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US-Reporterlegende Breslin "Sucht nach dem Totengräber!"

US-Reporterlegende Breslin: "Sucht nach dem Totengräber!" Fotos
AP

Sein Blick für das scheinbar Nebensächliche und sein Temperament machten Jimmy Breslin berühmt: Als andere Journalisten 1963 über das Staatsbegräbnis für John F. Kennedy berichteten, fand der umtriebige Reporter einen ganz ungewöhnlichen Gesprächspartner. Kollegen rät er: Macht euch unbeliebt! Von

Sonntag, 24. November 1963. Ein klarer Wintertag. 3000 Reporter sind zur Beerdigung von John F. Kennedy nach Washington gekommen. Jimmy Breslin erinnert sich: "Ich ging durch die Lobby des Weißen Hauses und plötzlich fiel mir der Friedhof ein. Ich sagte zu meinem Kollegen Art Buchwald, dass ich nach Arlington fahren würde, um mit dem Mann zu sprechen, der dort die Gräber aushebt. Art hielt das für eine gute Idee." Jimmy Breslin von der "New York Herald Tribune" trifft zur Mittagszeit am Grabmal des unbekannten Soldaten im Novembernebel Clifton Pollard, der mit einem kleinen Bagger ein Grab aushebt. An unzähligen Frühstückstischen wird man am folgenden Morgen in der "Tribune" lesen: "Einer der Letzten, die John Fitzgerald Kennedy (...) noch einen Dienst erweisen konnten, war ein Arbeiter, der $ 3.01 in der Stunde verdient." Breslin beschreibt jeden Handgriff des Mannes und spricht mit ihm über seine Gefühle für Kennedy: "Er war ein guter Mann (...) Bald werden sie kommen und ihn hier in dieses Grab legen", sagt Pollard. "Es ist eine Ehre für mich, dass ich das hier tun kann."

Breslins Bericht wird noch heute in amerikanischen Schulen gelesen. Und jungen Journalisten in Amerika empfiehlt man: "Achtet auf den Blickwinkel! Wenn ihr eine Story schreibt, sucht nach dem Totengräber." Jimmy Breslin, der heute rund 80 Jahre alt ist, ist eine der letzten Reporterlegenden Amerikas. Fast 50 Jahre lang streifte er durch Bars und Gerichtssäle, Straßen und Amtsstuben zwischen Battery Park und der Bronx. Seine Kolumnen wurden legendär und haben ihm Bewunderer und Feinde eingebracht.

Jimmy Breslin stammt aus einer irischen Familie in Richmond Hill, Queens. Seine erste Liebe galt der Trompete. Dann faszinierte ihn die Welt der Zeitungen. Er las die Baseball-Berichte der großen Blätter und staunte über die Städte, aus denen sie kamen: Boston, Chicago, St. Louis. Baseball sehen und darüber schreiben. Das Größte! Breslin begann als Laufbursche der Redaktion im geschäftigen Newsroom der "Long Island Press". Weil er noch keine 16 Jahre alt war, hatte er lügen müssen, um den Job bei der Zeitung zu bekommen. Als er seine ersten Artikel schreiben durfte, verwechselte er in einem Nachruf zwei gleichlautende Namen. Breslin erinnert sich an diesen Fall von "Kinderkrankheit" in seiner Karriere. "Eddie Gottlieb, der Chefredakteur des Blattes, rief mich eines Morgens an und sagte: 'Herzlichen Glückwunsch, junger Mann! Nun bist du Zeitungsprofi. Du hast den Leichenbestatter begraben!'"

Er bringt jeden zum Reden

Breslin trat, wie viele Journalisten, die später berühmt geworden sind, in die Sportredaktion ein und entwickelte seine eigene Methode: Er begann, sich in den Umkleideräumen der Verlierer einer sportlichen Begegnung nach interessanten Storys umzuhören. Als Reporter und Kolumnist arbeitete er im Laufe der Jahre für mehrere Zeitungen und Zeitschriften, darunter "Life", "Saturday Evening Post" und die New Yorker "Post". Seine Fähigkeit zum Zuhören hat noch alle zum Reden gebracht: den schweigsamen Mafioso ebenso wie den über seinem Bier weinenden Mann, dem gerade die Frau weggelaufen ist. Den begehrten Pulitzer-Preis erhielt Breslin 1986 für seine "ausgezeichneten Kolumnen, die sich regelmäßig und konsequent mit Problemen und Themen der Durchschnittsbürger befassen".

Der beste Journalismus, sagte Breslin einmal, entstehe aus unabhängigem Denken: "Man darf sich so lange nicht wohlfühlen, bis jeder gegen einen ist. Dann weiß man, dass man Recht hat!" Seine in hartem, knappen Stil formulierten Meinungsartikel provozierten Bewunderung, aber auch wütende Attacken. Zum Beispiel, als er Präsident George W. Bush riet, er möge doch auch seine Töchter in den Irakkrieg schicken. 1990 verhängte "Newsday" ein 14-tägiges Schreibverbot gegen ihn. Da war sein irisches Temperament mit ihm durchgegangen und er hatte eine Angestellte des Blattes, die ihn wegen einer vermeintlich frauenfeindlichen Kolumne kritisierte, mit einem rassistischen Spruch beleidigt. Breslin behauptete zwar, er habe nur aus dem Buch von Joseph Conrad "Lord Jim" zitiert, aber damit kam er nicht durch.

Eine seiner bewegendsten Kolumnen schrieb er am 25. September 2001 über das Lächeln einer jungen Frau, die ihm jeden Morgen nach seinem Schwimmtraining auf der Straße begegnet war. Nach dem 11. September war sie für immer verschwunden. Die Leser liebten Breslins Kolumnen, die er bis zum 2. November 2004 für "Newsday" schrieb, weil darin ihre Probleme vorkamen: Job, Liebe, Schule und Nachbarschaft. Als "Radau-Jimmy" und "John Wayne der schreibenden Zunft" verehrt und gefürchtet, wurde Jimmy Breslin zum Fixstern am Himmel des New Yorker Journalismus. Sein Sinn für Zeitgeschichte und sein bissiger Humor, mit dem er die publizistische Keule gegen Klüngel und Wichtigtuerei schwang, haben ihm den Ruf eines unbestechlichen Chronisten der Stadt New York eingetragen.

Das Kreischen der OP-Sägen

Schreiben ist für Breslin Lebensenergie. Seine Maßstäbe sind hoch. Im Flur seines Penthouse am Central Park hängen gerahmte Originale von Handschriften des irischen Poeten William Butler Yeats. "Es gibt nichts Besseres", sagt er. Schon als Junge hat er Dostojewskijs "Der Spieler" verschlungen, ohne zu wissen, dass der Autor ein russischer Klassiker war. Ihn interessierte damals nur der spannende Plot. Breslin ist Verfasser von mehr als 20 Büchern, von denen einige Bestseller geworden sind oder verfilmt wurden.

Außer für seine Kolumnen ist er als Mafia-Fachmann bekannt. "Die gute Ratte - eine wahre Mafiageschichte" ist kürzlich auf Deutsch erschienen. Hier schildert Breslin den Niedergang der New Yorker Mafia und blickt auf unzählige Begegnungen mit Gangstern, Polizeidetektiven, Hinterzimmeradvokaten und Kneipenpropheten zurück. Ein meisterhaft recherchierter und spannender Tatsachenbericht aus dem tristen Mafia-Alltag ohne Glamour und Mythos, realistisch wie die Betonwand einer Einzelzelle.

Breslins persönlichstes Buch ist der Bericht über seine Hirnoperation im Herbst 1994: "I Want to Thank my Brain for Remembering Me". Durch Zufall hatten Ärzte ein erweitertes Blutgefäß in seinem Gehirn entdeckt, das zu platzen drohte. In einer Szene des Buches erinnert sich Breslin an den Vorabend der Operation. Dem mit Beruhigungsmitteln vollgepumpten Patienten erscheinen vor seinem inneren Auge die Ereignisse seiner schwierigen Kindheit, seine ersten Erfolge als Journalist, ein Hubschrauberflug mit den Beatles, Senator Joseph McCarthy, den er beim Lügen ertappte, sein knappes Entkommen bei Rassenunruhen in Brooklyn, der Erfolgsautor Norman Mailer, der mit seiner Hilfe Bürgermeister von New York werden wollte, die "I have a dream"-Rede von Martin Luther King, der er - völlig verkatert - kaum folgen konnte, seine Korrespondenz mit dem Serienkiller "Son of Sam", der Tod seiner ersten Frau, seine zweite Heirat... Als er endlich einschläft, dämmert ihm, dass er den Eingriff gut überstehen wird. Nach seiner Genesung ist Breslin gleich wieder ganz Reporter: Er sieht bei 25 Eingriffen derselben Art zu, entsetzt sich über das Kreischen der OP-Sägen und staunt darüber, wie das Team in den "Hirnen herumpickte wie in einem Truthahnbraten."

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