Legendärer US-Politiker Debs Der Mann, der fünfmal Präsident werden wollte

Er sprang auf der Bühne herum, gestikulierte wild und bekniete das Publikum: Eugene Debs war der vielleicht begnadetste Wahlkämpfer des vergangenen Jahrhunderts. Fünfmal trat der Sozialist an, um US-Präsident zu werden. Fünfmal scheiterte er - und zählte dennoch nie zu den Verlierern.

Corbis

Hunderte Menschen drängelten sich am 3. Oktober 1908 auf dem Bahnsteig der New Yorker Central Station. Gespannt warteten sie auf den Wahlkampfzug "Red Special", der jeden Moment einfahren sollte. Alle wollten einen Blick auf Eugene Victor Debs erhaschen, den Präsidentschaftskandidaten der Sozialistischen Partei. Als der "Red Special" schließlich einfuhr, tobte die Menge und stürzte sich auf den Zug. Etliche Menschen fielen dabei zu Boden und wurden von dem hysterischen Mob niedergetrampelt.

Selbst Debs konnte seine hysterischen Fans nicht beruhigen und musste den Bahnhof durch einen Seitenausgang fluchtartig verlassen. Seit Anfang August war er mit dem "Red Special" auf Wahlkampftour. Szenen wie in New York spielten sich fast überall ab. Debs brachte das nicht mehr aus der Ruhe. Am nächsten Tag hielt er wie geplant im New Yorker Hippodrom seine Wahlkampfrede. Rund 10.000 Menschen waren gekommen, um ihr Idol zu hören. Kein Politiker vor ihm hatte es jemals geschafft, so viele Menschen in New York zu versammeln, stellte die "New York Times" anerkennend fest.

Fünfmal kandidierte Debs, der als Sozialist ein politischer Außenseiter war, für das Präsidentenamt: 1900, 1904, 1908, 1912 und 1920. Viermal ging er umjubelt auf Wahlkampftour und schaffte es trotzdem kein einziges Mal ins Weiße Haus. So viel Sozialismus wollten die Amerikaner dann doch nicht. Er hätte gut als wahlhistorisches Kuriosum oder als ewiger Don Quichotte, der verzweifelt gegen die Windmühlen des amerikanischen Establishments ankämpft, in die Geschichte eingehen können. Stattdessen ist er als erfolgreiche Polit-Ikone in Erinnerung geblieben, die so viele Stimmen für die Sozialisten eroberte wie nie.

Eine wahrhaft mitreißende Show

Das liegt vor allem an Debs selbst. "Die Leute lieben mich, weil sie wissen, dass ich sie liebe", pflegte er auf seine Popularität angesprochen zu sagen. Und ganz offen gab er immer wieder zu: Er sei nicht aus Präsidentenholz geschnitzt. Er mache allein aus Propagandagründen Wahlkampf. Wenn der Sozialismus einmal an die Macht käme, würde er zur Seite treten, für einen geeigneten Kandidaten.

Egal wohin er auf seinen diversen Wahlkampftourneen kam: Jede Halle war bis auf den letzten Platz belegt. 16.000 Menschen in Chicago. 25.000 Menschen in Milwaukee. Er sprach manchmal mehrmals an einem Tag und erreichte pro Wahlkampf in der Regel bis zu 300.000 Menschen direkt.

Keiner seiner Konkurrenten brachte es jemals auf diese Zahlen. Als der republikanische Präsidentschaftskandidat William Taft 1908 beispielsweise in seiner Heimatstadt Cincinnati auftrat, konnte er die dortige Musikhalle nur mühsam füllen. Wenig später trat Debs in derselben Halle auf. Hunderte Menschen mussten draußen bleiben, weil sie nicht mehr hineinpassten.

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Debs bot ihnen jedes Mal eine wahrhaft mitreißende Show. Während er sprach, ging er auf der Bühne hin und her. Er gestikulierte wild und redete sich so heiß, dass ihm der Schweiß in Strömen den Körper hinunterlief. Gelegentlich schüttelte er sich wie ein nasser Hund und die Tropfen stoben in alle Richtungen.

Der Kapitalismus habe den amerikanischen Traum von Gleichheit und die Aufstiegschancen jedes Einzelnen zerstört, war eine seiner Kernbotschaften. Oft kniete er sich an den Rand der Bühne, um seine Zuhörer noch besser zu erreichen. Und jedes Mal versprach er voller Inbrunst eine gerechtere, sozialistische Gesellschaftsordnung.

"Sein Gesicht sieht aus wie ein Totenkopf"

Wer Debs einmal gesehen hatte, erinnerte sich immer an ihn. Das lockte regelmäßig auch seine politischen Gegner an. Dazu zählte auch jener Reporter der "Los Angeles Times", der am 11. September 1908 den wohl am häufigsten zitierten Verriss über einen Debs-Auftritt verfasste. "Sein Gesicht sieht aus wie ein Totenkopf. Große prüfende Augen starren aus dunklen Höhlen unter den Brauen. Ein schmuddeliger Kragen ist eng um seinen sehnigen Hals geschlungen. Während er redet, beugt er sich so weit vor wie ein alter Mann, während sein furchterregendes Gesicht wie ein Geisterbeschwörer die Menge visiert."

Zwischen den Zeilen schwingt immer wieder die Frage mit: Wie füllt dieser alte, sabbernde Mann regelmäßig Halle um Halle? Doch viele Menschen - vor allen aus der Arbeiterklasse - sahen auf der Bühne etwas ganz anderes als der Reporter. Und zwar jenen Mann, der nicht nur aus Leidenschaft und Überzeugung sprach, sondern auch aus eigener Erfahrung. Sie hingen Debs an den Lippen, weil er anprangerte, was sie jeden Tag erlebten: Armut, Elend, harte Arbeit, Ausgrenzung und Ausbeutung.

Debs, geboren 1855, hatte als junger Mann jahrelang bei der Eisenbahn als Heizer gearbeitet und während der Fahrt die Kohlen in die Lokomotiven geschaufelt. Nach einem Intermezzo als Verkäufer in einem Lebensmittelladen begann er sich 1875 politisch für die Eisenbahner zu engagieren. Er trat der Bruderschaft der Heizer bei und arbeitete sich dort bis zu deren Generalsekretär hoch. 1893 legte er seinen Posten nieder, um eine der ersten Gewerkschaften in den USA zu gründen: die American Railway Union (ARU).

Gewerkschaftler durch und durch

Erfolgreich hatte die ARU im April 1894 die Great Northern Railway bestreikt und sämtliche Forderungen der Eisenbahner durchgedrückt. Weniger ruhmreich verlief wenige Wochen später der sogenannte Pullman-Streik. Die Pullman Company, die Eisenbahnwaggons baute, hatte etliche Arbeiter entlassen und dem Rest die Löhne gekürzt. Daraufhin solidarisierten sich die in der ARU organisierten Eisenbahner mit den Waggonbauern und ließen sämtliche von Pullman gebauten Züge stehen, mit der Folge, dass die Post über Tage liegen blieb.

Die Situation eskalierte: Washington setzte Soldaten ein, um den Streik zu beenden. Die Eisenbahner gingen auf die Barrikaden. 13 Menschen kamen dabei ums Leben. Und Debs wanderte wegen "Störung des Postverkehrs" für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Die konservative Presse kritisierte den Frontmann der Gewerkschafter, der aus ihrer Sicht viel zu weit gegangen war. "King Debs" titelte etwa die Zeitschrift "Harper’s Weekly" bösartig und monierte, dass Debs alles tue, um sich als Anführer der Arbeiter zu behaupten und damit der Nation schade.

Für die Arbeiter stand seither außer Frage: Debs trat nicht nur aus politischem Kalkül für ihre Interessen ein, sondern aus Leidenschaft. Oft genug bezeichnete er sich selbst als Prophet der Unzufriedenen. Und deshalb glaubten sie ihm auch im Wahlkampf sein größtes Versprechen: "Wir werden Kameraden sein, wir werden Brüder sein, und wir werden den Marsch zur größten Zivilisation antreten, die die Menschheit jemals gesehen hat."

Die drittstärkste Partei der USA

Dem Redner Debs gelang schließlich, was vorher über Jahre undenkbar schien: Er machte die einst so zersplitterte sozialistische Bewegung zur drittstärksten Partei in den USA. 1900 erhielt er nur etwas über 90.000 Stimmen. 1904 waren es bereits rund 400.000. 1908 konnte er trotz seines fulminanten Wahlkampfs nur ein Plus von 20.000 Stimmen verzeichnen. Der Durchbruch kam schließlich 1912: Knapp sechs Prozent der Wählerstimmen entfielen auf ihn - insgesamt knapp 900.000 Stück. Es war der Höhepunkt seiner Wahlkampfkarriere.

Debs hatte sich in den zwölf Jahren vollkommen verausgabt. Erschöpft und krank winkte er 1916 ab, als ihm die Kandidatur von seinen Parteikollegen erneut angetragen wurde. Zwei Jahre später meldete er sich aber mit einer fulminanten Anti-Kriegsrede auf dem politischen Parkett zurück. Aus tiefster Überzeugung protestierte er öffentlich gegen die Entscheidung der US-Regierung, in den europäischen Krieg einzugreifen. Er wurde daraufhin verhaftet und mit Hilfe des Sedition Act von 1918, der jegliche Kritik an der Kriegsentscheidung der Regierung untersagte, zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Er hatte die Folgen seiner Rede genau kalkuliert. Für ihn war die Haftstrafe das logische Ende seiner historischen Rolle als Prophet der Unzufriedenen. Er wollte letztlich damit ein politisches Zeichen setzen und sich im Gefängnis auf sein Altenteil zurückziehen. Dann kam doch alles anders. Denn die Partei zerfiel erneut. Einige ranghohe Mitglieder sagten sich von ihr los, weil sie im Gegensatz zu Debs für den Krieg waren, die anderen, weil sie mit den russischen Bolschewisten sympathisierten und sich Lenins kommunistischer Internationale anschließen wollten.

Kandidatur hinter Gittern

Debs entschloss sich daher, 1920 noch einmal zu kandidieren. Er hoffte, die Partei dadurch wieder zusammenbringen zu können. Natürlich schlug die Ernennung des Gefangenen No. 9653 zum Präsidentschaftskandidaten ein wie eine Bombe. Eine bessere Wahlwerbung konnte es nicht geben. Ein Foto vom Tag seiner Nominierung zeigt ihn in Sträflingsklamotten mit einem welken Strauß Nelken im Arm.

Der Wahlkampf von 1920 war der ruhigste, den Debs je führte. Dieses Mal gab es keine Reisen, keine erschöpfenden Reden, keine nächtelangen Sitzungen. Die einzige Werbung, die Debs machen durfte, war ein schriftliches Statement pro Woche, das nicht länger als 500 Wörter sein durfte. Stattdessen kamen zuhauf freiwillige Wahlhelfer zum Einsatz, die insgesamt fünf Millionen Flugblätter verteilten, Gemälde von Debs verkauften und sozialistische Literatur verteilten - immer unter dem Slogan: "Vom Gefängnis ins Weiße Haus."

Debs fuhr bei dieser Wahl so viele Stimmen wie nie ein (919.000) und scheiterte trotzdem grandios. Angesichts des neu eingeführten Frauenwahlrechts erhielt er nur 3,6 Prozent der Wählerstimmen. Auch wollte es ihm nicht gelingen, die Partei wieder zusammenzubringen. 1921 begnadigte Präsident Warren Harding seinen ehemaligen Rivalen. Debs starb am 20. Oktober 1926 später an Herzversagen.



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Peter sassnitz, 04.10.2012
1.
Mir gefällt es das eines Tages Menschen hervorholt die im Alltag zu verschwinden scheinen. Ich habe niemals vorher von Einem Debs gehört und mir gefällt es wie er gelebt hat und was er bewirkt hat. Wo bleibt diese Seite der freiheitlichen solidarischen Gesellschaft Amerikas? Ist sie vom Kapitalismus gekauft worden oder geschluckt. Danke mr. Debs und ein Dank an den Spiegel.
Nikita Aleinikow, 04.10.2012
2.
Zitat aus dem Artikel: "1893 legte er seinen Posten nieder, um eine der ersten Gewerkschaften in den USA zu gründen: die American Railway Union (ARU)" Gewerkschaften hat es in den USA, wie in allen vergleichbaren Ländern, auch in der Frühphase der Industrialisierung schon gegeben. In den USA also seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Schlagkräftigen bundesweit organisierte Gewerkschaften gibt es seit der Mitte der 1860er Jahre. Die ARU ist also definitiv nicht eine der "ersten Gewerkschaften" der USA. Sie ist allerdings eine der ersten sogenannten neuen Gewerkschaften, die auf der Basis von Industriezugehörigkeit statt auf der Basis von Berufsständen organisiert sind. Das heißt, dass in der ARU der hochqualifizierte Facharbeiter und der Hilfsarbeiter in der gleichen Gewerkschaft sind. Dies wird manchmal auch "industrielle" Gewerkschaft genannt, deswegen vielleicht die Fehlannahme in dem Artikel, dass die ARU die erste in der Industrie tätige Gewerkschaft war. Das war sie nämlich nicht.
György Lövey, 04.10.2012
3.
Einer der besten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart, der leider bereits verstorbene Kurt Vonnegut Jr. hat in unzähligen seiner Werken Debs mit den folgenden Zitat verewigt: "Solange ein krimineller Element gibt, ich bin Teil davon. Solange eine Seele im Kerker schmachtet, bin ich nicht frei." Vonnegut hat dieser Attitude mit dem Bergpredigt in einer Reihe gestellt. Er wäre ein Beispiel für heutigen Sozialisten die der Schwerpunkt ihrer politische Tätigkeit in Lobbyismus oder in der Verwaltung der Macht sehen.
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