US-Kameramann in Hitler-Deutschland Zu Gast bei Feinden

US-Kameramann in Hitler-Deutschland: Zu Gast bei Feinden Fotos
U.S. Holocaust Memorial Museum/Julien Bryan Archive

Bilder aus dem Reich des Bösen: Er filmte zackige Massenaufmärsche, antisemitische Schilder - und idyllische Weiden. Im Sommer 1937 durfte der US-Dokumentarfilmer Julien Bryan sieben Wochen durch Hitlers NS-Staat reisen. Sein Film rüttelte Amerika auf - und brachte die Deutschen zum Toben. Von

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Es war eine brisante Mission, und mit großer Wahrscheinlichkeit würde sie scheitern. Aber wenn wider Erwarten doch alles gut ging? Würde dann nicht ganz Amerika diesen Film sehen wollen? Warum also nicht 2000 Dollar in einen verrückten Auftrag investieren, solange es dieses Fünkchen Hoffnung gab?

So ungefähr dürften die Verantwortlichen der beliebten US-Wochenschau "The March of Time" im Frühjahr 1937 argumentiert haben, als sie dem freiberuflichen Dokumentarfilmer Julien Bryan ein paar Filmrollen und 2000 Dollar Vorschuss in die Hand drückten. Dafür sollte Bryan in das Land fahren, das damals wie kein anderes die Schlagzeilen beherrschte: das "Dritte Reich".

Diplomaten hielten Deutschland längst für eine Gefahr für den Weltfrieden. Doch nicht wenige Amerikaner bewunderten unmittelbar nach der Weltwirtschaftskrise Hitlers straff organisierten Staat und die gesunkene Arbeitslosigkeit. Sie sahen nicht, dass der Aufschwung auf Pump finanziert war und organisierten sich zu Tausenden im deutsch-amerikanischen Bund, deren Mitglieder mitunter in SA-Uniformen auftraten und flammende Reden hielten.

Ein reisewütiger Theologe an der Front

All diesen Bewunderern, den Sympathisanten und Naiven sollte Julien Bryan die Augen öffnen und die Wahrheit über Deutschland vermitteln. Doch war das überhaupt möglich in einer Diktatur, in der Goebbels' Propagandaministerium schon jede kleine deutsche Zeitungsmeldung argwöhnisch vorzensierte, mochte sie auch noch so banal sein?

Julien Bryan schien für den Auftrag zumindest der richtige Mann. Der Sohn eines Missionars, der selbst Theologie studiert hatte, war stets interessierter an Menschen in Extremsituationen als an religiösen Debatten. Schon im Ersten Weltkrieg schrieb er sich freiwillig in eine Sanitätseinheit ein und fotografierte die apokalyptischen Schlachtfelder von Verdun. Und Anfang der dreißiger Jahre reiste er mehrfach durch die Sowjetunion und dokumentierte den Alltag im kommunistischen Riesenreich.

Zudem hatte der Mann mit der Halbglatze und dem gewinnenden Lächeln ein entscheidendes Talent: Er war begabt darin, den Naiven zu spielen. Ein scheinbar weltfremder Theologe, der einfach nur gerne ein paar Filmchen drehte - das öffnete ihm Türen.

Wer manipuliert wen?

Wie 1936, bei einem Empfang in der türkischen Botschaft. Zufällig kam Bryan mit einem hochrangigen NS-Offizier ins Gespräch. Der beklagte sich bitter darüber, dass Deutschland in den US-Medien immer unfair dargestellt werde. Der Reporter roch seine Chance - und hatte wenig später eine Drehgenehmigung.

So kollidierten im Sommer 1937 zwei gegensätzlicher Erwartungen: Die Deutschen hofften den scheinbar unpolitischen Amerikaner einspannen zu können, um ihr Image im Ausland etwas aufhübschen zu können. Und Bryan wollte seinen Landsleuten ein ungeschminktes Bild aus dem Herzen der Diktatur liefern.

Das Ergebnis musste ein Kompromiss sein, doch die NS-Funktionäre ließen dem Amerikaner erstaunlich viele Freiheiten: Sieben Wochen fotografierte und filmte Bryan in Großstädten wie Berlin, Nürnberg und Leipzig. Er besuchte Dörfer an der Weinstraße und in Oberbayern, sprach mit Bauern und Hitlerjungen, Katholiken und Protestanten. Viele gaben sich als überzeugte Anhänger Hitlers, wenige wagten, Kritik anzudeuten.

"Die größte Show auf Erden"

Jetzt hat der Filmemacher Michael Kloft die längst vergessenen Bilder für seine neueste Dokumentation "Innenansichten - Deutschland 1937" (14. August, 21.45 Uhr, Arte) verwendet. "Das Einzigartige an ihnen ist, dass es professionelle Aufnahmen sind, die nicht vom Propagandaministerium gedreht wurden", sagt SPIEGEL-TV-Autor Kloft. "Sie zeigen zwar keine grundsätzlich andere Wirklichkeit, aber sind gemacht von einem Ausländer mit einem anderen, einem dokumentarischen Blickwinkel."

Natürlich lieferte Julien Bryan die Bilder, mit denen sich das "Dritte Reich" im Ausland gerne präsentieren wollte: Paddler auf dem Rhein. Idyllische Städte. Hochtechnisierte Betriebe. Durchtrainierte Männer beim Reichsarbeitsdienst. Und zackige Massenaufmärsche beim Nürnberger Parteitag, bei dem 250.000 begeisterte Anhänger des Regimes die Straßen säumten. "Es ist die größte Show auf Erden", betextete Bryan später die Parteitagsbilder, "unsere Football-Spiele sind nichts dagegen" - und klingt in dieser Passage fast so, als sei es den NS-Funktionären tatsächlich gelungen, den Amerikaner für ihre Sache zu begeistern.

Vorhersage: Massenmord

Doch sie täuschten sich. Oft war es umgekehrt. Denn der scheinbar naive Reporter versah die meisten seiner Filmaufnahmen und Fotos, die er später in den USA auf zahlreichen Vorträgen präsentierte, mit kritischen Kommentaren. Die deutschen Propagandisten hätten sicher nicht gedacht, dass er zu den harmlosen Bildern von einem Kindergeburtstag bei einem Vortrag an der Columbia-Universität Folgendes sagen würde:

"Es ist keine Übertreibung, dass schon den Kindern die Philosophie des Hasses anerzogen wird. Sie hassen nicht allein die Juden und Russen, sondern auch die Amerikaner und die Engländer. Für diese Kinder gelten andere Nationen und Rassen als kriminell."

Zu Aufnahmen einer gut ausgebauten Straße am Rhein erklärte er:

"Diese Straßen sind nicht nur für Pkw ausgelegt, sondern auch für diese schweren Lastwagen. Irgendwann werden sie militärischen Zwecken dienen."

Und zu Bildern von lachenden Jugendlichen in einer jüdischen Schule prognostizierte er weitsichtig:

"Ich bin überzeugt, in fünf Jahren werden die wenigsten dieser 500.000 [deutschen] Juden noch am Leben sein."

Deutschlands hässliche Seiten

Im Glauben an die Richtigkeit ihrer eigenen Ideologie erlaubte es das Regime seinem Gastreporter sogar, die hässlichen Seiten Deutschlands zu filmen. Schilder mit der Aufschrift "Juden sind hier unerwünscht" etwa. Oder Kinder, die Karikaturen aus dem Hetzblatt "Der Stürmer" lesen. Der Amerikaner durfte sogar bei der Münchner Ausstellung "Entartete Kunst" drehen, die Werke moderner Maler und Bildhauer aggressiv an den Pranger stellte.

Das waren natürlich Steilvorlagen für Kritik: Wer denke, die meisten Geschichten über Deutschland seien schlicht erfunden, der liege falsch, warnte Bryan später unentwegt seine Landsleute. Eines der einst "am meisten zivilisierten Länder" steuere auf den nächsten Krieg zu.

Im September 1937 verließ der Reporter Deutschland. Seine gesamten Aufnahmen, behauptete er später, habe er bereits zuvor heimlich "unentwickelt" und "ohne Zensur" in die Heimat schmuggeln lassen. Nachzuweisen ist das in den Quellen aber nicht. "Vermutlich war das nur eine Schutzbehauptung und alles ging normal durch die deutsche Zensur", sagt Filmemacher Michael Kloft. Verbotenes lasse sich nun mal besser vermarkten.

"Übelste Propaganda"

Bryans Auftraggeber in den USA waren dennoch enttäuscht. Sie fanden das Material zu harmlos. "Man hat schon viel erreicht, wenn man überhaupt dort drehen darf", verteidigte sich der damals 37-Jährige. "Es ist ein Dokumentarfilm, der beileibe nicht alles zeigt. Aber es ist das Beste, was wir bekommen konnten." Ein KZ habe er leider nicht besichtigen dürfen.

Die Produzenten von "The March of Time" versuchten nun alles, um Schärfe in ihre geplante Wochenschau "Inside Nazi Germany" zu bringen. Sie stellten im Studio ein paar Szenen nach, etwa die systematische Zensur von Post und eine Hinrichtung per Guillotine. Vor allen Dingen versahen sie die Originalaufnahmen aber mit äußerst kritischen Kommentaren - und gaben ihnen damit eine ungeahnte Wucht.

Der Film, am 20. Januar 1938 erstmals gezeigt, wurde zu einem Kassenschlager. Millionen Amerikaner stürmten in die Kinos, und viele revidierten danach grundlegend ihre bisher deutschfreundliche Haltung. "Inside Nazi Germany" sei "übelste Propaganda" und bedeute die "Vergiftung der Beziehungen" zwischen beiden Staaten, schimpfte hingegen die deutsche Botschaft in Washington. Besonders beklagte man die "Gehässigkeit" des Sprechers, mit der Bryans "sympathisches Bild über das Leben in Deutschland" konterkariert werde.

Die Fotos seines Lebens

Aber auch die Amerikaner diskutierten erhitzt. Damals, noch Monate vor den Novemberpogromen, erschien vielen die Kritik unverhältnismäßig. Einige Kinos weigerten sich, den Film zu zeigen. Und selbst der Mann, der die Aufnahmen geliefert hatte, beschwerte sich bei den Machern von "Inside Nazi Germany" bitter über die nachgestellte Guillotine-Szene und die harten Kommentare. Er befürchtete, dass ihm in Zukunft nicht nur Deutschland, sondern auch andere Regierungen kein Vertrauen mehr schenken würden.

Dennoch gelang ihm knapp zwei Jahre später ein Coup, der ihn weit berühmter werden ließ als seine Reise durch den NS-Staat. Als Deutschland 1939 Polen überfiel und die Schlacht um Warschau entbrannte, war Julien Bryan vor Ort, weil er zuvor sowieso in Polen gedreht hatte. Er riskierte sein Leben und blieb in Warschau, anfangs als einziger Fotograf. Zwei Wochen lang dokumentierte er den Alltag in der sterbenden Stadt. Magazine wie "Life" rissen sich um seine Fotos.

Graue Schuttberge, brennende Häuser, tote Zivilisten: Diesmal warf niemand Julien Bryan vor, zu harmloses Material zu liefern.

Filmtipp: Innenansichten - Deutschland 1937, 14. August, um 21 Uhr 45 bei Arte.

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1.
François BARTSCH 14.08.2012
Guten Tag, der Autor schreibt: "Es ist die größte Show auf Erden", betextete Bryan später die Parteitagsbilder, "unsere Football-Spiele sind nichts dagegen" - und klingt in dieser Passage fast so, als sei es den NS-Funktionären tatsächlich gelungen, den Amerikaner für ihre Sache zu begeistern. Der Autor weiß vielleicht nicht woher der Ausdruck "die größte Show auf Erden" kommt. Es war eine Werbung des "Barnum & Bailey Circus". Jeder in Nord Amerika kannte diese Werbung, um so mehr zu diesem Zeitpunkt. Meiner Meinung nach wollte Bryan die Massenaufmärsche beim Nürnberger Parteitag damit verspotten und verhöhnen indem er sie mit einem Zirkus verglich. Auch die Bemerkung "unsere Football-Spiele sind nichts dagegen" klinkt sehr sarkastisch. Mit freundlichen Grüßen, franbart
2.
Siegfried Wittenburg 14.08.2012
Sehr guter Beitrag! Er zeigt, wie Gewalt und Unrecht schleichend und banal daherkommen und sich nur den Menschen erschließt, die mit wachen Augen durch die oft manipulierte Welt gehen.
3.
Sabine Leopold 14.08.2012
Die "Juden sind hier unerwünscht"-Schilder haben den Amerikaner also so sehr befremdet, dass er sogar mit deutschen Passanten und Anwohnern sprechen und sein Unverständnis äußern wollte. "Warum diese Schilder?" Eine gute (und berechtigte) Frage. Der nächste logische Schritt ? eine gedankliche Parallele zu den "Whites only"-Verweisen, die zu dieser Zeit in seinem eigenen Land noch allgegenwärtig waren, war dann aber offenbar zu viel verlangt ...
4.
Siegfried Wittenburg 14.08.2012
Sehr geehrte Frau Leopold, Julian Bryan hat in Europa gearbeitet. Hier gab es die Schilder "For whites only" nicht. In den USA haben zu der Zeit Aaron Siskind, Jerry Dantzic, Paul Strand und andere an Themen gearbeitet, die die Schattenseiten dieser Epoche darstellen. Die Fotos wurden im Magazin "Life" veröffentlicht. Ganz sicher wurde auch das von Ihnen gewünschte Foto aufgenommen. Doch hier geht es um Deutschland, auch wenn es schmerzt.
5.
Sabine Leopold 14.08.2012
>Doch hier geht es um Deutschland, auch wenn es schmerzt. Das war nicht der Inhalt meines Beitrages. Dass die Judenverfolgung (einschließlich der dargestellten Schilder) schweres Unrecht und Nazideutschland ein Verbrechersystem waren, stelle ich nicht im Mindesten in Abrede (und die Kritik an den damaligen Zuständen "schmerzt" mich auch nicht, ich begrüße sie). Dass aber ein amerikanischer Fotograf (und bitte: Auch wenn Bryan in Europa gearbeitet hat, die Rassentrennung in seinem eigenen Land dürfte dem Mann sehr wohl vertraut gewesen sein) derart bestürzt auf die Ausgrenzung einer Menschengruppe reagiert, obwohl exakt dasselbe Vorgehen, nur mit einem anderen Unterscheidungsmerkmal, in seiner Heimat gang und gäbe war (und das noch lange nach dem Sieg über Hitler-Deutschland und der internationalen Aufarbeitung der Verbrechen an europäischen Juden blieb), erstaunt mich nun einmal. Zumindest wenn man nach den Kommentaren unter den "einestages"-Bildern geht, war Bryan offenbar nicht in der Lage, Parallelen zwischen beiden menschenrechtlichen Verbrechen zu ziehen. Ich wollte damit weder die Judenverfolgung in Deutschland "relativieren", noch irgendwelche zusätzlichen Bilder fordern. Die Fotos ansich sind ein wertvolles und bedrückendes Zeitdokument. Mir ging es einzig um den Kommentar des Fotografen.
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