US-Shopping Malls Untergang der Konsumtempel

US-Shopping Malls: Untergang der Konsumtempel Fotos
Corbis

Einst waren sie Symbole von Wachstum und Wohlstand, heute sind von vielen amerikanischen Shopping-Malls nur Ruinen übrig. Für Künstler und Hobby-Archäologen sind die Geister-Center aufregende Spielplätze von morbider Schönheit. Sie dokumentieren den Zerfall des American way of life. Von

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An einem kalten, nebligen Wintertag fuhr Linda Auker noch einmal an den Ort, der ihr einmal so viel bedeutet hatte. Sie wusste, dass sie ihn nicht bewahren konnte, höchstens aufbewahren, in ihrer Erinnerung und auf Fotos.

"Die Station Mall in Altoona war vielleicht nur ein Einkaufszentrum, aber für mich war es mehr: Ein Ort meiner Kindheit, hier waren die Läden, in denen ich mir von meinem Taschengeld die ersten Haarspangen gekauft habe", sagt Linda. Die 31-jährige ist in Altoona, Pennsylvania, aufgewachsen. Heute studiert sie Meeresbiologie in New Hampshire. "Immer, wenn ich meine Eltern besuche, fahre ich auch an der Mall vorbei, und Jahr für Jahr sieht sie verwahrloster aus. Deshalb beschloss ich, sie zu fotografieren. Aus Angst, dass sie irgendwann nicht mehr da sein sollte."

Die Fotos stellte sie auf eine Seite, auf die sie zufällig im Internet gestoßen war: deadmalls.com, eine Art digitale Ruhestätte für sterbende Einkaufszentren, nach Bundesstaaten geordnet und von so vielen Hobby-Dokumentaren täglich gepflegt, dass man schon eine Forschungsrichtung nach ihnen benannt hat: "Mall Archeology" nennt sich, was Linda Auker und die anderen tun. Sie sind Nostalgiker oder Location-Scouts, Stadthistoriker oder Ruinentouristen, und manchmal sind sie einfach nur fasziniert - von der Ästhetik der Zersetzung oder von dem Gefühl, allein zu sein an einem Ort, der ursprünglich für die Masse gedacht war.

Ein Wald mitten im Einkaufszentrum

Allein die Nacht in einem Kaufhaus zu verbringen - wer hat als Kind nicht einmal davon geträumt? Auch Künstler nutzen die leerstehenden Hallen für Videoprojekte und Installationen. Wie Steve Rowell, ein Fotograf, der in Los Angeles und Berlin lebt. Über Jahre dokumentierte er den Verfall der Dixie Square Mall in der Nähe von Chicago. 23 Jahre hatte sie verlassen dagelegen, Rowells fand sie auf deadmalls.com.

Was er sah, als er sie zum ersten Mal betrat, verschlug ihm den Atem: Zentimeter für Zentimeter hatte die Natur die Substanz zersetzt, der sie einst weichen musste. Bäume hatten sich durch den Boden aus Linoleum gedrückt, ihre Kronen rissen Löcher ins Dach - ein Wald im Innern einer toten Mall. Das Spiel aus Licht und Schatten malte bizarre Muster auf die zerrissenen Wände. Aus den Fugen wuchsen Gräser, in anderen moderte es, weil kein Licht hierher fand. Rowell installierte seine Kamera, und wenig später wuchsen die Bilder selbst zu einem Kunstwerk zusammen, sie hielten die Zersetzung in Zeitlupe fest. "In dieser toten Mall steckt mehr Leben als in mancher noch existierenden", sagt Rowell über seine Arbeit. Und nannte sie: "The best Dead Mall in America".

Das Kunstwerk hätte dem Erfinder der amerikanischen Malls sicher gefallen - und vielleicht hätte er sogar ab und zu auf deadmalls.com vorbeigeschaut. Nur um festzustellen, was aus seiner Idee geworden ist, die sich die Amerikaner Anfangs nicht so recht vorzustellen konnten: Dass Einkaufszentren mehr sein können als Konsumbeschleuniger in einer auf Autos zugeschnittenen Welt.

Ein Ortskern für Retortenstädte

1938 emigrierte der Österreicher Victor David Grünbaum in die USA, die Nazis hatten das Architekturbüro des Sozialdemokraten zwangsenteignet. In New York gründete er ein neues und sorgte mit seinen revolutionären Ideen auch in der Neuen Welt schnell für Aufsehen. Bereits Anfang der fünfziger Jahre waren die ersten Freiluft-Einkaufszentren gebaut worden, 1954 wurde die erste Open-Air-Mall nach Grünbaums Entwürfen in der Nähe von Detroit gebaut. Die nationale Presse überschlug sich, vom "Wall Street Journal" bis "Time Magazine".

Doch Grünbaum wollte mehr. 1956 ließ er das erste überdachte Shopping-Center der Welt entstehen, die 74.000 Quadratmeter große Southdale Mall in Edina, Minnesota. Es gibt sie bis heute. Sie war die Mutter aller Malls. Kaum eine Erfindung hat das gesellschaftliche Leben der Vorstadt-Amerikaner wohl so verändert wie sie. Bestrahlt von grellem Neonlicht strömten die Menschen in Massen nach Edina, kamen einem Bedürfnis nach, das in den Nachkriegsjahren mehr als verständlich schien - nach bezahlbarem Konsum, nach Waren und Wohlstand.

Jede Mall war ein Kosmos für sich, beheizt oder klimatisiert, je nach Jahreszeit. Das Einkaufen wurde zum gesellschaftlichen Event, man traf die Nachbarn der eigenen Siedlung, ein großer, kreisrunder Freiraum im Zentrum der Kaufhalle machte es möglich. Für Grünbaum, der sich inzwischen in Gruen umbenannt hatte, sollte eine Mall niemals nur eine Mall sein - sie sollte den amerikanischen Vorstädten das geben, was sie bislang nicht hatten: einen Ortskern, den er aus den gewachsenen Städten Österreichs kannte, eine Art Marktplatz des sub-urbanen Raums.

Am Ende nur ein besserer Rummelplatz?

Und so hatte sein Bauplan für Edina nicht nur ein Shopping-Center vorgesehen. Sondern auch Wohngebäude und Schulen, ein Theater, einen Park, Sportanlagen und eine Bücherei. Doch gebaut wurde am Ende nur die Mall. "They have bastardized my idea", soll Gruen missmutig geknurrt haben, als in den Siebziger Jahren immer gigantischere Malls aus dem Boden gestampft wurden.

Bis heute ist es die fehlende Einbindung in die vorstädtischen Strukturen, die als wesentlicher Grund für den Niedergang vieler Malls gilt - ihr Bauort war zu oft beliebig, was sie anfällig machte für Veränderungen und Trends. Immer schöner und größer wurden die Hallen der Konsumlust, immer spektakulärer das Angebot, das die Karawane der Käufer anziehen sollte. Einkaufszentren wurden zu besseren Rummelplätzen, mit 3-D-Kinos und Indoor-Achterbahnen, mit Schlittschuhhallen und Wellenbädern. Die West Edmonton Mall in Kanada bekam eine eigene Seelöwen-Show.

Alles unter einem Dach, je länger der Kunde im Innern der Mall verbringt, desto mehr Geld gibt er aus - so lautet die schlichte Formel des kurzfristigen Mall-Erfolgs. Victor Gruen hätte sich mit Grausen abgewendet. Und sich nicht gewundert, dass sich die Spirale der Rummel-Attraktionen nicht unendlich in die Höhe schrauben ließ.

Das neue Mall-Konzept ist das alte

Seit kurzem entstehen vor allem "Lifestyle Center", weil selbst die großen Malls sich wirtschaftlich nicht mehr tragen. Seit 2006 ist kein überdachtes Einkaufszentrum in den USA mehr gebaut worden. Lifestyle Center sind offen gestaltete Ladenpassagen mit Parks und Teichen und Freilufttheatern - so endet die Entwicklung dort, wo sie eigentlich hätte anfangen können, wäre man gleich Victors Gruens Konzept einer menschenfreundlichen Shopping-Mall gefolgt.

Für die meisten Malls der siebziger und achtziger Jahre kommt diese Einsicht zu spät, die Substanz ist zu billig und zu alt, um sie zu modernisieren. Wie stumme Zeugen einer vergangenen Konsumkultur liegen sie verwahrlost neben den Freeways und erinnern an Zeiten von Wachstum und Blüte; nirgendwo sonst zeigt sich der Strukturwandel in den USA schließlich so drastisch wie in den Suburbs. Und so steht das Schicksal der Dixie Square Mall, deren Verfall der Künstler Steve Rowell dokumentierte, gleichzeitig für das Schicksal einer ganzen Region: Als sie Ende der sechziger Jahre gebaut wurde, ging es den Menschen rund um Chicago noch gut. Doch dann folgte der Niedergang der Stahlindustrie, Arbeiter zogen weg, und die Mall musste schließen.

Ähnlich erging es Altoona. "Diese Stadt hat eine lange Eisenbahner-Tradition", erklärt Linda Auker, "sie wurde 1847 von der Pennsylvania Railroad gegründet, damit man hier Züge und Gleise reparierte. Und das fand sich auch in der Architektur unserer Mall wieder - sie sah aus wie eine Bahnhofshalle. Überall fanden sich Anspielungen auf Lokomotiven und Abteile, das machte sie besonders." Ein Gefühl der Nostalgie, das auch Rowell gut kennt: "Für Jugendliche in den amerikanischen Vorstädten waren die Shopping Malls so etwas wie die Main Street einer normalen Stadt. Sie waren kulturelle Oasen in einem sonst zerfaserten Raum. Und es ist gut, wenn sie jemand fotografiert und so aufhebt. Sie sind Teil unserer Geschichte."

Südlich von Altoona ist vor ein paar Jahren ein neues Shopping-Zentrum entstanden, direkt am Freeway. Es ist moderner, sieht nicht mehr aus wie ein Bahnhof und hat mehr Parkplätze. Für die ehemalige Station Mall hat die Stadt Altoona schnell eine andere Verwendung gefunden. Eine, die die amerikanische Gesellschaft zurzeit wohl dringender braucht. In den ehemaligen Verkaufsräumen werden inzwischen die Veteranen der Kriege versorgt.

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1.
Angel Manolov, 29.09.2009
Es gibt ne menge Photographen, welche sich auf Ruinen "spezialisieren". Und überhaupt faszinieren uns "Moderne" untergegangene Kulturen besonders - warum auch immer? Was Schoppingcentren angeht, wurden sie in Amerika früher als Träger der Funktion die ehemals die Kirche ausfüllte angesehen - man sprach bei nobleren Zentren von "Konsumkathedralen". Diesen Eindruck habe ich jedoch nicht, und nie nachvollziehen können. Viel zu zweckdienlich und alltäglich waren sie um irgendwelche Werte oder Ideale zu vermitteln, zu "erziehen", zu heilen oder zu unterhalten. Trotzdem gibt und gab es in jeder Gesellschaft so etwas wie Religion und auch heute übernehmen manche Wirtschaftszweige religiöse Strukturen und Funktionen. Nämlich: Das private Fernsehen, die publizistische Wissenschaft und (was übersehen wird, die mächtige) Farma-Industrie.
2.
Alex Weimer, 29.09.2009
Passend zum Thema ist auch die sehenswerte Fotoserie DARK STORES von Brian Ullrich, die man in seinem Online-Portfolio bewundern kann: http://notifbutwhen.com/projects/copia/dark-stores/ Da hat man zum Teil das Gefühl, dass man noch irgendwie die Stimmen und Schritte der Menschen hört, die die jetzt leeren Orte einst lebendigt gemacht haben.
3.
C.F. Romberg, 29.09.2009
etwas übertrieben, "heute sind von vielen amerikanischen Shopping-Malls nur Ruinen übrig".... es sollte eher heissen: "heute sind von einigen amerikanischen Shopping-Malls nur Ruinen übrig"...
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