Ostdeutsche Fabrikruinen Schutt und Scherben

Ostdeutsche Fabrikruinen: Schutt und Scherben Fotos
Maix Mayer

Mit der Wiedervereinigung kamen die Stilllegungen: Etliche Fabriken der Volkseigenen Betriebe der ehemaligen DDR sind heute Ruinen - und erinnern an den Wandel von der Planwirtschaft zu einer Wirtschaft ohne Plan. Ein neuer Bildband zeigt diese vergessenen Orte der Arbeit. Von Fabienne Hurst

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Zersprungene Scheiben, Graffiti, Unkraut. Das Kunstseidenwerk "Clara Zetkin" im sächsischen Elsterberg ist nur noch eine gespenstische Ruine. Nackte Wände spiegeln sich in den Pfützen auf dem Hallenboden des ehemaligen volkseigenen Betriebs (VEB). Vor 25 Jahren spulten hier Tausende Arbeiter Kohle und Erdöl zu dünnen Kunstseidenfäden, in grellem Neonlicht, das die Arbeit rund um die Uhr ermöglichte. Heute hängen Stromkabel von den Decken wie dicke Spinnweben.

Der Leipziger Fotograf Maix Mayer hat Industrieruinen wie diese in seinem Bildband "Die vergessenen Orte der Arbeit" festgehalten. Im Winter 2012 streifte er stundenlang durch ausgestorbene Fabriken und Kraftwerke, von Magdeburg über Leipzig bis Görlitz. "Die VEB-Gelände sind teilweise bis zu 15 Hektar groß, Tausende Beschäftigte gingen aus und ein, regelrechte Kleinstädte", sagt Mayer. Als er im Dezember durch die 150 Meter lange Werkhalle der Viskosespinnerei in Elsterberg ging, hallten seine Schritte in den Räumen.

Der Leipziger verbrachte Tage in den brachliegenden, ungesicherten Fabrikhallen, in denen das Regenwasser am Boden gefror. Doch das nahm er in Kauf: Architekturfotografen wie er hätten schließlich die Aufgabe, mit ihrer Arbeit ein Stück Trauerarbeit zu leisten. "Etwas zu schaffen, woran die Leute sich erinnern können."

Der 53-Jährige ließ sich bis zur Dämmerung auf den Werksgeländen einschließen, denn frei begehbar sind die Ruinen auch heute nicht. Meist wachen ehemalige Angestellte der Betriebe über die Orte, an denen viele von ihnen immer noch sehr hängen. In der Elsterberger Kunstseidenfabrik öffnete ihm Wolfgang Haupt das Werktor. Er war dort von 1965 bis 2008 Kraftwerksleiter. Manchmal geht der 64-Jährige noch zum Fabrikgelände, doch es macht ihn traurig. "Mich erfüllt dieser Ort mit großer Wehmut", sagt Haupt. "Ich habe mein ganzes Arbeitsleben in diesen Hallen verbracht."

Von wegen "blühende Landschaften"

Seit 1909 war Elsterberg untrennbar mit der Chemieindustrie verbunden. Obwohl die Maschinen 1948 als Reparationszahlungen in die Sowjetunion verfrachtet wurden, rappelte sich die Fabrik wieder auf und entwickelte sich als volkseigener Betrieb zum wichtigsten Arbeitgeber der Umgebung. "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" - den Slogan des Chemieprogramms der SED kannte in dem 5000-Einwohner-Städtchen jedes Kind. Bis zu 3000 Menschen fanden hier Arbeit, zeitweise kamen Gastarbeiter aus Kuba, Mosambik und Vietnam nach Elsterberg, um die nie stillstehenden Maschinen zu bedienen. "Die Bude hat immer gezwirnt", erinnert sich Haupt.

Doch dann kam der 1. Juli 1990. Wenige Monate nach dem umjubelten Fall der Mauer leitete der Tag der Wirtschafts- und Währungsunion das Ende der Planwirtschaft in der DDR ein. Zu diesem Zeitpunkt gab es rund 8500 volkseigene Betriebe und Kombinate. Die Treuhandanstalt entflocht sie in 13.000 Einzelbetriebe und zerschlug sie dann in 15.000 Privatunternehmen. Der Vorsatz der Treuhand "schnell zu privatisieren, entschlossen zu sanieren und behutsam stillzulegen", wurde bald verworfen. Aus den 600 Milliarden Mark Erlös, die man sich anfangs von dem Plan versprach, wurden bescheidene 60 Milliarden. Ihnen standen Ausgaben von rund 300 Milliarden gegenüber.

Denn die Investoren aus dem Westen waren nicht an den mitunter ineffizienten und ökologisch höchst fragwürdigen Werken im Osten interessiert. Bereits drei Monate später waren 150.000 Menschen arbeitslos, eine halbe Million Werktätige wurden auf Kurzarbeit gesetzt. Als die Treuhand 1994 ihre Arbeit einstellte, hatten 64 Prozent der Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern ihren Job verloren. Die "blühenden Landschaften, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt ", die Kanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen versprochen hatte, suchten sie vergebens.

In Elsterberg übernahm die ENKA GmbH aus Wuppertal die Fabrik nach der Wende und ließ sie rundum sanieren: Moderne Maschinen und optimierte Arbeitsabläufe machten die vielen Arbeitskräfte überflüssig. Von den 1200 Angestellten blieben nur 400 übrig. "Das hat uns fast das Genick gebrochen", sagt Wolfgang Haupt. Auch für die Übriggebliebenen änderte sich alles: Tag und Nacht wälzten Haupt und seine Kollegen Fachbücher über die neue Computertechnik, versuchten verzweifelt, mit den neuen Anforderungen mitzuhalten. "Da kam eine ganz neue Welt auf uns zu", sagt er.

Wut auf die Eigner

Trotz der Konkurrenz aus den Billiglohnländern waren die Elsterberger Textilprodukte weiterhin gefragt - bis 2009 trotz voller Auftragsbücher der Standort Elsterberg stillgelegt wurde. "Wir waren so wütend", sagt Wolfgang Haupt. Wütend auf die letzten Besitzer des Werks, die ENKA-Gruppe in Wuppertal und der ICI-Gruppe in Frankfurt am Main. "Ihnen ging es nie darum, einen Interessenten für das Werk zu finden. Es sollte von Anfang dichtgemacht werden", behauptet Haupt. Es sei nur darum gegangen, die Maschinen zu verhökern. Die wurden mittlerweile demontiert und in Polen und Indien wieder aufgebaut - nur die teuren Umweltschutzanlagen, die dem Betriebsrat damals so wichtig waren, wurden nicht verschifft.

Am Ende kaufte die Stadt dem Insolvenzverwalter die Industrieruine für den Symbolpreis von einem Euro ab. Dann kam der schleichende Zerfall der Fabrikhallen. Das Ziel der Stadt ist jetzt, dort neues Gewerbe abzusiedeln. Doch die Chancen stehen schlecht, das weiß Wolfgang Haupt. "Wir haben ja noch nicht einmal eine Anbindung an die Autobahn."

2008 bekam der ehemalige Kraftwerksleiter von der damaligen Geschäftsleitung den Auftrag, die Geschichte der Fabrik in einer Werkschronik festzuhalten, denn ein Jahr später sollte die Kunstseidenfabrik hundert Jahre alt werden. Sie hat ihr Jubiläum nicht erlebt. Wolfgang Haupt schrieb die Chronik trotzdem zu Ende. Es war ein Stück Trauerarbeit.

Zum Weiterlesen:

Maix Mayer: "Die vergessenen Orte der Arbeit". Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2013.

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1.
Quentin Quencher 10.04.2013
Gerade die Urbex-Fotografie hat sich zu einer sehr interessanten Kunstrichtung entwickelt. Aufgefallen ist mir hier ebenfalls ein junger Fotograf, der mit einer Serie Urbex-Coal-Plant auch ein altes Kohlekraftwerk in der ExDDR porträtierte. Ich habe es so kommentiert: »Urbex - Coal Plant« zeigt ein verlassenes altes Kohlekraftwerk, erzählten tut die Serie aber Geschichten von Menschen. http://glitzerwasser.blogspot.de/2012/12/gute-fotos-urbex-bei-kreutz-quer.html
2.
Siegfried Wittenburg 10.04.2013
60 Jahre Diktatur und Unfreiheit haben sich im Denken der Ostdeutschen nicht so eingeprägt wie die ersten Jahre nach dem Fall der Mauer. Es scheint sich nur ein allgemein negatives Bild vom Systemwechsel eingeprägt zu haben. Ja, die ersten Jahre der Umgestaltung waren hart, verdammt hart, auch für mich, auch für die Polen, die Tschechen, Slowaken, Ungarn, Litauer, Letten, Esten, Rumänen und Bulgaren, nur, um in der EU zu bleiben. In vielen Gegenden ist es immer noch hart. Industrieruinen gibt es überall auf der Welt, auch ohne Treuhand. Doch es gibt auch Firmen, die in der DDR gegründet wurden, sich aber unter der ?Diktatur des Proletariats? mangels Material, Genehmigungen und Produktionsstätten nicht entfalten konnten, dafür nach der Wende die Anzahl ihrer Mitarbeiter vervielfachten und heute global agieren. Es gibt trotz aller Ruinen zahlreiche Erfolgsgeschichten. Wenn ich heute durch die Lande fahre, sind diese weitaus mehr aufgeblüht, als es sich die Menschen vor 23 Jahren vorstellen konnten. Doch: viele Träume waren wohl weitaus utopischer. Den Begriff ?blühende Landschaften? hat Helmut Kohl nämlich nicht näher definiert. Das hat jeder für sich selbst getan.
3.
Andre Hercher 11.04.2013
zahlreiche Erfolgsgeschichten? Zählen Sie doch einfach ein paar global agierende ostdeutsche Unternehmen auf, die nach der Wende ihre Mitarbeiterzahl vervielfacht haben Dürfte ja nicht nur die Superillu interessieren...
4.
Renate Hentschel-Soulemane 11.04.2013
Etliche Betriebe verfielen? Soll das ein Witz sein.? Ich könnte Ihnen auf Anhieb zehn Betriebe allein aus meiner Umgebung nennen, die der Treuhand oder dem Sanierer zum Opfer fielen. Ich habe jahrelang im Mähdrescherwerk Bischofswerda/Singwitz gearbeitet, die Erntemaschinen gingen in die ganze Welt. Nach der Wende waren sie nur noch unliebsame Konkurrenz.
5.
Siegfried Wittenburg 11.04.2013
@ Andre Hercher DOT, SIV, Naethbohm...
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