

Sprich: Nicht nur heute und nicht nur in Hollywood fahren alle auf Stauffenberg ab - auch vor dreißig Jahren war er der Held der bewegten Bilder über den Nationalsozialismus. Was aber war mit den Opfern? Sie hatten im Fernsehen keine Lobby. Niemand will sich die Massenvernichtung ins Wohnzimmer holen, so dachte man wohl, und darum wurden auch keine Filme produziert.

Mit "Holocaust" wurde erstmals gewagt, anhand massenwirksamer Spielfilmmuster ein Gesamtbild von der Judenverfolgung zu vermitteln. Während die Elfenbeinturmbewohner noch "Krieg dem Kitsch!" skandierten, saß das Volk bereits vor dem Fernseher. Durch "Holocaust" entstand eine neue Dimension der Kommunikation zwischen Fernsehen und seinen Zuschauern.

Der "Kitsch" traf die Massen ins Mark. Die Ausstrahlung der Serie in Deutschland im Januar 1979 löste eine in ihrer Breite ungeahnte Welle von Emotionen und Diskussionen aus, die das Geschichtsbewusstsein der Deutschen nachweislich beeinflusste. Das konnte auch das damals viel diskutierte "Verstecken" der Serie in den dritten Programmen der ARD nicht verhindern. Schon mit der Ausstrahlung in den USA (April 1978) hatte hierzulande eine ausgiebige Berichterstattung begonnen, die Sendung im deutschen Fernsehen war aufgrund der Vielzahl der Zuschauer und auch wegen des darum betriebenen organisatorischen Aufwandes ein Medienereignis, das seinesgleichen suchte.

"Das wusste ich ja gar nicht!"

Nach den Ausstrahlungen hatten die Zuschauer jeweils bis nach Mitternacht Zeit, sich per Telefon in die nach jeder Folge mit wechselnden Gästen stattfindende Expertendiskussion einzuschalten. Insgesamt riefen 30 000 Menschen den WDR an, während der Sendungen, davor und danach sowie zu Zeiten, die mit der Sendung überhaupt nichts zu tun hatten, zum Beispiel Samstagnachmittag. Die Zahl derer, die trotz des Einsatzes von bis zu 15 Telefonisten nicht durchkamen, ist unbekannt. Den WDR und die in die Vorbereitung der Ausstrahlung miteinbezogenen Institutionen der politischen Bildung erreichten über 100.000 Briefe von Zuschauern. Grundtenor: "Das wusste ich ja gar nicht!" Oder: "Das hätte ich nicht gedacht!"

Die Fernsehserie wurde 1979 in der damaligen Bundesrepublik Deutschland von bis zu 40 Prozent der Zuschauer verfolgt. Eine Quote, von der Ferres und Furtwängler nur träumen können. Von den insgesamt 20,3 Millionen Zuschauern, die mindestens eine Folge der Serie gesehen haben, sahen 14,3 Prozent nur einen Teil, das entspricht 6 Millionen Zuschauern. 10,8 Prozent (4,6 Mio.) der Zuschauer sahen zwei, 10,5 Prozent (4,4 Mio.) drei Folgen von "Holocaust". Alle vier Teile wurden von 12,6 Prozent der Zuschauer gesehen, das sind 5,3 Millionen Menschen. Insgesamt sahen die Zuschauerzahlen wie folgt aus:

Zuschauerzahlen "Holocaust"

Folge 1 (22. Januar 1979) 31 Prozent der Zuschauer
Folge 2 (23. Januar 1979) 35 Prozent
Folge 3 (25. Januar 1979) 37 Prozent
Folge 4 (26. Januar 1979) 40 Prozent

Zuschaueranteile der jeweils anschließenden "Anruf erwünscht"-Sendung

Folge 1 (22. Januar 1979) 11 Prozent
Folge 2 (23. Januar 1979) 13 Prozent
Folge 3 (25. Januar 1979) 15 Prozent
Folge 4 (26. Januar 1979) 18 Prozent

Natürlich gab es Diskussionen über die ästhetische Qualität der Serie und die ihr innewohnenden formalen wie sachlichen Fehler. Bereits im Vorfeld der Ausstrahlung wurden grobe Schnitzer moniert, über die sich heutzutage Horden von Hobbyhistorikern hermachen würden, die aber damals kaum einen Zuschauer interessierte. Da finden sich auf Uniformen falsche Rangabzeichen, Hitlerjungen sitzen in Sommeruniformen unter dem Weihnachtsbaum. Der Beginn des Aufstandes im Warschauer Getto wird im Film auf den 8. Mai 1943 verschoben, tatsächlich begann er schon am 19. April.

Die Nationalsozialisten führten erst 1941 den Judenstern ein, aber die "Holocaust"-Juden tragen ihn schon 1939. Die Konzentrationslager erscheinen wie Sanatorien, in denen die Insassen vor allem Probleme mit drohendem Übergewicht zu haben scheinen. Alle Gefangenen sind wohlfrisiert, nicht kahl geschoren wie echte KZ-Häftlinge. Alle stehen voll im Leben, sind wohlgenährt, tragen modische Schuhe und führen Privatfotos in der Tasche mit sich, um sie neuen Ankömmlingen zeigen zu können, und regelmäßig gibt es Kontrollen des Roten Kreuzes. Fehlt nur noch ein Menschenrechtsbüro zwischen den Baracken von Theresienstadt.

Diese Makel scheinen aber in der Beurteilung der Sendereihe durch das Publikum keine übergeordnete Rolle gespielt zu haben. Was ankam, war der Schock. Während sich in der Öffentlichkeit gerade sehr viele linksorientierte Intellektuelle mit der Debatte um Ästhetik und Moral von "Holocaust" auseinandersetzten, waren es unter den Zuschauern laut Marplan-Studie insbesondere die mit Attributen wie "geringere Bildung", "politische Entfremdung", "unpolitischer Haltung" und "Tendenz zum Antisemitismus" belegten Befragten, die den ästhetischen Mängeln der Serie in ihrer Beurteilung Platz einräumten.

Sie unterstützten im Gegensatz zu den meisten anderen Befragten Statements wie "'Holocaust' ist ein typisch amerikanischer Spielfilm; mit den wirklichen Verhältnissen während der Zeit des Nationalsozialismus hat er nicht viel zu tun." Die Verantwortlichen bei Marplan sehen in diesen Äußerungen aufgrund ihres vornehmlichen Auftretens bei den eben beschriebenen Personen "Rationalisierungen", also Strategien zur Abwehr ungeliebter Wahrheiten.

Nun war der Holocaust in den Köpfen

Doch das Ereignis wirkte auf breiter Basis, auf allen Kanälen, jede Gegenwehr war zwecklos. Nun war er drin in den Köpfen, der Holocaust, plötzlich sprachen alle darüber. Und daran konnte nichts Falsches sein. Heutzutage würde der Vierteiler wohl kaum einen jugendlichen Zuschauer hinter der Playstation hervorlocken, und auch die Älteren wären wohl eher gelangweilt. Zu durchschaubar der Plot, zu lahm die Action, zu wenig fett die Produktion.

Aber der Verdienst von "Holocaust" ist auch kein filmischer, sondern ein gesellschaftlicher: Die Serie trat den Beweis an, dass Unterhaltung wachrütteln, dass Fernsehen unvermittelbar Geglaubtes vermitteln, dass eine Seifenoper Geschichte machen kann. Ohne die Geschichte der Familie Weiss hätte es Guido Knopp & Co. nie gegeben.

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