Liebesbräuche weltweit Ich bin so heiß auf deinen Achselschweiß

Nasenküsse, Penis-Paraden und Apfelstückchen mit besonderer Schweißnote: Ein neues Buch erzählt von schrägen Liebesritualen aus aller Welt - und bietet reichlich Inspiration für den Valentinstag.

Von Anja Tiedge

Corbis

Bevor Liebe durch den Magen geht, steckt sie in der Achselhöhle. Von dort aus reist sie auf einem Apfelschnitz in den Mund des Gegenübers, die Speiseröhre runter, durch die Verdauungsorgane. Bis sie schließlich mitten im Herz landet.

So weit die Theorie. Wissenschaftlich bewiesen ist sie nicht, Stichproben aus Niederösterreich zeigen jedoch, dass durchaus etwas dran sein könnte: Dort war es einst Sitte, dass sich heiratsfähige Mädchen beim Tanzen ein Stück Apfel unter die Achsel klemmten und es danach dem Mann ihrer Wahl zum Verzehr überreichten. Eine Pheromonbombe, mit dem Botenstoff der Liebe. An Geruch und Geschmack des süß-salzigen Schmankerls sollte der Auserwählte erkennen, ob die Frau tatsächlich zu ihm passt.

Diese Tradition mag nach Foltermethode klingen. Aber vor ein paar Hundert Jahren war der Apfelschnitztanz ein Liebesbrauch. Dieser und 15 weitere aus aller Welt sind jetzt versammelt im neuen Buch "Für immer und jetzt - Wie man hier und anderswo die Liebe feiert".

Penis-Parade in Japan

Riechrituale haben es Autorin Michaela Vieser und Illustratorin Irmela Schautz besonders angetan. So widmen sie neben dem Achselapfel-Schwof ein Kapitel dem Hongi-Kuss: Maori in Neuseeland beschnuppern ihr Gegenüber, indem sie ihre Nasen und Stirnen aneinanderpressen. In einem viralen Video von einer neuseeländischen Hochzeit gingen etwa diese Hongi-Küsse am Ende eines traditionellen Haka-Tanzes um die Welt.


Schreien, tanzen, Zunge raus: Ein besonderer Tanz fürs Brautpaar

Benjamin Armstrong

Doch nicht immer hat der Hongi mit Liebe zu tun: Auch Geschäftspartner, Nachbarn und sogar Feinde lernen sich durch den Nasenkuss besser kennen. "Du hongist deinen Feind, denn es ist besser, Augenkontakt mit ihm zu haben, an ihm zu schnuppern, so lernst du viel über ihn", zitiert die Buchautorin einen Maori.

Auffällig viele der im Buch beschriebenen Liebesbräuche stammen aus Asien. Etwa die Besuchsehe beim Volk der Mosuo in China, wo eine Frau den Mann ihrer Wahl nur nachts in ihrem "Blumenzimmer" empfängt. Tagsüber kehrt der Mann ins Haus seiner Familie zurück; einen gemeinsamen Haushalt würden sie nie gründen.

Leckereien aus der Achselhöhle

Oder das Penis-Festival Kanamara Matsuri, das einmal im Jahr im japanischen Kawasaki gefeiert wird und bei dem mit allerhand phallusförmigem Gedöns der Fruchtbarkeit gehuldigt wird. Männer wie Frauen ziehen mit Penis-Lollies, -Nasen und -Kerzen durch die Stadt - sie feiern eine ausgelassene Pimmelparade.

Noch skurriler als der Brauch selbst ist die Legende dahinter: Demnach kroch einst ein Dämon mit langen Zähnen in die Vagina einer Prostituierten, biss bei einem ihrer Freier zu und kastrierte diesen. Daraufhin ließ sich die Frau einen eisernen Penis anfertigen, an dem sich der Dämon die Zähne ausbiss. Seither wird beim Kanamara Matsuri ein riesiger pinker Penis durch Straßen getragen, begrapscht und gestreichelt - ein Liebesbrauch, der weltweit einmalig sein dürfte.

Anders der eingangs erwähnte Apfelschnitz-Schwitzetanz: Den gab es nicht nur in Österreich, sondern auch in Finnland, im Baltikum und im Wendland. Wahlweise stopften sich Frauen dort Kartoffeln, Brötchen oder Zwieback in die Achselhöhle, um sie dann schweißgetränkt dem potenziellen Partner zu überreichen.

Wer die Tradition bei der Zubereitung des Valentinstagsmenüs wieder aufleben lassen möchte, kann also der Fantasie freien Lauf lassen: Ob Bienenstich, Avocado oder Wraps - für den Liebsten alles haus-, Pardon, höhlengemacht.

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Zur Autorin
  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Rueckert, 14.02.2016
1. wieso schräg?
Wieso schräg? Ist nur anders. Und die Methode der Mosuo in China erscheint mir nach vielem Kummer in Beziehungen durchaus überlegenswert.
Miss Ping Pong, 14.02.2016
2. wieso nicht schräg?
Verglichen mit bei uns üblichen Ritualen ist es halt schräg. Ich glaub nicht, dass die meisten Leser bei einigen geschilderten Ritualen nicht auf irgendeine Weise geschmunzelt, gekichert oder sie als kurios empfunden hätten. Die japanischen Mädels mit ihren Penis-Eislutschern sehen auch danach aus, als ob sie Spaß dabei gehabt hätten. Aber für wen das alles serious business ist..
Jochen Schult, 14.02.2016
3. Phallus-Phest in Thessalien
In der nordgriechischen Stadt Tirnavos in Thessalien gibt es einen Brauch, der auf die Verehrung des Dionysos zurückgeht und Bourani genannt wird. Als Fest zum Frühlingsbeginn, der Fruchtbarkeit und der Vegetation bildet er den Abschluss der Rosenmontagsumzüge. Eines der Fruchtbarkeitssymbole ist ein übergroßer Phallus, aus dem Wein, Ouzo oder der regionale Tsipouro-Schnaps kredenzt wird, während nebenan auf einem offenen Feuer die Bourani-Suppe kocht, eine Gemüsesuppe aus Spinat und Essig. Dabei wird getanzt und unflätig gesungen und von den Männern Phallussymbole aus Holz, Ton oder sogar Brot getragen. Anbei Fotos aus der Zeitung Newsbeast. http://www.newsbeast.gr/files/1/2015/02/19/tirn1.jpg http://www.newsbeast.gr/files/1/2015/02/19/tirn3.jpg http://www.newsbeast.gr/files/1/2015/02/19/tirn5.jpg http://www.newsbeast.gr/files/1/2015/02/19/tirn7.jpg
Uwe Potthast, 15.02.2016
4. Schräg ist das nur für uns,
die wir in einer Welt voller "Duftspender", Deos und enthaarten stromlinienförmigen Hochglanzkörpern leben, und offiziell dem cleanen Ideal der romantischen Liebe à la Hollywood und Soapopera frönen, das von einer sexualitätsfeindlichen Alltagsmoral gespeist wird. Schräg oder eher verdeht sind aber eigentlich wir; diese Bräuche sind unserer eigentlichen Natur viel näher.
Rudolf Hege, 15.02.2016
5. Schräg?
Jedes Ritual ist für die jeweilige Kultur "sinnvoll" und normal. Nur andere Kulturen finden es schräg. Und die Kultur, die den dicksten Knüppel hat, nimmt sich in der Regel das Recht heraus, den anderen zu sagen, was "richtig" ist. Im Moment ist das gerade die westliche Kultur, die alle anderen Gebräuche "schräg" findet. Es gibt aber kein "universelles" richtig oder falsch.
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