US-Ikone Harriet Tubman Moses als Fluchthelferin

US-Ikone Harriet Tubman: Moses als Fluchthelferin Fotos
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Mit Hilfe einer Geheimorganisation gelang der Sklavin Harriet Tubman 1849 die Flucht aus den Südstaaten. Statt im sicheren Kanada zu leben, kehrte sie heimlich zurück und führte Dutzende Leidensgenossen in die Freiheit. Gedankt wurden ihr die Verdienste um das Ende der Sklaverei erst nach dem Tod. Von

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Der Zorn hatte sie zusammengeführt. Eine wütende Menschenmenge, bestehend aus Weißen wie Schwarzen, Frauen und Männern, belagerte am 27. April 1860 lautstark das Gerichtsgebäude der amerikanischen Stadt Troy im Bundesstaat New York. Der Grund der Unruhe: Im Inneren des Gerichts entschied ein Richter über das Schicksal von Charles Nalle, einem aus den Südstaaten geflohenen Sklaven. Als die Marshalls Nalle herausführten, um ihn zurück in die Sklaverei zu schicken, stürzte sich eine kleine schwarze Frau auf sie und forderte die wütende Menge von Sklaverei-Gegnern auf: "Hier kommt er. Nehmt ihn!"

Es kam zum Handgemenge, in dem die Marshalls mit aller Kraft auf die Menge und ihre Anführerin einprügelten. Lange wogte die Auseinandersetzung hin und her, doch schließlich zogen die Beamten den Kürzeren: Charles Nalle saß bald in einem Zug Richtung Kanada; er reiste dorthin, wo es keine Sklaverei gab. Als er seine Begleiter nach dem Namen seiner Retterin fragte, lautete die Antwort: "Moses".

In Ketten verkauft

Araminta Ross, alias "Moses", wurde wahrscheinlich im Jahre 1822 als Sklavin im Dorchester County, Maryland, geboren. Das kleine Mädchen, das Minty gerufen wurde, wuchs in bitterer Armut auf. Wie alle Sklavenkinder lief sie in den ersten Jahren nackt herum, erst ältere Sklaven erhielten Kleidung. Und täglich musste sich Minty mit ihren Brüdern und Schwestern einen Kampf um das wenige Essen liefern.

Die ursprünglich wohl achtköpfige Geschwisterschar schrumpfte allerdings schnell: Ohne Rücksicht verkaufte der Eigentümer zwei oder drei von Mintys Schwestern in die Fremde - gefesselt in Ketten. Minty dagegen wurde von ihrem Besitzer wie ein Gegenstand verliehen: Mit etwa sechs Jahren hatte die junge Sklavin bei einer anderen Familie einen Säugling zu behüten. Falls das Baby zu schreien anfing, prügelte die Mutter Minty gnadenlos mit der Peitsche. Die Striemen und die erlittene Demütigung sollten sie ein Leben lang begleiten. "Ich wuchs auf wie ein vernachlässigtes Tier", beschrieb sie später ihre Kindheit.

Irgendwann um 1833 wurde Minty erneut Opfer einer Misshandlung. Als sie in einem Laden Besorgungen machte, warf ein Sklavenaufseher ihr ein kiloschweres Messgewicht an den Kopf. Ein "Versehen", wie es hieß. Eigentlich hatte der Mann einen anderen Sklaven verletzen wollen. Man trug Minty nach Hause und legte sie ab - ohne medizinische Versorgung. Bereits zwei Tage später musste sie wieder auf dem Feld arbeiten. "Ich arbeitete während Blut und Schweiß mein Gesicht herunterliefen, bis ich nichts mehr sehen konnte."

Sie litt unter den Folgen dieser Misshandlung bis an ihr Lebensende: Immer wieder verlor sie das Bewusstsein, selbst während der Arbeit oder wenn sie sich unterhielt. In diesen Schlafphasen meinte die tiefreligiöse Minty, in die Zukunft blicken zu können. Wenn sie erwachte, führte sie eine begonnene Unterhaltung an der Stelle fort, an der sie weggedämmert war.

Flucht mit der Underground Railroad

Um 1844 heiratete sie einen freien Schwarzen namens John Tubman und bevorzugte fortan den Vornamen Harriet. Die Ehe stand allerdings unter keinem guten Stern: Trotz dieser Verbindung entschied sich Harriet Tubmans Herr wenige Jahre später dazu, seine Sklavin auf einer Auktion zu verkaufen. Auf derartigen Verkaufsauktionen wurden die versklavten Menschen wie Vieh vorgeführt. Kaufwillige betatschten Arme und Beine der Sklaven, um zu sehen, ob die Muskeln stark genug für harte Arbeit waren.

Ein solches Schicksal vor Augen, entschloss sich Harriet zur Flucht. In einer Nacht im Herbst 1849 brach sie Richtung Norden auf, unterstützt durch Helfer - das geheimnisumwitterte Netzwerk der "Underground Railroad", das sich in den ganzen USA der Hilfe für entflohene Sklaven verschrieben hatte.

Mitglieder dieser "Untergrund-Eisenbahn", die die wirkliche Eisenbahn nur gelegentlich als Transportmittel nutzten, waren weiße Gegner der Sklaverei, freie Schwarze und auch Sklaven. Sie boten Flüchtlingen sicheren Unterschlupf, versorgten sie mit Kleidung, Geld und Papieren und schmuggelten sie bisweilen auch in abenteuerlichen Tarnungen wie etwa Särgen in Sicherheit. Die Unterstützer der Underground Railroad gingen ein hohes Risiko ein: Ihnen drohten Geldstrafen, Gefängnis oder gar ein wütender Lynchmob. Dieser Bedrohung zum Trotz halfen sie auch Harriet Tubman über die Grenze in den Staat Pennsylvania. "Ich fühlte mich, als wäre ich im Himmel", berichtete Tubman.

Doch auch in den Nordstaaten drohte entlaufenen Sklaven seit 1850 Gefahr: Laut dem "Fugitive Slave Act" war ein entflohener Sklave auf dem Gebiet der Nordstaaten weiterhin Eigentum seines Herrn, und dieser konnte vor Gericht, wie im Falle von Charles Nalle, seine Rückkehr durchsetzen. Die Verbindungen der Underground Railroad erstreckten sich deshalb bis ins sichere Kanada, wo die ehemaligen Sklaven wirklich frei sein konnten.

"Ich war frei, und sie würden auch frei sein", mit diesen Worten schwor Harriet Tubman, nicht nach Kanada zu gehen und selbst weiteren Sklaven und ihrer eigenen Familie den Weg in die Freiheit zu bahnen. So wurde sie "Schaffnerin" bei der Underground Railroad.

Die letzte Reise

Die sogenannten Schaffner der Underground Railroad betrieben ein gefährliches Geschäft: Sie führten die entlaufenen Sklaven auf verstohlenen Wegen aus den Südstaaten Richtung Norden, unterstützt von den sogenannten Stationsvorstehern, die in vielen Orten verteilt lebten und sichere Häuser anboten.

Tubman, deren Hautfarbe von tiefem Schwarz war und die eine kleine Statur hatte, machte die Folgen ihrer schweren Schädelverletzung durch Tatkraft und Intelligenz wett. Sie konnte weder lesen noch schreiben, hatte nie irgendeine Ausbildung erfahren und fluchte wie ein Feldarbeiter. Unter dem Decknamen "Moses", gleich der biblischen Gestalt, die die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, reiste sie inkognito immer wieder in den Süden, um geflüchtete Sklaven zu führen.

Gott habe sie dazu bestimmt, meinte Tubman. Sie sollte die bekannteste "Schaffnerin“ überhaupt werden. Etwa 13-mal ging sie zwischen 1850 und 1860 in ihre südliche Heimat zurück. Insgesamt führte sie rund siebzig Menschen in die Freiheit, darunter ihre Eltern und Geschwister.

Nicht alle ihrer Verwandten vermochte sie jedoch zu retten. Auf ihrer letzten Reise im Herbst 1860 wollte sie eigentlich die Kinder ihrer Schwester Rachel in den Norden bringen, doch sie erschienen nicht am vereinbarten Treffpunkt. Stattdessen nahm sich Harriet auf dieser letzten Fluchtaktion anderer Sklaven an. An einem Samstagabend brach die kleine Gruppe von Flüchtigen auf. Da die Sklaven sonntags nicht arbeiteten, würde so am meisten Zeit vergehen, bis die Flucht auffiel. Nacht für Nacht kämpften sich Harriet Tubman und ihre Schützlinge näher an den Norden heran, tagsüber war die Gefahr der Entdeckung zu groß.

Hunger und Kälte machten den Flüchtigen zu schaffen. Und die Angst. Denn den entlaufenen Sklaven drohte die Peitsche, Harriet Tubman wahrscheinlich der Tod. Wer in Harriets Flüchtlingsgruppe in Panik geriet, den brachte sie schnell zur Räson, weil das Leben aller auf dem Spiel stand. Sklavenjäger mit Hunden, fast Bestien gleich, waren den flüchtigen Sklaven auf der Fährte. Als einer ihrer Schützlinge einmal aufgeben wollte, hielt sie ihm die Waffe, die sie immer bei sich trug, vor die Nase und drohte, ihn zu erschießen. Dem Mann blieb nichts anderes übrig, als weiterzugehen.

Hinter feindlichen Linien

Auf diese Weise leistete die Underground Railroad ganze Arbeit. Zwischen 30.000 und 100.000 Menschen sollen "Schaffner" und "Stationsvorsteher" im Laufe der Jahrzehnte in die Freiheit gelotst haben. Als 1861 Nord- und Südstaaten gegeneinander in den Krieg zogen, tat Harriet Tubman alles, um den Süden und das System der Sklaverei zu Fall zu bringen. Sie half als Krankenschwester, Spionin und Kundschafterin.

Im Schutze der Dunkelheit fuhren am 2. Juni 1863 drei Kanonenboote der Unionstruppen den Combahee River in South Carolina hinauf. An Bord befanden rund 150 schwarze Unionssoldaten - und als Führerin durch die Flusslandschaft Harriet Tubman. Der Überfall war ein voller Erfolg, Warenlager mit Baumwolle im Wert von mehreren Millionen Dollar wurden vernichtet. 800 Sklaven befreite Tubmans Expedition. Die Konföderierten waren schockiert, dass "ein Lumpenpack von elenden Niggern, die sich selbst als Soldaten bezeichnen" einen solchen Schaden anrichten konnte, wie sich ein Offizier empörte.

So trug Harriet Tubman ihren Teil dazu bei, dass die Südstaaten 1865 kapitulierten und alle Sklaven freie Menschen wurden. Die Union dankte ihr für ihren Einsatz schlecht: Eine Pension wurde ihr lange Zeit verweigert.

Von ihrem Anwesen in Auburn im Bundesstaat New York kämpfte sie fortan für eine andere benachteiligte Gruppe der amerikanischen Gesellschaft: die Frauen. Als Harriet Tubman alias Moses im Jahr 1913 im biblischen Alter von etwa 91 Jahren starb, erinnerte man sich ihrer Verdienste - und bestattete sie mit militärischen Ehren.

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Florian Pfahler 09.09.2013
Als ich "Inglorious Basterds" sah, ahnte ich nicht, dass es im 19.Jahrhundert tatsächlich eine so aktive Widerstandsorganistaion gegen die Skalverei wie "Underground Railroad" gab. Tarantinos Film ist nicht mehr als eine moderne pubertäre Allmachtsfantasie. Interessant wäre für mich, mehr von den Menschen zu erfahren, die damals tatsächlich für die Befreiung der Sklaven aktiv waren. Warum habe ich davon noch nichts gelesen, auch im Zusammenhang mit besagtem Film? Eine vergessene Geschichte? Die fehlende Resonanz auf die faszinierende Geschichte von Harriet Tubman hier im Forum wundert mich. Florian Pfahler
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