Verbannte Cartoons Geister aus dem Giftschrank

Verbannte Cartoons: Geister aus dem Giftschrank Fotos

Sie lieben nichts als Glücksspiel, Jazz und Wassermelonen. In vielen Cartoons der dreißiger und vierziger Jahre gingen die Witze auf Kosten von Schwarzen. Als Bürgerrechtler protestierten, wollte Trickfilm-Gigant Warner die rassistischen Filme verschwinden lassen - und erreichte genau das Gegenteil. Von

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Boooomm!!! Eine schwarze Rauchwolke füllt die gesamte Leinwand. Das Publikum in den Kinositzen biegt sich vor Lachen, weil es schon weiß, was jetzt passiert. Es kennt den Witz aus Dutzenden Cartoons, aus "Popeye", "Tom & Jerry", "Bugs Bunny" und vielen anderen. Wenn sich der Rauch von dem explodierenden Geschenk, dem Flintenschuss, dem knallenden Auspuff verzieht, wird der Seemann, der Kater, der Hase für ein paar Sekunden ein ganz schwarzes Gesicht mit riesigen rosigen Lippen haben, vielleicht noch ein paar krause schwarze Locken auf dem Kopf und er wird einen dümmlichen Akzent voller grammatikalischer Schnitzer sprechen. Für ein paar Sekunden wird sich der Trickfilmheld in die Karikatur eines Schwarzen verwandeln.

Mit der Verbreitung des Tonfilms Ende der zwanziger Jahre begann auch die goldene Ära des Cartoons. Abendfüllende Spielfilme gab es damals nur wenige, die Kinos bestritten ihre Vorführungen mit Kurzfilmprogrammen, in denen Zeichentrickfilme nicht fehlen durften. Firmen wie Disney, Warner oder die Fleischer Studios produzieren die humorigen Cartoons wie am Fließband. Die populärsten Serien, die damals entstanden, wurden später ans Fernsehen verkauft und laufen bis heute im Kinderprogramm vieler Sender. Den Witz mit dem schwarzen Gesicht sieht man bei "Betty Boop" und Co. allerdings nicht mehr. Er wurde aus den Cartoons getilgt - und er ist bei Weitem nicht der einzige.

Noch bis in die späten vierziger Jahre waren Pointen auf Kosten von Afroamerikanern gang und gäbe in Cartoons. Dutzendfach bevölkerten dümmlich-servile Onkel Toms, würfelspiel-, jazz- und allgemein vergnügungssüchtige Harlem-Hipcats in grellen Anzügen und Wilde mit Baströckchen und Appetit auf Menschenfleisch die Trickfilme. Sie pflückten Baumwolle, verputzten haufenweise Wassermelonen, vollführten Stammestänze oder sprangen mit ihrem Riesennasenring Seil. Die meisten dieser Darstellungen wurden nach und nach aus den Filmen geschnitten, viele Cartoons der Goldenen Ära wurden später von den Firmen unauffällig aus dem Verkehr gezogen und gerieten samt ihrer Schwarzen-Witze ganz in Vergessenheit. Nur bei elf Filmen wollte dies einfach nicht gelingen.

"Jeder, auch die Schwarzen, hatte Spaß an den Cartoons"

Die "Censored 11" sind elf berüchtigte Cartoons, die in den dreißiger und vierziger Jahren von den Warner Brothers produziert wurden. Bei ihnen war es mit dem Herausschneiden einzelner Passagen nicht getan. Filme wie die Kannibalenposse "Jungle Jitters" oder "Sunday Go To Meetin' Time", in dem ein fauler Schwarzer lieber Würfel spielt, als zur Kirche zu gehen, zogen ihren Witz allein aus den gängigen Vorurteilen gegenüber Afroamerikanern. 1968 verbannten die damaligen Rechteinhaber Universal die Filme aus Fernsehen, Kinos und Homevideo-Editionen - und schufen damit einen Mythos.

Denn obwohl die zensierten Elf bis heute offiziell im Warner-Brothers-Giftschrank weggesperrt sind, gab es immer wieder Veröffentlichungen auf inoffiziellen Video- und DVD-Anthologien. Und es entspann sich eine Debatte über die Werke: Während Bürgerrechtler sie verteufeln, verteidigten Zensurgegner sie als zeitgeschichtliche Dokumente. Für Zeichentrick-Kenner gehört einer der elf sogar zu den besten Cartoons, die je produziert wurden.

Die Entstehungsgeschichte des Jazz-Märchens "Coal Black And De Sebben Dwarfs" (1943), einer Neuinterpretation von "Schneewittchen und die sieben Zwerge", ist ähnlich widersprüchlich wie sein heutiger Ruf. Die Cartoon-Legende Bob Clampett, der unter anderem Schweinchen Dick erfand und entscheidend an der Entwicklung von Bugs Bunny mitwirkte, war nämlich gar nicht von selbst auf die Idee für den Musikfilm gekommen - es waren Jazz-Gigant Duke Ellington und einige seiner Musiker. Clampett hatte damals viele Freunde in der Jazzszene von Los Angeles und "sie fragten, warum es bei Warner eigentlich keine Cartoons mit schwarzen Charakteren gäbe", erinnerte er sich später. "Ich hatte keine gute Antwort auf die Frage." So dachten sich Musiker und Filmemacher gemeinsam die Schneewittchenparodie aus. Laut Clampett synchronisierten die Jazzer den Film sogar. Doch aufgrund eines Vertrags zwischen Warner und dem Synchronisator Mel Blanc, der damals die meisten der Warner-Trickfilme sprach, musste er trotzdem den Credit für die Stimmen bekommen. "Jeder, auch die Schwarzen, hatte Spaß an den Cartoons, als sie herauskamen", meint Clampett.

Bürgerrechtler gegen Trickfilmer

Nicht ganz. In den vierziger Jahren begannen die schwarzen Bürgerrechtler, sich für die Filme zu interessieren, die zuvor einfach nur als minderwertige Unterhaltungsform galten und deren Geschichten man keine Aufmerksamkeit schenken musste. Die NAACP, die Nationale Gesellschaft zur Förderung farbiger Bürger, eine der einflussreichsten Bürgerrechtsorganisationen der USA, ging auf die Barrikaden als "Coal Black And De Sebben Dwarfs" herauskam. Verhindern konnten sie die Veröffentlichung nicht. Doch ihr Protest gab den Anstoß zu einer grundlegenden Veränderung der Cartoon-Branche.

Der Woody-Woodpecker-Erfinder Walter Lantz etwa erhielt 1942 noch eine Oscar-Nominierung für seinen Musikcartoon "Boogie Woogie Bugle Boy Of Company B". Der Film handelt von einem schwarzen Jazz-Trompeter, der mit seinem Instrument und dem Boogie die Begeisterung in eine schwarze Truppe brachte. Doch drei Jahre später verkündete der Trickfilmmacher auf der Titelseite des "Motion Picture Herald", er werde in seinen Cartoons nur noch Tiere auftreten lassen, weil ihn bei Cartoons mit Menschen "verschiedene Patrioten, Propagandisten, Interessenverbände und Experten für nationale und internationale Beziehungen" mit ihren Ratschlägen und Forderungen zu sehr unter Druck setzen würden.

Der Trickfilmzeichner Shamus Culhane, der die Produktion des Disney-Originals "Schneewittchen und die sieben Zwerge" leitete und an beinahe allen großen Disney-Produktionen von "Pinocchio" bis "König der Löwen" mitarbeitete, brachte das Dilemma unverblümter auf den Punkt. Er produzierte in der goldenen Ära einige Musikcartoons für die Walter Lantz Studios und ärgerte sich noch in den neunziger Jahren über die Vorwürfe der Bürgerrechtler: "Was mich anpisst, ist die Tatsache, dass einige der besten Jazz-Filme, die ich gemacht habe, heute als rassistisch gelten." Er habe ja mit den Musikern zusammengearbeitet und sie hätten die Filme gesehen. Aber "kein schwarzer Künstler hat sich je auch nur über eine einzige Szene beschwert".

Aus der Gruft in die Läden?

40 Jahre nachdem Universal versucht hatte, sie für immer verschwinden zu lassen, berichtete die "New York Times" 2008, dass die "Censored 11" bei YouTube aufgetaucht seien. Bis heute kann man jeden der elf Trickfilme, die stellvertretend für die Diskussion über Rassismus in den Cartoons des Goldenen Zeitalters stehen, in mehr oder weniger guter Qualität im Netz finden. So kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, ob die Filme Minderheiten, Völker oder Ethnien beleidigen oder lediglich den anarchischen Gesetzen das Cartoons folgen, nach denen alles bis zum Exzess übertrieben und jeder Witz bis an die Schmerzgrenze ausgereizt werden muss.

Das Interesse an den elf halbgeheimen Filmen ist bis heute ungebrochen. Längst ist um die "Censored 11" ein kleines Paralleluniversum entstanden, in dem jedes noch so kleine Detail heftig diskutiert wird - und in dem selbst kleine Gerüchte große Wirkung haben können. Ende 2010 schrieb der Comic-Fan Michael Lachman auf der amerikanischen Cartoon-Fanpage "Toonzone", dass Warner die "Censored 11" 2011 auf DVD veröffentlichen wolle. Er hätte die New Yorker Comicmesse "Comic Con" besucht und am Warner Stand einen Mitarbeiter getroffen, der ihm diese Information gegeben habe. "Er erwähnte auch", so Lachman, dass die verbannten Cartoons "ihr begehrtester Titel seien." Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Internet und gipfelte schließlich darin, dass die "New York Post" bei Warner eine offizielle Anfrage stellte. Die Pressesprecher wollten sich allerdings nicht festlegen: Man habe sich bisher weder dafür noch dagegen entschieden.

Ob die Filme in diesem Jahr erscheinen werden, bleibt also fraglich. Die NAACP jedenfalls vertritt auch mehr als 60 Jahre nach ihrem Protest gegen "Coal Black And De Sebben Dwarfs" eine klare Linie. Als 2008 die "Censored 11" im Netz auftauchten, äußerte sich ihr Pressesprecher Richard McIntire gegenüber der "New York Times" wie folgt: "Die Cartoons sind abscheulich. Wir bestärken die Besitzer dieser Filme darin, sie da zu lassen, wo sie sind - verschlossen in ihrer Gruft."

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Wilfried Huthmacher 01.02.2011
Tom und Jerry-Filme Bei den Tom und Jerry-Filmen gab es bei den früheren Filmen, die noch durch mehr Gewalt geprägt und dswegen evt. mehr für Erwachsene gedacht waren, eine offensichtlich (denn nur Beine und Hände sind zu sehen) schwarze Haushälterin oder Hausfrau, die sich immer an Tom vergriff, wenn Jerry ihn zuvor besiegt und dabei so ganz nebenbei die Wohnung demolierte. Sie nahm dann auch an verrauchten Kartenspielabenden teil. In später überarbeiteten Versionen dieser Cartoons tauchten komplette Handlungen wieder auf mit dem Unterschied, dass Tom und Jerry nun bei einem weißen Paar leben, die das Haus anstelle zum Kartenspielabend, zu einem Tanzabend verlassen.
2.
Florian Geier 05.02.2011
Wie viele Leser wissen, was "Jitters" und diverse andere Ausdrücke aus dem Artikel bedeuten? Ich habe nicht Amerikanistik, Anglistik o.ä. studiert und bin der Meinung, solche Begriffe sollten übersetzt werden.
3.
Peter F. Schulz 07.02.2011
Witze auf Kosten von Minderheiten sind seit jeher üblich, aber wegen ihrer rassistischen Diffamierung immer politisch nicht korrekt. Warum sollte es hier eine Ausnahme geben, auch wenn diese Filme noch so gut gemacht und angeblich von historischer Bedeutung sind ? Wie gefährlich sie sein können, zeigt die Bedrohung der Mohammed-Karikaturisten durch radikale Islamisten !
4.
Heike Fraszczak 09.02.2011
>Wie viele Leser wissen, >was "Jitters" und diverse andere Ausdrücke aus dem Artikel bedeuten? >Ich habe nicht Amerikanistik, Anglistik o.ä. studiert >und bin der Meinung, >solche Begriffe sollten übersetzt werden. Da haben Sie wohl recht. Aber das hier -> http://www.urbandictionary.com/ hilft vorerst mal weiter, dieses Wörterbuch ist auf umgangssprachliche Ausdrücke spezialisiert.
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