US-Soldat auf Fotomission Leben und Leiden im Nachkriegs-Europa

US-Soldat auf Fotomission: Leben und Leiden im Nachkriegs-Europa Fotos
Bill Perlmutter/seltmann+söhne

GI-Babys, Nachtclubtänzerinnen und ein Hitler-Doppelgänger: Der amerikanische Armeefotograf Bill Perlmutter erkundete in den fünfziger Jahren Europa. Seine Bilder zeigen einen Kontinent, der sich langsam vom Krieg erholt. Sie dokumentieren Misstrauen, Elend - und überbordende Lebensfreude. Von

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Die Kinder winken dem vorbeifahrenden Panzer fröhlich zu. Ganz offensichtlich verspüren sie in diesem Moment weder Scheu noch Misstrauen. Bill Perlmutter drückt auf den Auslöser, hält den Moment mit seiner Kamera fest. Im Auftrag der US-Armee reiste der Fotograf ab 1954 durch Europa. Nicht alle Deutschen empfangen die amerikanischen Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Besatzer kommen, so euphorisch. Auch wenn die Alliierten das Land von der Nazi-Herrschaft befreit haben, bleiben sie doch ehemalige Feinde aus einem Krieg, dessen Trauma längst nicht überwunden ist.

Perlmutter hält diese Stimmung vorurteilsfrei fest. Mit seiner Rolleiflex begibt er sich auf eine Entdeckungstour. Von Deutschland aus begleitet der Betrachter ihn in dem Bildband 'Through A Soldier's Lens' nach Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Was Perlmutter nur aus Filmen kannte, ist für ihn plötzlich Wirklichkeit. "Die Straßen wurden zur Bühne und die Menschen zu Schauspielern in einem sich fortwährend ändernden und faszinierenden Theater der Realität", erinnert er sich.

Gerade die Aufnahmen von Kindern spiegeln die Neugier und Unbefangenheit, mit der sich der junge GI, der erstmals seine Heimat verlassen hatte, auf seine neue Aufgabe stürzt. Auf einer tristen deutschen Straße lichtet er zwei kleine Jungen und ein Mädchen ab, die Grimassen schneiden und die Zunge herausstrecken.

Italienische Sexsymbole, deutsche Hitler-Doppelgänger

Die Bilderserie aus Deutschland zeigt ein Land, das sich inmitten von Trümmern nach der Normalität des Alltags sehnt. Dass sich vieles verändert hat, zeigt eine Straßenszene Perlmutters. Auf dem Bild tragen zwei Frauen in einer Reisetasche ein dunkelhäutiges Kind - ein sogenanntes GI-Baby. Neben ihnen steht ein einbeiniger Mann mit Krücke, vermutlich ein Kriegsversehrter. Ein anderes Foto zeigt einen dreirädrigen Messerschmitt Kabinenroller. Auf der nächsten Aufnahme taucht plötzlich ein Doppelgänger von Adolf Hitler auf. Der Bart gestutzt wie bei dem Mann, der Deutschland ins Verhängnis stürzte, erinnert seine tragische Pose zugleich an Charlie Chaplin.

Neben Normalbürgern fotografiert der Amerikaner auch Prominente wie Winston Churchill, der als Ehrenoberst eines britischen Regiments nahe dem ehemaligen KZ Bergen-Belsen sogar extra für ihn posiert. In Italien verscherzt er es sich dann mit Gina Lollobrigida, als er die launische Diva gegen ihren Willen im Schaumbad fotografiert und die römischen Filmstudios Cinecittà verlassen muss. Dazwischen liegen Eindrücke von seiner Traumstadt Paris mit barbusigen Nachtclubtänzerinnen im "Crazy Horse", Schwertschluckern, Liebespaaren und Souvenirs unter dem Eiffelturm.

Am stärksten beeindruckt war Perlmutter jedoch von Portugal. An einem Strand tanzen Mädchen mit Kopftüchern, die in ihrer Folklorekleidung geradewegs aus dem 19. Jahrhundert zu kommen scheinen. Einfache Fischer, Marktfrauen, Mädchen mit Bastkörben und die karge, raue Küstenlandschaft sind auf den Bildern präsent. Auch viele Jahrzehnte später noch immer verliebt in das Land, kehrt er 2002 nach Portugal zurück - und findet kaum noch Spuren von dieser archaischen Welt. Die Fischerboote haben jetzt Motoren, und Traktoren ersetzen die alten Ochsenkarren. In seiner Fotosammlung steht die Zeit jedoch für immer still.

Zum Weiterlesen:

Bill Perlmutter: "Through A Soldier's Lens. Europe In The Fifties". seltmann+söhne, Berlin 2013.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Valentin Erne 14.06.2013
Foto 1: Augsburg, Predigerberg Richtung Maximilianstraße?
2.
Dietmar Biedermann 14.06.2013
Foto 2: Maximilianstraße, Einmündung Hallstraße Blickrichtung Standesamt Foto 1 : Heilg-Grab-Gasse, Blickrichtung Maximilianstraße, links sieht man den Erker des Standesamtes Bild 6: Königsplatz Augsburg, ehemaliger Kioks "Pilz", Blickrichtung Bürgermeister-Fischer-Strasse Bild 3 : ev. Volksfest Plärrer in Augsburg ?
3.
Daniel Apostol 14.06.2013
sehr beeindruckend, Herr Biedermann hat zweifellos recht mit 1, 2 und 6. Bild 3 sehr wahrscheinlich auch, man sieht deutlich die Dachfenster von Schwimmschulstraße 36
4.
Juergen Frey 15.06.2013
och, ich habe da auch noch so 1944 Hohe Bleichen, Heuberg, Bernd und ich mit Tueddelband. Will die jemand kaufen??
5.
Juergen Frey 17.06.2013
och, ich habe da auch noch so 1944 Hohe Bleichen, Heuberg, Bernd und ich mit Tueddelband. Will die jemand kaufen??
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