US-Operation gegen Diktator Noriega "Ich habe Bush an den Eiern"

1989 marschierten die USA in Panama ein und stürzten Diktator Noriega. Offiziell, um US-Bürger zu beschützen. Tatsächlich entledigte sich die Supermacht ihres größten außenpolitischen Problems - das sie selbst geschaffen hatte.

AP

Die vier Amerikaner wollten an diesem Abend im Dezember 1989 eigentlich nur noch ein Bier trinken gehen und waren bester Dinge - bis sie an einen Kontrollposten der panamaischen Armee kamen. Argwöhnisch betrachteten die Wachsoldaten die ausgehfreudigen US-Offiziere in Zivil und forderten sie dann barsch auf, das Auto zu verlassen. Als sie sich weigerten, entsicherte einer der panamaischen Soldaten seine Maschinenpistole. In Panik gab der Fahrer Gas und versuchte zu entkommen. Der Wachsoldat eröffnete sofort das Feuer und verletzte alle vier US-Offiziere. Einer von ihnen, Robert Paz, erlag seinen Wunden wenig später im Krankenhaus.

Fünf Tage später, am 20. Dezember 1989, entmachteten die USA den selbsternannten Regierungschef und Quasi-Diktator von Panama, Manuel Noriega, der sich wenige Tage zuvor den Titel "Oberster Führer der nationalen Befreiung" gegeben hatte, mit einem militärischen Paukenschlag. Innerhalb weniger Stunden hatten die US-Streitkräfte 27.000 Mann mobilisiert, die zentralen Flughäfen und Häfen eingenommen und das Hauptquartier der panamaischen Streitkräfte im Stadtviertel El Chorillo dem Erdboden gleichgemacht.

Der Tod von Robert Paz war nicht Ursache, aber Anlass für die Invasion der Amerikaner. "Das war genug", begründete US-Präsident George Bush seine Entscheidung am nächsten Morgen. Zwei Jahre habe Washington erfolglos versucht, die Panama-Krise mit dem unberechenbaren Diktator Noriega auf diplomatischem Weg zu lösen. Ohne Erfolg. Es gehe darum, das Leben der 35.000 US-Bürger in Panama zu schützen, die Unversehrtheit der Panamakanal-Verträge zu wahren und den demokratischen Prozess wiederherzustellen.

Um an der Rechtmäßigkeit der Invasion keinen Zweifel zu lassen, erhielt die Operation den Namen "Just Cause" - "gerechte Sache". Dass die USA das Dilemma in Panama und den Aufstieg Noriegas zum Caudillo - direkt übersetzt: "autoritärer Führer" - mit zu verantworten hatte, verschwieg Bush allerdings.

Doppeltes Spiel

Über Jahrzehnte war Noriega der engste Verbündete der USA gewesen im Kampf gegen den Drogenhandel und in ihrem verdeckten Krieg gegen die Sandinisten in Nicaragua - eine sozialistische Guerilla-Gruppe, die sich 1979 an die Macht geputscht hatte. US-Geheimdienste und -Drogenfahnder standen seit Mitte der Siebzigerjahre in enger Verbindung zu Noriega, damals Chef des panamaischen militärischen Geheimdienstes. Er beschaffte ihnen Informationen, an die sonst nicht heranzukommen war. Dafür zeigten sich die Geheimdienste erkenntlich. Sie bildeten ihn in unterschiedlichen US-Einrichtungen zum Spion aus und zahlten ihm Jahr für Jahr ein stattliches sechsstelliges Salär.

Noriega war der immer dienstbare Geist und lullte damit seine amerikanischen Unterstützer ein. Die wollten nicht sehen, was spätestens offensichtlich war, seitdem Noriega 1983 zum Kommandeur der Nationalgarde und de facto zum Machthaber in Panama aufgestiegen war: Noriega spielte ein doppeltes Spiel. Er begann, Fidel Castro US-Geheimdokumente zuzuspielen, baute Panama zur größten Geldwaschanlage und zum größten Drogenumschlagplatz der Welt aus und ergaunerte sich so ein Vermögen, das er auf Konten in den USA und der Schweiz bunkerte. Nach Gutdünken setzte er Präsidenten ein und wieder ab und entledigte sich politischer Feinde durch brutalen Mord - wie im Falle des Oppositionspolitikers Hugo Spadafora, der 1985 verstümmelt aufgefunden wurde.

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US-Invasion in Panama 1989: "Ich habe Bush an den Eiern"
Obwohl CIA, NSA, Pentagon und Weißes Haus von seinen Aktivitäten wussten, protegierten sie Noriega. Denn das "Ananasgesicht" ("Cara de Piña"), wie Noriega aufgrund seines pockennarbigen Teints mit einem gängigen lateinamerikanischen Schimpfwort benannt wurde, wusste, wie er die USA an der Angel behielt. Seine amerikanischen Freunde durften sämtliche Militäreinrichtungen in Panama nutzen und sich frei bewegen, um den Panamakanal zu kontrollieren, dessen Gebühren Washington weiterhin kassierte. Die NSA überwachte von den US-Basen in Panama aus ganz Lateinamerika und die CIA nutzte sie als Drehscheibe für den Austausch von Agenten in Mittelamerika. Darüber hinaus präsentierte Noriega den US-Behörden regelmäßig Drogendealer, die ihm lästig geworden waren, auf dem Silbertablett - und baute unter der schützenden Hand der USA seine eigenen Drogengeschäfte aus.

Wie unentbehrlich er war, demonstrierte Noriega den US-Geheimdiensten zuletzt im März 1985. Damals initiierte er in Nicaraguas Hauptstadt Managua eine Reihe von Bombenanschlägen, die die Schlagkraft der "Contras" - der von den USA gesponserten Opposition - demonstrieren und die sandinistische Regierung einschüchtern sollte. Die Noriega-Freunde in den USA übersahen einen wesentlichen Punkt, den Staatsanwalt Richard Gregorie, der Noriega 1992 den Prozess machte, so treffend formulierte: "Niemand konnte Noriega kaufen. Man konnte ihn nur mieten."

Problemfall der US-Außenpolitik

Die "Sumpfratte", wie US-Journalisten Noriega abfällig nannten, fühlte sich offenbar sicher. Er schien zu glauben, sein Spiel mit den Amerikanern endlos treiben zu können. Schließlich kannte er viele Geheimnisse aus Amerikas verdecktem Krieg in Nicaragua, die niemals öffentlich werden durften. 1988 tönte er anlässlich der Feier zum fünfjährigen Jubiläum seiner Machtübernahme, er habe "Bush an den Eiern", weil er ihm über seinen Mittelsmann Carlos Duque den Wahlkampf finanziert hatte. Noriega war vom dienstbaren Geist zum echten Problemfall der US-Außenpolitik geworden und rangierte schließlich auf der Liste der Staatsfeinde gleichauf mit Gaddafi - noch vor Saddam Hussein und Kim Il Sung.

Am 20. Dezember 1989 ging es daher längst nicht mehr darum, das Unrechtsregime Noriegas zu beseitigen, wie öffentlich behauptet wurde, sondern den lästig gewordenen Superagenten Noriega loszuwerden. Den Mann, dem über zweieinhalb Jahre sämtliche Wirtschaftssanktionen, eingefrorenen Bankkonten, Putschversuche der Opposition und selbst 1988 eine Anklage wegen Drogenhandels und Geldwäsche in den USA nichts anhaben konnten. "Er pfiff auf die großen USA", wie es der SPIEGEL im Dezember 1989 formulierte.

Im Oktober 1989 ließ Bush eine große Chance ungenutzt. Die Urracá-Brigade putschte gegen Noriega, scheiterte aber auf den letzten Metern an dem Noriega-treuen "Batallion der Würde", das den Diktator rausboxen konnte, weil Bush die in Panama stationierten US-Soldaten nicht ausrücken ließ. Hardliner beschimpften ihn daraufhin als Feigling. Wenig später schwor Bush, er werde Noriega "nicht erlauben, die USA und den Rest der Welt als Narren hinzustellen".

Hunderte Tote für die "gerechte Sache"

Am 20. Dezember um 0.46 Uhr startete die Operation "Just Cause", die größte Luftlandeaktion seit dem Zweiten Weltkrieg. Über Nacht legten die US-Truppen etliche strategische Ziele in Schutt und Asche. Rund 15.000 Menschen verloren dabei ihr Zuhause, mehrere Hundert Zivilisten kamen ums Leben.

International löste der Einmarsch der US-Truppen einen Aufschrei der Empörung aus. Die Organisation Amerikanischer Staaten forderte die Uno am 22. Dezember auf, die USA zum Abzug zu zwingen. Doch Frankreich, Großbritannien und die USA legten ihr Veto ein und verwiesen auf das Recht, die 35.000 US-Bürger in Panama zu verteidigen.

Nach vier Tagen hatten die US-Streitkräfte Panama unter Kontrolle. Nur Noriega war ihnen noch nicht ins Netz gegangen. Er hatte in der Botschaft des Vatikans in Panama-Stadt Zuflucht gefunden. Wirklich willkommen war er hier nicht. Der Nuntius gewährte ihm zwar Unterschlupf, versorgte ihn aber nur mit dem Nötigsten. Die US-Soldaten beschallten die Botschaft rund um die Uhr mit ohrenbetäubender Rockmusik, und auch der Nuntius schien Wege zu suchen, den uneingeladenen Gast loszuwerden - er ließ Noriega die Klimaanlage abstellen und verweigerte ihm den TV- und Alkoholkonsum. Nach zehn Tagen stellte sich der Diktator freiwillig.

1992 verurteilte das US-Bundesgericht in Miami Noriega auf Basis der Anklage von 1988 zu 40 Jahren Haft wegen Drogenhandels und Geldwäsche. Es folgten weitere Urteile: Eines in Panama wegen des Mordes an Spadafora. Ein anderes in Frankreich wegen Geldwäsche. Beide brachten ihm in Summe weitere 30 Jahre Haft ein. 2010 lieferten die USA Noriega an Frankreich aus, ein Jahr später übergab ihn Paris schließlich an Panama, wo er seitdem im Gefängnis "El Renacer" einsitzt.



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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Bernd Ziemann, 19.12.2014
1. Henry Kissinger
Henry Kissinger (Zitat:"Soldaten sind nur dumme Tiere."). Ja richtig nicht die Linken oder Sonstige haben das gesagt. Ich sage Soldaten sind eigentlich Opfer und Schwachköpfe weil sie sich von der Elite verheizen lassen.
Kore Nordman, 19.12.2014
2. Blaupause für Putin
Damit hat Bush eine schöne Blaupause für Putins Vorgehen in der Ukraine geliefert. Hoffentlich gibt es noch genug Personen mit russischer Staatsangehörigkeit in der Ostukraine. Zumindest die USA müssten dann ganz still sein.
Christian Ruwald, 19.12.2014
3. Bushdoktrin
Danke für diesen gut recherchierten Artikel!!! So war es halt bei den Bush`s. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Aber dieses Gesetz darf nur die USA anwenden. Übrigens einen Grund für ein militärisches eingreifen findet sich immer
Sebastian Peters, 19.12.2014
4. Immer wieder mal nett
- die alten Geschichten zu betrachten. Noriega der Super-Dealer hat also mit seinem Drogengeld Bushs Wahlkampf finanziert. Herrlich. Und Bomben-Terrorismus gegen die Linke in Nicaragua war auch im Spiel. Sehr schön. Aber heute sind die USA ja ein völlig anderer Staat, klar. Übrigens haben die Sandinisten den Diktator Nicaraguas Somoza, genau so sei Mistkerl wie Noriega oder Battista in Cuba, nicht einfach per "Putsch" beseitigt. Es war eine Militäraktion mit breiter Unterstützung der Bevölkerung. Noriega, Battista, Somoza und viele andere Verbrecher waren die Darlings der Amis.
Raymond Del Tondo, 19.12.2014
5.
"Problemfall der US-Außenpolitik" - Im Moment scheint es viele Problemfälle der US-Aussenpolitik zu geben. Aber möglicherweise ist die US-Aussenpolitik der Problemfall;-)
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