Legendäres Kuss-Foto "Das war kein romantischer Moment"

Es ist ein ikonisches Foto: Zum Kriegsende 1945 küsst ein Matrose in New York eine junge Fremde. Aber wer waren die beiden? Das Rätsel hinter dem berühmten Bild - und eine Kuss-Parade zum Valentinstag.

Alfred Eisenstaedt/ The LIFE Picture Collection/ Getty Images

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Er drückt sie ins Hohlkreuz, presst seine Lippen auf ihren Mund, klemmt in seiner Armbeuge ihren Kopf fest. Sie stützt einen Fuß nach hinten und krallt die linke Hand in ihren Rock. Die beiden sind eng umschlungen - und trennen sich im Nu. Wortlos. Der Matrose und die Krankenschwester, sie verschwinden in der Menschenmenge.

Diesen Moment hielt Alfred Eisenstaedt, Reporter der legendären US-Illustrierten "Life", mit seiner Kamera für die Ewigkeit fest - es wurde das wohl berühmteste Kuss-Foto der Welt. Viermal drückte er auf den Auslöser, die Aufnahme nannte er schlicht "V-J Day in Times Square, New York City, 14. August 1945". Denn Eisenstaedt verstand sich als Fotojournalist, der das Geschehen ohne wertenden Kommentar wiedergibt.

Dass die Aufnahme um die Welt ging, lag am historischen Hintergrund: Radio Tokio sendete am 15. August gegen 12 Uhr japanischer Ortszeit die mündliche Nachricht von Kaiser Hirohito, dass Japan die Kampfhandlungen einstellen werde. Das bedeutete kurz nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki das Ende des Zweiten Weltkriegs, der in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht schon am 8. Mai 1945 vorbei war.

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Berühmte Küsse: You must remember this / a kiss is just a kiss

Die gute Nachricht aus Japan erreichte die USA wegen der Zeitverschiebung bereits am Kalendertag zuvor. Ab mittags jubelten New Yorker in den Straßen Manhattans, erst am Abend gab Präsident Harry S. Truman Japans Kapitulation offiziell bekannt. Jedes Jahr feiern Amerikaner diesen Tag als V-J Day (kurz für "Victory over Japan Day").

Mehrere Fotografen suchten am 14. August 1945, einem warmen, trockenen Dienstag, auf dem Times Square das perfekte Motiv von ausgelassener Freude über das Kriegsende. Alfred Eisenstaedt entdeckte einen Marinesoldaten, der "die Straße entlangrannte und sich jedes weibliche Wesen schnappte, das ihm über den Weg lief", wie er im Buch "Eisenstaedt über Eisenstaedt" (1985) schrieb, "ganz egal, ob sie eine alte Oma war, ob sie dick oder dünn, alt oder jung war - das machte für ihn keinen Unterschied".

Eine jahrzehntelange Suche

Der deutsch-amerikanische Fotoreporter verfolgte den Mann mit seiner kleinen Leica und sah plötzlich, dass er sich "blitzschnell etwas Weißes packte. Ich drückte in dem Moment auf den Auslöser, als er der Krankenschwester einen Kuss gab". Die dunkle Uniform ergab einen guten Kontrast zur hellen Kleidung der jungen Frau: Oft hänge ein wirkungsvolles Bild auch von "Glück und Timing" ab, erklärte Eisenstaedt schon 1969 in seinem Buch "The Eye of Eisenstaedt".

"Life" druckte das Kuss-Foto zwei Wochen später im Großformat. Seitdem wurde es weltweit vieltausendfach in Zeitschriften und Büchern veröffentlicht, in Museen ausgestellt, ziert Poster und Postkarten. Es gibt überlebensgroße Statuen der Kuss-Szene, und jedes Jahr am 14. August stellen Paare die Begegnung auf dem Times Square nach.

Wer aber waren die zwei Küssenden am Victory Day 1945?

"Kissing the War Goodbye": Das Foto von Victor Jorgensen
Victor Jorgensen/ The LIFE Picture Collection/ Getty Images

"Kissing the War Goodbye": Das Foto von Victor Jorgensen

Eisenstaedt hatte darauf keine Antwort. Victor Jorgensen, im Auftrag der U.S. Navy auf dem Times Square unterwegs, fotografierte die beiden aus einer anderen Perspektive und wusste es ebenfalls nicht. Die Fotografen hatten nach den Namen nicht gefragt, ihre Bilder zeigen nur wenig von den Gesichtern.

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler und Medien, die Identität des Zufallspaares zu klären. Bis heute ist das nicht zweifelsfrei gelungen. So wollte "Life" 1980 die Unbekannten per Aufruf finden. Drei Frauen und mehrere Männer meldeten sich und behaupteten, sie seien auf dem Foto zu sehen.

Zu den Frauen zählte Edith Shain, damals angehende Krankenschwester. Und tatsächlich meinte Eisenstaedt, sie wiederzuerkennen. Fast alle glaubten Shain, drei Jahrzehnte lang. Sie signierte Reproduktionen des Fotos, sprach mit Journalisten, nahm an V-J-Paraden teil. Als sie 2010 starb, wurde weltweit der Tod der "Frau auf dem legendärem Times-Square-Foto" gemeldet.

Zwei Jahre später jedoch versicherten die Autoren des Buches "The Kissing Sailor" anhand forensischer Untersuchungen: Es handele sich um George Mendonsa, einen damals 22-jährigen Marinesoldaten auf Fronturlaub, und die Zahnarztassistentin Greta Friedman, 21 - eine Jüdin, die sechs Jahre zuvor aus Österreich geflohen war und ihre Eltern im Holocaust verloren hatte. Körperbau und Größe, Frisur und Haaransatz, Tätowierungen und Narben: Alle auf dem Foto erkennbaren Merkmale schienen auf die beiden hinzudeuten.

"Ich habe ihn nicht geküsst. Er hat mich geküsst"

"Gottverdammt, das bin ich!" Mendonsa war sich sofort sicher, als er 1980 das Foto erstmals sah. "Ich weiß, dass ich es bin", bekräftigte auch Greta Friedman 2005 in einem Interview mit der Library of Congress für das "Veterans History Project": "Es war kein romantischer Moment. Ich habe ihn nicht geküsst. Er hat mich geküsst."

Über den Matrosen, der sie packte, konnte Friedman nur wenig sagen: "Ich fühlte, dass er sehr stark war. Er hielt mich einfach fest." Leicht angetrunken sei er gewesen, erinnerte sie sich. Mendonsa gab zu, dass er "ein paar Drinks gekippt" hatte. Am V-J Day ging er mit seiner späteren Ehefrau Rita aus und war zunächst im Kino, dann auf dem Times Square. Ritas lachendes Gesicht ist auf einer der vier Eisenstaedt-Aufnahmen links hinter Mendonsa zu sehen.

Was für Greta Friedman spricht: Das Kleid auf dem Foto sieht aus wie eines, das einst Zahnarzthelferinnen trugen, ähnlich den Uniformen von Krankenschwestern. Gegen Friedman spricht: Mit Untersuchungen des Lichteinfalls ermittelte der Physiker Donald Olson, die Aufnahme müsse um exakt 17.51 Uhr entstanden sein. Friedman hatte jedoch angegeben, sie sei in ihrer Mittagspause auf dem Times Square gewesen und nach gut einer Stunde zur Arbeit zurückgekehrt.

Auch an George Mendonsas Version gab es beträchtliche Zweifel. Er behauptete zunächst, die Unbekannte gegen 14 Uhr geküsst zu haben, sprach jedoch 2005 im Interview mit der Library of Congress vom späten Nachmittag. Ende der Achtzigerjahre hatte Mendonsa wegen der Foto-Veröffentlichungen sogar den Time-Verlag verklagt und sein Recht am eigenen Bild geltend gemacht, die Klage dann aber zurückgezogen.

Das Bilderrätsel blieb letztlich ungeklärt. Für Greta Friedman und George Medonsa war klar, dass das Foto sie zeigt. Wissenschaftler Olson zweifelt trotzdem nicht an den Ergebnissen seiner Studien. "Aber ich will gar nicht bestreiten, dass die beiden sich geküsst haben. Die ganze Stadt war in Kusslaune", sagte er 2015 der "Zeit".

Eisenstaedt starb 1995. "Manche Leute erzählen mir", sagte er, "dass sie sich an das Bild noch erinnern werden, wenn ich schon längst im Himmel bin." Und tatsächlich bleibt sein Foto unvergessen, als Symbol der Freude über das Kriegsende.



insgesamt 6 Beiträge
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Daniel Stolte, 14.02.2019
1. Erst jetzt beim Spiegel angekomnen?
Diese Sache ging doch bereits vor ein paar Jahren durch die Medien...
Alfred Ratner, 14.02.2019
2. Das allerschönste Kuss-Bild fehlt
Nämlich jenes von Gustav Klimt.
David Xanatos, 14.02.2019
3.
Heute wäre das sexuelle Belästigung, aber jahrzehntelang fanden Millionen Menschen das Bild toll. So ändern sich die Zeiten. Deshalb sollte jeder vorsichtig sein, Verhalten aus vergangenen Zeiten nach heutigen Rechts- oder Moralvorstellungen zu bewerten.
Doc Snyeder, 15.02.2019
4.
Die Autorin schreibt "und krallt die linke Hand in ihren Rock." - Aber auf dem Bild sieht man ein geballte Faust, die überhaupt nichts krallt. - Was soll solch in Unfug?
Walter Stierstorfer, 16.02.2019
5. Ganz in SJW Spiegel-Manier...
"...und krallt die linke Hand in ihren Rock". Vermutlich soll diese Formulierung hier aus Sicht der Autorin verdeutlichen, dass sich die Zahnarzthelferin auf dem Bild in dem Moment ganz im Kontext der damals herrschenden Gepflogenheiten auf Geschlechterebene, sich einem "physisch überlegenen Mann fügen musste, obwohl sie sich dabei ausgebeutet und missbraucht gefühlt hat"... Und rückt das Ganze somit sehr gewollt an den Rand von sexueller Gewalt oder sogar "Mißbrauch" gegen/von Frauen. Oder etwas nicht, lieber Spiegel...?! Ganz im Sinne einer schon lange laufenden "Einebnung" aller kulturellen Zeugnisse auf Bildern, Abbildungen und Skulpturen, die auf eine "Unterdrückung" der Frau schließen lässt. Aber Vorsicht, lieber Spiegel: Erstens stimmt es überhaupt nicht, dass hier eine "festgekrallte Hand" der "ach so gewalttätig Geküssten" auf diesem Bild zu sehen wäre. Man könnte diese Behauptung also als lupenreine "Fake news" oder auch nur als plumpe "Lüge" bezeichnen. Des weiteren macht sich die Autorin hier nicht gerade verdächtig, sich mit den Emotionen der Protagonisten auf dem Foto sowie auch der fundamentalen Tragweite dieses historisch extrem herausragenden Tages vertraut vertraut gemacht zu haben. Sogar anhand solcher Bilder wird hier also der aus heutiger Zeit so penetrant und völlig aus dem Zusammenhang gerissene "wehrlose mißbrauchte Frau und gewalttätiger Mann"-Kontext dafür benutzt, um selbst nach mehr als 70 Jahren eine heutige Gesellschaftsnorm auf diese eine Foto-Szene umzulegen. Was für ein Schwachsinn! Ist sich die Autorin eigentlich bewusst, dass die Leute damals, speziell als Matrosen, einen gnadenlosen, jahrelangen und brutalen Krieg im Pazifik gekämpft haben, mit Toten und verwundeten Menschen, ob jetzt unter Matrosen-Kameraden oder auch zivilen Opfern, die man kannte. Also mit Leid gelebt hat, das an diesem Tag scheinbar englich ein Ende nimmt? An so einem Tag waren sicherlich sehr viele Reaktionen von Menschen, die man normalerweise als "Normen" beachtet hätte, nicht gerade das Dringlichste was man befolgen wollte. Es ist wie im Karneval unter feiernden oder leicht beschwipsten Menschen. Man kommt sich vielleicht ungeplant und unfreiwillig für einen kurzen Moment näher, ohne dass das eine gewalttätige Komponente in sich trägt. Auch wenn so ein Kuss aus Sicht der Autorin hier sicherlich an den Rand einer "Gewaltätigkeit" gerückt werden soll! Spiegel..., bitte lasst eure lächerlichen SJW-Anspielungen doch bitte sein, wenn es sich um solche Ikonen der zeitgeschichtlichen Fotografie handelt! Es macht schon lange keinen Spaß mehr, sich eure unsäglichen Vergleiche dazu anzutun!
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