Verbotene Filme in der DDR Wie Simon lernte, die Bombe zu lieben

Verbotene Filme in der DDR: Wie Simon lernte, die Bombe zu lieben Fotos
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Eigentlich hätte es ihn gar nicht geben dürfen: 20 Jahre nach dem Fall der Mauer kommt Rainer Simons Spielfilm "Jadup und Boel" noch einmal in die Kinos. Es ist der letzte DDR-Streifen, der nach seiner Fertigstellung weggeschlossen wurde - dabei ist allein schon die Geschichte des Verbots filmreif. Von

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"Für mich war es eine sensationelle Chance: Ich war noch keine 25 Jahre alt und würde meinen ersten Spielfilm beginnen." Der junge Regiestudent Rainer Simon war euphorisch. 1965 hatte er sein erstes Drehbuch geschrieben, noch im selben Jahr war es vom Filmstudio der DDR, der DEFA, angenommen worden. Normalerweise mussten Absolventen der DDR-Filmhochschule erst mehrere Jahre als Assistenten arbeiten, bevor Vergleichbares geschah. Doch Simons Adaption des Jugendromans "Die Moral der Banditen" von Horst Bastian schien gelungen, eine Geschichte über eine Jugendbande, die sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Gegenwart und den Nachwirkungen des Faschismus auseinandersetzen muss.

Als im Dezember die Probeaufnahmen beginnen sollten, empfing ihn der Produktionsleiter früh im Studio. Er teilte Simon mit, dass er alle Schauspieler ausgeladen habe. Die Proben seien abgesetzt. In Berlin war gerade das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED zu Ende gegangen.

Den Künstlern in der DDR sollte dieses Ereignis als Kahlschlag in Erinnerung bleiben. Die politische Lage hatte sich geändert: In der Sowjetunion hatte Leonid Breschnew 1964 den entmachteten reformfreudigen Nikita Chruschtschow als Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei abgelöst, und die von der KPdSU vorgegebene politische Linie hatte unmittelbare Auswirkungen auf den SED-Staat: Die DDR-Führung beendete die kurze Episode der Liberalisierung ihrer Wirtschafts- und Kulturpolitik seit 1963.

"Das ist 'ne Bombe"

Zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen wurden verboten. Fast die komplette Jahresproduktion der DEFA, rund ein Dutzend Filme, verschwand in den Archiven. Es traf auch Simon: Wohl weil die Verantwortlichen schon genug Ärger wegen bereits gedrehter Filme hatten, wollten sie sich nicht mit noch gar nicht realisierten Projekten gefährden. "Mit dem 11. Plenum änderte sich das ganze Zensursystem", sagt der Filmhistoriker Claus Löser. "Danach war es unmöglich, dass gesellschaftskritische Drehbücher überhaupt geschrieben wurden." Mit einer Ausnahme.

Nach seinem traumatischen Start als verhinderter Regisseur gelang Simon schließlich 1968 doch noch ein Debüt mit dem Märchenfilm "Wie heiratet man einen König", und er konnte noch fünf weitere Filme drehen, bis ihn erneut ein Rückschlag traf. Im Sommer 1979 sollten in Wien die Dreharbeiten zu "Vorstadtmusikanten", einer Koproduktion von Österreich und der DEFA, beginnen - sofern es gelänge, das österreichische Fernsehen oder einen westdeutschen Sender als Partner zu gewinnen. Es gelang nicht. In seinen Maiferien an der Ostsee erreichte Simon der Anruf, dass er seinen Urlaub gern verlängern könne - das Projekt sei gestorben.

Was nun passierte, kann sich Simon bis heute nur so erklären: "Vielleicht hat man verhindern wollen, dass der Filmemacher, der nun plötzlich ohne Arbeit, unausgelastet und unzufrieden dastand, nicht auf 'dumme Gedanken' kommt und womöglich in den Westen ausreisen will." Jedenfalls bot die DEFA ihm sogleich ein neues Szenarium an: die Verfilmung eines Romans mit dem Titel "Jadup". Von dem Schriftsteller Paul Kanut Schäfer und seinem 1975 in der DDR erschienenen Buch hatte Simon noch nie gehört, "das konnte nichts Aufregendes sein". Simon las es trotzdem und gab es auch seinem Kameramann. Für beide stand fest: "Das ist 'ne Bombe."

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes namens Jadup, Bürgermeister in einer Kleinstadt in der Altmark, einer ländlichen Region im Norden des heutigen Sachsen-Anhalt. Es ist der DDR-Alltag Ende der siebziger Jahre. Jadup weiht eine neue Kaufhalle in seiner Stadt ein, als just zum Zeitpunkt seiner Ansprache nebenan ein altes, marodes Fachwerkhaus zusammenbricht. Aus den Trümmern fördert ein vorbeikommender Antiquitätenhändler Erinnerungsstücke ans Licht. Der Mann trägt einen bemerkenswerten Namen: Gwissen, die ungewöhnliche Schreibweise wie "ein nicht ganz vollkommenes, ein apostrophiertes Gewissen, sozusagen". Es sind Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs, an eine nie aufgeklärte Vergewaltigung eines Flüchtlingsmädchens namens Boel, Verdächtigungen gegen die sowjetischen Besatzer und auch gegen den Genossen Jadup. Mit ihnen muss sich der Bürgermeister nun - neben den alltäglichen Defiziten des real existierenden Sozialismus - auseinandersetzen.

Dreh unter Vorbehalt

Zu dem Zeitpunkt, da das Drehbuch entstehen soll, ist das Trauma des berüchtigten 11. Plenums des ZK der SED nicht vergessen. Auch nicht, dass es keine offensichtlich konterrevolutionären Stücke waren, die in den sechziger Jahren in den Giftschränken der DEFA verschwanden. Sondern Gegenwartsfilme, die meist nur subtil Heuchelei und Bürokratismus in der DDR anprangerten, mit frech bis aufmüpfigen Protagonisten, die für einen besseren Sozialismus eintraten - wie beispielsweise Frank Beyers Film "Spur der Steine". Derart gesellschaftskritisch würde auch "Jadup und Boel" werden: Simon rechnete daher fest mit der Ablehnung seines Drehbuches. Doch es kam anders, und den Grund dafür sollte er erst Jahre später erfahren - aus Stasi-Akten.

In einer Notiz der Stasi vom 15. Mai 1980, die Simon später in seiner Autobiografie zitiert, heißt es: "Die Drehbuchfassung von Ende Oktober 1979 läßt die Absicht des Regisseurs Simon erkennen, bei der Realisierung des Films seine Ressentiments, Vorurteile und widerspruchsvollen Wertungen gegenüber der Politik der DDR, insbesondere gegenüber der sozialistischen Kulturpolitik darzustellen." Die Schlussfolgerung aber überraschte den Filmemacher: "Trotz dieser auch durch die staatliche Leitung des Studios festgestellten Schwächen wurde dem Regisseur Simon dieser Stoff genehmigt, weil es erforderlich war, den Simon von negativ-feindlichen Kräften zu entfernen und ihm und seinem Schaffen gegenüber Vertrauen zu zeigen."

Simon glaubt nicht, dass die Stasi ihm eine Falle stellen wollte. Dass er "nicht so ganz auf Linie war", sei bekannt gewesen. Vielmehr habe es auch in einem so parteinahen Kulturbetrieb wie der DEFA "unterschiedliche Leute" gegeben, Hardliner ebenso wie Liberale. Diejenigen, die sein Vorhaben unterstützten, hätten wie er an die Veränderbarkeit der Gesellschaft geglaubt, davon ist Simon überzeugt. Doch seine Kritiker waren mächtiger: Ein mögliches Verbot des Films hatten sie von Anfang an einkalkuliert.

Volkszorn

Schon am 27. Februar 1980 hatte ein Stasi-Mann vorsorglich notiert, was passieren würde, sollte Simons Film "eine antimarxistische Geschichtsauffassung enthalten". Der Generaldirektor der DEFA habe für diesen Fall "erwogen, diesen Film soweit in der Endphase der Produktion zu verzögern, dass er erst nach dem Parteitag Premiere hat. Sollten die Mängel sichtbar werden, ist es möglich, ihn lediglich im Filmkunstheater aufzuführen. Sollten die o.g. Schwächen des Drehbuches so verstärkt werden, daß eine antisozialistische Position mit Eindeutigkeit durch Simon vorgetragen wird, wird der Film nicht zur Aufführung freigegeben."

Als die Dreharbeiten schließlich stattfanden, war die Kontrollinstanz stets dabei - anfangs offen in Gestalt eines Parteisekretärs, später verdeckt durch Stasi-Zuträger. Ende April 1980 sollte die Abnahme sein. "Ich ahnte, daß etwas kommen würde, aber was kam, überstieg meine schlimmsten Befürchtungen", schreibt Simon später. Es folgten Aussprachen, Kritik, Schnittkorrekturen, es mussten neue Kapitel geschrieben und eingearbeitet werden, dann endlich, im März 1981, gab es die Abnahme durch das Studio. Die staatliche Zulassung würde in den nächsten Tagen erwartet. Doch dann passierte lange nichts.

Die Premiere wurde schließlich für den 17. Dezember 1981 anberaumt. Einen Monat zuvor war in der Parteizeitung "Neues Deutschland" ein angeblicher Leserbrief erschienen, in dem jemand seine "Erwartungen an DEFA und Fernsehen" und seine Kritik formulierte - etwa, dass in Gegenwartsfilmen "zu wenig Stolz" auf das gezeigt werde, "was die Arbeiterklasse und ihre Partei im Bunde mit allen Werktätigen unseres Landes an großem vollbracht hat". Der offenkundig "auf Bestellung von oben" erschienene Brief lieferte Simons Kritikern das endgültige Argument: Um DEFA und Filmemacher vor dem vermeintlichen Volkszorn zu schützen, würde der Aufführungstermin verschoben. Am 22. April 1983 - Simon hatte längst ein neues Projekt beendet - wurde auch die staatliche Zulassung wieder zurückgezogen.

Simons "Jadup und Boel" sollte der letzte DEFA-Film sein, der nach seiner Fertigstellung verboten wurde. Als in der Sowjetunion unter Parteichef Michail Gorbatschow längst die Öffnung eingetreten war und einst verbotene sowjetische Filme 1987 auf der Berlinale liefen, erinnerte man sich auch an die Verbotsfilme der DDR aus den Sechzigern. Beyers "Spur der Steine" feierte nach dem Fall der Mauer 1989 ein grandioses Comeback. Die Aufführung von "Jadup und Boel" hingegen verlief unspektakulär. Infolge kritischer Nachfragen westlicher Journalisten wurde der Film unverhofft am 12. Mai 1988 auf dem Spielfilmfestival in Karl-Marx-Stadt gezeigt. Premiere war um Mitternacht. 1989 wurde der Film zum Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals nach Moskau eingeladen. Doch für das Moskauer Publikum kam er viel zu spät. Wer wollte da noch einen Bürgermeister sehen, der sozialistische Ideale vertrat.

Im 20. Jahr nach dem Mauerfall ist der Spielfilm "Jadup und Boel" wieder im Kino zu sehen. Die Deutsche Kinemathek präsentiert den Streifen in der Filmreihe "Winter adé - Filmische Vorboten der Wende". Das Programm und alle Spielorte finden Sie auf der Website der Deutschen Kinemathek.

Zum Weiterlesen:

Simon, Rainer: Fernes Land. Die DDR, die DEFA und der Ruf des Chimborazo, Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin 2005.

Schäfer, Paul Kanut: Jadup, Buchverlag der Morgen, Berlin 1975.

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