US-Spezialeinheit Monuments Men Angriff der Kunst-Krieger

US-Spezialeinheit "Monuments Men": Angriff der Kunst-Krieger Fotos
Getty Images

Im Zweiten Weltkrieg zog eine US-Spezialeinheit an die Front, um Europas Kulturschätze zu retten. Die illustre Intellektuellentruppe entdeckte von den Nazis gestohlene Werke an den erstaunlichsten Orten - und befragte auch Familie Gurlitt. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
    4.8 (6 Bewertungen)

Mit Spitzhacken und Schaufeln gruben sich die Bergleute im österreichischen Altaussee am 17. Mai 1945 durch die Geröllmauer. Eine zwölf Meter dicke Schuttschicht versperrte den Eingang zum Salzbergwerk. Genau wusste niemand, was sich dahinter verbarg, doch alle hofften, das Ziel ihrer Suche erreicht zu haben. Gefreiter Lincoln Kirstein kroch als einer der ersten durch den Spalt im Gestein.

Im Inneren des Stollens herrschte Dunkelheit und eine unheimliche Stille. Der Gang war mit Schutt und Staub übersäht. Eine eiserne Sicherheitstür hing zerborsten in den Angeln. Erst tiefer unter der Erde fand Kirstein endlich, was er suchte: Holzkisten, zwar überzogen mit einer dicken Staubschicht, ansonsten aber unversehrt. Im Salzbergwerk von Altaussee lagerte das kulturelle Erbe Europas.

Lincoln Kirstein war im New York der vierziger Jahre kein Unbekannter. Der Schriftsteller und Kritiker arbeitete stets an zahlreichen Projekten zugleich. Im Dezember 1941 baute er gerade ein Ballettensemble auf. Doch mit dem Angriff auf Pearl Harbor stellte der Intellektuelle seine Pläne zurück - und meldete sich freiwillig zum Militär. Allerdings nicht, um mit der Waffe in der Hand gegen die Deutschen zu kämpfen.

In Europa wartete eine besondere Aufgabe auf den 36-Jährigen. Als einer der sogenannten Monuments Men sollte er die Zerstörung europäischer Kulturgüter verhindern.

Chaos bei der Kulturgut-Rettung

Nachdem im Februar 1944 die 1200 Jahre alte Abtei von Montecassino im Bombenhagel alliierter Luftangriffe ausradiert worden war, riefen die westlichen Befehlshaber die Armee-Sektion "Monuments, Fine Arts and Archives" ins Leben. Ihr Auftrag: Kirchen, antike Ruinen und Kulturdenkmäler vor den Kampfhandlungen zu schützen. Eine verdienstvolle Aufgabe, die den militärischen Sieg um eine moralische Dimension bereichern sollte. Doch was die Umsetzung anging, herrschte das blanke Chaos.

Kirstein erreichte im Juni 1944 europäischen Boden. Er brannte darauf, an einer wirkungsvollen, klar umrissenen militärischen Operation teilzunehmen. Doch davon konnte keine Rede sein. Niemand hatte je von seiner Einheit gehört. Es gab keine Befehlsstrukturen, weder Transportmittel noch Schreibmaschinen, Funkgeräte oder Landkarten, kaum Schmierpaper oder Stifte. Da war Eigeninitiative gefragt. Nur mit Hilfe persönlicher Beziehungen gelang es Kirstein, überhaupt nach Frankreich zu kommen.

Dort traf er auf Lieutenant James J. Rorimer. Der Mittelalterexperte und Kurator des Metropolitan Museum of Art befand sich auf einer persönlichen Mission gegen Hitler, seit in Brügge die Madonna von Michelangelo und in Gent der Flügelaltar verschwunden waren. Als sich ihm die Gelegenheit bot, als Monuments Man nach Europa zu gehen, nutze er seine Chance.

In Frankreich war der Kunsthistoriker auf sich allein gestellt. Ohne militärische Autorität, nur mit einer Liste schützenswerter Denkmäler und einem Befehl General Eisenhowers in den Händen, zog er durch Nordfrankreich, um zu retten, was zu retten war. Improvisation hieß die Devise. Rorimer legte sich mit Offizieren an und hängte "Zutritt-Verboten"-Plakate an die Türen von Kirchen und Museen. Da sich weder Zivilisten noch Soldaten an Plakate hielten, musste er zuweilen in die Trickkiste greifen. An wichtigen Bauwerken befestigte er seine Plakate mit weißem Isolierband. Wohlwissend, dass kein Soldat sich an einer Stätte vergreifen würde, die eindeutig als Minengebiet markiert war.

Der größte Diebstahl der Geschichte

Rund fünf Millionen Kunstobjekte hatten die Deutschen in ganz Europa geraubt - der größte Diebstahl der Geschichte. Nach dem Ende der Kampfhandlungen konzentrierten sich die Monuments Men darauf, diese Werke aufzuspüren und an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Als Schatzsucher der Kultur wertete die Sondereinheit, die mittlerweile auf 350 Mann angewachsen war, Archive aus, durchsuchte die Häuser ehemaliger Nazi-Größen und befragte Kunsthändler, Museumsdirektoren und Augenzeugen.

Der Zufall führte James J. Rorimer zu Rose Valland. Die Pariserin sollte sich als eine der wichtigsten Informantinnen der Monuments Men erweisen. Valland hatte während der Besatzungszeit im Museum Jeu de Paume gearbeitet, einem wichtigen Umschlagplatz für die deutschen Raubzüge. Valland hatte spioniert und versucht, die Routen der Beutekunst zu verfolgen. Jedes einzelne Werk, das die Nazis ins Museum brachten, hatte sie registriert und Informationen über den Verbleib gesammelt. Ihre Unterlagen waren von unschätzbarem Wert für die Monuments Men. Sie führten zu den wichtigsten Kunstdepots, wie etwa dem in Altaussee.

Kunstdepot für das Führermuseum

In den Stollen von Altaussee lagerten 6577 Gemälde, 230 Zeichnungen und Aquarelle, 954 Grafiken, 173 Statuen, über 1200 Bücherkisten, Körbe mit Kunstgewerbe und Wandteppiche. Gestohlen aus Museen und Privatsammlungen in ganz Europa. Eingelagert bis zur Fertigstellung des Führermuseums in Linz.

Beim Untergang des "Dritten Reiches" sollte das Depot in Altaussee gesprengt werden. Der örtliche Gauleiter August Eigruber ließ vorsorglich mehrere Sprengsätze im Stollen deponieren. Er berief sich auf Hitlers Nerobefehl. Alle Sachwerte innerhalb des Reichsgebiets sollten zerstört werden. Eine Sprengung der Mine hätte die Zerstörung Tausender weltberühmter Meisterwerke bedeutet.

Wer die Sprengung letztendlich verhindert hat, geht unter in den zahlreichen Legenden und Heldengeschichten, die sich um die Rettung des Kunstschatzes von Altaussee ranken. Vielleicht war es der Generaldirektor der Saline, Emmerich Pöchmöller, der mit einem fingierten Befehl die eingelagerten Bomben aus dem Stollen entfernen ließ. Vielleicht waren es die ansässigen Bergleute, die sich weigerten, mit den Kunstschätzen auch ihre Lebensgrundlage zu vernichten.

Die Bergung der Kunstobjekte in Altaussee dauerte Wochen. Und auch danach ging die Arbeit weiter. Fast täglich stießen Soldaten auf unerwartete Schätze, die in Kellern, Zugwaggons, Lebensmittellagern, Klöstern und Erdlöchern verborgen waren. Die letzten Monuments Men verließen Europa im Sommer 1946. Sie ließen zwei Kameraden zurück, die im Einsatz den Tod gefunden hatten.

Im Zuge ihrer Ermittlungen befragten die Monuments Men übrigens auch die Familie Gurlitt, deren geheimer Gemäldebesitz aktuell so viele Fragen aufwirft. Hildebrand Gurlitt, der Kunsteinkäufer Hitlers und Vater von Cornelius Gurlitt, musste sich den Fragen der Monuments Men stellen und die Herkunft von 200 Bildern aus ehemals französischem Besitz erklären. Gurlitt gab damals an, alle Bilder in den letzten Kriegsjahren legal gekauft zu haben. Rund 150 "Kunstwerke, Antiquitäten und Gegenstände von kulturellen Wert" wurden damals beschlagnahmt und erst 1950 an Gurlitt zurückgegeben. Ob es sich dabei um einen Teil der in München gefundenen Sammlung handelt, ist bisher nicht bekannt.

Zum Weiterlesen:

Robert M. Edsel, Bret Witter: "Monuments Men: Auf der Jagd nach Hitlers Raubkunst". Residenz Verlag, 2013, 542 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .

Konrad Kramar: "Mission Michelangelo - Wie die Bergleute von Altaussee Hitlers Raubkunst vor der Vernichtung retteten". Residenz Verlag, 2013, 200 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .

Artikel bewerten
4.8 (6 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Wolf - Dieter Böhrendt, 05.12.2013
Zu diesem Thema gibt es auch eine Doku von National GeographicTV - wir haben sie vor ein paar Tagen hier im ungarischen (!) Nat Geo TV gesehen, war sehr interessant!
2.
Rolf Schmitt, 05.12.2013
Der auf Foto 15 (rechts) und 16 abgebildete Harry L. Ettlinger besuchte 2011 nach 65 Jahren erstmals wieder das Salzbergwerk Heilbronn / Kochendorf, wo er als Monuments Man eingesetzt war. Dort sicherte er auch das Rembrandt-Selbstporträt. http://www.bruchsal.org/story/harry-l-ettlinger-nach-65-jahren-wieder-zur%C3%BCck-im-salzbergwerk-heilbronn-kochendorf Harry L. Ettlinger musste 1938 mit seiner jüdischen Familie aus Deutschland fliehen, 2011 wurde in Bruchsal ein innerstädtischer Platz nach seinem Großvater Otto Oppenheimer benannt: http://www.bruchsal.org/story/sie-kamen-von-weit-her Zur Bruchsaler Familie Oppenheimer und deren Nachfahren, denen zum Teil die Flucht gelang, ist ein Buch erschienen, zu dem auch Monuments Man Harry L. Ettlinger einen Beitrag verfasste: "Oppenheimer - Eine jüdische Familie aus Bruchsal" Herausgeber: Thomas Adam, Thomas Moos, Rolf Schmitt. Erschienen im Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher
3.
Georg Dr. Beckers, 05.12.2013
Zu kurz der Beitrag, dafür umso wertvoller in diesen Tagen der diffusen Faktenlage im 'Gurlitt'-Kunst-Drama Kontext. Und Danke auch für die Literaturhinweise - äußerst spannende Lektüre, vermutlich ...
4.
Tanja Bernsau, 05.12.2013
Zumindest eines der Bilder, die damals im Central Collecting Point Wiesbaden gelagert war, lässt sich auch heute noch in der Sammlung Gurlitt finden: Max Liebermanns "Reiter am Strand". Möglicherweise sind das noch mehr, aber solange nicht alle Kunstwerke bei lostart öffentlich zugänglich sind, ist das schwer zu sagen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH