US-Vizepräsidenten Regieren aus der zweiten Reihe

US-Vizepräsidenten sollten jahrzehntelang vor allem eins: repräsentieren. Doch dann begannen sie ihm Hintergrund die Strippen zu ziehen. Sie wurden zu heimlichen Regenten. einestages zeigt die wichtigsten US-Vizes - und sagt, was sie bewegt haben.

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"Es ist das bedeutungsloseste Amt, das jemals von Menschen ersonnen wurde", schimpfte der erste Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, John Adams, über seinen Posten. Nicht zu Unrecht. Denn ein Vizepräsident hat laut Verfassung nicht viel zu melden. Adams würde die Aufregung um das TV-Duell, das sich Sarah Palin, die Vizepräsidentschaftskandidatin des Republikaners John McCain, und ihr Gegenspieler Joe Biden von den Demokraten auf einem Universitätscampus in St. Louis im Bundesstaat Missouri liefern, vermutlich nicht verstehen.

Denn so bedeutungslos ist der Vize nicht - wenn ihn der Ruf als offizieller Nachfolger des Präsidenten ereilt. Und das passiert oft schneller als gedacht. Viele prominente Karrieren haben als Nachrücker begonnen, sei es weil der Amtsinhaber starb, abdankte oder abgesetzt wurde: Der Tod vom Franklin D. Roosevelt im April 1945, die Ermordung von John F. Kennedy 1963 und der Rücktritt von Richard Nixon 1974 im Zuge des Watergate-Skandals machten deutlich, wie rasch der Vize vom Reservisten zum Aktivisten werden kann. Harry Truman (Präsident von 1945-1953), Lyndon B. Johnson (1963-1969) und Gerald Ford (1974-1977) zogen quasi durch die Hintertür ins Weiße Haus ein.

Entsprechend sensibel reagiert die amerikanische Öffentlichkeit mittlerweile auf die Frage, wer denn Vizepräsident wird. Die Kriterien für die Auswahl der Kandidaten haben sich geändert. Ein freundliches Gesicht, das in das ideologische Schema der Partei passte, genügt nicht mehr. Der Kandidat muss das Format haben, notfalls selbst das Ruder in die Hand zu nehmen. Für manchen Kandidaten wurde das geforderte "presidential potential" zur Nagelprobe. Thomas Eagleton beispielsweise, der an der Seite des Demokraten George McGovern ins Rennen gehen sollte, zog 1972 seine Kandidatur zurück, nachdem seine psychischen Probleme bekannt und seine Leistungsfähigkeit in Frage gestellt worden war. Die Wahlkampfstrategen hatten erkannt, dass ein guter Vize ein Pfund war, mit dem die Partei wuchern konnte.

Der Vize als Pendant

Speziell seit den siebziger Jahren wählten Präsidentschaftsanwärter vorzugsweise solche Vize-Kandidaten, die in der Lage waren, ihre eigenen Schwächen ausgleichen. Jimmy Carter beispielsweise holte 1976 Walter Mondale, genannt "Fritz", an seine Seite. Mondale war ein Außenseiter, der sich für Randgruppen einsetzte und für die Einführung verschiedener Wohlfahrtsprogramme kämpfte. Was ihn so wertvoll machte: Er sicherte den Demokraten die Unterstützung der mächtigsten Gewerkschaften und der Liberalen des Nordens und der Ostküste. Und so urteilte die "New York Times": "Das stärkste Gespann, das die Demokraten überhaupt zusammenstellen konnten." Tatsächlich gewannen Carter und Mondale die Wahlen.

Vier Jahre später begab sich Schauspieler Ronald Reagan auf die Suche nach einem Partner, der vor allem eines können musste: politische Kompetenz verkörpern. Er wählte Georg Bush. Im Gegensatz zu Reagan, der seine politische Karriere bei den Demokraten begonnen hatte, war Bush tief in der Republikaner-Partei verwurzelt. Er galt als außenpolitisch versiert, weil er als US-Botschafter bei der Uno gearbeitet hatte, das amerikanische Verbindungsbüro in Peking geleitet hatte und nicht zuletzt Chef der CIA gewesen war. Gemeinsam trugen sie gleich zweimal den Sieg davon: 1980 und 1984.

Ähnlich erfolgreich bestritt das Duo Bill Clinton und Albert Arnold "Al" Gore zwei Wahlkämpfe - 1992 und 1996. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Im Gegensatz zu den anderen politischen Gespannen ergänzten sich Clinton und Gore nicht. Sie sind gleich alt, beide Südstaatler und haben auch identische ideologische Überzeugungen. Trotzdem erwies sich das Duo als schlagkräftig. George W. Busch hingegen setzte im Jahr 2000 auf das bewehrte Schema: Er wählte mit Richard "Dick" Cheney einen Kandidaten mit Kompetenzen, die er selbst nicht hatte: Cheney war lange Jahre Stabschef im Weißen Haus gewesen, er hatte das Amt des Verteidigungsministers bekleidet und war damit ein alter Washingtoner Politikhase. Auch Bush und Cheney gewannen zwei Wahlen - gemeinsam, 2000 und 2004.

Der Vize als Troubleshooter

Mit der wachsenden Bedeutung, die man den Vize-Kandidaten zumaß, wuchs auch ihr politischer Einfluss. Sie saßen nicht mehr nur dem Senat vor - wo sie nur dann ein Stimmrecht haben, wenn eine Pattsituation herrscht - , sondern wurden immer öfter in Entscheidungen eingebunden. Truman beispielsweise machte seinen Vize Alben Barkly zum Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates. Damit wurde einem Vize zum ersten Mal eine offizielle Position in der Exekutive zugestanden.

Wirklich revolutioniert hat allerdings erst Mondale das Amt des Vizepräsidenten. Er war der erste, der ein eigenes Büro im Weißen Haus bekam. Jeden Tag saß er praktisch Tür an Tür mit Carter und war dadurch in alle Entscheidung eingebunden. "Nothing propinques like propinquity" ("Nichts bringt einen so sehr zusammen wie Nähe") - soll er öfter über seine Zusammenarbeit mit Carter gesagt haben. Mondale war es, der das Amt des Vizepräsidenten aufwertete und den Reservisten schon zu Lebzeiten des Präsidenten zum Aktivisten machen: Seit Mondale ist der Vize Berater des Staatschefs, Troubleshooter und nicht zuletzt ein fester Bestandteil der Regierung.

Das gilt allerdings mit Einschränkungen. Denn es hängt vom jeweiligen Präsidenten ab, wie viel politischen Spielraum er dem Vize lässt. Für Ronald Reagan war der wichtigste Berater Stabschef Donald Regan. Während sich der Präsident nur mit Fragen beschäftigte, die er zuvor zur Chefsache erklärt hatte, überließ er Regan das Management der meisten anderen Probleme. "Ronald Reagan repräsentiert das Unternehmen (USA), Donald Regan aber führt es", schrieb DER SPIEGEL am 16. September 1985. Vize George Bush stand eher in der zweiten Reihe. Für ihn war es nicht immer leicht, Zugang zum Präsidenten zu finden. Als Reagan sich beispielsweise im Herbst 1985 einer Krebsoperation unterzog, war Bush nahezu der Letzte, der Reagan danach im Krankenhaus besuchen durfte.

Die mächtigsten Vize aller Zeiten

Ganz anders stellte sich die Amtszeit von Al Gore dar. Er war nicht nur Berater des Präsidenten, sondern gestaltete die Politik aktiv mit: Er hatte die Bedeutung des IT-Sektors erkannt und förderte seine Entwicklung. Er widmete sich der Umweltpolitik und gehörte zu den Befürwortern des Kyoto-Protokolls. "Schon jetzt hat Al Gore mehr Einfluss auf politische Entscheidungen als je ein Vizepräsident vor ihm", hieß es im Januar 1999 im SPIEGEL. Er bewog Clinton dazu, die Sozialhilfereform zu unterzeichnen. Er pochte auf Finanzdisziplin. Und auch die Erfolge in der Wirtschaftspolitik der Regierungszeit Clinton - nämlich der Haushaltsüberschuss und die gute wirtschaftliche Lage - werden in erster Linie Gore zugeschrieben.

Als noch einflussreicher gilt Gores Amtsnachfolger Dick Cheney. Politische Beobachter unterstellen, dass in Wirklichkeit Cheney regiere und Bush lediglich repräsentiere. Zweifelsohne ist Cheney der Architekt des Irakkriegs und der Antiterrorbekämpfung. Darüber hinaus leitete er die National Energy Policy Development Group - eine Task-Force zur Energiepolitik. Zweimal schon übernahm er für wenige Stunden das Präsidentenamt, weil Bush sich einer Darmspiegelung unterziehen musste. Cheney ist der wichtigste Politikberater von George Bush. Er ist die gefürchtete "Graue Emminenz" im Weißen Haus und gilt als exzellenter Strippenzieher.

Ganz so bedeutungslos, wie John Adams es empfand, ist das Amt des Vizepräsidenten also längst nicht mehr. Im Gegenteil: Der Vizepräsident wird heute allgemein als Mitglied der Regierung akzeptiert. Er verfügt über einen Stab von 70 Mitarbeitern. Wie groß sein politischer Einfluss ist, liegt allerdings allein im Ermessen des Präsidenten.

Fest steht indes: Auch für den Wahlkampf 2008 waren die Vizes unerlässlich. Auch von Joe Biden und Sarah Palin dürfte erwartet werden, dass sie die Schwächen der Präsidentschaftsanwärter kompensieren. Der bereits 71-jährige John McCain wählte mit Sarah Palin eine junge, dynamische Frau an seine Seite, die vor allem sein Alter wettmachen soll. Der junge, politisch unerfahrene Obama hingegen setzte mit dem bereits 65-jährigen Senator Joe Biden auf einen mit viel Erfahrung im Washingtoner Politikbetrieb.



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Friedrich Hattendorf, 03.10.2008
1.
Gerald Ford Stimmt es eigentlich, dass Ford der einzige US-Präsident war, der sich nie dem Volk zur Wahl gestellt hat?
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