Militärische Superwaffe Amerikas Kamel-Kavallerie

Importkamele aus Afrika sollten vor 150 Jahren zur Superwaffe der US-Armee werden. Anfangs überzeugten die Stute Topsy und ihre Kollegen. Doch sie endeten als Zirkusattraktion, "Wüstengeister" oder Dörrfleisch.

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Von Stefan Wagner


Als Topsy amerikanischen Boden betritt, gibt es kein Halten mehr. Das Trampeltier schreit, springt herum, schlägt mit den Hinterbeinen aus. Es wälzt sich im Staub und reißt Befestigungspflöcke aus dem Boden. "Die Tiere waren so aufgeregt, dass es fast unmöglich war, sie im Zaum zu halten", schreibt Henry Wayne, Leiter der Expedition, "sie zeigten ihre immense Freude darüber, wieder auf festem Boden zu sein."

Drei stürmische Monate, von Februar bis Mai 1856, hatte die Schiffsreise der 35 Kamele und Trampeltiere vom Mittelmeer in den texanischen Hafen Indianola gedauert. Für den Transport erhielt die "USS Supply" gläserne Bullaugen, Frischluftluken, Halterungen zum Festbinden der Tiere und tonnenweise Heu. Immerhin ging es, wie manche damals glaubten, um die Zukunft der US-Armee.

Nun ist sie an Land: die neue Truppe aus Trampeltieren und Dromedaren. Das "Camel Corps" soll in den Wüsten des amerikanischen Südwestens agieren - als Transporteinheit wie auch für Kampfeinsätze gegen Indianer und zum Schutz der Außengrenzen der USA. Seit Jahrzehnten schon halten manche Militärs Kamele im trocken-heißen Klima für viel besser geeignet als Pferde, Maultiere und Esel.

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Kamele in der Army: Die Trampeltiertruppe

US-Kriegsminister Jefferson Davis treibt schließlich die Idee voran. 1855 bewilligt der Kongress 30.000 Dollar für das Kamel-Experiment. So beginnt eine der schrägsten Episoden der amerikanischen Militärgeschichte.

Topsys Leben der nächsten Jahrzehnte erinnert ein wenig an die Filmfigur des Forrest Gump, der, von Glück und Zufall gesteuert, durch die Zeitläufte stolpert. Topsys irre Karriere umfasst Stationen als Transporttier und Indianerkämpferin, als Zirkusattraktion, Hollywoodrequisit und Postkamel. Die Kamelstute hilft beim Bau des Highways aller Highways, der Route 66, und wird in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die Top-Attraktion des Zoos von Los Angeles.

Kamelen genügt karge Kost

Monatelang kreuzte die "USS Supply" im Mittelmeer, kaufte Kamele in Tunesien, Ägypten, Malta und der Türkei. Expeditionsleiter Wayne besuchte Zoos in Paris und London, sprach mit Experten und Forschern und warb Kameltreiber an. Bei einem Kurztrip auf die Krim fragte er britische Offizieren nach ihren Kamel-Erfahrungen im Krimkrieg.

Als Topsy und ihre ein- und zweihöckrigen Kollegen ankommen, ist die Skepsis groß. Die ihnen zugeteilten Soldaten hassen die Unberechenbarkeit der Kamele, die aggressiv reagieren, wenn sie falsch behandelt werden. Sie schlagen, stampfen, beißen. Verärgert spucken sie wiedergekautes Futter um sich. Ihr durchdringender ungewohnter Geruch macht Maultiere und Pferde panisch.

Doch erste Tests versprechen viel: Die vierbeinigen Spezialkräfte erweisen sich rasch als ausdauernder, kräftiger und widerstandsfähiger als andere Tragetiere. Ihr Futter muss nicht mitgeschleppt werden, den Kamelen reicht die karge Wüstenvegetation entlang der Strecke. Sie tragen bis zu 350 Kilo Last, marschieren 45 bis 60 Kilometer am Tag und kommen schon mal acht bis zehn Tage ohne Wasser aus. "Stoisch ziehen sie ihrer Wege, während Maultiere und Pferde mit dem todbringenden Klima zu kämpfen haben, verhungern und verdursten", berichtet der Befehlshaber eines der ersten Belastungstests.

Die Tiere werden für den Bau einer Straße zwischen Fort Defiance und dem Colorado River eingesetzt. Unerschlossenes Gebiet, heiß, trocken, erbarmungslos. Eine dreieinhalb Meter breite und 2000 Kilometer lange Strecke für Kutschen sollen die Pioniere anlegen, Felsblöcke und Gestrüpp beseitigen, Steilstrecken abflachen. Die Planwagenpiste ist der Vorläufer der berühmtesten Straße der USA - der Route 66.

Topsy und ihre Kameltruppe ernten Lobeshymnen: "Noch nie gab es etwas so Geduldiges, Ausdauerndes und Angenehmes wie diese edlen Tiere. Es gibt keinen, der sie nicht bewundert oder der nicht froh über ihre Anwesenheit wäre", schwärmt Edward Beale, der die Pioniereinheit anführt.

Wasserscheu? Von wegen

Als sich die Expedition in einem Canyon verläuft und erste Maultiere verdursten, schickt der Brigadegeneral einige Soldaten auf Kamelen auf Wassersuche. Sie reiten 30 Kilometer, finden dank der Wüstentiere einen Bach und bewahren die gesamte Unternehmung vor dem Scheitern.

Kurz vor dem Ziel erreicht die Straßenbaukarawane den Colorado River. Beale ist besorgt, hat er doch gehört, dass Kamele nicht schwimmen können. Doch freudig stürzen sie sich ins Wasser und durchqueren vollbeladen den Fluss. Zwei Pferde und zehn Maultiere ertrinken, alle Kamele erreichen das andere Ufer.

"Spätestens jetzt waren die Generäle überzeugt, eine neue Superwaffe für Transport und Kriegsführung in den Wüsten des Südwestens entdeckt zu haben", schreibt Historiker Forrest Bryant Johnson in seinem Buch "The Last Camel Charge". In Kalifornien unterzieht die Armee die Kamele weiteren Tests.

Hier kommt es auch zum einzigen Kampfeinsatz des Camel Corps: Als Indianer einen Nachschubtransport angreifen, gelingt es den Verteidigern, die Mojave-Krieger in die Flucht zu schlagen. Möglich, dass es auch am ungewohnten Anblick der attackierenden Kamele lag. Nur beim Versuch, sie für den schnellen Posttransport einzusetzen, versagen die Kamele. Nach mehreren strammen Ritten mit hohem Tempo sterben die Ausdauerkünstler an Erschöpfung.

Topsy, nicht geschlachtet, wird Zirkuskamel

Trotz aller Euphorie über die Tugenden der Kamele kommt der Ausbau dieser Spezialtruppe nicht voran. Im Zuge des Konflikts zwischen den Nord- und Südstaaten verschieben sich die Kongress-Prioritäten. Flotte und widerstandsfähige Spezialeinheiten im Westen der USA sind nun nicht mehr bedeutsam. Und: Der einstige Kriegsminister Jefferson Davis ist jetzt Führer der abtrünnigen Südstaaten. Dass er sich für das Kamel-Experiment eingesetzt hat, wird zum Handicap.

Mit Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-65) gerät das gefeierte Corps in Vergessenheit. Niemand weiß so recht etwas mit den Tieren anzufangen. Die zwei Herden - eine in Texas, die andere in Kalifornien - werden zunächst durchgefüttert und als Packtiere eingesetzt. Gegen Kriegsende verhökert die Armee die Tiere zu Preisen von 31 bis 56 Dollar.

Die einstigen Hoffnungsträger der US-Armee dürfen auf Dorffesten Kinder im Kreis herumtragen, nehmen an Kamelrennen teil oder arbeiten als Tragetiere für Minenunternehmen. Andere werden geschlachtet und zu Dörrfleisch verarbeitet. Topsy hat Glück. Sie und ein halbes Dutzend weitere ehemalige Camel-Corps-Tiere treten im Ringling Brothers Circus auf. Hollywoodfirmen mieten Topsy für Rollen in Wüstenromanzen, wo sie Stummfilmstars in kalifornischen Wüstenlandschaften orientalisches Flair verleiht.

Andere Kamele werden von ihren Besitzern schlicht laufengelassen, um Futterkosten zu sparen. Noch Jahrzehnte später gibt es Berichte von "Wüstengeistern": Kamele, die in den trockenen Landschaften Kaliforniens, Arizonas und Nevadas herrenlos umherirren.

"Red Ghost": Eine Leiche im Sattel

Eines der Tiere wird als "Red Ghost" berühmt. Und das kommt so: 1883 findet man in Arizona eine zu Tode getrampelte Frau und an ihrem Körper Büschel rötlichen Haares, daneben riesige Hufspuren. Etwas später zerstört ein großes Tier ein Zelt, in dem zwei Minenarbeiter schlafen. Und wieder sind rote Haarbüschel in der Nähe.

Bei weiteren Sichtungen erkennen Cowboys, dass es sich um ein riesiges rotes Kamel handelt - und im Sattel ein festgebundener, mumifizierter Toter sitzt. Immer wieder taucht das Tier mit dem Leichnam auf und verbreitet Angst und Schrecken. Erst 1893 erschießt ein Farmer "Red Ghost". Der Tote ist inzwischen verschwunden, doch trägt das Tier noch Sattel und Lederriemen, mit denen der unbekannte Reiter festgeschnallt war.

Und Topsy? Auf dem Weg zu einem Filmdreh wird das Kamel bei einem Zugunfall schwer verletzt. Topsy kommt in den Griffith Zoo in Los Angeles und avanciert zum Publikumsliebling. "Gelassen betrachtet Topsy die Besucher mit toleranten Augen", schreibt die Zeitung "Baltimore Sun" 1931, "sie hat viel gesehen und ist in ihrer bunten und ereignisreichen Karriere weit herumgekommen."

Drei Jahre später muss Topsy eingeschläfert werden, vermutlich mehr als 80 Jahre alt. "Letztes amerikanisches Kamel gestorben", berichten kalifornische Zeitungen. Topsy wird eingeäschert, ihre Asche in der Wüste Arizonas verstreut - am Grab ihres früheren Kameltreibers.

insgesamt 3 Beiträge
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B Boedeker, 06.07.2017
1. Dann schreibt bitte mal über die Kamele in Australien
Die haben im 19. Jahrhundert geholfen, den Kontinent zu erschließen, waren Jahrzehnte im Einsatz, zusammen mit ihren häufig aus Afghanistan eingewanderten (importierten) Betreuern, die so auch zum Grundstein den arabisch-afghanischen Besiedlung Australiens geworden sind. Seit es zuverlässige Kraftfahrzeuge gibt, werden sie nicht mehr gebraucht und laufen als verwilderte Kamele durch das Outback, sind auch manchmal Touristenattraktion, aber werden auch in die arabischen Länder exportiert.
johannesbueckler, 06.07.2017
2. Jefferson Fines Davis war
"President of the Confederate States".....Zwar nur 1861 bis 1865 aber mehr als nur "Führer"....
Richard Heinen, 07.07.2017
3. Kamele und Trampeltiere?
Richtig ist: Dromedare (1 Höcker) und Trampeltiere (2 Höcker). Sie werden als beide der Gruppe der Schwielensohler, besser bekannt als Kamele, zugeordnet.
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