USA in den Siebzigern Vereinigte Albträume von Amerika

USA in den Siebzigern: Vereinigte Alpträume von Amerika Fotos
Jacob Holdt

Er lebte in Slums, bei Mördern und Prostituierten: 1970 begann Jacob Holdt eine abenteuerliche Reise durch die USA. Fünf Jahre später kehrte der Däne mit Tausenden Fotos zurück, die das Bild von Amerika veränderten. Von

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Jacob Holdt war jung und zornig, als er sich 1970 aufmachte, die Welt zu verändern. Aufgewühlt durch den Vietnam-Krieg und erfüllt von wildem Idealismus wollte der junge Däne im Frühjahr 1970 nach Chile reisen, um dort für den Sozialismus und Salvador Allende zu kämpfen. Für seine skandinavische Heimat hatte Holdt damals nur Verachtung und Hass übrig: "Zerstört alle Scheiben im Lande!", schrieb er einem Freund aus Wut über die dänische Unterstützung der US-Politik in Südostasien. Nur so würde auch "der kälteste Konservative den Gestank napalmverbrannter Haut" bemerken.

Aus Abenteuerlust hatte der 23-jährige Pastorensohn seinen Trip nach Chile von Kanada aus über die USA geplant. Doch auf dem Weg nach Südamerika begegnete er in den USA so viel Ungerechtigkeit, Elend und Armut, dass er seine Pläne umwarf. Schockiert und gleichzeitig fasziniert von den Widersprüchen der amerikanischen Gesellschaft wollte er diese selbst so nah wie möglich erleben. Holdt ging überall dorthin, wo andere sich abwandten: Er hauste in den Ghettos der Schwarzen, lebte bei Prostituierten, Drogensüchtigen, Schwulen, ja sogar bei einem Mörder. Aber er war auch Gast in der weißen Oberschicht, bei reichen Sprösslingen von Bankern und Unternehmern. "Ich war auf den höchsten Zinnen in Amerika", sagte er später, "und in den tiefsten, schattenreichen Tälern am Rande des Grabes."

Erst mehr als fünf Jahre später, nachdem zwei seiner besten Freunde in den Slums von San Fransisco ermordet wurden, kehrte Jacob Holdt nach Dänemark zurück. Im Handgepäck hatte er 15.000 Diapositive: wütende und anklagende, tieftraurige und zärtliche Bilder von Amerika. Seine Kamera hatte er eigentlich nur als "eine Art Tagebuch" verstanden. Doch dem Hobby-Fotografen gelang damit eine verstörende, eindringliche Innenansicht der US-Gesellschaft, die die Sicht der Weltöffentlichkeit auf Amerika ändern sollte.

Bilder, mit dem eigenen Blut gezahlt

Bei fünfstündigen Diashows schockierte der Däne Zehntausende mit seinen intimen, nicht selten albtraumhaften Aufnahmen. Sein Fotoreisebuch "Bilder aus Amerika", zuerst erschienen 1977, wurde zum Welterfolg. Zahllose Ausstellungen zeigten Holdts einzigartiges Werk; in Deutschland zeigt derzeit das Museum für Photographie in Braunschweig unter dem Titel "Social Documents" die USA-Bilder Jacob Holdts und des französischen Fotografen Jean-Christian Bourcart.

Darunter ist etwa die Aufnahme eines jungen schwarzen Mädchens, das vor einem völlig vergammelten und verrosteten Kühlschrank nach Essbarem sucht. Oder das Porträt einer gebeugten, vom Leben gezeichneten schwarzen Greisin, die mit einem Strohbesen ihre ärmliche Holzhütte sauberzuhalten versucht. Es sind Fotos, die von Armut, Gewalt und Verzweiflung zeugen: eine Prostituierte, die sich einen Schuss setzt, eine grimmig weiße Seniorin, die mit einem Revolver die Eingangstür zu ihrer Hütte bewacht, ein junger Schwarzer, der inmitten seiner Armut sein wertvolles Gewehr pflegt.

Er habe diese Bilder mit seinem eigenen Blut bezahlt, erzählt Jacob Holdt gern und nicht ohne Pathos. Mit gerade einmal 40 Dollar in der Tasche kam er im Frühjahr 1970 an. Über Wasser hielt er sich, indem er zweimal wöchentlich Blut spendete - dafür gab es jeweils fünf Dollar. Ansonsten trampte der langhaarige Aussteiger mit dem Zopfbart und teilte das Leben von Menschen, die sich aus Hunger von Katzenfutter ernähren mussten, lebte mit ihnen unter Brücken oder in rattenverseuchten Baracken. Seinen "ökonomischen Durchbruch", schrieb der bekennende Antikapitalist später selbstironisch, habe er gehabt, als ihm einmal eine alte Frau 70 Dollar in die Hand drückte, damit er ihren Wagen wegbrachte.

Schlaflos in den Slums

Sein Vagabundendasein verstand Holdt als Lebensphilosophie, als "Versuch, sich dem Menschen vollkommen hinzugeben". Er wollte Distanzen und Schranken einreißen, Vertrauen gewinnen - nicht gerade einfach für einen Weißen in schwarzen Elendsvierteln. Doch dafür war Holdt bereit, an den Rand des Gesetzes und auch darüber hinaus zu gehen: Er stahl für Gauner, beteiligte sich an Raubzügen, schmuggelte Waffen für Indianer und unterstützte im Februar 1973 ihre legendäre Besetzung von Wounded Knee. So gelang es dem mittellosen Europäer und bürgerlichen Abenteurer, das Vertrauen von Menschen ganz am Rande der Gesellschaft zu gewinnen. Und nicht selten, sagt Holdt, habe das in sexuellen Beziehungen geendet; irgendwann unterwegs heiratete er eine farbige Amerikanerin.

Oft habe ihn die Angst und die Brutalität des Alltags in den Ghettos paralysiert, sagte Holdt später. In Detroit, damals der Stadt mit den meisten Morden in den USA, hallten nachts Schüsse durch die Slums. Holdt hauste in einer der engen Holzbaracken, deren Tür gesichert wurde, indem die Bewohner bei Dämmerung den schweren Kühlschrank davorschoben. Das Radio dudelte die ganze Nacht, um Einbrecher abzuschrecken. "Ich bin langsam zu einem Nervenwrack geworden", gestand Holdt 1971 seinen Eltern in einem Brief. Und blieb dennoch.

Nur indem er diese Intensität ertrug, konnte er derart atemberaubend authentische Fotos aufnehmen. Und durch die schiere Menge seiner Erfahrungen. Der Hippie aus Dänemark legte insgesamt 161.265 Kilometer durch 48 US-Bundesstaaten zurück und kam dabei bei insgesamt 381 Familien unter. Die Nähe, die er jedes Mal neu herzustellen versuchte, war nicht ungefährlich: Viermal, sagt Holdt, überfielen ihn bewaffnete Räuber und bei nächtlichen Schießduellen "flogen mir die Kugel um die Ohren". Einmal geriet er in einen Hinterhalt des rassistischen Ku-Klux-Klans. Sechsmal wurde er festgenommen oder inhaftiert. Mehrere enge Freunde wurden während seines fünfjährigen Roadtrips ermordet.

Steigender Hass auf die Weißen

Klar, dass dieser Lebensstil seine Wut weiter schürte und sein Weltbild festigte. Holdt machte das kapitalistische "System" für die explosiven sozialen Gegensätze, die er erlebte, verantwortlich. "Ich glaube, dass ich nach und nach auch meiner Kamera beibrachte, dasselbe zu sehen", schrieb er. Und gab offen zu: "Je länger ich hier wohne, desto mehr betrachte ich die Weißen mit den Augen der Neger, und es bleibt nicht aus, dass ich einen ständig aufsteigenden Hass auf sie in mir verspüre."

Plantagenbesitzer im Süden der USA, auf dessen Baumwollfeldern er schuftete, hielt er für moderne Sklavenhalter. Der Rassismus, glaubte er, werde in einer privatkapitalistischen Gesellschaft bewusst am Leben gehalten. Den schwarzen Mörder aus New Orleans, bei dem er wochenlang wohnte, sah er hingegen als Opfer. Er bewunderte die Rauschgiftsüchtigen und all die Amerikaner, die ohne Perspektive am Boden lagen, für ihren Lebenswillen. Und wer es dennoch schaffte, dem Ghetto zu entkommen, der war für ihn "eine Rose, der es glückte, durch den Asphalt hervorzuschießen".

Dennoch dokumentierte Holdt auch das andere, das reiche Amerika - vielleicht, weil der Kontrast die Ungerechtigkeiten umso stärker hervorstechen ließ. Er fotografierte genauso unaufgeregt und dokumentarisch in den Villen der weißen Oberschicht wie in den Baracken der Schwarzen. Aber er blieb stets auf einer Seite: "Jedesmal, wenn ich dieses gute Leben an der Spitze lebte, drohte ich daran zu ersticken und flüchtete so schnell wie möglich wieder hinaus auf die Landstraße."

Für "ein langweiliges, weißes Land" hatte Jacob Holdt die USA vor seiner Abreise 1970 gehalten. Mit seinen Fotos und den oft zornigen Texten gab ausgerechnet ein Weißer dem schwarzen, gedemütigten Amerika ein Gesicht - und ein Stückchen Würde.

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1.
Klaus Brock 01.02.2010
Ein sehr interssanter Artikel, aber bitte doch keine gedankenlosen, diskriminierenden Formulierungen wie "Er hauste in den Ghettos der Schwarzen, lebte bei Prostituierten, Drogensüchtigen, Schwulen, ja sogar bei einem Mörder". Bekanntlich sind ja Schwarze, Prostituierte, Drogensüchtige, Schwule und Mörder alle vom selben Schlag, oder ?
2.
Olaf Nyksund 01.02.2010
So, so - nach Cile, Sozialismus bauen? Warum in die Ferne schweifen? Hätte er doch einmal mit der Fähre nach Danzig übersetzen sollen. Da hätte er genug Sozialismus in ganz Osteuropa gehabt. Nur mit dem Fotografieren wäre ja nicht so einfach gewesen. Erstens gab es nur sozualistische Materialien und Kameras - nicht so toll. Zweitens gab es Fotoverbote überall, ganz anders als in den pösen-pösen USA. Drittens wären ihm spätestens bei der Ausreise die Filme weggenommen worden, und er selbst erst einmal der Spionage bezichtigt. Übertrieben? Keineswegs. DieFotos sind natürlich trotzdem faszinierend, wenn man sie aus ihrem ideologischen Korsett löst und als das betrachtet, was sie sind: Dokumentation von absoluten sozialen Randerscheinungen. Extreme Armut gab und gibt es überall. Auch im Sozialismus. Schade, dass der Autor es nicht bis zu Senor Allende geschafft hat, unter seiner Herrschaft blühte das lange Land ja bekanntlich so richtig auf... 1000% Inflation war da noch das geringste Übel...
3.
Pia schaf 01.02.2010
Ich bin mir nicht sicher - ob Herr Holdt oder Herr Gunkel nicht ganz von dieser Welt sind .. oder gar beide .. Die Story erinnert an die billigsten Groschenromane, mit überquellendem Phatos, dass es mir leicht übel wird. Und wie Herr brock vor mir schon schrieb (danke dafür!) - getreu dem Motto "kennst du einen - kennst du alle" reihe ich mich dann mal gerne ein, bei den Schwarzen und Mördern
4.
Christina Voigt 02.02.2010
Ich muss mich meinen Vorgängern anschließen. Der Artikel ist wirklich nicht gut geschrieben. Ich bin mit Jacob seit einigen Jahren befreundet und mit ihm vor 3 Jahren durch die USA gereist, um die Menschen von damals wieder aufzufinden und ihre Lebensgeschichte weiterzuverfolgen. Der Artikel wird Jacob Holdt als Person natürlich überhaupt nicht gerecht. Im flotten Ton wird da über Ereignisse in seinem Leben hinweggeschrieben, als wäre es ein Spielfilm, wo er aus Zuschauer mit zusah. Jacob Holdt hat wirklich viele Jahre unter schwierigsten Bedingungen gelebt und hat jetzt noch ein zwiespältiges Gefühl, dass er mit seinen Bildern so einen erfolg hatte. Ich finde es bemerkenswert, dass Holdt mit den Menschen von damals immer noch intensiven Kontakt pflegt, soweit diese noch leben und aufzufinden sind. Und der Kommentar: "Er hauste in den Ghettos der Schwarzen, lebte bei Prostituierten, Drogensüchtigen, Schwulen, ja sogar bei einem Mörder". Meine Güte! Wie weltfremd ist das denn? Holdt hat viele seiner Freunde durch Mord, Drogen, Krankheit verloren - und das sollte man nicht, wie Frau Schaf richtig schreibt, in einer Groschenroman-Manier runterschreiben. ich denke, der Autor hat Jacob Holdts Art und Weise zu erzählen, nicht verstanden. Holdt ist es müde, seine Geschichte immer und immer wieder zu erzählen und spielt mit den Journalisten, damit es ihm selbst nicht langweilig wird. Als Journalist sollte man so fragen, dass man wirklich Antworten bekommt und nicht den anderen langweilt. Hätte er Holdts Buch "Bilder aus Amerika"(nochmals) gelesen, hätte er den Beitrag sicher anders geschrieben. Herzliche Grüße, Christina Voigt
5.
Pia schaf 02.02.2010
Vielen Dank Frau Voigt, nun denke ich, es ist der Autor - von dem ich nichts mehr lesen muss. Dann schau ich mir das Buch doch mal an. Dann ist es auch leichter, sich eine eigene Meinung zu bilden :) Rezensionen sind toll - können aber auch das Gegenteil bewirken ... ja, ja .. die Macht der Worte
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