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US-Propaganda Der Film, der seinen Zweck verfehlte

US-Propaganda: Der Film, der seinen Zweck verfehlte Fotos

Er suchte eine Antwort auf die Inszenierung des "Teufels": Im Auftrag der US-Regierung arbeitete Hollywood-Regisseur Frank Capra in den vierziger Jahren an einem "Gegengift" zur Nazi-Propaganda. Die Wirkung seiner Filme auf die GIs in Deutschland verpuffte - dafür hält sie in den USA bis heute an. Von

Die Nationalsozialisten erkannten früh den enormen Wert des Mediums Film: Gleich nach ihrer Machtergreifung im Januar 1933 schufen die Nazis ihr eigenes Propagandaministerium, das jeden Aspekt der deutschen Filmproduktion kontrollierte. Mit ihrem Werk "Triumph des Willens" wurde Leni Riefenstahl zum Star der Nazipropagandamaschine. Die Antwort aus Amerika ließ nicht lange auf sich warten lassen. Bald schon arbeitete der erfolgreiche Hollywood-Regisseur Frank Capra an einem "Gegengift gegen die giftigen Ideen einer Herrenrasse".

Capra, Sohn eines Obstpflückers, war 1903 als Sechsjähriger mit seiner Familie aus Italien nach Los Angeles gekommen, seit 1922 arbeitete er in der Filmindustrie. Als Regisseur hatte er 1926 erste Erfolge in Hollywood, der Durchbruch gelang ihm in den Dreißigern, als er mehrfach die begehrte Oscar-Trophäe gewann. Seine Filme basierten auf populistischen Motiven: Ein kleiner, aber aufrechter Mann setzt sich erfolgreich gegen korrupte Politiker oder andere Bösewichte zur Wehr und trägt letzten Endes den Sieg davon, so in "Mr. Smith Goes to Washington" - der Film, der James Stewart 1939 zum Star machte.

Während des Zweiten Weltkriegs sollte Capra selbst zur Schlüsselfigur werden - beim Versuch der US-Regierung, den Kampfeswillen der seit 1940 eingezogenen Wehrpflichtigen zu mobilisieren.

"Inszenierung des Teufels"

Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 war es um die Moral der US-Streitkräfte schlecht bestellt. George Marshall, Oberbefehlshaber der US-Truppen, betraute Capra, der sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, persönlich 1942 mit der Mission, dieses Defizit zu beheben. Er sollte Filme drehen, die den Soldaten klarmachten, gegen wen und vor allem warum sie kämpften. Capra hatte Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" gesehen und erkannte in dem "Superspektakel, das der Teufel selbst nicht besser inszenieren hätte können" das enorme Potential für die psychologische Kriegführung. Riefenstahls These - "Wir, das Herrenvolk, sind die neuen unbesiegbaren Götter!" - empfand er als "stumpf und brutal wie ein Bleirohr", er suchte nach einer überzeugenden Antwort.

Der Filmemacher hatte eine geniale Idee. Die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten selbst hatten mit ihren Filmen und Wochenschauen das beste Material zu ihrer Verurteilung geliefert. Der Feind entlarvte seine Absichten durch seine eigene Propaganda.

Capra fand das Filmmaterial bei einem "Verwalter ausländischen Eigentums" im amerikanischen Finanzministerium. Mit Hilfe dieses aufgeschlossenen Beamten konnte er es gerade noch rechtzeitig und nicht ganz legal dem Zugriff der Militärbürokratie entziehen. Nach und nach vervollständigte er die Sammlung mit Wochenschauen, die er aus besetzten Gebieten herausschmuggeln ließ. Gleichzeitig folgten seine Kameramänner den GIs, wo immer sie operierten, und sammelten umfangreiches Material von allen Kriegsschauplätzen. Den Leitspruch für die Filmserie fand er bei George Marshall und in der Bibel: "Ihr sollt die Wahrheit wissen und die Wahrheit soll Euch freimachen." 1942 begannen die Dreharbeiten für die Dokumentarfilmserie "Why We Fight", die bis Kriegsende auf sieben Folgen anwuchs. Alle Einheiten der US-Army und der Alliierten bekamen sie zu sehen.

"Your Job in Germany"

Schon vor der Invasion Frankreichs im Juni 1944 machten sich Capra und seine Mitarbeiter daran, einen Film zu drehen, der die Soldaten auf ihre Aufgaben nach dem Krieg vorbereiten sollte. Die deutsche Ardennenoffensive verzögerte das Erscheinen des Films, der im Herbst 1944 fertig geworden war. Die Entdeckung der Konzentrationslager in Deutschland Anfang 1945 machte die Einbeziehung der neuen, bislang unvorstellbar grausamen Bilder notwendig. Das Ergebnis hieß: "Your Job in Germany". Die endgültige Fassung des Propaganda-Streifens kam im April 1945 heraus.

Für Dwight D. Eisenhower, den Oberbefehlshaber der Westalliierten, war der Film ein willkommenes Gegenmittel zu der nach seiner Meinung zu freundlichen Einstellung der Soldaten gegenüber ihren deutschen Kontrahenten und der Zivilbevölkerung. Wenn die Soldaten bis jetzt nicht wussten, warum sie kämpften, sollten sie wenigstens herausfinden, mit wem sie es als Besatzer zu tun haben würden.

"Your Job in Germany" begann mit einem bereits in der Serie "Why We Fight" etablierten Markenzeichen, der Freiheitsglocke, die hier musikalisch von Beethovens "Ode an die Freude" untermalt wurde. Ein Kontrapunkt, denn der Freude über die Befreiung Europas sollte eben keine Verbrüderung mit den Deutschen folgen. Zu tief waren sie im Morast ihres Rassenwahns und der Eroberungslust versunken. Ein Sprecher kommentierte lakonisch die Geschichte Deutschlands seit 1871, geprägt von "Blut und Eisen", nur unterbrochen von kurzen Friedensintervallen. Capra benutzte auch hier weitgehend deutsches Filmmaterial, das er geschickt mit amerikanischen Aufnahmen kontrastierte.

Propaganda-Flop

In Capras Interpretation des "Dritten Reichs" hatte Hitler zwei Vorgänger, die Deutschlands Lust am Kriegführen dokumentierten: Otto von Bismarck und Willhelm II. Capra zeigt drastische Bilder: Die deutsche Eroberungslust verursachte Elend, Verstümmelung und Tod; der Rassenwahn endete in Konzentrationslagern und Genozid. Die Alliierten konnten Hitler und seine Handlanger nur unter größten Opfern ausschalten. Nun wehten zwar auf den Straßen keine Hakenkreuzfahnen mehr, aber die deutsche Bevölkerung hatte sich nicht verändert. Man durfte ihr nicht trauen, wenn man einen dritten Weltkrieg verhindern wollte. Dies sei die Aufgabe der Besatzungssoldaten, die der Kommentator sehr persönlich ansprach: "This is Your Job in Germany."

Der Sprecher ermahnte die Soldaten eindringlich, die Hände, die "Hitler heil-ten", die Frauen und Kinder töteten und die Welt im Flammen setzten, nicht zu schütteln und keinen privaten Kontakt mit Deutschen aufzunehmen, vor allem nicht mit der Jugend, die Hitler mit seinem Eroberungs- und Rassenwahn infiziert hätte.

Überraschenderweise hatte der Film nicht den erwünschten Erfolg beim Großteil der kämpfenden Truppe. Die meisten GIs akzeptierten die These einer Gesamtschuld aller Deutschen nicht. Vor allem Kinder hatten von ihnen nichts zu befürchten und profitierten oft von ihrer Großzügigkeit, selbst wenn die Kampfhandlungen noch im Gang waren. Am ehesten von dem Film beeinflussen ließen sich Rekruten, die die Kampftruppen nach der Kapitulation ersetzten. Das zeigte sich an einer steigenden Rate von Übergriffen, die jedoch nicht lange anhielt, da sich die US-Politik schon sehr bald umorientierte.

Plagiat im Kino

Hollywood schrieb das letzte Kapitel in der Geschichte des Films: Das Warner Brothers Studio setzte sich über das Verbot hinweg, Produktionen der Regierung für kommerzielle Zwecke zu verwenden, und brachte den Streifen unter dem neuen Titel "Hitler Lives?" heraus - lediglich ergänzt um einen vierminütigen Schlusskommentar und ohne jeglichen Verweis auf die Urheber. Halbherzige Proteste der zuständigen Regierungsstellen blieben die einzige Konsequenz aus dem Plagiat. Der Film gewann 1945 den Oscar für Dokumentarfilme, was Warner Brothers sicherlich nicht unerhebliche Gewinne bescherte.

Politisch allerdings war der Inhalt längst überholt, als "Hitler Lives?" Anfang 1946 einem breiten Publikum vorgeführt wurde. Während der Film noch die Notwendigkeit einer harten Besatzung Deutschlands propagierte, trieben sowohl Washington als auch die Militärregierung in Deutschland bereits eine Wiedereingliederung ihrer Zone in die westliche Gesellschaft voran.

Capras Filme indes hatten eine nachhaltige Wirkung und bestimmen bis heute die amerikanische Sichtweise. Wegen seiner dokumentarischen Qualität verwendete sie die Anklage in den Nürnberger Prozessen sogar als Beweismittel. Nach wie vor sind die Streifen weit verbreitet und bilden die Basis für nahezu alle US-Dokumentationen zum Zweiten Weltkrieg. George Marshall verlieh Capra bei seiner Verabschiedung aus dem Militärdienst die höchste Auszeichnung für einen nicht an Kämpfen beteiligten Soldaten, die Distinguished Service Medal.

Auch heute lohnt es sich, dieses Zeitdokument aufmerksam anzuschauen. Im Gegensatz zu modernen Produktionen, die die Geschichte Deutschlands seicht zusammenfassen, hinterlässt "Your Job in Germany" wegen seiner dokumentarischen Aufmachung noch immer einen nachhaltigen Eindruck. Allerdings fällt es jungen Amerikanern heute schwer, den Standpunkt der Filmemacher nachzuvollziehen. Für sie ist Deutschland kein "Reich des Bösen" mehr, selbst wenn sie die Blut- und Eisenthese für die Zeit von 1871 bis 1945 durchaus schlüssig finden. Für diese Generation ist es Teil einer weit zurückliegenden Vergangenheit.

Zum Autor:

Harald Leder ist Dozent für Deutsch, Geschichte und Internationale Studien an der Louisiana State University in Baton Rouge.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Björn Borg, 22.07.2008
Keineswegs hat dieser Film seinen Zweck verfehlt. Die Propaganda hat vielmehr 40 vierzig Jahre lang bestens funktioniert! Erst seit der sogenannten 'Wiedervereinigung' und seit die Kriegsveteranen und Zeitzeugen nach und nach wegsterben, fordern Amerikaner wieder den Einsatz deutscher Soldaten in aller Welt. Seit Mitte der neunziger Jahre lässt sich eine schleichende Aufrüstung der Bundesrepublik sowie eine allmähliche Vorbereitung der Gesellschaft auf Kampfeinsätze der Bundeswehr beobachten (über 'humanitäre' Einsätze und den Balkan nach Afghanistan). Die Medien - und zwar alle - spielen dieses Spiel mit: Jetzt werden schon wieder Rekruten vor dem Reichstag vereidigt und niemand regt sich noch auf. Auch die Generation derjenigen in Deutschland, die wie ich in den fünfziger und sechziger Jahren, im Anschluss an die Verbrechen und Gräuel des zweiten Weltkriegs zu Pazifisten erzogen wurden, stirbt langsam aus. Ich selbst war sehr stolz darauf, dass Deutsche sich vierzig Jahre lang konsequent aus allen Kriegshandlungen dieser Welt herausgehalten haben. Unsere Kinder, spätestens aber unsere Enkelkinder, werden Deutschland allerdings wieder im Krieg erleben. Und wenn es nach mir ginge, würde dieser kleine Film daher jeden Abend vor der Hauptnachrichtensendung ausgestrahlt, in Deutschland, in den Vereinigten Staaten, und auf der ganzen Welt.
2.
Wolff Kersten v.Düring, 14.04.2010
Interessanter Film, aber die Geschichte geht weiter. Chapter 4: Integration des deutschen Volkes in den westlichen Imperialisms a la U.S.A. Unser 4. Führer: money money money. Orte der Zerstörung: Unsere eigene Kultur, unsere Umwelt, unser Gewissen, und sogar wieder Beginn einer physischen "Vorwärtsverteidigung" (vor was genau ?) am Hindukusch. Das deutsche Volk, - wie immer eine Ansammlung von sauverblödeten Folgelämmern.
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