90 Jahre "Time" Zwei Gründer sind einer zu viel

90 Jahre "Time": Zwei Gründer sind einer zu viel Fotos

Das "Time"-Magazin feiert Geburtstag, und die Welt gratuliert. Kein Wunder, in der 90-jährigen Geschichte wurde manches Titelbild zur globalen Ikone. Kaum aber jemand kennt die Geschichte der beiden Gründer, die seit ihrer Kindheit enge Freunde waren - aber sich auch erbittert bekämpften. Von Christoph Sydow

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Selbstzweifel kannte Briton Hadden schon als Kind nicht: "Wenn ich groß bin, werde ich Reporter", prophezeite der Junge vor etwas mehr als hundert Jahren seiner Mutter. Und er sollte recht behalten.

Der gebürtige New Yorker wurde mehr als ein gewöhnlicher Journalist: Bereits mit 25 Jahren schrieb er Mediengeschichte, als er gemeinsam mit Henry Luce "Time" gründete - das weltweit erste wöchentliche Nachrichtenmagazin. Die beiden ergänzten sich perfekt - auf der einen Seite das extrovertierte journalistische Naturtalent Hadden, auf der anderen Seite der zurückhaltende, nachdenkliche und disziplinierte Luce. Die beiden Antipoden legten den Grundstein dafür, dass "Time" zu einer der einflussreichsten und profitabelsten Zeitschriften der Welt wurde.

Hadden und Luce kannten sich, seit sie 15 Jahre alt waren. Sie besuchten die gleiche Schule im US-Bundesstaat Connecticut. Die beiden wurden enge Freunde, aber auch erbitterte Konkurrenten - so sehr, dass am Ende sogar einer von ihnen versuchte, die Erinnerung an den anderen auszulöschen.

Hadden stand Luce im Weg

Die Konkurrenz begann 1913, als sich beide um den einzigen freien Platz im Vorstand der Schülerzeitung "The Hotchkiss Record" bewarben. Hadden machte schließlich das Rennen und ergatterte den begehrten Posten. Im letzten Schuljahr stieg Hadden zum Chefredakteur des "Record" auf und krempelte das Blatt komplett um, seinen Freund Luce machte er zum Chef der monatlichen Literaturzeitschrift "Hotchkiss Literary Monthly".

Nach ihrem High-School-Abschluss gingen Hadden und Luce gemeinsam an die Yale University. Und wieder rangelten die beiden um einen Platz in einer Redaktion, dieses Mal der der "Yale Daily News". Nach einem langen Wettbewerb, der sich in verschiedenen Runden über ein halbes Jahr hinzog, belegte der talentierte Hadden den ersten Platz. Als Vierter schaffte es Luce mit großer Anstrengung noch gerade so in die Redaktion und hatte an seiner erneuten Niederlage zu knabbern: "Briton Hadden ist Nachrichtenchef, mein kühnstes Ziel an der Universität bleibt damit unerfüllt", schrieb er enttäuscht in einem Brief an seine Eltern.

Um den Verkauf der "Yale Daily News" anzukurbeln, griffen beide auch zu unlauteren Mitteln: Unter falschem Namen veröffentlichten sie kontroverse Leserbriefe, die Debatten anheizen und damit zum Kauf der Zeitung anregen sollten.

Nachdem Hadden und Luce ihr Studium 1920 in Yale abgeschlossen hatten, trennten sich ihre Wege - jedoch nur für kurze Zeit. Hadden schrieb gelegentlich als freier Journalist für die "New York World", Luce ging nach Oxford und arbeitete neben dem Studium von dort für die "Chicago Daily News". Doch sie blieben in Kontakt und nach nur einem Jahr gelang es Hadden, seinen Freund davon zu überzeugen, gemeinsam bei den "Baltimore News" anzuheuern.

"Wir wollen Leute erreichen, die andere Medien nicht erreichen"

Ihre Freizeit nutzten sie dafür, etwas völlig Neues zu planen: ein wöchentliches Nachrichtenmagazin. Ihre Zeitschrift sollte ein Wegweiser sein, der den Leser durch den Wust an Informationen führt. Denn schon Anfang der zwanziger Jahre gab es - nach Haddens Überzeugung - nicht zu wenige, sondern zu viele Medienangebote in den USA. Landesweit erschienen damals ungefähr 2000 Tageszeitungen und etwa 160 Zeitschriften. Außerdem waren knapp 500 Radiostationen auf Sendung.

"Wir wollen Leute erreichen, die andere Medien nicht erreichen", schrieb Luce in einem Brief an seinen Vater, in dem er ihm sein Projekt vorstellte. "Und wir wollen die Menschen auf eine Art informieren, wie es andere Medien bisher nicht getan haben." Anfang der zwanziger Jahre waren die großen Tageszeitungen wie die "New York Times" noch echte Bleiwüsten, die vollgestopft waren mit allem Wichtigen und Unwichtigen und in denen etwa auch die Protokolle von Gerichtsverhandlungen ungekürzt veröffentlicht wurden. Von dieser Art des Journalismus wollten sich Hadden und Luce absetzen.

Um das Projekt voranzutreiben, brachten beide Opfer. Schon 1922 gaben sie ihre sicheren Jobs bei der "Baltimore News" auf und gingen zurück nach New York. Sie erstellten Probeausgaben, indem sie Artikel aus der "New York Times" ausschnitten, nach Themenfeldern sortierten und die Geschichten dann in eigenen Worten neu aufschrieben. In ihrem Exposé, mit dem sie bei potentiellen Investoren um Unterstützung warben, erklärten sie: "'Time' ist weniger daran interessiert, wie viel es zwischen Titel- und Rückseite unterbringen kann, sondern wie viel es von seinen Seiten ins Gehirn des Lesers transportieren kann."

Durch ihr Studium an der Elite-Uni Yale hatten Hadden und Luce beste Kontakte zu den reichsten und mächtigsten Familien der USA, unter anderem zu Eigentümern von Banken wie J.P. Morgan und Öl-Multis wie Standard Oil. Vor allem Haddens Redegewandheit und seine Überzeugungskraft halfen den beiden Existenzgründern, bis zum Sommer 1922 mehr als 85.000 Dollar Startkapital einzusammeln. Inflationsbereinigt entspricht dies einer heutigen Kaufkraft von mehr als 1,1 Millionen Dollar.

"Kurze Sätze, aktive Verben"

Der eloquente Hadden machte sich selbst zum Chefredakteur der "Time", der nüchterne Luce kümmerte sich als "Business Manager" um alles Geschäftliche. In die Redaktion holten sie fast ausschließlich unerfahrene Leute - meist Nachwuchsjournalisten, die frisch von der Uni kamen, außerdem einige Ex-Soldaten, wie Thomas J. C. Martyn, der als Kampfpilot im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hatte und erster Außenpolitik-Chef der "Time" wurde.

Am 3. März 1923 war es so weit: Die erste Ausgabe der "Time" kam an den Kiosk. Der Erfolg war zunächst bescheiden: Nur 9000 Exemplare wurden verkauft. Doch Hadden war erfinderisch. Er schickte junge Frauen zu den Zeitungsverkäufern, die nach dem Heft fragten. Die Verkäufer antworteten in den meisten Fällen, dass sie das neue Magazin nicht im Angebot hätten. Einige Tage später erschien dann Hadden am Kiosk und nun waren die Verkäufer - wegen der scheinbar großen Nachfrage - ganz wild darauf, die Zeitschrift in ihr Sortiment aufzunehmen. Besonders bei jungen Amerikanern kam das Magazin gut an. Nach sechs Monaten verkaufte sich die Zeitschrift pro Ausgabe 19.000-mal. Bereits im zweiten Jahr machten Hadden und Luce Gewinn, und im März 1925 zählte "Time" schon 70.000 Abonnenten.

Hadden erwarb sich schnell den Ruf eines bissigen Blattmachers, der die Texte seiner Reporter radikal kürzte. Seine Devise lautete: "Kurze Sätze, aktive Verben." Die Worte "mutmaßlich" und "angeblich" setzte er auf den Index. Außerdem baute er gern komplizierte Fremdwörter in die Texte ein. Sein Kalkül dahinter: "Die Leser mit einem großen Wortschatz können sich dann selbst auf die Schulter klopfen, während die anderen über die schlauen 'Time'-Redakteure staunen und das Wort nachschlagen."

So führte Hadden auch ganz neue Begriffe in den amerikanischen Sprachgebrauch ein - unter anderem das griechische Wort "Kudos", mit dem Lob und Anerkennung ausgedrückt werden.

1927 kürten Hadden und Luce erstmals eine Persönlichkeit des Jahres. In den folgenden Jahrzehnten löste das Magazin damit oft heftige Diskussionen aus. 1938 wurde Hitler mit dieser Auszeichnung bedacht, ein Jahr später Stalin.

"Wie das Rennen zwischen Hase und Igel"

Trotz des guten Starts für "Time" bekam die Freundschaft zwischen Hadden und Luce Risse. Beide wollten den Erfolg für sich reklamieren, wetteiferten um die Gunst der Mitarbeiter, anderer Medien und der Politik. "Es ist wie das Rennen zwischen Hase und Igel", sagte Hadden einmal einem Freund. "Egal wie schnell ich renne, Luce ist immer schon da."

Der Konflikt zwischen beiden eskalierte, als sich Hadden 1925 in einen längeren Urlaub verabschiedete. In seiner Abwesenheit stellte Luce fest, dass das Unternehmen in den vergangenen vier Monaten hohe Verluste eingefahren hatte. Um Kosten zu sparen, ordnete er den Umzug der Redaktion nach Cleveland an, ohne Hadden davon zu informieren. Der Chefredakteur, der zu einer bekannten Figur in der illustren New Yorker Gesellschaft geworden war, geriet außer sich. Fortan war das Tischtuch zwischen beiden zerschnitten. Der Streit erzürnte auch die Redakteure. Weil Luce sie außerdem aufforderte, die Kosten für den Umzug aus eigener Tasche zu bezahlen, weigerten sich viele, nach Cleveland zu ziehen. Die Redaktion war fortan auf zwei Orte verteilt.

Hadden und Luce lieferten sich nun einen Kleinkrieg. Luce drängte darauf, unter dem Namen "Fortune" ein Wirtschaftsmagazin herauszubringen. Hadden lehnte das entschieden ab, weil er Zweifel am Kapitalismus hegte. Für ihn war die Geschäftswelt "verdorben und moralisch bankrott". Weil Hadden eine Sperrminorität an den Anteilen des Unternehmens hielt, konnte sein Partner das Magazin nicht gegen dessen Willen auf den Markt bringen.

Ende 1928 erkrankte Hadden schwer an einer Streptokokken-Infektion, er musste seine Arbeit aufgeben. Luce besuchte ihn fast täglich im Brooklyn Hospital. Doch er kam nicht mit Blumen, sondern mit Forderungen. Er wollte, dass ihm Hadden seine Anteile überschreibt, damit er endlich "Fortune" auf den Markt bringen konnte. Krankenschwestern berichteten später, dass sich die beiden heftig stritten. Die Ärzte rieten Hadden inständig, Aufregung zu vermeiden. Doch vergeblich: Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter.

Luce wollte allen Ruhm für sich

Ende Januar 1929 rief er seinen Anwalt zu sich, um ein Testament aufzusetzen. Darin vermachte er sein gesamtes Erbe seiner Mutter und verbot ihr, seine Anteile in den nächsten 49 Jahren zu verkaufen. Einen Monat später, kurz nach seinem 31. Geburtstag, starb Hadden. Schon in der nächsten Ausgabe strich Luce seinen Ex-Partner als Gründer des Magazins aus dem Impressum. Stück für Stück sollte Haddens Namen aus dem kollektiven Gedächtnis der "Time"-Leser verschwinden. Auf Vorträgen, in Interviews und Festschriften reklamierte Luce den Ruhm des Erfolgs allein für sich.

Doch damit nicht genug: Sofort nach Haddens Tod hatte Luce den Bruder des Verstorbenen, Crowen Hadden, in den Vorstand geholt. Dieser zeigte sich erkenntlich und überzeugte im Gegenzug seine Mutter, die Anteile für etwa eine Million Dollar an Luce zu verkaufen. Schon acht Monate später kontrollierte dieser damit allein die Geschicke des Unternehmens.

Nun konnte er schalten und walten, wie er wollte: 1930 startete sein Wunschprojekt "Fortune". Es wurde ein großer Erfolg, ebenso wie die "Sports Illustrated", die Luce ab 1954 herausbrachte. Als Luce 1967 starb, galt er als einer der wichtigsten Blattmacher der US-Geschichte. Menschliche Größe allerdings zeichnete den Mann offensichtlich nicht aus. Dass er die Verdienste seines Partners und Freundes zu schmälern versucht hatte, lag womöglich daran, dass ihm dessen Charisma fehlte.

Polly Groves, die für "Time" arbeitete, charaktisierte die beiden einmal so: "Jeder, der Briton Hadden kannte, liebte ihn. Henry Luce konntest du nicht lieben. Du konntest ihn bewundern, aber nie lieben."

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1.
Christian Reuter 03.03.2013
...."Kaum aber jemand kennt die".... Warum auch?
2.
Richard Sorge 03.03.2013
Ergänzend sollte man zufügen, daß Luce, der als Sohn presbyterianischer Missionare in China geboren worden war, in der us-amerikanischen Medienlandschaft als zur China-Fraktion gehörig zählt. Mit seiner Medienmacht beeinflußte er das China-Bild im Westen und den OECD-Staaten wesentlich. Zwei Dinge leiteten ihn dabei: der Wunsch nach der Christianisierung Chinas und ein strammer Anti-Kommunismus in späteren Jahren. Unter den Folgen dieses Ausgerichtetseins krankt so manche Berichterstattung zu dem aufsteigenden Partner China noch heute. Interessant wäre es zuuntersuchen, ob es genauso gekommen wäre, wenn sein Freund und Geschäftspartner länger gelebt hätte. Möglicherweise hätte der ein Gegengewicht in der Ausrichtung dargestellt.
3.
Karl-Heinz Marx 04.03.2013
Lindbergh war nicht der der den Atlantik im Flugzeug überquerte: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Lindbergh "Ihm gelang am 20./21. Mai 1927 die erste Alleinüberquerung des Atlantiks von New York nach Paris ohne Zwischenlandung, wodurch er zu einer der bekanntesten Personen der Luftfahrt wurde. Die erste Nonstop-Atlantiküberquerung von Amerika nach Europa mit einem Flugzeug war bereits 1919 John Alcock und Arthur Whitten Brown gelungen, und die erste Atlantiküberquerung wurde wiederum einige Wochen davor im Mai 1919 von Albert C. Read beendet."
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