Augenblick mal Jagdszene in der Air Force One

Verfiel US-Präsident Reagan in alte Gewohnheiten? Oder übte er für den nächsten Konflikt? Seine Begleiter erlebten im November 1983 einen Schockmoment über den Wolken.

Ronald Reagan Library

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Der Horror aller Stewardessen und Passagiere: Im Flugzeug hantiert ein Mann mit einer Waffe. Das ist generell gefährlich. Nicht weniger, wenn es sich dabei um einen US-Präsidenten handelt. Und auch nicht weniger, wenn dieser mit dem Gewehr nach draußen zielt. Denn soweit bekannt, lassen sich selbst in Präsidentenmaschinen während des Fluges die Fenster nicht öffnen.

Der Blick in die lachenden Gesichter und die spätere Rekonstruktion des Ereignisses lassen den Schluss zu, dass der Ernst der Lage nicht allen Beteiligten in diesem Moment vollends klar war.

Die Aufnahme entstand am 23. November 1983. Ronald Reagan, früher Schauspieler und Westerndarsteller, regierte seit fast drei Jahren und trug sich wohl bereits mit dem Gedanken an eine zweite Amtszeit.

Waffen spielten auch in seiner aktiven Zeit als Politiker in verschiedenerlei Hinsicht eine Rolle: Als Hardliner im Kalten Krieg dehnte er das Wettrüsten bis in den Weltraum aus. Im eigenen Land setzte er auf eine Wählerschaft, der es viel bedeutete, die eigene Familie persönlich mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

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Augenblick mal: Präsidenten, die mit Waffen spielen

Ein halbes Jahr bevor die denkwürdige Aufnahme entstand, hatte sich Reagan in einer Rede vor der Lobbyorganisation National Rifle Association (NRA) für die Abschaffung von Waffenkontrollgesetzen ausgesprochen, die 1968 nach der Ermordung Robert F. Kennedys und Martin Luther Kings verschärft worden waren. Gesetze, die nach seiner Meinung unnötigerweise die Rechte legitimer Waffenbesitzer einschränkten - und nutzlos gegen Verbrecher waren.

"Ich weiß das zufällig aus eigener Erfahrung", sagte Reagan unter Verweis auf den Beginn seiner Präsidentschaft. Im März 1981 hatte der Attentäter John Hinckley auf ihn geschossen und dabei seinen Pressesprecher, zwei Sicherheitskräfte und ihn selbst verletzt.

Spätestens seitdem hielt der US-Präsident viel von Sicherheit: Bevor er in ein Flugzeug stieg, versicherte sich Ronald Reagan, dass er seine Glücksmanschettenknöpfe trug. Die Schmuckstücke mit winzigem Edelstein und dem eingravierten Hochzeitsdatum 4. März hatte ihm seine Frau Nancy geschenkt. Wenn er sie bei sich hatte, war er sicher, dass alles gutgehen würde, berichtete White-House-Korrespondent Kenneth T. Walsh.

In seinem Buch "A History of the Presidents and Their Planes" schreibt Walsh, dass Reagan seine Glücksmanschettenknöpfe auch an jenem 23. November 1983 im Flugzeug trug. Das habe ihm dessen früherer Berater Fred Ryan versichert. Außerdem sprach Reagan - wie vor jedem Start - ein Gebet und bat den "Herrn", er möge sich um Nancy kümmern, falls ihm etwas passieren sollte.

"Er konnte bemerkenswert naiv sein", notierte Reporter Walsh und ließ offen, ob er sich damit auf Reagans eigenwillige Sicherheitsvorkehrungen bezog - oder darauf, was in der Folge im Flugzeug passieren sollte.

Reagan hatte zu diesem Kalifornientrip ein Kongressmitglied eingeladen, dessen Namen sowohl Reporter Walsh als auch die Archivdatenbank der Präsidentenbibliothek unerwähnt lassen.

Jedenfalls kam der Mann verspätet zum Abflug der Air Force One. Was den Secret Service wenig freute - ebenso wie die Tatsache, dass der Abgeordnete ein Jagdgewehr bei sich trug, mit dem er die Treppen der Maschine hinaufeilte.

Möglich, dass den Mann ein schlechtes Gewissen plagte, weil er den Abflug verzögert hatte. Als Reagan nach dem Start an seinem Platz vorbeischaute, kam ihm eine Idee: "Ich weiß, dass Sie Waffen mögen", sagte er zum Präsidenten und bot ihm an, das schöne Stück zu zeigen, das er gerade bekommen hatte. Reagan war neugierig: "Das würde ich gern mal sehen." Also zog der Mann das Gewehr aus dem Lederfutteral und deutete auf das Zielfernrohr: "Damit können Sie auf 300 Yard Entfernung zielen."

Vermutlich hatte er es nicht so wörtlich gemeint, wie es verstanden worden sein dürfte. Die Agenten des Secret Service aber wurden nervös - und blieben es. "Herr Präsident", sagte der Abgeordnete, "Nehmen Sie! Probieren Sie es aus."

Reagan griff nach dem Gewehr, hob es an seine Schulter, legte seine Hand um den Schaft und hörte, wie einer der Sicherheitsleute "Nicht den Abzug ziehen!" rief - genau in dem Moment, in dem er eben genau dies tat. Ein lautes Klicken, deutlich vernehmbar trotz des Hintergrundröhrens der Boeing-Motoren, ließ alle Umstehenden erstarren.

Doch es war nichts passiert. Das Gewehr war nicht geladen. Sichtlich bekümmert steckte der Kongressabgeordnete die Waffe zurück in die Tasche. Schnell wechselte er das Thema.

Harry Warnecke/NY Daily News Archive/Getty Images
The LIFE Picture Collection/Getty Images
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Nationaal Archief/Collectie Spaarnestad/Het Leven
Burton Historical Collection, Detroit Public Library
Stanford University
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Lars Mach, 17.05.2018
1. 15. Dezember 1791
Ein weiteres interessantes Datum: 1791 entschied die junge amerikanische Regierung, dass Privatpersonen sich mit Schusswaffen selbst verteidigen sollten. Im selben Jahr 1791 wurde Henry Morse, der Erfinder der Telegraphie, geboren, und in Italien wurde mit einem Phänomen experimentiert, das sich "Elektrizität" nannte. Es gab kein 911, keine Polizeihubschrauber, meist keine Polizei, fast keine Straßen, keine Eisenbahn, und ein Brief brauchte vom Westen in die neue Hauptstadt Philadelphia mehrere Monate. Erst der "Pony Express" Postdienst verkürzte das ab 1860 auf mehrere Wochen - auch dessen Reiter sollten sich und die Post verteidigen dürfen: Damals hatte man auch Wahlergebnisse so transportiert, weshalb ein Wahlsystem entschieden wurde, das heute zu kolossalen Abweichungen führt.
Thomas Berger, 17.05.2018
2. @ #1, Lars Mach
Sie schreiben: "Ein weiteres interessantes Datum: 1791 entschied die junge amerikanische Regierung, dass Privatpersonen sich mit Schusswaffen selbst verteidigen sollten." Das ist definitiv falsch. Der zweite Verfassungszusatz erlaubt nicht Privatpersonen das Waffentragen, sondern nur "wohlgeordneten" Milizen. Als solch eine wohlgeordnete (wenngleich auch ziemlich rechtsnationalistische) Miliz könnte man heute die Nationalgarde verstehen. Von unkontrolliert bewaffneten Privatpersonen, wie es gerne auch die NRA propagiert, war jedoch niemals die Rede.
Max Robert Nawrath, 17.05.2018
3.
Die gefährlichsten Waffen sind die "ungeradenen"... ICH habe mal gelernt vor der Übergabe einer Waffe, Magazin raus und Verschluss öffnen und reinschauen. Beim Erhalt einer Waffe das gleiche, falls die andere Person das vergisst. Beim aufnehmen einer Waffe die nicht ständig im eigenen Blick war ebenso. Zudem werden keine geladenen Waffen abgelegt. Sie werden immer entladen. Vielleicht sollte in den USA auch eine Sachkundeprüfung eingeführt werden...
Wasili Papadopoulos, 17.05.2018
4.
Nachdem wir 1983 zweimal an der Schwelle zum nuklearen Holocaust standen und Reagan uns eifrig zu diesem Punkt gebracht hat , ist ein Jagdgewehr eher ein lustiges Ereignis. Auch die von ihm finanzierten Bürgerkriege in Zentralamerika, waren nicht wirklich schön
Francois Sobert, 17.05.2018
5. Reagan ist ein Held für viele Osteuropäer.
Die die damals unter dem Joch des Sowjetimperiums leben mussten, wissen sehr wohl wer zu ihrer Befreiung viel beigetragen hat. Der Appeaser Willy Brandt wird dagegen eher negativ gesehen.
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