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Terror-Mahnmal in der Wüste Frankreichs wunder Punkt

Terror-Mahnmal in der Wüste: Frankreichs wunder Punkt Fotos
AFP

Mitten in der Sahara hebt sich ein dunkler Steinkreis aus dem Sand. Vor kurzem sorgte die merkwürdige Struktur für Verwunderung im Netz. Sie erzählt die Geschichte von Frankreichs größtem Terroranschlag - und dem jahrzehntelangen Kampf eines Mannes um Gerechtigkeit. Von

Einmal kam er seinem Gegner ganz nah. Es war ein Februarmorgen im Jahr 2002 und im Radio erzählte der Frühmoderator, dass Saif al-Islam al-Gaddafi, der Sohn des damaligen libyschen Diktators, heute in Paris eine Vernissage eröffnen sollte. Als Guillaume Denoix de Saint Marc, dem damals eine Marketingfirma in Paris gehörte, von der Veranstaltung hörte, kam Wut in ihm auf: "Ich wollte erst noch zum Schlachter und Gaddafi einen Eimer Blut über den Kopf kippen", erinnert sich Denoix de Saint Marc. Dann entschied er sich doch dafür, erst einmal ruhig zu bleiben und zu hören, was der Despotensohn zu erzählen hatte.

Über einen Freund ergatterte Denoix de Saint Marc ein Ticket für die Abendveranstaltung. Auf dem Event sprach der junge Gaddafi schließlich über das libysch-französische Verhältnis und einen Flugzeugabsturz, der die Beziehungen zuletzt stark belastet hätte. Doch inzwischen sei der Fall ja aufgeklärt und abgeschlossen, wie ihm die französische Regierung versichert habe, sagte Gaddafi. "Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte", erinnert sich Denoix de Saint Marc.

Zornig stürmte er nach der Ansprache auf Gaddafi zu. Er schrie: "Mein Vater war in diesem Flugzeug."

Frankreichs vergessener Terroranschlag

Am 19. September 1989 stürzte eine Maschine vom Typ DC-10 mitten über der Ténéré-Wüste im Niger ab. Der Flug der französischen Airline UTA mit der Nummer 772 war auf dem Weg von Brazzaville nach Paris, als eine Bombe in einem eingecheckten Koffer explodierte. Keiner der 170 Menschen an Bord überlebte das Unglück. Die Opfer kamen aus 18 verschiedenen Ländern, die meisten aus Frankreich, dem Kongo, dem Tschad und den USA. Einer von ihnen war Jean-Henri Denoix de Saint Marc, der Vater des wütenden Mannes aus Paris.

Bis heute gilt UTA-Flug 772 als der größte Terroranschlag der französischen Geschichte. Zuletzt erinnerte ein Internet-Hype an das Unglück. Aufmerksame Satellitenbild-Surfer hatten mitten in der Wüste eine merkwürdige Struktur entdeckt: einen großen schwarzen Steinkreis mit der Silhouette eines Flugzeugs. Es war die Gedenkstätte für die Opfer des UTA-Flugs 772, die Angehörige 2007 am Unglücksort errichtet hatten.

An den Anschlag können sich heute nur noch wenige erinnern – vielleicht, weil es bis heute so viele Unklarheiten gibt. Vielleicht, weil es nicht so eindeutig ist, wie bei vielen anderen Terrorattacken, bei denen sich die Attentäter meist binnen kurzer Zeit zu ihrer Tat bekennen.

1999 verurteilte ein französisches Gericht sechs Libyer - in ihrer Abwesenheit - zu lebenslanger Haft. Offenbar hatten sie im Auftrag des libyschen Geheimdiensts einen jungen Kongolesen für die Tat angeworben und ihn nach Tripolis eingeladen. Das Motiv soll angeblich Frankreichs Engagement im Tschad in den siebziger und achtziger Jahren gewesen sein. Offiziell hat sich Libyen jedoch nie zu der Tat bekannt.

Denoix de Saint Marc, der aufgebrachte Mann, der beinahe Gaddafis Sohn mit Blut überschüttet hätte, wollte, dass sich das ändert.


Satellitenbild: Die Gedenkstätte für die Opfer des UTA-Flugs 772 in der Ténéré-Wüste im Niger ist noch aus großer Höhe zu erkennen.


Verdutzt ließ der junge Gaddafi den Wüterich reden, den er vor sich hatte. Aufgebracht erklärte Denoix de Saint Marc, dass der Fall alles andere als abgeschlossen sei, schließlich seien die Verurteilten immer noch auf freiem Fuß. Doch sollte Gaddafi ein ehrliches Interesse an der Aufklärung des Absturzes haben, dann, so Denoix de Saint Marc, würde er ihm helfen. Zwei Tage später zitierte Gaddafi den überraschten Franzosen in sein prunkvolles Pariser Hotelzimmer.

Das Gespräch dauerte drei Stunden. Am Ende machte Gaddafi seinem Gegenüber ein Angebot: Denoix de Saint Marc solle zu Verhandlungen nach Libyen kommen.

Bis dahin war er ein Kaufmann gewesen, der ein Marketingunternehmen in Paris leitete. Plötzlich lag es in seiner Verantwortung, um Entschuldigungen, die Festnahme der Täter - oder wenigstens eine angemessene Entschädigung für alle Angehörigen zu feilschen. Er steigerte sich so in seine neue Rolle, dass er seine Pariser Firma vernachlässigte - bis diese dichtmachen musste. Stattdessen gründete er eine Hinterbliebenenorganisation und versuchte, mit den Familien des Flugs 772 in Kontakt zu treten. So wollte er möglichst gut vorbereitet sein, wenn er mit Gaddafi und seinen Spitzeln in Verhandlungen trat.

Unterwegs mit der Maschine des Premierministers

Gut ein Dutzend Mal reiste Denoix de Saint Marc in den nächsten zwei Jahren in das nordafrikanische Land. Manchmal kehrte er mit surrealen Erfahrungen wieder nach Hause zurück. In einem Buch, das er über die Zeit geschrieben hat, erinnert er sich, wie er eines Abends bei Gesprächen mit Gaddafis Sohn vor der Diktatorenvilla saß - und plötzlich aus den Schatten im Vorgarten weiße Tiger brüllen hörte. "Er hat mir alles von seinen Tieren erzählt - und wie hungrig sie seien", erinnert sich Denoix de Saint Marc. "Es hat einen kurzen Moment gedauert, bis ich verstand, dass er nur Spaß machte."

Damals telefonierte er regelmäßig mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac, seinem Außen- und Premierminister. Für eines der Meetings überließ ihm der Premier sogar sein Dienstflugzeug. "Wir hatten die volle Unterstützung der französischen Regierung."

Der Hilfe von oben konnte sich Denoix de Saint Marc auch deshalb sicher sein, weil damals - kurz nach Ausbruch des Irak-Kriegs - ein anderes Flugzeugattentat auf diplomatischem Parkett verhandelt wurde, das erstaunlich viele Parallelen zu dem UTA-Flug aufwies: Der Absturz einer amerikanischen Pan-Am-Maschine über dem schottischen Städtchen Lockerbie im Dezember 1988. Damals starben 270 Menschen. Auch hier explodierte eine Bombe in einem Passagierflugzeug. Auch hier galt Gaddafi als Strippenzieher. Wenn sich also im Fall Lockerbie etwas bewegte - so die Vermutung Denoix de Saint Marcs und seiner Regierung - dann könnte sich auch etwas bei UTA-Flug 772 bewegen.

Eine Million Dollar für jedes Opfer

Und tatsächlich übernahm das Gaddafi-Regime - auf Druck der USA und Großbritanniens - bald die Verantwortung in Sachen Lockerbie. Erst als Frankreich über Monate Sanktionslockerungen gegenüber Libyen blockierte, und immer wieder Denoix de Saint Marc in neue Verhandlungen schickte, gab Tripolis schließlich auch bei UTA-Flug 772 nach - und zahlte im Januar 2004 170 Millionen Dollar Entschädigung, eine Million für jedes Opfer. Denoix de Saint Marc war am Ziel, auch wenn der Diktator offiziell keinerlei Verantwortung übernahm.

Nun war es an Denoix de Saint Marcs Organisation, den Angehörigen die Millionen zu überweisen. "Ich ging in den Tschad, nach Marokko, Südamerika, um all die Familien zu finden und ihnen zu erklären, was passiert ist." Viele von ihnen hatten nicht mitbekommen, dass es Verhandlungen gegeben hatte. Andere wollten das Geld nicht. 2012 wurde die letzte Familie ausbezahlt. Die abgelehnten Millionen gingen zurück auf das Konto der Gaddafi-Stiftung.

Von den Zinsen, die sich in der Zwischenzeit auf dem Konto von Denoix de Saint Marcs Organisation angehäuft hatten, konnte der Verband 2007 schließlich die Gedenkstätte in der Wüste bauen - jenen Steinkreis, den Satellitenbild-Surfer im Internet entdeckten.

Weil er den Leichnam seines Vaters nie gesehen hat, war die Begegnung mit dem Unglücksort für Denoix de Saint Marc enorm wichtig. "Es war merkwürdig und mächtig zugleich", erinnert er sich. Noch immer lagen Sitze, Kontrollpulte, Triebwerksteile und sogar Messer und Gabeln im Sand - genau dort, wo sie etwa zwei Jahrzehnte zuvor eingeschlagen waren. "Mitunter fanden wir noch 100 Kilometer weiter Trümmerteile."

Von der Unglücksstelle nahm Denoix de Saint Marc einen Sicherheitsgurt mit, den er seitdem immer bei sich trägt. Die Metallschnalle mit dem UTA-Logo ist durch den Crash komplett verbogen. "Man kann sich nur ausmalen, wie es wohl den Menschen in der Maschine ergangen sein muss", sagt Denoix de Saint Marc nachdenklich. Er ist heute 50. "Ein Jahr älter, als mein Vater geworden ist."

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Michael Köhler, 21.02.2014
Respekt.
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