US-Raketenabwehr SDI Ronald Skywalkers Albtraum

US-Raketenabwehr SDI: Ronald Skywalkers Alptraum Fotos
Department of Defense

Laserkanonen, Spähsatelliten und Supercomputer: Mit einer Weltraum-Raketenabwehr wollte US-Präsident Ronald Reagan in den achtziger Jahren "Star Wars"-Fantasien ins reale Leben holen. SDI befeuerte die Angst vor einem Dritten Weltkrieg - dabei wollte sein Schöpfer einfach nur ruhig schlafen. Von

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Die Hauptstadt schläft. Dunkelheit liegt über Washington, DC, und dem Weißen Haus. Nur im Wohntrakt der Reagans brennt noch Licht. "Der Präsident", erläutert eine Stimme, "arbeitet bis tief in die Nacht für einen dauerhaften Weltfrieden." Schnitt. Im Bett liegt ein kleines Mädchen mit einem Teddybär im Arm. Die Stimme: "Wenn es uns gelingt, einen Verteidigungsschild zu errichten, der die Waffen der nuklearen Zerstörung fernhält von dieser Erde, dann könnte sie, könnten wir alle die Morgenröte einer Welt des Friedens und der Sicherheit erblicken."

Dieser 1985 ausgestrahlte Spot sollte Amerikas TV-Zuschauern die Zweifel nehmen - Zweifel an einem Projekt, für das US-Präsident Ronald Reagan zu diesem Zeitpunkt schon über zwei Jahre lang mit fast allen Mitteln um Unterstützung warb.

Der US-Präsident war stolz darauf, dass die militärische Führung des Landes seine Idee gutgeheißen hatte. Im Nationalen Sicherheitsrat, im Außen- und im Verteidigungsministerium war lange daran gefeilt worden, bevor Reagan das gigantische Vorhaben am 23. März 1983 abends um acht Uhr im Fernsehen verkündete: Der Präsident rief "die Gemeinschaft der Wissenschaftler, die uns die Kernwaffen gegeben haben", auf, ihre "großen Talente der Sache der Menschheit und des Weltfriedens zu widmen: uns die Mittel in die Hand zu geben, um diese Kernwaffen unwirksam und überflüssig zu machen." Die Ansprache war der Startschuss für die Strategische Verteidigungsinitiative SDI, ein umfassendes Forschungsprogramm für ein Abwehrsystem, das anfliegende Atomraketen abfangen sollte.

Wissenschaftler, die womöglich beizeiten in der Lage gewesen wären, Sinn und Unsinn des Projekts und seiner enormen Kosten abzuwägen, waren anfangs noch nicht mit im Boot. Und so erntete der Präsident zumindest an diesem Abend von seinen zum Dinner ins Weiße Haus geladenen Gästen, ehemalige Außenminister und Sicherheitsberater, nur lobende Worte für seine Rede zur Lage der Nation.

Abgeschirmt gegen das "Reich des Bösen"

Die Aussicht stimmte optimistisch: Ein Waffensystem, das in der Lage sein würde, die Raketen der Sowjets zu zerstören, bevor sie amerikanischen Boden erreichten, könnte den Amerikanern endlich ein Gefühl von Sicherheit geben.

Auf östlicher Seite war diese Vorstellung hingegen beängstigend: Ein funktionierender Schutzschild würde den USA einen ungestraften Erstschlag ermöglichen und das Ende des Gleichgewichts des Schreckens bedeuten. Die makabre Sicherheitsgarantie unter den beiden antagonistischen Atommächten - wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter - würde hinfällig, die Angst vor einem Dritten Weltkrieg wäre berechtigter denn je.

Dabei war die Idee an sich, die SDI zugrunde lag, fantastisch: Mit verschiedenen Raketenabwehrtechnologien, sowohl bodengestützten Waffen als auch Abfangraketen, Aufklärungssatelliten und Laserkanonen im Weltraum sollte ein Raketen-Schutzschild entstehen, der die USA vor einem möglichen atomaren Erstschlag der Sowjetunion abschirmen würde. Mit tausenden Abwehrwaffen wollte man einem Angriff aus dem "Reich des Bösen", wie Reagan die Sowjetunion titulierte, begegnen.

Technischer Irrwitz

Die Pläne waren offenbar zu fantastisch. Bald schon meldeten sich Spötter zu Wort, die das Projekt ob seiner wie Science Fiction anmutenden Elemente mit George Lucas Sternenkriegs-Saga "Star Wars" verglichen und auch in Reagans schlichter Beschreibung der Weltlage Parallelen zum ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse in dem Hollywood-Weltraumepos sahen. Führende amerikanische Wissenschaftler wie der Physik-Nobelpreisträger Hans Bethe und IBM-Spitzenforscher Richard L. Garwin versuchten, den technischen Irrwitz des SDI-Programms zu belegen.

Auch die europäischen Bündnispartner waren schwer zu begeistern, sie reagierten irritiert: Der Schutzschild im All würde mindestens 500 Milliarden Dollar kosten und nur den USA Sicherheit bringen. Ein neuer gefährlicher Rüstungswettlauf würde angeheizt und womöglich Geld verschlingen, das für die konventionelle Verteidigung gebraucht würde, so die Bedenken damals in Bonn, Brüssel, London und Paris. Die Atommächte Großbritannien und Frankreich fürchteten zudem um den Wert ihrer eigenen Nuklearwaffen: Ein wirksamer Raketenschutz würde ihr eigenes Abschreckungspotential entwerten und auf sie kämen unabsehbare Kosten für die nun wichtigere konventionelle Rüstung zu.

Doch die deutsche Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) entschied sich, bei Reagans "Star Wars" dabei zu sein: Sie trieb die Aussicht, an dem technologischen Vorsprung, den die USA mit ihren Star-Wars-Forschungen erzielen könnte, teilzuhaben. Zudem sicherte Amerika zu, dass der Abwehrschirm nicht nur die USA gegen sowjetische Interkontinentalraketen, sondern auch Europa gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen schützen würde. Wie diese Raketen während ihrer extrem kurzen Flugzeit ausgemacht und zerstört werden könnten, blieb auch Experten schleierhaft.

Gefälschter Beweis

Reagans Sternenkrieger ließen sich allerdings einiges einfallen, um Skeptiker zu überzeugen. Mit einem vorgetäuschten Raketentest beeindruckten sie 1984 sowohl die Sowjets als auch den eigenen Kongress: Dreimal war der Versuch misslungen, eine im Pazifik gestartete Abfangrakete so präzise zu lenken, dass sie eine simulierte Feindrakete im Flug zerstört. Der vierte Versuch gelang - doch, wie erst neun Jahre später bekannt werden sollte, nur mit einem Trick: Die "Feindrakete" war mit einer Signalvorrichtung ausgestattet worden, die der Abfangrakete den Weg wies.

32 Milliarden Dollar investierten die USA bis 1993 in das SDI-Programm, das "teuerste Militärforschungsprogramm der Geschichte", wie die "New York Times" anschließend bilanzierte. Und dazu noch immens erfolglos: Die High-Tech-Träume Reagans und seiner Berater erwiesen sich als weder technisch machbar noch bezahlbar. 1993 lief das Programm aus.

In seinen 1990 erschienenen "Erinnerungen" räumte US-Präsident Reagan ein: "Die 1983 von mir angekündigte Strategische Verteidigungsinitiative zur Entwicklung eines Abwehrschirms gegen Atomraketen gab Anlass zu einer gewissen Legendenbildung. Das Programm stammte in seinen Grundzügen nicht von Wissenschaftlern; sie stießen erst im späteren Verlauf zu uns..."

"Schlechte Karten"

Manche Legenden waren nicht unwillkommen. Was dem amerikanischen Staatschef von Beginn seiner Amtszeit an nicht behagte, war das Gleichgewicht des Schreckens, wie es zu der Zeit bestand: "Dieser Zustand schien mir nicht dazu angetan, einen auf Dauer ruhig schlafen zu lassen. Er kam mir vor wie zwei Westernhelden im Saloon, die ununerbrochen ihre Pistolen auf den Kopf des Gegners gerichtet haben." Was den Mann im Weißen Haus beunruhigte: "Ich wollte nicht, dass die Vereinigten Staaten (...) je wieder in die Verlegenheit kamen, mit schlechteren Karten in der Hand zu Abrüstungskonferenzen zu reisen und bei den Russen mit einem Appell an deren besseres Ich um ernsthafte Verhandlungen bitten zu müssen."

Es war der Traum von der Unverwundbarkeit, der die technischen Allmachtsfantasien beflügelt hatte - 1983 nicht zum ersten Mal. Erste Pläne zu einer wirksamen Raketenabwehr hatte es in den USA schon unmittelbar nach dem Sputnikschock 1957 gegeben. Damals hatten die Amerikaner feststellen müssen, dass die Sowjets in der Lage waren, Raketen mit interkontinentaler Reichweite zu bauen - und sie nicht jenseits des Zugriffs feindlicher Mächte lebten. Noch im selben Jahr war das Raketenabwehrprogramm "Nike-Zeus" konzipiert worden. Es sah den Bau von atomaren Langstrecken-Abfangraketen vor. Innenpolitisch ließ sich das Projekt allerdings nicht durchsetzen, da sich die Amerikaner nicht damit anfreunden wollten, dass die im Einsatzfall notwendigen nuklearen Explosionen über ihrem Land stattfänden.

Auf nicht weniger Ablehnung bei der Bevölkerung stieß "Sentinel" ("Wächter"), ein Programm, das die Stationierung von Abfangraketen rund um Amerikas Großstädte vorsah. 1974 wurde es in "Safeguard" umgewandelt und diente nunmehr vor allem dem Schutz von Raketenstützpunkten. In dieser Zeit errichtete auch die UdSSR einen Verteidigungsgürtel von Raketensilos rund um Moskau.

Mit ihrem Vertrag über die Begrenzung der Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen, dem ABM-Vertrag von 1972, hatten sich USA und Sowjetunion im Interesse eines stabilen Gleichgewicht der Abschreckung darauf festgelegt, jeweils nur ein Raketenabwehrsystem zum Schutz der Hauptstadt und je einer Raketenstellung zu betreiben. Das einzige Abwehrsystem, das die USA hatten, nämlich das zum Schutz einer Raketenstellung, stellte der US-Kongress 1975 per Beschluss außer Dienst - aus Kostengründen und wohl auch ob der mangelnden Funktionstüchtigkeit. Einzig in der UdSSR blieb der dortige Abwehrschirm in Betrieb - eine Niederlage für die USA, die wohl dazu beitrug, dass der Mann im Weißen Haus nicht ruhig schlafen konnte.

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1.
Georg Gati, 04.03.2010
Solveig Grothe schreibt: "Die Ansprache war der Startschuss für die Strategische Verteidigungsinitiative SDI, ein umfassendes Forschungsprogramm für ein Abwehrsystem, das anfliegende Atomraketen abfangen sollte." Die Idee des Projektes stammt von Edward Teller, vom Vater der Wasserstoffbombe. Er hat den sog. Röntgenlaser erfunden. Nach der Vorstellung von Teller würde eine Neutronbombe gezündet werden und die Röntgenstrahlung würde auf einen schmalen Lichtkanal fokussiert werden. Die Energie auf diesem Kanal ist enorm groß, so dass man von einer Sattelite aus eine auf dem Boden befundene Rakete (auch Atomrakete) zerstören könnte, sogar blitzschnell. Nach den Rechnungen könnte eine senkrecht geschossene Rakete sich nur einige cm nach oben bewegen. ABER. Dieses "virtuelle Projekt" hatte schon eine unglaubliche Wirkung: Die SDI hat Ronald Reagen bei den Abrüstungsverhandlungen als große Karte benützt, die viel dazu beigetragen hat, dass Gorbatschow die Sowjetunion abgeschafft hat: Es ist deutlich geworden, dass die rückständigen Kommunistischen Staaten wegen ihrer veralteten allgemeinen Technologie (nicht nur militärisch) den Wettbewerb verloren haben. Ronald Reagen hat während den Verhandlungen von Gorbatschow mehrmals verlangt, die Mauer niederzureißen und das Brandenburger Tor zu öffnen. Wenn die SDI verwirklicht worden wäre, wäre das Sowjetische Abschreckungssystem abgewertet. Damit begann die Abrüstung und Gorbatschow hat mit der Unterstützung der USA die Sowjetunion zum Fall gebracht. Also die Idee war real, nur die kosten waren enorm groß und nach dem Fall der Sowjetunion war nicht mehr relevant.
2.
Guenter Yogi Lauke, 11.11.2013
KLAR! Und Helmut KOHL war natürlich mit dabei! FRAGE: Warum wurde DER eigentlich bei seinen Betrügereien nicht eingesperrt? Günter Y Lauke
3.
Sebastian Peter, 11.11.2013
Das die Pläne Fantasterei waren steht denke ich ausser Frage. Aber zum gefakten Test habe ich das hier gefunden http://www.smdc.army.mil/2008/Historical/Eagle/TheHomingOverlayExperiment.pdf was den Schluss nahelegt, dass der Test nicht gefaked war. Ob man der Quelle trauen will bleibt natürlich jedem selbst überlassen, aber Quellen die einen Fake vertrauenswürdiger nahelegen habe ich nicht gefunden.
4.
Wilfried Huthmacher, 14.11.2013
@ Guenter Yogi Lauke Klar war Kohl dabei! Welche Wahl hätte er auch gehabt? Mit der SS20 vor der Nase? Und den Russen in der DDR? An der Seite der USA zu sein, hatte doch schon Adenauer entschieden und weder Brandt noch der Ex-Wehrmachtsoffizier und Kriegsteilnehmer (er wußte also, was Krieg bedeutete) Schmidt gingen deutlich davon ab. Warum Kohl NICHT für siene Betrügereien eingesperrt wurde, sollten Sie die Staatsanwälte fragen. Vielleicht reichten die Beweise nicht; oder es gab Druck von Lande- oder Bundesregierungen.
5. Iron Dome
geht euch nichts an, 13.09.2014
Es gibt eine Reihe von Abfangraketen gegen alles mögliche. Das bekannteste ist Iron Dome. Und niemand wird leugnen, dass es Leben rettet. Ein Raketenschild als Neuauflage ich ebenfalls in Aufbau Ich vermute, dass die Erfahrungen von damals die Forschungen von heute erleichtern. Daher sollten wir froh sein, dass die Amerikaner und Israelis als freiheitsliebende Völker auf den Gebiet führend sind und nicht Nordkorea oder gar die Araber.
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