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Erste deutsche Tiefsee-Expedition Der Runtergang

Erste deutsche Tiefsee-Expedition: Monsterjagd in Seelilienwäldern Fotos
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Aus der Tiefe des Meeres bargen sie Lebewesen, die kein Mensch für möglich gehalten hätte: 1898 startete die erste deutsche Tiefsee-Forschungsexpedition - dank nationaler Minderwertigkeitskomplexe. Von

Ein Monstrum hatten sie aus dem Wasser gefischt: Zähne wie Messer spickten sein Maul, die schwarzgraue Haut war übersät mit Dornen. Mitten aus dem Kopf wuchs eine Art Angel. Zum Glück war das Biest recht klein geraten. Nur viereinhalb Zentimeter zählte der Bucklige Anglerfisch, den die Besatzung des deutschen Forschungsschiffes "Valdivia" am 11. März 1899 im Indischen Ozean aus rund 2500 Metern Tiefe an die Oberfläche brachte.

Zwei Stunden Lebenszeit waren dem Tier noch vergönnt, nachdem die Biologen es in ein Wasserbecken gebracht hatten. Der Zeichner Fritz Winter, der den skurrilen Meeresbewohner aquarellierte, kommentierte den Fund: "Man meint, unser Herrgott habe alle Dummheiten, die er gemacht, in die Tiefsee versteckt".

Über diese aus dem Wasser gefischten "Dummheiten" war der Expeditionsleiter Carl Chun höchst erfreut. Schließlich war Deutschland seiner Meinung nach im "Wettstreit mit anderen Kulturnationen" um die Erforschung des größten Lebensraums der Erde weit abgeschlagen. In seinem neuen Buch "Valdivia" rekonstruiert Schriftsteller Rudi Palla, wie die Erste Deutsche Tiefsee-Expedition diesen Rückstand aufholen wollte.

Wettlauf in die Tiefe

300.000 Mark bewilligte der Deutsche Reichstag im Januar für das Vorhaben, Kaiser Wilhelm II. war begeistert. Der Monarch strebte nach "Weltgeltung", was neben einer starken Flotte auch herausragende Forschungserkenntnisse erforderte. Seit Jahren neideten die Deutschen den Briten ihre Erfolge in der Meeresforschung. Allein die vierjährige britische "Challenger-Expedition" hatte ab 1872 mehr als 4000 neue Tierarten in den Ozeanen entdeckt. Carl Chun wusste diesen nationalen Minderwertigkeitskomplex geschickt auszunutzen.


2014 gelang es kalifornischen Forschern erstmals, einen Buckligen Angerfisch in freier Wildbahn zu filmen.

MBARI

Der Professor von der Universität Breslau, der während seines Studiums wegen der Schauerlichkeit mancher Krankheiten von der Medizin zur Zoologie gewechselt war, galt als Koryphäe auf dem Gebiet der Rippenquallen und Tintenfische. "Wälder von Seelilien, Beete reizvoller Glasschwämme mit duftigen Kieselskeletten", so versprach Chun 1897 in einer Rede vor der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, wolle er entdecken. Und appellierte an den Nationalstolz, dass "es im deutschen Interesse liegt, hinter anderen Nationen nicht zurückzustehen".

Am 31. Juli 1898 legte der Schraubendampfer "Valdivia" in Hamburg ab, fast 100 Meter lang, knapp 11 Meter breit. Zwei Monate lang war das ehemalige Fracht- und Passagierschiff umgebaut worden. Labore wurden ebenso eingerichtet wie eine Dunkelkammer für den Zeichner und Fotografen Fritz Winter. Carl Chun koordinierte neben Zoologen auch einen Ozeanographen, einen Botaniker und einen Chemiker, Kapitän Adalbert Krech befehligte die 43 Mann starke Besatzung.

Der schwer übergewichtige Krech mit seinem imposanten Ziegenbart war ein echter Seebär. Selbst mit Lungenentzündung stand er auf der Brücke und kommandierte sein Schiff. Und auch bei stärkerer Dünung hielt er die "Valdivia" so ruhig, dass die Forscher ihre Netze in die Tiefe hinabgleiten lassen konnten.

Champagner vom König

In der Nähe der Faröer-Inseln ließ die "Valdivia" ihr Grundnetz zum ersten Mal auf den Meeresboden hinab. Langsam nahm das Schiff Fahrt auf und zog das Netz in 486 Metern Tiefe über den Grund. Als es wieder an Deck kam, staunten die Forscher über den Artenreichtum: bleiche Glasschwämme, rote Schlangensterne und furchteinflößende Asselspinnen, deren ganzer Körper aus langgliedrigen Armen besteht. "Die Stimmung ist eine allseitig gehobene", notierte Chun.

Noch wenige Jahrzehnte zuvor hatte die "Abyssus-Theorie" behauptet, dass ab einer Meerestiefe von 500 Metern kein Leben mehr möglich sei. Nun zogen Chun und seine Mannschaft wie zuvor die Challenger-Expedition einen Gegenbeweis nach dem anderen aus dem Wasser. Glücklich schrieb Chun, dass "selbst die zartesten Organismen in so gewaltigen Tiefen noch lebend ihr Dasein fristen vermögen".

Aus dem kalten Norden steuerte die "Valdivia" bald Richtung Kamerun - auch aus machtpolitischen Gründen. Seit 1884 galt das afrikanische Land als deutsche Kolonie. Chun begeisterte sich zwar für die Fauna und Flora der Ozeane, aber weit weniger für die Einheimischen: Den Männern vom Stamm der Bakwiri attestierte er kurzerhand "angeborene Indolenz", also Trägheit und Gleichgültigkeit, während August Manga Bell als König der Duala eher nach seinem Geschmack war - schließlich bewirtete der Monarch die Weißen mit Champagner. Im Gegenzug wurde er auf das Schiff eingeladen.

Vom Landgang brachten einige Deutsche allerdings ein ungewünschtes Mitbringsel mit: Sie hatten sich mit Malaria infiziert. Trotzdem setzte die "Valdivia" ihre Fahrt Richtung Südpolarmeer fort. Wenn die Männer nicht ihre Netze in die Tiefe ließen, jagten sie an der Oberfläche. Einmal fingen sie einen Albatros. Anschließend wurde der riesige Vogel getötet, seine Schwimmhäute endeten als Tabaksbeutel, die Knochen als Rohre für die Pfeifen der Seeleute.

Schneeballschlacht und Tropenhitze

Während die Temperaturen fielen, nahm der Seegang zu. "Eine wild aufgeregte, prachtvoll blau und weißschäumende See", schwärmte Chun in seinen Reiseaufzeichnungen. Mit Gepolter fuhr das deutsche Schiff durch Eisfelder, obwohl es für diesen Einsatz nicht gebaut worden war. Selbst im südlichen Ozean fischten die Männer noch reiches Leben aus einer Tiefe von bis zu 5000 Metern: Strahlentierchen, Muschelkrebse und Ruderfußkrebse.

Während die Deutschen die eisigen Temperaturen mit einer Schneeballschlacht feierten, war ein Besatzungsmitglied wenig angetan. Ein Schwarzer, der in Kamerun als Labordiener angeheuert worden war, verbarrikadierte sich in seiner Koje. Zu seinem Glück wendete die "Valdivia" bald wieder Richtung Norden. Im Indischen Ozean litten nun die Deutschen unter den Temperaturen. Kapitän Krech missbrauchte kurzerhand die Eismaschine der Wissenschaftler: Er ließ ein Fass durchsägen, eine Hälfte mit Eis auffüllen und setzte sich hinein.

Derweil füllten sich die Aquarien, Glasbehälter und Reagenzgläser: Korallen, blutrote Seesterne und Garnelen mit gewaltigen Fühlern. Aber auch Landtiere machten inzwischen das Deck unsicher - viele Seeleute hatten sich auf Sumatra Affen gekauft.

Am 1. Mai 1899 legte die "Valdivia" wieder in Hamburg an, frenetisch gefeiert von der Öffentlichkeit. Knapp 60.000 Kilometer hatte das Schiff zurückgelegt, bei 274 Stopps die Meerestiefe bestimmt und die Netze hinuntergelassen. Jeder Meeresorganismus, der aus der Tiefe geholt worden war, wartete nun auf seine exakte Bestimmung. Die Arbeit sollte noch Jahrzehnte dauern.

Erst 1940 erschien der letzte von 24 Bänden der "Wissenschaftlichen Ergebnisse der Deutschen Tiefsee-Expedition". Carl Chun erlebte die Vollendung des Werkes nicht mehr - er war bereits 1914 verstorben. Und sollte so niemals endgültig erfahren, "ob die Ergebnisse einen Vergleich mit den Leistungen der Tiefsee-Expeditionen anderer Nationen aushalten können", wie er im Vorwort des ersten Bandes geschrieben hatte.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Unterschied
Dieter Willibald, 17.03.2016
Das ist der Unterschied zwischen England, Frankreich USA usw. und Deutschland. Die Forschung in den erstgenannten Dändern dient der Wisenschaft, die in Deutschland - so weiß Der Spiegel - dem nationalen Prestige und der Bekämpfdung nationaler Minderwertigkeitskomplexe. Damals wusste jeder "Britannia rules the waves". Was hatten die Deutschen da auf dem Meer verloren? Warum kann man sich nicht einfach über die Erfolge er Expedition und die neuen Erkenntnisse freuen?
2. Der Schraubendampfer
Oskar Holl, 17.03.2016
Waren nicht im Jahr 1898 zumindest alle seegehenden Dampfer bereits Schraubendampfer? Oder meint der Autor damit etwas anderes? Oskar Holl
3. Unterschied....
nils gronmeyer, 17.03.2016
Ja, irgendwie schade sich durch viele solcher sonst guten Artikel immer wieder diese dröge PC Durchtränkung das Lesen ein faden Nachgeschmack hinterlässt. Dazu noch diese Extravolten - zu fett, mein Gott ja, aber so war das damals, egal ob in Frankreich, England oder sonstwo. Mein Urgroßvater, selbst Fahrensmann der gleichen Kategorie wie Krech war genauso beleibt. Gestandene Mannsbilder hieß das damals beschönigend. Und sonst hätte ein bisschen Ausgewogenheit, bzw. die Erkenntniss der damaligen Verhältnisse dem Artikel sehr gut zu Gesicht gestanden.
4. PC-Sprache
Johannes Höper, 17.03.2016
Schön, dass dies Thema mal beleuchtet wird. Ich muß mich allerdings hinsichtlich der - äh - Haltungsnote der Kritik meiner Mitforisten anschließen. Beispiel aus dem Text: "Galt" Kamerun als Deutsche Kolonie oder war es damals nun tatsächlich eine?
5. dank nationaler Minderwertigkeitskomplexe
Haannes Benzell, 17.03.2016
Ja wir wissen es! In der Vor-Merkel-Ära Deutschlands war alles ganz schlecht. Der hämische Unterton, der den ganzen Artikel durchzieht, macht die ganze Arbeit zunichte - schade.
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